Größeres Haus lässt Krebs schrumpfen

09.07.2010

Eine Mäusestudie zeigt, wie äußere Umstände das Wachstum von Krebs beeinflussen

Es gibt wenige Krankheiten, über deren Entstehung, Verlauf und Heilung so viel geforscht wird – und doch weiß man über Krebs noch immer erschreckend wenig. Das liegt unter anderem daran, dass es sich um ein sehr facettenreiches Phänomen handelt. Die rund 100 verschiedenen Krebserkrankungen unterscheiden sich in Überlebenschance, Therapie und Tendenz zur Metastasierung. Immerhin haben sie jedoch eines gemein: Es handelt sich grundsätzlich um eine Störung im Prozess des Lebens und Sterbens einer Zelle.

Deshalb hat man sich zunächst den unmittelbaren Faktoren gewidmet, die eine entartete Zelle beeinflussen, ihrer Mikro-Umgebung. Da gibt es Einflüsse, die zum Beispiel das Zellwachstum fördern und eine gesonderte Blutversorgung des Krebsgewebes begünstigen (Angiogenese), andere hingegen beschränken die Zellausbreitung und führen gar zum Zelltod. Eine erste Überraschung stellte sich ein, als die Onkologen registrieren mussten, dass ein Krebs seine eigene Mikro-Umgebung zu beeinflussen und zu seinen Gunsten zu verbessern vermag. Signalmoleküle geben Botschaften an Nachbarzellen weiter, zudem finden Interaktionen zum Beispiel mit dem Immun- und dem Nervensystem statt.

Die Seltsamkeiten und Unwägbarkeiten der Krebserkrankung lassen sich allein damit noch immer nicht erklären. Warum kommt es manchmal nach Jahren der Inaktivität noch zu einem Rezidiv? Und warum schwindet ein Krebs auch manchmal von allein in spontaner Remission? Tatsächlich geschieht genau dieses "Wunder" wohl weit häufiger, als man früher annahm – so erklären Forscher, dass stetig verbesserte Früherkennungsmethoden die Heilungschancen weniger verbessern, als man gehofft hatte. Denn anscheinend verschwinden manch winzige Zellentartungen durchaus häufig auch mal von ganz allein – doch hat man sie einmal entdeckt, kommt der Patient kaum noch um die Operation herum, vom mit der Entdeckung von Krebsvorläufern im eigenen Körper verbundenen Stress ganz abgesehen.

Geschwüre der "reichen Mäuse" 80 Prozent kleiner als die der Armen

Eine im Fachmagazin Cell erschienene, an Mäusen durchgeführte Studie befasst sich nun genauer mit den äußeren Umständen – die oft nur schwer quantitativ zu erfassen sind. Das Paper heißt etwas sperrig "Environmental and Genetic Activation of a Brain-Adipocyte BDNF/Leptin Axis Causes Cancer Remission and Inhibition". Dabei ist einfach zu erklären, was die Forscher ihren Probanden angedeihen ließen: Sie platzierten 20 Labormäuse in großen Behältern, die sie großzügig mit Spielzeug, Verstecken und Laufrädern ausstatteten – außerdem boten sie ihnen "All Inclusive"-Service in Sachen Futter und Wasser. Die Mäuse-Kontrollgruppe hingegen musste ein spartanischeres Leben führen, zu fünft in kleineren Behältern, aber ebenfalls mit unbegrenztem Nahrungs- und Wasserangebot.

Beiden Gruppen injizierten die Forscher menschliche Hautkrebs-Zellen. Drei Wochen später hatten die "armen" Mäuse Tumore entwickelt, die im Mittel doppelt so groß waren wie die der "reichen" Mäuse. Sechs Wochen nach Versuchsbeginn waren die Geschwüre der Reichen 80 Prozent kleiner als die der Armen, und bei jeder fünften Luxus-Maus (aber keiner der Mäuse auf Sparkurs) war die Erkrankung komplett verschwunden. Verantwortlich dafür war anscheinend das Hormon Leptin, dessen Spiegel bei den gut versorgten Mäusen deutlich abgenommen hatte. Leptin bewegt beim Menschen den Körper dazu, Energie aus Fettdepots statt aus der Nahrung zu gewinnen und war deshalb als Wundermittel gegen Übergewicht im Gespräch. Es versagte hier schließlich, weil sich Übergewichtige als gegen die Wirkung von Leptin resistent erwiesen.

Nicht sinnvoll, Krebspatienten vor jedem Stress zu bewahren

Bei den Mäusen jedoch zeigte vor allem das Nichtvorhandensein von Leptin Wirkung. Das überprüften die Forscher, indem sie bei einigen Mäusen die Fähigkeit zur Leptinproduktion ausschalteten – auch diese Mäuse entwickelten kleinere Tumore. Dass die reichen Mäuse weniger Leptin herstellten, lag anscheinend an der bei ihnen verstärkten Aktivität eines Wachstumsfaktor namens BDNF, der auch der Steuerung der Nahrungsaufnahme eine wichtige Rolle spielt.

Arme Mäuse, denen eine Kopie des Gens eingesetzt wurde, entwickelten plötzlich kleinere Krebsgeschwülste – legte man es bei den Reichen lahm, konnten diese keinen Vorteil mehr aus ihrer Position ziehen. Ähnliche Effekte zeigten sich in Mäusen, bei denen die Forscher künstlich Darmkrebs hervorriefen. Diese tierischen Probanden lieferten aber auch menschlichen Krebspatienten Grund zur Hoffnung: Allein die Verlegung in eine größere, vielfältigere Umgebung konnte das Krebswachstum schon verringern.

Ebenfalls spannend dürfte die Rolle von Stresshormonen sein – die Mäuse in den großen Behältern produzierten nämlich davon größere Mengen, weil sie den Herausforderungen sozialer Konflikte stärker ausgesetzt waren. Die Schlussfolgerung der Forscher, die davon ausgehen, dass ähnliche Signalwege wie bei der Maus auch beim Menschen angelegt sind: Es kann nicht sinnvoll sein, Krebspatienten vor jedem Stress zu bewahren. Der mit sozialer Interaktion verbundene Stress begrenzt das Tumorwachstum viel stärker als etwa physische Aktivität allein.

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