Die Schnellduscher verdrängen die Badewannensitzer

Florian Rötzer 18.07.2010

Die Badewanne stirbt aus, das hat mit unserem Umgang mit dem Körper zu tun und ist auch eine Sache der Moral

Seit der Kindheit waren wir es angewöhnt, dass man einmal in der Woche in die Badewanne muss, um den Schmutz der Welt vom Körper zu waschen. Meist gab es das Ritual am Wochenende, es wurde mehr oder weniger ausgiebig und mit mehr oder weniger Genuss zelebriert. Beim Baden in der Wanne geht es ja nicht nur um Säuberung, sondern auch um das gemütliche Dämmern im warmen Wasser, gerne auch liegend, aber erhobenen Hauptes mit Musik und/einem Buch oder einem Comic, Genießer haben schon mal eine Zigarette geraucht und etwas getrunken.

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Aber solche genussvollen Rituale brauchen nicht nur ihre Zeit, sie wurden in den letzten Jahrzehnten auch moralisch verpönt. Statt Baden ist Duschen angesagt, das man einst in der Mitte des letzten Jahrhunderts noch nicht so häufig vollzog, wenn es nicht wirklich erforderlich war. Die Maßstäbe für den Körper waren nicht so hochgeschraubt wie heute, er musste noch nicht mit zahllosen Waschungen entsühnt und desinfiziert werden, um dann möglichst dicht in einer Duftglocke verpackt und mit Deodorants vernebelt zu werden. Frauen verzichten schon gerne mal aufs Stillen, das könnte der Form ihres Busens schaden, der dafür aber gerne mit anderen Mitteln aufgerichtet und aufgebläht wird (Der zeitgenössische Kult der pneumatischen Busen).

Und wenn dann noch täglich alle Körperhaare an allen möglichen Stellen – abgesehen vom Kopf, wo die Haare aber auch schon von Männern verbannt werden – zu entfernen sind, weil der natürliche Körper irgendwie unappetitlich und unästhetisch wird, wenn er nicht so steril wie die Räume eines Flughafens glänzt, dann scheint es, als ob wir uns wieder einmal in unseren Körpern, die auch sonst mit viel Leidenschaft und mehr und mehr auch chirurgisch formiert werden, nicht mehr heimisch fühlen und das Gefängnis möglichst schnell verlassen wollen.

Nach der Hardware ist nun auch die Wetware des Körpers anachronistisch, zum Auslaufmodell geworden. Noch aber fehlt der durch und durch gestylte, ästhetisch makellose, geruchlose, glatte und glänzende Körper, in den wir uns retten, in dem wir wieder auferstehen könnten. Was die Christen in den Zeiten von Augustinus nur ersehnt haben, nämlich wenigstens im Himmel mit einem perfekten und jungen, gleichwohl aber sexfreien Körper zu wandeln, scheinen wir heute gleich in dieser Welt zu wünschen – und stecken nun viel Arbeit und Geld in das Versprechen, zumindest körperlich dem ästhetisch normierten Modell möglichst nahezukommen, wobei sich allerdings auch die Körper immer mehr angleichen.

Es wird eine langweilige Welt, allerdings kann man davon ausgehen, dass die Gegenbewegung bald starten wird und dann Schweiß, Geruch, Körperflüssigkeiten, Behaarung auch an Brust, Beinen und im Intimbereich attraktiv werden könnten, auch wenn sich die Spirale immer weiter dreht, da auch immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, seinen Körper – oder auch den seiner Nachfahren – zu gestalten.

Das war jetzt allerdings ein weiter Umweg vom Baden zum Verschwinden des Körpers, eher: zur Scham, in einer vom Schicksal mitgelieferten, vielfach defekten und stets sanierungsbedürftigen Hülle verkörpert zu sein. Die These war, dass der neue Körperkult mit dem Übergang vom Baden zum Duschen zusammenhängt. Das geht nicht nur schneller und ist funktional, sondern verbraucht angeblich auch viel weniger Wasser und Energie. Wer grün ist und an das Überleben der Erde denkt, stellt sich also flugs unter die Dusche, wäscht sich schnell und eilt dann wieder sauber, wohlriechend und erfrischt in die Welt.

Da gehen mithin sehr unterschiedliche Normen, die sich eigentlich widersprechen sollten, Hand in Hand. Das hat man, ist auch schon lange her, gerne mal als dialektisch bezeichnet. Die Erhaltung des Natürlichen ist verbunden mit der möglichst weiten Distanzierung vom natürlichen Körper. Der Urwald wird gerodet und ersetzt durch klar abgegrenzte Naturschutzgebiete, ansonsten wird das Ungeziefer ausgerottet und damit auch die ganze Kette des Lebendigen, die hinten dran hängt, Hauptsache man kauft sich dann Bio-Lebensmittel, die Natürliches versprechen.

