Her mit dem schönen Leben

Birgit Gärtner 04.08.2010

Auf der attac-Sommerakademie wurde fünf Tage lang über alternative Krisenbewältigung debattiert

"Bewegung für Veränderung" lautete das Motto der diesjährigen attac-Sommerakademie, bei der etwa 800 Menschen vom 28. Juli bis zum 1. August in einer Gesamtschule im Hamburger Stadtteil Bergedorf zusammenkamen. In unzähligen Arbeitsgruppen und Workshops versuchten die Teilnehmenden, die Welt erst einmal zu verstehen, um sie dann zu verändern. Wobei allerdings die Meinungen auseinandergingen, wie das zu bewerkstelligen sei - und vor allem wohin.

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Hamburg - das Tor zu Welt. Selten wird die Hansestadt diesem Image so gerecht, wie in den fünf Tagen der Sommerakademie von attac: In einem Hamburg-Block wurde über soziale Kämpfe in der Hansestadt, Bildungspolitik und Antifaschismus informiert, eine alternative Hafenrundfahrt beschäftigte sich mit der Ausbeutung der Dritten Welt durch Handel und Waffenexporte über den Hamburger Hafen, einige Workshops beschäftigten sich mit der Macht der Medien, der Wirkung von Schlagzeilen oder der Macht der Bilder. Die Finanzkrise wurde national und global beleuchtet, daneben gab es Raum für Veranstaltungen zum Thema Coltanabbau im Kongo, Textilproduktion im Trikont, Wanderarbeiterinnen in China, Beispiele kollektiven Widerstands im Lateinamerika, Gentechnik, der Nahost-Konflikt und vieles mehr. Ein Kessel Buntes, so vielfältig und widersprüchlich, wie das Leben in der Hansestadt.

Schwerpunkt der Debatten waren Finanzkrise und Sozialpolitik. Diverse Ansätze zur Krisenbewältigung wurden diskutiert, von Marx über Keynes bis zum Ökofeminismus, und einige interessante praktische Beispiele, z. B. demokratische und umweltverträgliche Energieversorgung, erörtert. Am Ende der abschließenden Perspektivdiskussion am Sonntagvormittag, wie tatsächlich Bewegung für Veränderung geschaffen und der Unmut breiter Kreise der Bevölkerung in Widerstand verwandelt werden könne, standen allerdings mehr Fragen, als dass Antworten gegeben worden wären.

Nach fünf Tagen intensiver, durchaus kontroversen Debatten wurde klar: Eine einheitliche Linie gibt es bei attac nicht. Das große Plus des Netzwerks ist die Vielfältigkeit der Themen und der Pluralismus der Lösungsansätze, die, so widersprüchlich sie mitunter sind, durchaus nebeneinander bestehen können. In einem waren sich alle Beteiligten der Sommerakademie jedoch einig: Es muss besser werden.

Fünf Tage ein kleines faires. egalitäres und politisch korrektes Biotop

Im kleinen Rahmen wurde in den fünf Tage (vor)gelebt, wie das gehen könnte. Selbst eingefleischte Hamburger mussten ein bisschen suchen, denn das Schulzentrum im Bergedorfer Stadtteil Nettelnburg liegt sehr versteckt. Dafür bietet der Komplex vielfältige Möglichkeiten: Auswärtigen war es möglich, Wohnmobile auf dem Lehrerparkplatz abzustellen, Zelte konnten auf den weitläufigen schattigen Grünflächen aufgestellt werden, die Turnhalle der Berufsschule bot denen Unterkunft, die weder mit Wohnmobil noch Zelt anreisten, und die Gesamtschule mit ihren vielen großen und kleinen Räumen machte das schier unglaubliche Angebot an Plena, Diskussionsforen, Workshops, Ausstellungen und Filmvorführungen möglich. Der ideale Ort für eine Veranstaltung in der Größenordnung.

Die Verpflegung der Teilnehmenden wurde durch ein alternatives Catering-Unternehmen gewährleistet – biologisch dynamisch. Genau so politisch korrekt war die Versorgung der Gäste, die nur kurze Zeit dort verweilten, organisiert: Ein Imbisswagen bot vegane Falaffel, im Versorgungszelt gab es El Rojito-Kaffee, der mit Kooperativen in Lateinamerika fair gehandelt wird, Hamburgs alternative Fritz-Kola statt Imperialistengesöff, Mineralwasser "Viva Con Aqua", als kleine Hommage an das Wasserprojekt, das der ehemaligen St. Pauli-Profifußballers Benjamin Adrion nach dem Trainingslager des Freibeuters der Liga auf Cuba vor einigen Jahren initiierte, Backwaren bio-dynamisch und aus der Region. Die Attacis verwandelten das Gelände fünf Tage lang in ein kleines faires, egalitäres Biotop, voll pc – zu durchaus bezahlbaren Preisen – und zeigten im kleinen Stil, dass eine andere Welt durchaus möglich wäre.

