Was Hänschen lernt, macht Hans zum Besserverdiener
Eine Studie aus den USA stellt eine produktive Verbindung zwischen herausragender Kindergartenerziehung und späterem Einkommen her
Frühförderung zahlt sich aus, buchstäblich. Kinder, die im Kindergarten das Glück gutgeschulter, engagierter Erzieher hatten, verdienen später mehr Geld. Etwa 320 000 Dollar Mehrverdienst in der Summe sind der zählbare Unterschied zwischen einer Kindergartengruppe mit "überragenden Erziehern" und einer mit durchschnittlichen Erziehern. Der enorme Unterschied zwischen der auch in den USA weitestgehend miserablen Bezahlung von Kindergartenpersonal und der ermittelten "Wertschöpfung" der Erzieher, ist nur eine der bemerkenswerten Schlussfolgerungen, die Harvard-Ökonomen aus einer Untersuchung ziehen, die Steuererklärungen mit der Kindergartenerziehung in Zusammenhang gebracht hat.
Ray Chetty, John N. Friedman, Nathaniel Hilger, allesamt für Harvard in der Wirtschaftsforschung tätig, und andere Wissenschaftler untersuchten den weiteren Lebensweg von 12 000 Kindern, die in den 1980er Jahren an einem Kindergartenexperiment in Tennessee teilnahmen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren sie etwa 30 Jahre alt und damit mittendrin im Erwachsenenleben.
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Das Experiment in Tennessee, namens Project Star folgte einer anders gelagerten Fragestellung, nämlich der Auswirkung der Gruppen/Klassenstärke im Kindergarten bzw. in der Schule auf die Leistungen der Kinder. Um Herkunft, Milieu und andere intervenierende soziale Faktoren herausrechnen zu können, hatte man die Lerngemeinschaften mit zufällig ausgesuchten Kindern bestückt. Damals zeigte sich, dass kleinere Lerngruppen bessere Testergebnisse erzielten.
Der Ansatz der oben genannten Wissenschaftler ist allerdings ein anderer; die Auswirkung auf schulische Leistungen, wie sie in Tests geprüft werden, interessierte sie weniger, sie wollten ermitteln, wie sich die Lernzeit im Kindergarten auf das spätere Einkommen auswirkt.
Bei ihren Untersuchungen, die sie kürzlich auf einer Konferenz präsentierten, fanden die Wissenschaftler mancherlei Bemerkenswertes heraus. Nicht nur, dass manche der ehemaligen Kindergartenbesucher, die bei ansonsten gleichen Voraussetzungen in den Genuss besserer Erzieher kamen, in ihren Endzwanziger- und Anfangdreißiger-Jahren besser verdienten, sondern dass sie auch in mancherlei Hinsicht besser abschnitten: Sie besuchten nicht nur häufiger weiterführende Schulen als Vergleichsgruppen, auch war die Wahrscheinlichkeit, dass sie alleinerziehende Elternteile wurden, bei ihnen geringer und sie legten mehr für die Rente zurück. Der gute Effekt auf das Einkommen, den die Wissenschaftler aus Steuerunterlagen ermittelten, würde nach ihren Beobachtungen in späteren Lebensjahren augenscheinlich weiter wachsen.
Besonders auffällig an der Untersuchung, so kommentiert die New York Times, sei vor allem der Unterschied, den ein guter Lehrer macht – ein Effekt, der allerdings von Studienautor Raj Chetty eingeschränkt wird und von ihm, wie auch von anderen Wissenschaftlern, auf elterliche Erziehung ausgedehnt wird.
Die New York Times zieht aus daraus den Schluss, dass gute Früherziehung Fähigkeiten vermittelt, die ein ganzes Leben lang anhalten. Genannt werden, passend zum gegenwärtigen Tugendkatalog, "Geduld, Disziplin, Manieren und Durchhaltevermögen".
In den USA wird die Untersuchung, die noch nicht den Review-Prozess von Wissenschaftskollegen durchlaufen hat, als wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion verstanden, in der Skeptiker den Wert der Ausbildung generell infrage stellen, da sich während der Krise auch zeigte, dass Personen mit Hochschulabschluss Schwierigkeit haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Darüberhinaus liefert die Studie Argumente gegen die bislang weit verbreitete Ansicht, wonach Effekte der Kindergartenerziehung in späteren Schulklassen verblassen würden.
Bei einer unwissenschaftlichen, schnellen privaten Umfrage im weiteren bekannten Elternkreis traf das Untersuchungsergebnis auf Skepsis. Das Einkommen sei doch kein Maßstab für eine gelungene Erziehung, so die erste Reaktion, die überraschend viele äußerten. Offensichtlich wurde bei manchen Äußerungen, dass solche Erfolgsgeschichten am ständig präsenten Gefühl von Eltern aus der Mittelschicht rühren, möglicherweise nicht genug für das spätere Fortkommen der Kleinen zu tun.
Erzählungen von Spielplätzen auf gutbürgerlichen Hinterhöfen stellen heraus, wie groß bei alledem der Konkurrenzdruck ist, wie sehr Eltern anscheinend dazu verurteilt sind, den Entwicklungsstand ihrer Zöglinge ständig zu vergleichen. Was nicht selten dazu führt, dem Vierjährigen zuhause Nachhilfe in der Frühförderung angedeihen zu lassen, so dass er beispielsweise lernt, seine Aufmerksamkeit nicht schon bei den ersten beiden Vorlesebuchseiten zu verlieren. Das Ergebnis solcher täglichen Bemühungen würde sich dann im Vergleich mit Gleichaltrigen auf dem Spielplatz und im Kindergarten zeigen – und, wie man aus den USA lernt, auch beim späteren Steuerbescheid.
http://www.heise.de/tp/artikel/33/33070/1.html- Re: Ich finde es krank (9.8.2010 9:01)
- Kindergärten sind nicht krank! (9.8.2010 8:34)
- Re: Es ist wohl eher ... (5.8.2010 17:23)
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