Terroralarm in Rauhberg

22.07.2010

Auf einem Truppenübungsplatz im brandenburgischen üben europäische Polizeien ihre Verwendung rund um militärisch befriedete Bürgerkriege. Auch ein Terrorist wird erwartet

Wir befinden uns im kleinen Örtchen Rauhberg in Askania, einem "zerfallenden Staat" im Herzen Europas. Askania wird zu 60 % von den "Prussi" bevölkert, die mit den 20 % der "Franca" notgedrungen auskommen. In der Provinz Rona allerdings geben frech die "Franca" die Richtung vor, was sich die "Prussi" nicht bieten lassen. Die Europäische Union rückt mit einer "Europäischen Militärmission in Askania" (EMMA) an. Nachdem die militärische EMMA-Front weiter zieht, wird die Etappe von der Polizeimission EUPMIR in Ruhe und Ordnung gebracht. Die wird heute von Demonstranten gestört, die irgendetwas gegen die EU-Besatzer zu haben scheinen. Gleichzeitig müssen Flüchtlinge von den EUPMIR-Angehörigen ausgerechnet mitten durch Rauhberg gelotst werden. Gerade meldet der militärische Geheimdienst, dass am Nachmittag ein Terrorist am Bahnhof eintrifft, der sich womöglich mit gleichgesinnten Übeltätern in der Provinz Rona treffen will.

Alle Hände voll zu tun also für die EU-Polizisten, die aus 12 europäischen Ländern angerückt sind (Bundespolizei lädt zum Häuserkampf). Die kasernierten Aufstandsbekämpfer haben hierfür ihre Spezialausrüstung mitgebracht. Deutsche Bundespolizisten kutschieren stolz mit einem alten Wasserwerfer herum und ziehen neidische Blicke auf sich. Die Spezialkräfte aus Litauen und der Ukraine fallen indes durch ihre Tarn-Uniformen und martialische Schutzausrüstung auf. Derweil montieren französische Nationalpolizisten zwei Meter hohen Gitter an die vorderen Stoßstangen ihrer Mannschaftswagen – auch nicht schlecht (Fotos von der Übung).

Der fiktive Weiler Rauhberg liegt rund 20 Kilometer westlich von Potsdam auf dem Truppenübungsplatz Lehnin, den die Bundeswehr als deutschlandweit einmalige "Ortskampfanlage" anpreist. Hier gibt es neben Schule und Reisebüro, Flugplatz und Bäckerei sogar eine potemkinsche Eisdiele. Die 70 Häuser werden von einem kleinen Kanalnetz und Unterführungen ergänzt. Rauhberg beherbergt regelmäßig internationale Militärs, aber auch Rettungskräfte, Feuerwehren oder Zivilschützer zu Geländespielen.

Bis Ende dieser Woche hat die Europäische Union das zivil-militärische Fitneßcenter für zwei Monate gebucht. Im "European Police Force Training" üben europäische Polizeien zum dritten Mal das grenzüberschreitende Zusammenspiel. Daran fehlt es, denn die EU hatte bereits vor zehn Jahren mit dem Aufbau polizeilicher "Kapazitäten zur zivilen Konfliktlösung" begonnen, innerhalb derer vermehrt Riot-Controller in Drittstaaten entsandt werden sollen. Die bislang größte EU-Polizeimission wird gegenwärtig im Kosovo ausgeführt. Von den dort rund 1.800 Polizisten soll ein Drittel zur Kontrolle von Unruhen eingesetzt werden. Kein Wunder dass das Kosovo Pate für die Übung in "Askania" steht.

Auch Hooligans dabei

Wir wollen zum Rauhberger Aussichtsturm, von dem man einen guten Überblick über das Spiel ohne Grenzen bekommt. Zuerst müssen wir aber eine Sperre schwitzender, ernst dreinblickender italienischer Bereitschaftspolizisten an den Bahngleisen überwinden.

