Loveparade Duisburg: Tödliche Imagekampagne

04.08.2010

Den fehlenden Sexappeal und einen Schub für eine spektakuläre Bebauung der Brachfläche hat sich die Stadt von der Love Parade versprochen

Als Rainer Schaller 2006 die Rechte an der Love Parade erwarb, hat sich für ihn einiges verändert. Sich und sein Unternehmen feierte er fortan als Retter der Technoparty, die 1989 noch als Demonstration mit 150 Teilnehmern auf dem Berliner Ku'damm begann. Doch mit "Friede, Freude, Eierkuchen", wie das Motto der ersten Love Parade handelte, hatte die Veranstaltung 2006 nichts mehr zu tun. Vielmehr wurde die Love Parade endgültig zu einem durchkommerzialisierten Werbeevent, bei dem ein Fitnessstudiobetreiber penetrant auf sein Unternehmen aufmerksam machte. Alle Floats, die 2006 um die Siegessäule im Kreis fuhren, waren rollende Werbeflächen für Schallers Kette McFit, die mit dem Slogan "Einfach gut aussehen" für sich wirbt.

Doch lange durfte sich Rainer Schaller an seiner Love Parade in der deutschen Hauptstadt nicht erfreuen. Da Berlin nicht mehr bereit war, die Reinigungskosten für die Veranstaltung zu tragen, kam es zu einem Zerwürfnis zwischen der Lopavent und der Berliner Stadtverwaltung. Das Ergebnis war der Umzug der Love Parade in das Ruhrgebiet, wo sie mit offenen Armen empfangen wurde. Und dies aus einem simplen Grund: Deutschlands größtes Ballungszentrum ist zwar wie Berlin arm, doch im Gegensatz zur deutschen Hauptstadt kein bisschen sexy. Und den fehlenden Sexappeal hat sich die Region ausgerechnet von der Love Parade versprochen. Eine Sehnsucht, die, verbunden mit wirtschaftlichen und politischen Interessen, in Duisburg tödlich endete.

Wie groß die Sehnsucht der Ruhrgebietskommunen nach einem anderen Image ist, zeigen schon die angeblichen Besucherzahlen der Love Parade. "1.4 Millionen Besucher auf der Love Parade", verkündeten die Stadt Duisburg und Rainer Schaller am Tag der Veranstaltung. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sich im Tunnel auf der Karl-Lehr-Straße (der bei vielen Duisburger Autofahrern schon vor dem Unglückssamstag sehr viel Unbehagen verursachte) die Tragödie anbahnte. Dass diese Zahlen getürkt waren, wurde bereits vergangene Woche bekannt. Aus Werbezwecken verdreifachte die Lopavent einfach die Besucherzahlen, und dies nicht nur in Duisburg, wo der Hauptbahnhof am Nachmittag geschlossen wurde und somit erste Zweifel an der Besucherzahl hätten aufkommen können, sondern auch 2007 in Essen und 2008 in Dortmund. Da die Städte aus Imagegründen an solchen gigantischen Zahlen ebenfalls Gefallen hatten, übernahmen sie einfach die Angaben von Rainer Schaller und seiner Lopavent. Der [http://www.wdr.de/Fotostrecken/wdrde/Panorama/2010/07/loveparade_besucheranzahl.jsp WDR] kam auf 130.000 Besucher.

Duisburg – eine graue Ruhrgebietsstadt, die den Strukturwandel nicht geschafft hat

Dabei hätten Essen und Dortmund es gar nicht nötig gehabt, bei solchen Mauscheleien mitzumachen. Da Essen als das Zentrum des Ruhrgebiets gilt, geht es der Stadt verglichen zu ihren Nachbarkommunen wirtschaftlich einigermaßen gut. Auch Dortmund gilt im Vergleich zu den anderen Ruhrgebietsstädten als interessanter Standort, der in den letzten Jahren vor allem Banken und Versicherungen angezogen hat. Die Stadt genießt zudem immer noch den Ruf der Bierstadt, obwohl die vielen zahlreichen Dortmunder Brauereien, die einst den deutschen Markt beherrschten, heute alle unter dem Dach der Dortmunder Actien-Brauerei versammelt sind, die wiederum dem Oetker-Konzern gehört, und hat mit Borussia Dortmund einen Werbeträger, der die Stadt auch außerhalb Deutschlands bekannt gemacht hat.