In der Gesamtschule Bergedorf lernen ansonsten 1.600 Schülerinnen und Schüler, 120 Pädagoginnen und Pädagogen dort verfolgen das Ziel, jede Person einzeln wahrzunehmen und gemeinsames und voneinander Lernen zu fördern. Hätte sich am 18. Juli 2010 bei der Volksabstimmung die von der Bürgerschaft einstimmig beschlossene Schulreform durchgesetzt, dann würde es die Schule in der Form ab Schuljahrbeginn im August nicht mehr geben. Sie wäre dann mit den Haupt- und Realschulen aus der Umgebung zur Stadtteilschule verschmolzen, in der alternativlos alle diejenigen untergebracht worden wären, die in der siebten Klasse auf dem Gymnasium ausgesiebt werden.

Vergesellschaftung, Abschied vom Wirtschaftswachstum, Subsistenzwirtschaft?

Gemeinsam und voneinander lernen stand auch bei der Sommerakademie im Vordergrund. Lernen und Perspektiven entwickeln. In unzähligen Workshops wurde versucht, die Krise auch für Nicht-Volkswirtschaftler begreifbar zu machen. Vielen schlackern bei Begriffen wie Finanzmarktregulation, Reregulierung, Transaktionssteuer, Tobinsteuer, Hedgefonds, Steueroase, Derivate, etc, nur noch die Ohren. Verschiedene Experten versuchten, dieses Dickicht an komplizierten Begriffen zu entwirren und auch für Laien verständlich zu machen.

Verschiedenen Lösungsansätze wurden diskutiert: Die einen versuchten es mit den guten alten Klassikern Marx und Engels und redeten der Vergesellschaftung das Wort, andere diskutierten keynesianische oder Postwachstumsansätze, entweder nach dem britischen Ökonom John Maynard Keynes Nachfrage steigern und so die Wirtschaft ankurbeln, oder sich vom Modell Wirtschaftswachstum und Arbeitsgesellschaft zu verabschieden, noch andere diskutierten über ökofeministische Ansätze, u. a. das Modell Subsistenzwirtschaft der Soziologinnen Maria Mies und Claudia von Werlhoff, die kollektive Selbstversorgung durch Agrarproduktion und kleinen Produktionskollektiven, ebenfalls unabhängig von Wirtschaftswachstum.

Neben verschiedenen utopischen Ansätzen wurden praktische Beispiele für die Lösung der gegenwärtigen Finanzkrise genannt. Der Bürgerschaftsabgeordnete der Linkspartei in Hamburg, Joachim Bischoff, stellte am Beispiel der HSH-Nordbank, der Landesbank für Hamburg und Schleswig-Holstein, anschaulich dar, wie Finanzinstitute demokratisch kontrolliert werden und zum Wohle der Gemeinheit wirtschaften können.

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um die Lösung der Finanzkrise wurden Selbstzweifel laut. Viele Forderungen des Netzwerks seien inzwischen von Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft übernommen worden, so rede der Sozialdemokrat Peer Steinbück "schon wie ein attac-Mitglied", hieß in einer Arbeitsgruppe, doch als politischer Akteur und Urheber lösungsorientierte Ansätze tauche die Organisation in dieser Debatte nicht auf, wurde beklagt. Eine zündende Idee, wie attac es schafft, als kompetenter Akteur in der öffentlichen Debatte wahrgenommen zu werden, gab es indes nicht.

Das Thema Sozialabbau wurde sehr eng verknüpft mit der Finanzkrise diskutiert, unter dem Motto: "Privatisierung von Gewinnen, Sozialisierung von Verlusten", blieb aber weitestgehend auf der Ebene der Beschreibung. Auch hier fehlen zündende Ideen für wirksamen Widerstand, und vor allem die Einbeziehung der breiten Masse der Betroffenen in die Aktion. Wie bei vielen andere Organisationen und Parteien eben auch.

Trotzdem machte sich kein Pessimismus breit, sondern weiterhin sollen alle Möglichkeiten genutzt werden, sich aktiv in die Politik einzumischen. Und zwar über den eigenen Tellerrand hinweg. Ein europaweiter Aktionstag am 29. September 2010 ist der praktische Versuch, sich mit Gewerkschaften und anderen Akteuren des sozialen Widerstands zu vernetzen und gemeinsam bunt und mit viel Spaß dabei für ein besseres Leben einzutreten. Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) ruft für den 29. September zu einer Demonstration in Brüssel auf und plant dezentrale Aktionen in den europäischen Hauptstädten. Das europäische ATTAC-Netzwerk und das Europäische Sozialforum erklärten diesen Tag zu einem europaweiten Aktionstag. In Griechenland und Spanien sind an dem Tag Generalstreiks geplant. Dieser Aktionstag soll der Auftakt sein für einen heißen Herbst, in dem es um nichts weniger geht als um die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums – und die Finanzmärkte zu entwaffnen.

http://www.heise.de/tp/artikel/33/33072/1.html
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