Es sind die gleichen, die auf den Tag genau vor neun Jahren, am 20. Juli 2001, anläßlich des G8 in Genua in der Nähe des Bahnhofs eine Demonstration gegen den G8 angegriffen hatten, ohne dafür von der Zentrale autorisiert worden zu sein. Nachdem sich die Einheit vom Funkverkehr abkoppelte, belegte sie die Demonstranten mit Tränengas und Knüppelorgien und rieb sie nach Stunden schließlich in kleine Seitenstraßen zurück. Carlo Giuliani wurde in diesem Getümmel von einem Militärpolizisten der Carabinieri erschossen.

Wieder wollen die Beamten des "Reparto Mobile" zeigen was sie können. Mit unseren grünen Westen, die uns als "Beobachter" kennzeichnen, haben wir an ihrer Sperre aber mehr Glück als eine Radfahrerin, die nach einem Platzverweis die Gleise schlau an anderer Stelle überquert. Das gibt Minuspunkte für die Italiener.

Kurz darauf passieren wir eine große Gruppe von 50 Hooligans am Straßenrand. Im richtigen Leben sind sie Bundespolizisten. Die Rolle spielen sie glänzend, anscheinend haben sie lediglich ihre Uniform gegen kurze Hosen getauscht. Nur wenige Frauen mit Pferdeschwanz und tätowierten Waden dösen auf Wolldecken, während sich die Mehrheit kurzrasierter Jungmänner mit Sonnenbrillen die Zeit bis zum Einsatz mit Handy und Playboy-Lektüre verkürzt.

"Wer Erfahrung mit Hooligans hat, kommt auch im Kosovo zurecht", erklärt Friedrich Eichele. Er ist Präsident der Bundesbereitschaftspolizei und damit zuständig für allerhand Hundertschaften, die bislang nur in Deutschland für eine bessere innere Sicherheit sorgen. Zusammen mit seinem Stab hat sich Eichele die "Missionslagen" des EUPFT ausgedacht, darunter Bombenanschlag, Geisellage oder Wahlkampfveranstaltung.

Besonders gut kennt sich Eichele in "zerfallenden Staaten" wohl nicht aus. Der jahrelange Chef der Bundespolizei-Spezialtruppe GSG 9 war 2007 zum Leiter der EUPOL-Mission in Afghanistan ernannt worden, musste den Posten allerdings nach drei Monaten eilig räumen. Leiter ("Head of Mission") der eigentlichen Übungen ist demgegenüber der mit allerlei Glitzer und Orden behängte Maurizio Piccolotti, stellvertretender Polizeichef von Ancona, dem man auch ohne die für italienische Polizeifunktionäre übliche Sonnenbrille nicht unbedingt ein zweites Mal begegnen möchte.

Vorbereitungen auf die Europameisterschaft 2012

Die europäischen Trainings sollen EU-weite Standards zur Handhabung von Menschenmassen bei polizeilichen Großlagen entwickeln. Obwohl angeblich nur Szenarien rund um Bürgerkriege exerziert werden, steht auch eine internationale Sportveranstaltung auf dem Stundenplan. Olympische Winterspiele in Georgien, Europameisterschaft im Kosovo?

"Auch in Krisengebieten spielen die Menschen Fußball", lächelt Eichele. Und warum nimmt die Ukraine als noch-nicht-EU-Mitglied am Geländespiel teil? "Die sind hier gern gesehen", wird knapp kommentiert. Es wird wohl daran liegen, dass Polen und die Ukraine die Fußball-Europameisterschaft 2012 ausrichten. Die Veranstaltung hat durchaus Risiko-Potential, vorsorglich wird hier also für einen internationalen Polizeieinsatz am Rande der EU geübt.

Unten geht es jetzt zur Sache. Die Hooligans greifen mit Steinen französische Polizisten an, die wie beim NATO-Gipfel in Strasbourg ohne Vorwarnung mit großflächigem Beschuss von CS-Reizstoff antworten. "Sehen Sie", freut sich Eichele, "der Wind dreht!" Die Polizisten setzen sich töricht mit ihrem eigenen Gas außer Gefecht. Zum Glück bekommen wir Schutzbrillen ausgehändigt, deren Mitführen Zivilisten im deutschen Demonstrations-Ernstfall verboten ist. Eichele hält nichts von Tränengas. Der Präsident ist stolz auf seine Männer (manchmal sagt er auch Frauen), ihre Technik und vor allem die Schutz-Ausrüstung.

