"Das Wissen Köhlers wird für den Bau der Bombe nicht gereicht haben"

27.07.2010

Teil 2 des Interviews mit Tobias von Heymann über die Oktoberfestbombe, die Aktivitäten westlicher Geheimdienste in der Neo-Nazi-Szene und die Rolle der Wehrsportgruppe Hoffmann

Teil 1: Das Oktoberfestattentat war kein Werk eines Einzeltäters

Erst wurde beim Attentat von einer selbstgebastelten Bombe, später von einer Granate aus britischen Armeebeständen ausgegangen. Bis heute konnte die Herkunft der Bombe nicht klar rekonstruiert werden. Auf welche Schlüsse kommen Sie hier anhand der Stasi-Akten?

Tobias von Heymann: Die Bombe war eine regelrechte Höllenmaschine. Sie besaß eine außergewöhnlich starke Explosionskraft, die enorme kinetische Energien freisetzte. Ihre Splitter zerfetzten Menschen in unmittelbarer Nähe des Detonationszentrums regelrecht, schleuderte mehrere Opfer teilweise meterweit durch die Luft. Noch im Umreis von etwa 500 Metern wackelten Scheiben, der Knall war noch mindestens in vier Kilometer Entfernung zu hören. Doch wie genau die Bombe nun gebaut war - das ist tatsächlich bis heute nicht vollständig geklärt. Inzwischen lassen sich jedoch zwei Hauptvarianten ihrer Konstruktion benennen. Die eine Variante geht davon aus, dass die äußere Hülle der Bombe aus einem Feuerlöscher bestand, in den von außen gitterförmige Sollbruchstellen eingefräst worden waren, um die Splitterwirkung zu erhöhen.

In diesen Feuerlöscher soll nun eine Granate aus früheren britischen Armeebeständen eingebracht worden sein, die mit Sprengstoff neu befüllt wurde. Im Zwischenraum von Feuerlöscher und Granate sollen Metallreste, Nägel und Ähnliches eingebracht gewesen sein. Diese Variante haben unter anderem mehrere Zeitungen unter Bezugnahme auf Ermittlerkreise der "Soko Theresienwiese" veröffentlicht. Übrigens ging auch die Wehrsportgruppe Hoffmann in einem damals von ihr verfassten neunseitigen Papier (wozu ich später noch genauer sprechen werde) zum Anschlag von diesem Modell aus.

Denkmal am Ort des Anschlags. Bild: Muenih

Die andere, offizielle Variante geht vereinfacht gesagt davon aus, dass eine kleine Treibgasflasche eines Feuerlöschers mit einem Fassungsvermögen von 0,5 Litern zunächst mit gitterförmigen Sollbruchstellen versehen wurde und diese dann ganz oder teilweise in eine aufgesägte Granathülle gesteckt wurde. Diese stellte Gundolf Köhler dann in einen Metallgitterpapierkorb, der zusätzlich bei der Explosion Splitter erzeugte. Das ist die Konstruktion, die die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Grünen zum Thema noch einmal als die behördliche bestätigte. Allerdings bezieht sich die Regierung wohl auf die erwähnten Abschlussberichte zu den Ermittlungen. Soweit aber Inhalte der damals von der Polizei in Auftrag gegebenen technischen Gutachten bekannt sind, erscheint das aber tatsächlich alles überhaupt nicht mit letzter Sicherheit geklärt zu sein.

Kein Gutachten konnte jede Frage hundertprozentig beantworten. Immer bleiben entscheidende Antworten aus oder stellen sich neue Fragen. Zum Beispiel wie die angenommenen 1,4 Kilogramm TNT zwischen der 0,5 Liter-Feuerlöscherflasche und der zersägten Granathülle verteilt gewesen sein sollen und wie die Treibgasflasche mit der Granate verbunden gewesen sein soll. War alles einfach zusammengesteckt oder verschweißt oder sonst wie verbunden? Warum soll die Granathülle überhaupt unten aufgesägt gewesen sein? Das weiß man alles nicht. Und das ist zuwenig.

Keine der beiden Varianten gibt jedoch Aufschluss über die Zündung, das haben sie gemeinsam. Am Tatort fanden sich offenbar Kabelreste, die von einer elektrischen oder einer Fernzündung stammen könnten. Andere Theorien besagen, auch ein Abreißzünder könne in Frage kommen. In dem bereits erwähnten Papier der Wehrsportgruppe Hoffmann geht auch diese selbst davon aus, dass die Bombe elektrisch ferngezündet war.