Das sind Rahmenbedingungen, von denen Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum nur träumen können. Doch während Gelsenkirchen die Heimat von Schalke 04 ist, deren Arena alle reichlich vorhandene Tristesse in Gelsenkirchen überstrahlt, und Bochum dank Herbert Grönemeyer einen festen Platz in der deutschen Popkultur hat, genießt Duisburg nur den Ruf einer grauen Ruhrgebietsstadt, die den Strukturwandel nicht geschafft hat.

Es ist ein Image, das nicht ganz unbegründet ist. Die Arbeitslosigkeit lag im Juli bei 14.9 Prozent und war damit die höchste in ganz NRW. Auch die finanzielle Lage der Stadt sieht alles andere als rosig aus: den letzten ausgeglichen Haushalt hatte Duisburg 1992. Seitdem hat die Stadt zwischen Rhein und Ruhr Schulden von fast 3 Milliarden Euro angehäuft, von denen 1.15 Milliarden Euro langfristige Investitionsdarlehen für Infrastruktur, Schulen oder Kindergärten sind. Da aber immer noch 1.6 Milliarden Euro Miese bleiben, wirtschaftet Duisburg nach dem Nothaushaltsrecht. Jede Ausgabe muss sich die Stadtverwaltung von der Landesregierung in Düsseldorf genehmigen lassen, so wie fast jede zweite Kommune in Nordrhein-Westfalen.

Trotzdem hat Duisburg einige Fortschritte gemacht. Auf dem ehemaligen Krupp-Gelände in Rheinhausen entstand das Logistik-Zentrum Logport. Der einst schmuddelige Stadtteil Ruhrort, in dem der größte Teil des Duisburger Binnenhafens beheimatet ist, wurde in den 90er Jahren restauriert, auch wenn dies vor allem dem dort beheimateten Haniel-Konzern zu verdanken ist. Und die Duisburger Innenstadt wurde mit dem Forum und dem in den 90er Jahren umgebauten Innenhafen nicht nur für Investoren wie dem Reiseunternehmen Alltours, sondern auch als Freizeitstandort interessant. Die dort ansässige Gastronomie zieht nicht nur Duisburger, sondern auch die Bewohner des benachbarten Niederrheins an.

Einen wirtschaftlichen Umschwung, der sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht, konnte Duisburg durch diese Investitionen jedoch nicht erreichen. Viele der dort entstandenen Jobs basieren auf 400 Euro-Basis. Zudem gab es in den letzten 20 Jahren auch Investitionen, die gründlich in die Hose gingen. Mitte der 90er Jahre versuchte sich Duisburg beispielsweise als Musicalstandort und stellte der Stella AG ein Grundstück zur Verfügung, auf dem speziell für "Les Miserables" ein Theater errichtet wurde. Die Ausstellungen waren zwar nicht ausverkauft, doch mit den Einnahmen hätte sich das Theater selbst tragen können. Zu einem Problem für den Musicalstandort Duisburg wurden jedoch die finanziellen Probleme der Stella AG. Das Unternehmen, das in Deutschland quasi ein Musicalmonopol besaß, verkalkulierte sich durch die Eröffnung weiterer Theater und musste 2002 endgültig Insolvenz anmelden. Aus Duisburg zog sich das Unternehmen bereits 1999 zurück und hinterließ ein Gebäude, mit dem Duisburg lange Zeit nichts anfangen konnte.

Der ehemalige Güterbahnhof wurde zum Symbol missglückter Investitionen

Zu einem wahren Symbol missglückter Investitionen wurde in Duisburg jedoch der alte Güterbahnhof. Jenes Gelände, auf dem die Love Parade stattfand. In den 90er Jahren gab die Deutsche Bahn bekannt, dass sie den Standort schließen wird und versetzte das Duisburger Rathaus in Aufregung. Plötzlich hatte die Stadt ein 35 Hektar großes Grundstück zu Verfügung, das an der A59 gelegen und angrenzend an die Innenstadt sowie die Stadtteile Neudorf, Wedau und Hochfeld auch noch ein wahres Filetstück darstellte.

