Das Ende der Ruhe am Nordpol

11.07.2010

Die politischen Auseinandersetzungen um die Rohstoffe der Arktis werden hitziger

Die Klimaerwärmung heizt nicht nur den Nordpol auf. Auch die politischen Auseinandersetzungen zwischen den Anrainerstaaten der Arktis werden zunehmend hitziger. Seit die Nordwestpassage kürzlich zum ersten mal komplett eisfrei war, ist der Kampf um die Region entbrannt (siehe dazu US-Präsident Bush erklärt die USA zur "arktischen Nation" und Kalter Krieg um den Nordpol). Zwischen Kanada und Dänemark tobt ein Streit um die Zugehörigkeit der "Hans-Insel" und die USA erklären die Nordwestpassage zu einer internationalen Wasserstraße und geraten dadurch in Konflikt mit dem nördlichen Nachbarn.

Vor über 50 Millionen Jahren tummelten sich im arktischen Ozean Tiere und Pflanzen. Am heutigen Nordpol herrschte tropisches Klima, was die Grundlage zu den heute dort vermuteten Lagerstätten von Öl und Gas bildet. Gute Gründe also für die Anrainerstaaten einen Anspruch auf das unwirtliche Gebiet zu erheben.

Das US Geological Survey (USGS) schätzt, dass bis zu 90 Milliarden Barrel Öl in der Arktis lagern könnten. Dazu kämen etwa 47 Billionen Kubikmeter Erdgas und etwa 44 Milliarden Barrel Gas, das in flüssiger Form vorliegt. Laut USGS entspräche dieses Erdöl etwa 22 Prozent aller bislang unentdeckten Lagerstätten. Ob diese Schätzungen allerdings der Wirklichkeit entsprechen, kann zur Zeit niemand mit Sicherheit sagen. Denn die Vorkommen in der Arktis konnten bislang aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht eingehender untersucht werden. Gleichwohl ist das Rennen darum bereits seit längerem im Gange und zunehmend wird auch mit harten Bandagen gekämpft.

Der Kampf um die "Hans-Insel"

Von besonderem Interesse für die Erschließung von Rohstoffen in der Arktis ist der Lomonossow-Rücken. Zum einen, weil dort ein Teil der Lagerstätten vermutet wird. Zum anderen kann mit dieser unterseeischen Formation ein politischer Anspruch auf die Arktis erhoben werden. Dieser unterseeische Gebirgszug erstreckt sich ausgehend von den Neusibirischen Inseln, quer unter dem Nordpol hindurch, bis zur kanadischen Elsmere-Insel und dem zu Dänemark gehörenden Grönland. Und genau dort fangen die Schwierigkeiten an.

Im Seerechtsübereinkommen von 1982 wurde zwischen den Staaten vereinbart, dass der Festlandsockel zum Einflussgebiet des entsprechenden Landes gehört und damit eine Fortsetzung des eigenen Territoriums darstellt. Der Lomonossow-Rücken ist ein solcher Festlandsockel. Alexander Proelß, Professor für Internationales Recht an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel meint gegenüber Telepolis: "Die Hans-Insel sitzt mitten auf dem Lomonossow-Rücken."

Der Besitzer dieser Insel kann damit sein eigenes Territorium um bis zu 350 Seemeilen Richtung Arktis ausweiten. Proelß erklärt die Auseinandersetzung der beiden Staaten folgendermaßen: "Beide wollen beweisen, dass die Hans-Insel zu ihrem Territorium gehört, um auf dieser Grundlage Anspruch auf den Lomonossow-Rücken erheben zu können." Bereits 1984 ließ der damalige dänische Minister für Grönland, Tom Hoeyem, auf dem Eiland eine dänische Fahne hissen und daneben eine Flasche Aquavit abstellen. Damit wollte er den dänischen Anspruch auf das Eiland geltend machen.

2006 folgten ihm nun die Kanadier, die ihrerseits ihre Flagge auf der Hans-Insel hissten, eine Flasche Whisky daneben legten und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklärten. Die Kanadische Regierung ging sogar soweit Militär auf die Insel zu schicken. Dänemark protestierte anschließend offiziell beim kanadischen Botschafter in Kopenhagen wegen dieses Zwischenfalls und der kurzfristigen Annektion dänischen Territoriums durch kanadische Truppen. Zwar haben Kanada und Dänemark ihre Grenze bereits 1973 festgelegt, die Hans-Insel jedoch blieb ausgespart und wird seither von beiden Staaten beansprucht. Zur Zeit haben sich beide darauf geeinigt, die Insel gemeinsam zu verwalten.

Freie Durchfahrt für freie Amerikaner

Doch nicht nur die Hans-Insel sorgt für Aufregung jenseits des Polarkreises. Auch die bislang unbefahrbare Nordwestpassage birgt Zündstoff für Kanada. In den vergangenen 100 Jahren haben es nur etwa 100 Schiffe geschafft, die fast immer zugefrorene Verbindung zwischen dem Atlanik und dem Pazifik zu befahren. Auf einer Länge von etwa 5.700 Kilometer führt sie mitten durch das Arktische Archipel, das größtenteils zum kanadischen Inuit-Territorium Nunavut gehört. Die Passage könnte die Strecke zwischen Rotterdam, durch den Suez-Kanal nach Tokio von 21 100 km auf 15 900 km verkürzen.