Geben hier die Unterlagen Aufschluss darüber, wie die Bombe in die Hände Gundolf Köhlers gelangen konnte? Wie konnte sich der Täter den hochexplosiven Sprengstoff besorgen?

Tobias von Heymann: Ob und wenn ja wie Gundolf Köhler nun zu der Bombe gekommen sein soll oder am Bau ganz oder teilweise beteiligt war, ist unklar. Zeugenaussagen zum Feuerlöscher und der Granathülle sind zu vage, um daraus etwas schließen zu können. Denn belegte Tatsache ist, dass die Polizei nach dem Attentat bei Hausdurchsuchungen weder in Gundolf Köhlers Elternhaus in Donaueschingen noch in seiner Tübinger Studentenbude Spuren des zum Bau der Oktoberfest-Bombe verwendeten Sprengstoffs oder Zünders gefunden hat.

Verfügte Köhler überhaupt über die technischen Kenntnisse um eine solche Bombe zu bauen?

Tobias von Heymann: Der Sprengstoff war nach heutigem Wissen gegossenes TNT oder ein TNT-Hexogen-Gemisch. Das heißt, der Sprengstoff muss beim Bombenbau irgendwo zunächst vorsichtig erhitzt und verflüssigt und dann in die Hülle gegossen worden sein. Das erfordert nicht nur chemisches Fachwissen und Erfahrung, sondern auch entsprechende technische Geräte. Genau solche TNT-Spuren oder chemisch-technische Apparaturen hat man bei Köhler aber eben nicht gefunden. Auch der genaue Weg des zum Bombenbau verwendeten Feuerlöschers und der englischen Mörsergranathülle zum Attentat ist wie gesagt bis heute nicht geklärt. Ob die kleinen Metallspäne und Lackspuren aus dem Keller Köhlers Elternhauses tatsächlich vom Fräsen der Sollbruchstellen am Bomben-Feuerlöscher stammten, scheint mir ebenfalls mit Fragezeichen versehen. Soweit entsprechende Gutachten bekannt sind, können diese das jedenfalls nicht zu hundert Prozent zweifelsfrei nachweisen. Ein "höchstwahrscheinlich" reicht in so einem gravierenden Fall keinesfalls aus. Falls wider Erwarten doch noch Bombensplitter oder ähnliche Asservate erhalten sind und noch auftauchen sollten, ließe sich das mit heutigen Methoden sicher besser klären als damals in den 1980er Jahren.

Köhler hat sich zwar durchaus theoretisch mit Bombenbau befasst und auch Experimente gemacht. Aber sein Wissen wird für den Bau dieser regelrecht professionellen Bombe nicht gereicht haben. Und selbst wenn er doch in irgendeiner Form am Bombenbau beteiligt gewesen sein sollte - dann geschah das ganz offensichtlich entweder nicht oder allerhöchstens teilweise bei ihm Zuhause. Leute mit Zugang zu schwer erhältlichem Sprengstoff wie TNT, passenden Zündern und der Granathülle müssen ja zwangsläufig als Lieferanten beteiligt gewesen sein. Solche Zutaten kann man ja nicht einfach so im Laden an der Ecke kaufen.

"Neonazi-Gruppen hantierten mit ähnlichen Bombentypen wie der Oktoberfest-Bombe "

Auch wenn zur Bombe nicht alle Fragen geklärt sind, so lässt sich dennoch folgendes sagen: Bomben mit eingefrästen Sollbruchstellen, Feuerlöscher- und TNT-Bomben benutzten auch andere Neonazi-Gruppen. Von der in den 1970er/80er Jahren aktiven rechtsterroristischen "Braunschweiger Gruppe" um Paul Otte als früherem Rottenführer des SS-Panzerregiments "Das Reich" ist beispielsweise bekannt, dass sie ferngezündete Bomben erfolgreich testete und auch ähnliche Bomben mit eingefrästen Sollbruchstellen herstellte. Zum Sprengen verwendete sie teilweise offenbar Pioniersprengstoff aus Armeebeständen. Mit Feuerlöschern baute andererseits auch die "Hepp-Kexel-Gruppe" Bomben und stellte selbstgebaute Elektrozünder her. Wieder andere Wehrsportgruppen verfügten über Waffen aller Art sowie Granathüllen, Zünder, militärische und zivile Sprengstoffe. Insgesamt lässt sich daher sagen, dass eine ganze Reihe von Neonazi-Gruppen in den 1970/80er Jahren mit ähnlichen Bombentypen wie der Oktoberfest-Bombe hantierten und dort eine gewisse Zahl von regelrechten Experten wusste, wie man mit Explosivstoffen umgeht, diese herstellt und hochkomplexe Bomben baut.