Auch Abflusslöcher wollen geliebt werden

Auf die Badewanne kam ich nur aufgrund eines Artikels im britischen Telegraph, der über eine Umfrage berichtet, die im Rahmen der National Plughole Week gemacht wurde. Das ist übrigens auch seltsam, hat aber was mit dem Bad und Wasser zu tun, Plugholes sind Abflusslöcher in Badewannen oder Waschbecken. Und die sollen nach dieser Kampagne – Motto: "Plugholes Need Love Too!" - mit harten Mitteln zur besseren Hygiene auch sauber gehalten werden, was man damit verbindet, dass man Menschen in der Dritten Welt hilft, an sauberes Trinkwasser zu kommen. Daher arbeiten in dieser paradoxen Logik Hersteller von Abflussreinigern mit der Hilfsorganisation Oxfam zusammen, die dann mit den Spenden Eimer an die Menschen in der Dritten Welt ausgeben.

Soap, hair, body grease and skin traps in bathroom plugholes and leads to unpleasant smells and slow draining water. Bathroom Plughole and Sink Treatment has a special foaming formula to clean pipes, kill germs and keep your bathroom sink stain free and fragranced with rose and camphor.

Buster, eine der Firmen, die hinter der Kampagne steht

Für die eben erwähnte Umfrage wurden Menschen in 3.000 Haushalten befragt. Keine Ahnung, ob das repräsentativ ist, herauskam jedenfalls, dass Erwachsene vor zehn Jahren noch neunmal im Monat ein Bad genommen haben, während man jetzt nur noch fünfmal im Monat durchschnittlich die Badewanne nutzt. 11 Prozent sagen, dass sie in den letzten Jahren gar die Badewanne ausgebaut haben, so dass die Dusche alternativlos wurde. Während die Badewanne verschwindet und zum nostalgischen Objekt wird, breiten sich also die Duschen aus. 1970 sollen nur 5 Prozent aller britischen Haushalte eine Dusche gehabt haben, heute sind es 80 Prozent. Das verdankt sich natürlich auch dem Umstand, dass Duschen weniger Platz erfordern als Badewannen. Da in Neubauten dank des Sauberkeitszwangs und der Körperperfektionierungsrituale, die gelegentlich zu langen Sessions führen, oft ein zweites Bad oder auch mehr eingebaut werden, steigt schon allein deshalb die Zahl der Duschen.

Interessant ist auch die Erklärung, die jeden direkten Bezug auf den Umgang mit dem Körper meidet. Man würde deswegen nicht mehr lange in der heißen Badewanne sitzen, weil wir länger arbeiten und später nach Hause kommen: "Heutzutage können wir es nur schaffen, am Wochenende uns die Zeit für ein Bad freizuschaufeln, weil dies vor der Arbeit unmöglich ist." Aber vor der Arbeit dürften nur die wenigsten Menschen jemals gebadet haben. Da nun möglichst häufiges Duschen angesagt ist, um Gerüche zu beseitigen, Probleme abzuwaschen und den Körper wieder präsentabel zu machen, kommt man tatsächlich mit dem Baden nicht mehr zu Rande.

Das könnte man mit dem Verhältnis von Zigarette zu Pfeife oder Zigarre vergleichen. Aber Duschen ist eben auch angesagt, weil es ökologisch besser sein soll (weswegen man auch möglichst nicht mehr raucht). Doch da können Milchmädchenrechnungen am Werke sein. Wer sich mehrmals täglich warm oder heiß duscht, dürfte kaum sparsamer mit Wasser und Energie umgehen, als wer gelegentlich badet. Der Badende allerdings verplempert Zeit, das verstößt gegen die Moral des effizienten Lebens, die sich natürlich auch auf das Freizeit- und Liebensleben erstreckt. Wer heute chillt, macht das nicht zurückgezogen, sondern möglichst demonstrativ in Öffentlichkeit oder zumindest in Internet- und Handynähe. Das Badezimmer ist noch eine Klause für einen Lebensstil, der auch noch Zeiten kannte und genoss, in der man Eremit war. Eine Philosophie des Badens wäre ganz offensichtlich ein Desiderat. Aber in Zeiten der Schnellduscher ist die kaum mehr zu erstellen, gelesen würde sie eh nicht mehr, unter der Dusche allemal nicht.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32950/1.html
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