Im September 2007 stellte die ESA der Öffentlichkeit erstmals Satellitenbilder zur Verfügung, die die Passage komplett eisfrei zeigten. Damit stellt sich auch die Frage, wer die Passage befahren darf und unter welchen Voraussetzungen.

Dieser Streit wird in erster Linie zwischen den USA und der EU auf der einen Seite und Kanada auf der anderen ausgetragen. Bereits 1985 kam es zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Ottawa und Washington, weil ein Eisbrecher der US-Küstenwache die Passage ohne vorherige Erlaubnis der kanadischen Regierung durchquert hatte. Daraufhin ging die kanadische Regierung dazu über, jedem durchfahrenden US-Schiff ungefragt eine Genehmigung zur Passage zu schicken, um damit den eigenen Anspruch auf das Seegebiet zu untermauern. In Kanada gilt diesbezüglich die Devise: Da eine Verweigerung der Durchfahrt technisch nicht möglich ist, wird sie auf jeden Fall erlaubt. Dies stellt die Behörden vor keine unlösbaren Probleme, da der kanadischen Küstenwache schlicht die nötigen Eisbrecher zur Kontrolle des Gebietes fehlen.

Seit kurzem haben sich die USA und Kanada darauf geeinigt, vor einer Durchfahrt um Erlaubnis fragen und Kanada diese Erlaubnis auf jeden Fall erteilt. Damit wurden die diplomatischen Verwicklungen zumindest für eine Zeit beendet. Proelß sagt, "dass die Nordwestpassage kanadisches Territorium ist, wird nicht mehr bestritten." Vielmehr gehe es darum, "ob es sich wirklich um eine internationale Wasserstraße handelt."

Die Erklärung Kanadas, dass die gesamten Gewässer innerhalb des Arktischen Archipels kanadisch seien "ist wohl zulässig", so Proelß. Daraus könne jedoch nicht das Recht abgeleitet werden, Schiffen die Durchfahrt zu verweigern oder von diesen eine Gebühr dafür zu verlangen.

Die USA dagegen gingen von einem "Gewohnheitsrecht aus", die Passage jederzeit durchfahren zu dürfen, erklärt Proelß. Allerdings kann dieses Recht nur dann international durchgesetzt werden, wenn die Nordwestpassage zu einer internationalen Wasserstraße erklärt wird. Da eine Durchfahrt bislang jedoch nie verweigert wurde, "kann sie im Nachhinein nicht beschränkt werden.", erklärt der Völkerrechtler die juristische Situation. Proelß sagt, es "gilt wohl das Recht auf friedliche Durchfahrt." Damit könne die Nordwestpassage nicht für den Schiffsverkehr geschlossen werden.

Die wirtschaftliche Nutzung der Nordwestpassage hat bereits begonnen

Die Passage im Norden Kanadas ist jedoch nicht nur für die Seefahrt von Interesse. Das US-Unternehmen Kodiak-Kenai Cabel plant derzeit ein Glasfaserkabel von London durch die Nordwestpassage nach Tokia zu verlegen. Als Begründung dafür führt das Unternehmen die veränderte Datenübertragungszeit an. Diese würde sich von 140 auf 88 Millisekunden verkürzen. Die Zeiten des computergestützen Handels an den Börsen dieser Welt, scheinen diese Investition von etwa 850 Millionen Euro wohl lukrativ zu machen. Ein weiterer Möglicher Grund könnte jedoch sein, dass dieses Kabel nur durch das Hoheitsgebiet befreundeter Staaten verlaufen würde und von feindlichen Staaten nicht abgeschaltet werden kann.

Bis jedoch die Rohstoffe wirtschaftlich abgebaut werden können, vergeht wohl noch längere Zeit. Die Grenzziehung zwischen den einzelnen Claims der Arktisanrainer dagegen steht jetzt auf der Agenda der internationalen Politik. Die kürzlich erst veränderte Seerechtskonvention und die darin neu geregelte Grenzziehung anhand des Festlandsockels, setzt die Staaten unter Druck.

Wer seine wirtschaftliche Zone auf See ausweiten möchte, hat nur wenige Jahre Zeit seinen Antrag zu begründen. Für Kanada und Dänemark läuft die Frist 2014, beziehungsweise 2015 aus. Da Russland der Konvention deutlich früher beigetreten ist, muss es seinen Anspruch noch dieses Jahr mit entsprechenden Daten untermauern. Die Vereinigten Staaten sind der Konvention bislang nicht beigetreten. Washington möchte sich durch internationale Abmachungen nicht einschränken in seinem Streben nach Norden. Das Rennen um die Rohstoffe der Arktis hat also begonnen.

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