"Aktion Wandervogel"

Insofern lässt sich die Wiesn-Bombe trotz der offenen Fragen rein technisch durchaus einer bestimmten "Schule" zuordnen. Dass ein Amateur rein zufällig nach ähnlichem Muster eine Bombe dieses Kalibers bauen kann, würde ich ausschließen. Theoretische Grundkenntnisse allein reichen nicht aus, da ist sicher längere Erfahrung in der Praxis nötig.

Gibt es Hinweise darauf, dass beim Oktoberfestattentat Geheimdienste verwickelt waren? Ein Tag vor dem Attentat begann der Verfassungsschutz eine groß angelegte Observation gegen verschiedene Neonazis. Deutet dies darauf hin, dass der Verfassungsschutz Kenntnis von Attentatsplänen hatte?

Tobias von Heymann: Das ist die große Frage. In der Tat begannen 22 Stunden vor dem Attentat die Landesverfassungsschutzämter von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gemeinsam die "Aktion Wandervogel" gegen mehrere Ex-Mitglieder der damals bereits verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann. Die Stasi notierte dazu nüchtern: (Zitat) "Bemerkenswert erscheint, dass der Einsatz der gegnerischen Kräfte (d.h. des Verfassungsschutzes, Red.) bereits mehrere Stunden vor dem Sprengstoffanschlag begann und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt in verschiedenen Räumen der BRD fortgesetzt wird." Weiter schreibt die Stasi dazu: "Die vorliegenden Hinweise zum Aktionsverlauf lassen den Schluss zu, dass die gegnerischen Kräfte möglicherweise Kenntnis über geplante Handlungen dieser Organisation hatten." Nach dem Attentat schaltete sich darüber hinaus noch der hessische Verfassungsschutz mit Observationen gegen ein großes Neonazi-Treffen in Frankfurt a.M. ein.

Ein mysteriöser Fahrzeug-Konvoi

Vor dem Auswerten der Stasi-Akten war nur bekannt, dass der bayerische Verfassungsschutz einen kleinen Fahrzeug-Konvoi der Wehrsportgruppe Hoffmann im Vorfeld des Attentats beobachtet hatte. Das war auch schon kurz nach dem Anschlag öffentlich geworden. Im Übrigen geht aus Zeugenaussagen hervor, dass die Wehrsportler sich dessen auch durchaus bewusst waren und ihre Beobachter daher gewissermaßen beim Beobachten beobachten konnten. Was stutzig macht: Die Ex-Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann exportierten zu dieser Zeit recht regelmäßig ausrangierte Bundeswehrfahrzeuge in den Nahen Osten, um sie unter anderem der PLO anzubieten. Von schwunghaftem Handel war sogar die Rede. Das war also nichts Außergewöhnliches. Da hätte notfalls eine unauffällige Zivilstreife der bayerischen Polizei genügt, um das zu beobachten. Stattdessen sind noch Verfassungsschützer aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in dieser groß angelegten Operation dabei. Bemerkenswert dabei ist: Gundolf Köhler ist am Tag des Attentats mit dem Auto aus Baden-Württemberg nach München gefahren. Gleichzeitig war ein Neonazi an Bord des Konvois, der als V-Mann (Deckname "Felix") für den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen aktiv war. Die "Aktion Wandervogel" wirft insofern ernste Fragen auf, was Sinn und Zweck und vor allem Anlass dieser groß angelegten Operation war.