Was man mit dem Güterbahnhof macht, wussten die damaligen Stadtoberen auch schon bald. Im September 1996 öffnete in der Nachbarstadt Oberhausen das Centro, ein nach angelsächsichem Vorbild konzipiertes Einkaufszentrum (Die Umrüstung der Industriegesellschaft). Der Neid der anderen Ruhrgebietskommunen ließ nicht lange auf sich warten, denn das einst graue Oberhausen, das bis dahin nur mit dem größten Möbelhaus Europas auf sich aufmerksam machen konnte, entwickelte sich zu einem beliebten Reiseziel. Das Centro zog nicht nur Konsumenten aus dem Revier an, sondern auch aus dem restlichen NRW und sogar den Niederlanden.

Aus diesem Grund gab es im Duisburger Rathaus nur einen Gedanken: Wir wollen auch so etwas haben, und mit dem Güterbahnhof haben wir ein geeignetes Grundstück. So entstand die Idee des "Multi Casa", eines Einkaufszentrums, in dem nicht nur konsumiert, sondern auch die Freizeit gestaltet werden sollte. Neben einer Shoppingmall war auf dem Gelände auch ein neues Stadion für den MSV Duisburg geplant, der in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zum letzten Mal in der Bundesliga mithalten konnte.

Doch aus den hochfliegenden Zielen wurde nichts. Aus Angst vor Konkurrenz kolportierte Oberhausen die Duisburger Pläne. Auch die anderen Ruhrgebietskommunen hatten kein Interesse an dem Bau des "Multi Casa", da ihre Innenstädte schon durch das Oberhausener Objekt Einbussen hinnehmen mussten. Probleme gab es auch bei der Suche nach geeigneten Investoren, die entweder absprangen oder andere Vorstellungen hatten als die Stadt selber. Und zu allem Überfluss wuchs auch noch innerhalb Duisburgs der Widerstand gegen das "Multi Casa". Den ansässigen Einzelhändlern ist nicht entgangen, dass die Errichtung des Centro eine Verödung der Oberhausener Innenstadt nach sich zog. Und Arbeitsplätze wurden in dem Oberhausener Konsumtempel vorwiegend nur für Studenten und Hausfrauen geschaffen, die sich etwas hinzuverdienen wollen.

Hochfliegende Pläne für die von Stararchitekt Foster konzipierte Duisburger Freiheit

2005, als Adolf Sauerland schon Oberbürgermeister war, wurde das "Multi Casa" endgültig ad acta gelegt. Ein Brachgelände mitten in der Stadt hatte die Duisburger Verwaltung aber immer noch am Hals und kam auf eine neue Idee. Nach einem Konzept des britischen Stararchitekten Lord Norman Foster, dessen Büro den Commerzbank Tower in Frankfurt am Main und die Kuppel auf dem Berliner Reichstag entwarf, soll auf dem Gelände des Güterbahnhofs die "Duisburger Freiheit" entstehen. Kernstück einer langfristigen Umgestaltung der Duisburger Innenstadt.

Der Duisburger Stadtverwaltung machte jedoch der Berliner Unternehmer Kurt Krieger einen Strich durch die Rechnung. Im Mai dieses Jahres lud der Besitzer der Möbelhauskette Höffner eine 12-köpfige Ratsdelegation mit Adolf Sauerland an der Spitze nach München ein und legte ihr dort eigene Pläne für den Güterbahnhof vor. Statt Bürogebäuden, Wohnanlagen und einer großen Grünfläche will Krieger dort ein Möbelhaus und einen Park errichten. Eine Investition, die in Duisburg 600 Arbeitsplätze schaffen würde, wie Krieger versprach. Eine wahre Überraschung für die Duisburger waren jedoch die vollendeten Tatsachen, vor die der Unternehmer sie stellte. Wie Krieger der Delegation verkündete, habe er wenige Tage vor deren Reise nach München das Grundstück des Güterbahnhofs bereits erworben.

Für die Duisburger Politik war diese Nachricht ein Schock, denn damit wurde die gesamte Umgestaltung der Duisburger Innenstadt obsolet. Dementsprechend groß war in den letzten Monaten der Widerstand der im Duisburger Stadtrat vertretenen Parteien gegen die Pläne des Möbel-Giganten. "Kein Riesenmöbelmarkt am Standort alter Güterbahnhof", ließ die Duisburger CDU im Juni verkünden. Auch die Duisburger Grünen, die das Konzept Fosters mit einem Video letztes Jahr als zukunftsweisend für die Stadt feierten, wehren sich gegen die Pläne Kriegers. Lediglich die SPD und die Linke suchen nach einem Kompromiss zwischen den Plänen Fosters und Kriegers, der in den letzten Wochen sein Konzept auch überarbeiten ließ.

