Die Alten werden vom Fernsehen betäubt

14.07.2010

Das Problem ist wohl nicht nur, dass die Menschen zu früh zu Fernsehsüchtigen erzogen werden, sondern dass die Sucht mit dem Alter steigt

Gewarnt wird gerne davor, dass Kinder und Jugendliche zu lange vor der Glotze sitzen und dabei lethargisch und aufmerksamkeitsgestört werden. Gerade erst wurde wieder bestätigt, dass exzessives Computerspielen ebenso wie häufiger Fernsehkonsum bei Kindern die Konzentrationsfähigkeit zu mindern und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen scheint, allgemein an Aufmerksamkeitsstörungen zu leiden. Computerspiele und Fernsehkonsum könnten so eine der Ursache für die Ausbildung der Aufmerksamkeitsstörung ADHD bei Kindern sein (s.a. Fernsehkonsum von Kleinkindern soll anhaltend das Verhalten prägen).

Dabei wird aber symptomatisch die allseits bekante Tatsache übersehen, dass die Jungen nicht diejenigen sind, die am meisten fernsehen, sondern dass die älteren und alten Menschen zunehmend mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Probleme scheint man damit wenig zu haben, da es sich ja um alte Menschen handelt, von denen nichts mehr erwartet wird und die mit Fernsehen auch still gestellt werden können.

Die Wissenschaftler der University of California, San Diego, haben die Fernsehgewohnheiten von fast 4000 US-Amerikanern ab 15 bis 98 Jahren aufgrund von Protokollen des Tagesablaufs erfasst, wobei auch angegeben werden sollte, wie sie sich gerade fühlen (glücklich, interessiert, traurig, gestresst, müde, Schmerzgefühle) und ob sie alleine oder in Gesellschaft sind .

Nach der repräsentativen Stichprobe ergibt sich, so schreiben sie ihrer Studie, die im American Journal of Preventive Medicine erschienen ist, dass Menschen über 65 Jahren bis zu dreimal länger am Tag fernsehen als die jüngeren – und dabei wegen des langen Sitzens mögliche gesundheitliche Folgen in Kauf nehmen, wie die Wissenschaftler sagen. Allerdings hat eine andere aktuelle Untersuchung gerade darauf hingewiesen, dass geringere Bewegung bei Kindern keinen Zusammenhang mit der Fettleibigkeit zu haben scheint. Mehr körperliche Aktivität bzw. weniger Fernsehen macht daher nicht dünner, sondern dicke Kindern bewegen sich schlicht weniger.

Dass alte Menschen deutlich mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen, ist ein weltweites Phänomen. Das Alter ist ein Indikator für den Fernsehkonsum, ab 35 Jahren, so die Studie, steigt dieser kontinuierlich an. Nach anderen Untersuchungen verbringen die 65-Jährigen in den USA durchschnittlich 25-30 Prozent ihrer Wach- und 50 Prozent ihrer Freizeit vor dem Fernseher, durchschnittlich liegt der tägliche Fernsehkonsum bei 270 Minuten, eine Stunde mehr als noch vor einem Jahrzehnt (bei den Deutschen lag die Sehdauer 2009 bei 212 Minuten, deutlich mehr als die 144 Minuten 1988, die Verweildauer liegt allerdings bei 300 Minuten).

Verwundert stellen die Wissenschaftler fest, dass die Alten zwar deutlich mehr fernsehen, aber ebenso deutlich weniger Gefallen daran haben. Nicht beantworten können sie die Frage, ob Fernsehen unglücklicher macht oder ob unglücklichere Menschen nur mehr fernsehen. Es könnte auch wie bei Süchten sein, dass mit steigendem Konsum die Unzufriedenheit wächst und desto schneller der nächste "Schuss" fällig wird, einfach um über den Tag zu kommen.

Zwar sind die alten Menschen insgesamt mit dem Leben zufriedener, doch mit dem Fernsehen scheint es eine andere Sache zu sein. Anders als bei jüngeren Menschen baut Fernsehen offenbar nicht den Stress ab, sondern eher auf – und Fernsehen macht auch trauriger. Das ist vermutlich so, weil ältere Menschen weniger Alternativen haben, meist nicht mehr oder weniger arbeiten, nicht mehr so beweglich sind. Andere Freizeitaktivitäten sind nämlich – unabhängig vom Fernsehkonsum und unabhängig vom Alter - mit höherer Zufriedenheit und weniger Traurigkeit verbunden.

Allerdings ist natürlich nicht nur das Alter für die Höhe des Fernsehkonsums bestimmend, sondern dieses wird nach der Studie von weiteren Variablen beeinflusst: Wer in der letzten Woche nicht gearbeitet hat, ein Mann ist, wenig verdient, schlecht ausgebildet ist und/oder alleine lebt, sieht auch mehr in die Glotze. Sie erweist sich damit nicht nur als psychoaktives Beruhigungsmittel, sondern auch als Ausweg für Einsamkeit und Phantasielosigkeit bzw. Unwissenheit, wie man seine Zeit anders verbringen könnte. In allen Altersgruppen steht Fernsehen ganz vorne, man muss sich wirklich fragen, ob unsere Gesellschaften, die gerade erst einmal seit wenig mehr als einem halben Jahrhundert unter die TV-Medienglocke getaucht ist, ein Leben ohne Fernsehkonsum unbeschadet durchstehen könnten. Und die älteren? Sie sind zunehmend gesellschaftlich abgeschaltet und werden gehalten wie Vieh im Käfig, das mit inszenierter Unterhaltung und bewegten Bildern in den Tod geführt wird, weil eine Tötung gegen die guten Sitten verstößt. Das Non-Stopp-Fernsehen ist der kleine und indirekte Tod.

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