Verfassungsschutz-Aktion vor Doppelmord an jüdischen Verleger

Im Übrigen war diese Verfassungsschutz-Aktion vor dem Oktoberfest-Attentat nicht die einzige im Vorfeld von blutigen Neonazi-Verbrechen. Laut Stasi-Akten beobachteten Verfassungsschützer frühere Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann auch im Vorfeld des Doppelmordes an dem jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke am 19.Dezember 1980. Einmal war das das Bundesamt für Verfassungsschutz von Ende November bis Anfang Dezember 1980. Kurz darauf tat das auch der bayerische Verfassungsschutz: Bis drei Tage vor dem Attentat beobachtete dieser mehrere Ex-Wehrsportler unter anderem in Nürnberg, Heroldsberg und Veitsbronn - wen genau sie im Visier hatten, ist noch unbekannt. Auch der Hintergrund dieser Maßnahmen ist nicht geklärt.

"Paramilitärische Verbände wie in Lateinamerika"

Welche Rolle spielt ihrer Einschätzung nach die Wehrsportgruppe Hoffmann beim Oktoberfestattentat? Können Sie mutmaßen, welche Motive allgemein die Gruppierung dabei umgetrieben haben könnte?

Tobias von Heymann: Die Wehrsportgruppe Hoffmann war bis zu ihrem Verbot eine Art ständige Ausbildungsbereitschaft für militante Neonazis. Sie hatte zwischen 400 und 600 Mitglieder und war streng hierarchisch wie aber auch konspirativ nach einer Art Zellenstruktur aufgebaut. Sie verfügte über Uniformen, einen Fuhrpark und hatte Zugang zu Waffen und Sprengstoff. Sie druckte auch gefälschte Dollarscheine. Im Grunde ähnelte sie insgesamt bis zu einem bestimmten Grad genau solchen paramilitärischen Verbänden, wie man sie ansonsten vor allem aus lateinamerikanischen Staaten in den 1970er/80er Jahre kennt. Die Wehrsportgruppe Hoffmann unterhielt Kontakte zu über 80 rechtsextremistischen Gruppen in In- und Ausland, zahlreiche Neonazis durchliefen dort paramilitärische Trainings. Eine ganze Reihe von anderen Wehrsportgruppen galt als direkte Ableger der Wehrsportgruppe Hoffmann in anderen Bundesländern wie zum Beispiel Baden-Württemberg oder Hessen. Die bundesweiten Aktivitäten waren damals auch die Grundlage für ein Verbot durch den deshalb zuständigen Bundesinnenminister. Schon vor dem Verbot bereitete sich ein Teil der Gruppe systematisch auf ein mögliches Fortwirken im Untergrund vor, auch im Ausland.

"Anti-Bekennerschreiben" der Wehrsportgruppe Hoffmann

Was die Rolle der Wehrsportgruppe Hoffmann angeht, so ist in den Stasi-Akten ein bemerkenswertes Dokument der Gruppe selbst erhalten, in dem diese über neun Seiten hinweg lang und breit beschreibt, warum sie angeblich nichts mit dem Münchner Attentat zu tun hat. Neben einer Fülle erstaunlich präziser Detailkenntnisse zum Attentat selbst wird dort die absurde These ausgebreitet, dass in Wirklichkeit der israelische Geheimdienst hinter dem Attentat stecken würde. Das ist reine Verschwörungstheorie. Entscheidend ist aber vielmehr die Frage, warum überhaupt eine Gruppe diese ungewöhnliche Art von "Anti-Bekennerschreiben" verfasst hat. Für wen und wozu soll das gut sein? Das Papier war ja offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und ist erst beim Auswerten der Stasi-Akten bekannt geworden. Als Motive für ein Attentat käme eine Reihe von Punkten in Frage und daraus lassen sich auch Arbeitshypothesen ableiten. Die Fakten geben da schon einiges her. Spekulationen über die eine oder andere Variante würden aber hier nicht weiterhelfen. Dazu warum sich die Frage nach der Rolle der Wehrsportgruppe stellt, werde ich später, bei der Frage zum Konvoi der Wehrsportgruppe am Tag der Tat noch weiter eingehen.

Konnten Sie rekonstruieren, welche Rolle der Neo-Nazi Stefan Wagner beim dem Attentat gespielt haben könnte?