Love Parade sollte die Wende bringen und das Image der Stadt verbessern

Unter diesen Umständen bekommt die Organisation der Love Parade auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs einen weiteren Aspekt. Mit der Technoveranstaltung wollte die Stadt auch potentielle Investoren auf das Gelände des Güterbahnhofs aufmerksam machen, um so das Stadtentwicklungskonzept von Norman Foster zu retten.

Zu diesen wirtschaftlichen Interessen kam auch noch das schlechte Image der Stadt. 2005 fanden in Duisburg zwar die World Games statt und während der Weltmeisterschaft 2006 hatte die italienische Nationalmannschaft hier ihr Quartier, doch daran kann sich außer den Duisburgern kaum jemand erinnern. Die World Games stoßen nur bei Fans von Radsportarten auf Interesse und den Titelgewinn der Italiener bei den Fußballweltmeisterschaften verbindet der gewöhnliche Fan eher mit der Niederlage der Deutschen im Halbfinale und dem mittlerweile legendären Kopfstoss von Zinedine Zidane gegen Marco Materazzi. An den Mafiamord im Sommer 2007 oder den im letzten Jahr eskalierten Rockerkrieg zwischen den Hells Angels und Bandidos können sich dagegen viele erinnern.

Die Love Parade sollte diese schlechten Nachrichten in den Schatten stellen. Jugend und Lebensfreude sollten aus Duisburg vermeldet werden, auch wenn dies nur für ein Wochenende wäre. Und diese Sehnsucht nach guten Nachrichten und wirtschaftlichen Erfolgen machte den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland und seine Dezernenten taub für die ganzen Sicherheitsbedenken, die im Vorfeld der Love Parade geäußert wurden. Dabei hätten sie gewarnt sein müssen. Bereits bei der Essener Love Parade 2007 wäre es beinahe zu einer Massenpanik gekommen.

Doch die Essener Stadtherren hatten Glück. Es ist die Duisburger Love Parade, die mit 21 Toten und über 500 Verletzten endete. Nun fahndet die Öffentlichkeit nach den Verantwortlichen für dieses Unglück und stößt dabei nur auf gegenseitige Schuldzuweisungen. Dass aber Adolf Sauerland, der einstige Held der NRW-CDU, der 2004 Bürgermeister in einer Stadt wurde, in der es einst hieß, die SPD könne bei den Bürgermeisterwahlen sogar einen Stuhl aufstellen, die politische Verantwortung für das Unglück trägt, davon sind die Menschen überzeugt. Und damit haben sie gar nicht Unrecht, denn Sauerland waren die Sicherheitsbedenken bekannt - und verschwieg sie. Doch einen Rücktritt lehnt der Bürgermeister ab, da er diesen als ein Schuldeingeständnis versteht. Dafür will er sich einem Abwahlverfahren stellen, wie er am Montag in einer Stellungnahme erklärte.

Die Diskussion um seine Person konnte Sauerland damit jedoch nicht beenden. Die FDP will nun eine Sondersitzung des Stadtrats für den 30. August einberufen, um Sauerland noch vor dem 4. Oktober abzuwählen. Doch die im Duisburger Stadtrat vertretenen Parteien müssen sich auch die Frage nach ihrer Verantwortung stellen. Egal ob die Linkspartei, die SPD, die FDP, Sauerlands CDU, deren Kreisvorsitzender Thomas Mahlberg bekanntlich die Abberufung des Duisburger Polizeipräsidenten Rolf Cebin forderte, als dieser Sicherheitsbedenken gegen die Love Parade äußerte, oder die Grünen, sie alle wollten die Love Parade in Duisburg haben, da "die positiven Auswirkungen für das Image Duisburgs immens seien" (Erklärung der Duisburger Grünen).

Keine der Parteien zeigte jedoch Interesse für das Sicherheitskonzept. Deren einzige Sorge galt lediglich der Finanzierung der Veranstaltung: Die klamme Stadt sollte keinen einzigen Cent in die Veranstaltung investieren.

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