9Live wichtiger als Dritte

29.07.2010

Kabel Deutschland wirft aufgrund von Funkstörungen Programme aus dem Angebot

Zwischen 2. August und 20. November wird der Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland (KDG) in 13 Bundesländern jeweils ein Drittes Programm aus dem analogen Angebot nehmen: Den Bayerischen Rundfunk (BR) in Niedersachsen, Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, den Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Bayern, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen und Brandenburg, den Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Rheinland-Pfalz und im Saarland sowie den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) in den beiden Hansestädten Bremen und Hamburg.

Als Grund dafür gibt das Unternehmen den Paragrafen 5 Absatz 1 der Sicherheitsfunk-Schutzverordnung (SchuTSEV) an. Er soll dafür sorgen, dass der Sicherheit dienende Frequenzbereiche störungsfrei genutzt werden können. Der Bundesnetzagentur zufolge ist dies derzeit nicht gegeben, weil es auf den Frequenzen S04 und S05 Abstrahlungen aus den Kabelnetzen gibt. Als Ursache dafür gelten unter anderem Beschädigungen der Koaxialkabel durch Nägel, unsachgemäßen Verlängerungen, Verzweigungen und Verbindungen des Schirmgeflechts mit dem Kabelstecker sowie starken Biegungen.

Koaxialkabel. Foto: Arj. Lizenz: CC-BY-SA.

Allerdings verlangt die Bundesnetzagentur, wie sie betont, von Kabel Deutschland aufgrund der Störungen nicht die konkrete Herausnahme von Programmen, sondern nur die von Kanal S04 und Kanal S05. Diese Kanäle sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich belegt, zum Beispiel mit N24 und RTL2. Warum also werden dafür ausgerechnet Dritte Programme aus dem Netz genommen? Dass man die bizarre Pseudo-Dialekt-Soap "Dahoam is Dahoam" außerhalb Bayerns kaum sehen möchte, ist nachvollziehbar. Doch eine Sendung wie Quer hat in ganz Deutschland ihre Fans. Ebenso verhält es sich mit den vom NDR gesendeten alten Stahlnetz-Folgen, den historischen Tatort-Episoden, die der WDR wiederholt, oder den regelmäßig vom MDR aus dem Archiv geholten Defa-Filmen.

Gäbe es da nicht geeignetere Kandidaten für eine Herausnahme aus dem Angebot? Das im Volksmund "Opfersender" genannte Programm 9Live beispielsweise, dessen Zuschauerzahlen regelmäßig als "im nicht messbaren Bereich" ausgegeben werden? Kabel Deutschland gibt hierzu an, dass dem Unternehmen das Angebot von den Landesmedienanstalten vorgegeben werde und nur teilweise ein Mitspracherecht bestehe. Aus diesem Grund, so das Unternehmen, sei die Aufnahme mancher Sender verpflichtend, was unter anderem für 9Live gelte, das die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien (BLM) für einen unverzichtbaren Teil des Angebots halte. Wer dort nach den Gründen dafür fragt, erhält allerdings zur Auskunft, dass sich zwar das ebenfalls unbeliebte Home Shopping Europe (HSE24) unter den 16 Pflichtprogrammen findet, nicht aber 9Live.

Als weitere Gründe führt KDG an, dass die ARD mit der Herausnahme der Dritten einverstanden gewesen sei und man aufgrund einer neuen Vorgabe, dass Arte (außer in Niedersachsen) zukünftig ganztägig ausgestrahlt wird, als "Ausgleich" im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sender kürzen wollte. Zudem wären neben den Dritten je nach Netz auch noch andere Kanäle betroffen, etwa Euronews und Das Vierte. Und, so heißt es, über das digitale Angebot würden die Dritten Programme ja weiterhin überall geliefert.

Allerdings hat dieses digitale Angebot, für das Kabel Deutschland derzeit auch mit Telefonanrufen massiv wirbt, im Vergleich zum analogen für den Verbraucher einige wesentliche Nachteile: Es ist deutlich teuerer und man benötigt für jedes Fernsehgerät einen eigenen Receiver sowie eine Smartcard, die der Zuschauer ebenfalls kaufen und bezahlen muss. Zudem kann es Probleme mit den Anschlüssen, dem Empfang und dem sehr kostspieligen Service geben.

In Baden-Württemberg gehört das Kabelnetz Kabel BW; in Nordrhein-Westfalen und Hessen Unitymedia. Beide Anbieter wollen die Streichung der Kabelplätze erst zum Jahreswechsel durchführen und haben nach eigenen Angaben noch nicht entschieden, welche Programme dafür geopfert werden. Bei Unitymedia soll jedoch "die Zuschauerakzeptanz eine wesentliche Rolle spielen".

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