Tobias von Heymann: Die konkrete Rolle von Stefan Wagner beim Attentat an sich ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Zum Hintergrund: Stefan Wagner geriet um 1977 herum in rechtsextreme Kreise. Unter anderem lernte er die Jungen Nationaldemokraten (JN) kennen, die Wiking-Jugend, die Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS) um Michael Kühnen oder den Kampfbund Großdeutschland. Er nahm an Übungen der Wehrsportgruppe Hoffmann teil und kannte auch Gundolf Köhler persönlich. Offenbar existiert sogar ein Foto, auf dem beide gemeinsam zu sehen sind. Am 2. August 1982 lieferte er sich nach einer Schießerei mit Geiselnahme eine stundenlange Verfolgungsjagd mit der Polizei. Dabei legte er gegenüber Geiseln eine Art Geständnis ab und bezichtigte sich selbst der Teilnahme am Münchner Attentat. Dann erschoss er sich - ähnlich wie bei einem Amoklauf. Wie er genau er am Wiesn-Attentat beteiligt war, ob im Vorfeld beim Vorbereiten oder Unterstützen - das ist im Detail jedoch noch offen. Nur: Wagner war tatsächlich ein regelrecht ausgebildeter Kampf-Wehrsportler, verfügte über Waffen, eine einschlägige langjährige Neonazi-Laufbahn und vor allem seine nachgewiesene Bekanntschaft mit Gundolf Köhler fällt ins Gewicht.

Spitzel des Verfassungsschutzes finanzierten mit ihrem Lohn ihre Neo-Nazi-Gruppen

Warum sollte er da ohne Not eine Tatbeteiligung erfinden? Ein Anschlag dieser Größenordnung lässt sich ja nicht gewissermaßen spontan und über Nacht vorbereiten. Insofern ist durchaus denkbar, dass Stefan Wagner - auch aufgrund seines Profils - vielleicht in den Wochen davor zum Beispiel mit möglichen Hilfsdiensten beteiligt war.

Hat der Verfassungsschutz ihrer Einschätzung nach die Wehrsportgruppe Hoffmann direkt oder indirekt unterstützt?

Tobias von Heymann: Beispielsweise berichtete ein früherer V-Mann des Verfassungsschutzes (Deckname: "Werner") der Stasi später über seinen Einsatz in der deutschen und westeuropäischen Neonazi-Szene: (Zitat) "...das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln hat mich ausgebildet und hat mich eingesetzt, und ich bin dann in diesem Kreis immer weiter mitgegangen. Ich habe also die gesamte rechte Szene in der Bundesrepublik Deutschland verfolgt." Dazu gehörte auch die Wehrsportgruppe Hoffmann. Laut der Stasi-Akten hatte er (Zitat) "konkrete Auftragsstrukturen zur geheimdienstlichen Unterwanderung militanter rechtsextremistischer Personengruppen, insbesondere der ‚Wehrsportgruppe Hoffmann' Ende der 1970er Jahre durch das BfV." Der Ex-V-Mann berichtete auch (Zitat) "über seinen Einsatz als Agent Provocateur in der rechtsextremistischen Szene Berlin/West." Darüber hinaus erledigte er demnach auch den "auftragsgemäßen Kauf eines VW-Busses für diese paramilitärische Organisation von finanziellen Mitteln des BfV." Auch will der V-Mann im Auftrag des Bundesverfassungsschutzes einen Film über die Wehrsportgruppe gedreht haben. Neben dem genannten V-Mann sind noch eine Reihe weiterer Spitzel in der Neonazi-Szene bekannt geworden, die teilweise ähnlich wirkten. Im Fall der rechtsterroristischen "Braunschweiger Gruppe" ging das sogar soweit, dass deren Anführer regelrecht bestimmte, wer V-Mann für den Verfassungsschutz werden sollte. Dieser selbst gewählte Spitzel wurde dann instruiert, was er dem Dienst berichten sollte, was nicht - und wo er Desinformationen streuen sollte. Seinen Agenten-Lohn vom Verfassungsschutz musste dieser dann teilweise bei der Gruppe abgeben, die damit Aktionen finanzierte.

In Teil 3 des Interviews berichtet Tobias von Heymann u.a. über die politische Instrumentalisierung des Attentats, die Verbindungen des Anschlags mit Gladio, das Schweigen Edmund Stoibers und die Zeugenaussage über die Tatbeteiligung eines Verfassungsschutzagenten von einem tunesischen Barkeeper.

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