Nanu, möchte man fragen, hat sich die EU-Untauglichkeit deutscher Polizei-Schienbeinschützer nicht erst kürzlich anlässlich der Berliner Krisendemonstration gezeigt? Glaubt man jedenfalls den Polizeigewerkschaften, hat der Knall eines in EU-Mitgliedsstaaten frei verkäuflichen Böllers den Beinschutz zweier Polizisten regelrecht bersten lassen. "Im ersten Moment dachte ich, Beine sind weg", berichtet einer der Polizisten letzte Woche im RBB-Interview. "Und zu Hause bei ihren Frauen herrscht die Angst, besonders bei Großeinsätzen", kommentieren die RBB-Autoren verständnisvoll.

Das soll ja nicht zuletzt mit den EUPFT-Übungen anders werden. Vorher hatten wir erfahren, dass es sich Deutschlands oberster Polizeiopfer-Sprecher Freiberg auch nicht hat nehmen lassen, die schwitzenden Kollegen in Lehnin zu besuchen. Ansonsten scheint das Interesse an der EUPFT allerdings gering: Außer Freiberg, dem Chef der Gewerkschaft der Polizei GdP, ließen sich noch Vertreter des Committees for Civilian Aspects of Crisis Management (Ziviles Krisenmanagement der EU, CIVCOM) und der Direktor der Bulgarischen Schutzpolizei in Rauhberg blicken. Von den im Bundestag vertretenen Parteien haben sich nur zwei Abgeordnete der Linkspartei auf den Weg gemacht. Seitens der Presse veirrten sich nur Vertreter der Märkischen Allgemeine und des RBB.

Eichele will keine Geheimniskrämerei erkennen, sein Pressestab habe gute Arbeit geleistet. Das stimmt, die für die Besuche zuständigen Beamten scheinen sich geradezu zu freuen, mit echten Besuchern sprechen zu können. Gerade will Eichele oben auf dem Turm wieder Wasserwerfer als einzigartige Distanzwaffen loben, da schallt es plötzlich "Stopp" von allen Seiten des Straßenkampfes. Die Gasgranaten haben das ausgedörrte Gras des Truppenübungsplatzes in Brand gesetzt.

Während wir uns Fluchtwege angesichts eines etwaigen Großbrands überlegen, löscht hektisch die deutsche Wasser-Wunderwaffe. Einige Hooligans nehmen ihre Rolle ernst und bewerfen die französischen Kollegen auch in der Spielpause mit vollen Wasserflaschen und eigens dafür bevorrateten Holzklötzen. Die Nationalpolizisten sind genervt, weil sie Punktabzug fürchten und antworten kurzerhand mit dem Aufstellen eines Scharfschützen. Die werden sonst für Einsätze in den französischen Banlieus vorgehalten, erklärt Eichele.

Leider brennen heute keine Autos, nur eine kleine, provisorische Straßensperre lodert entfernt und wird ebenfalls in der Spielpause gelöscht. Der angekündigte Flüchtlingstreck trifft auch nicht wie ausgemacht ein. "Er muss noch zusammengestellt werden", beruhigt Präsident Eichele. Wahrscheinlich haben die Hooligans Probleme, sich auf die neue Rolle einzustimmen. Wir treten gelangweilt den Rückzug an und sehen noch die Straßensperren slowenischer Polizisten, die Freundlichkeit gegenüber der askanischen Bevölkerung üben sollen. Schade dass wir die Ankunft des Terroristen am Bahnhof verpassen. Interessant zu sehen, welche Polizei ihre Festnahmestrategie präsentieren darf. Wird er von Rumänen überwältigt oder überreden ihn Briten höflich zur Rückfahrt? Nebeln Ukrainer die Anlage mit CS-Gas ein, oder verfolgen ihn Bulgaren listig, um auch die Hintermänner zu finden? Vielleicht wird er aber auch, ganz in Manier der GSG 9, kurzerhand auf dem Bahnsteig erschossen.

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