Die Schlacht der Bilder

09.08.2010

Ein neuer König des Anime-Films: Hosoda Mamoros geniale, bisher ungesehene Mischung aus Science-Fiction und Gesellschaftssatire - "Summer Wars"

Dies ist ein Meisterwerk und die Geburtsstunde eines neuen Vorreiters auf dem Gebiet japanischer Anime-Kunst. Ein soziales Netzwerk, das Amok läuft, ein Militärexperiment, das aus den Fugen gerät, alte Samurai-Tugenden, die auf Hypermoderne treffen - der Anime "Summer Wars" von Hosoda Mamoro ist nicht nur einer der besten Filme dieses Sommers. In atemberaubenden, übersprudelnden Bildern entfaltet er dutzende neuer, virtueller Welten und verknüpft das Paradies der Bilder mit einem technologischen Alptraum, einer klugen Reflexion über die Medienkultur unserer Gegenwart in der sich Informationen in Echtzeit verbreiten und Identitäten virtuell definiert werden.

"Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" - so hieß vor ein paar Jahren der erste Anime von Hosoda Mamoro; es handelte sich um die erste Anime-Verfilmung (und Abwandlung) einer bekannten, bereits mehrfach verfilmten Short-Story aus den sechziger Jahren. Bereits dieser heraustragende Film, der originelle Reflexionen über Zeitreisen und Relativitätstheorie mit den stinknormalen Pubertätsproblemen eines 17-jährigen Tomboys verband, wies den Weg, auf dem "Summer Wars" jetzt gleich ein paar Schritte voranschreitet.

Alle Bilder: AV Visionen

In Japan sprach man bereits vom Erben Miyazakis, und sein neuer Film übererfüllt dergleichen große Erwartungen: So reich, so originell, so waghalsig sind Bildsprache wie Erzählweise, dass sie ein Publikum weit über die Anime-Fans hinaus begeistern sollten, und dem Anime-Genre mit dieser ungesehenen Mischung aus Science-Fiction und Gesellschaftssatire neue Zuschauerschichten erschließen dürften.

Samurai-Tradition

Es ist Sommer, und die beiden Klassenkameraden Natsuki und Kenji fahren für vier Tage aufs Land. Genauer gesagt: Sie fahren zu Natsukis Urgroßmutter. Die alte Dame, die ihren 90ten Geburtstag feiert, ist der Sproß einer alten Samurai-Familie, überaus streng deren Traditionen verhaftet, und ihre ganze riesige Familie, die über Japan verstreut ein modernes Leben lebt, kommt zu diesem Familientreffen in einem altmodischen, traditionell-japanischen Landhaus und wird sich für diese vier Tage den altmodischen Vorstellungen der Großmutter anpassen.

Natsuki und Kenji sind 16 Jahre alt und ahnen noch nicht, was wir Zuschauer schon spüren: Das sie nämlich ein Liebespaar werden im Laufe des Films. Warum die kesse Schulschönheit Natsuki den schüchternen Kenji gefragt hat, sie zu begleiten, mag am Ende durch stille unbewußte Zuneigung begründet sein, hat aber auch einen objektiven Grund: Sie möchte ihrer Uroma eine Freunde machen, indem sie ihr zum Schein einen "vorzeigbaren" Verlobten präsentiert - und Kenji soll diese Rolle spielen.

Die Gegenwart bricht mit Macht in die Idylle ein

So beginnt dieser Film, und bleibt man an der Oberfläche von "Summer Wars", handelt es sich damit also um eine eingängige, leichte, sehr unterhaltsame Sommerkomödie, die die Sommerferien als Stunde der Adoleszenz schildert, intelligent mit Klischees spielt und nebenbei unaufdringlich von japanischen Traditionen erzählt.

Aber "Summer Wars" von Hosoda Mamoro ist viel mehr: Denn nur am Anfang bleibt das friedliche Landleben ungestört, bald schon bricht die Gegenwart mit solcher Macht in die Idylle ein, dass selbst die Großmutter dies nicht mehr ignorieren kann - und wenn es darum geht, nicht weniger als die Welt zu retten, sind ihr dabei dann auch ein paar fast vergessene Samurai-Tugenden durchaus behilflich...

"Summer Wars" ist ein Anime, ein Animationsfilm im typisch japanischen Stil und damit also ganz anders als Disney - nicht so niedlich in den Bildern und nicht so harmonisch in seiner Handlung und daher unbedingt auch für Erwachsene gedacht. Aber auch gemessen am visuellen Wagemut und an den Verrücktheiten, die man von Animationsfilmen aus Japan in den letzten Jahren schon gewohnt war, stellt "Summer Wars" trotzdem etwas Neues und höchst Besonderes dar. Denn unter der Oberfläche ist dies ein Stück Zeitdiagnose, eine bemerkenswerte, einfallsreiche, kluge Reflexion unserer Gegenwart, die sich nicht in billige Auswege flüchtet.

Soziale Netzwerke - spektakulär, verführerisch, gefährlich

Es geht um etwas sehr Zeitgemäßes: Um Soziale Netzwerke. Unter diesem Begriff verstand man einmal eine Familie, wie zum Beispiel die von Natsuki. Heute meint man damit etwas ganz anderes: Internet-Gemeinschaften wie Facebook.

"Welcome to the world of Oz. Oz ist ein internetbasiertes virtuelles Universum, in dem sich Menschen aus der ganzen Welt amüsieren."

Im Film, der in einer sehr sehr nahen, unserer Gegenwart ganz ähnlichen Zukunft spielt, heißen sie "Oz" - genau wie das Land des Zauberers in Victor Flemmings Hollywood-Musical "Das Zauberhafte Land". In diesem Zauberland "Oz" kann man alles machen. Vor allem kann sich verlieren, und die Welt um sich vergessen. Es geht aber auch umgekehrt: Die Internet-Plattform "Oz" ist ebenso spektakulär und verführerisch, wie gefährlich.

Bald macht das soziale Netzwerk sich selbstständig, entfaltet ein gefräßiges, höchst bedrohliches Eigenleben, verwandelt sich in eine amoklaufende digitale Wüste und versucht, die Herrschaft über die reale Welt zu übernehmen. Eine - nicht zufälligerweise in den USA entworfene und von dort aus in die Welt gesetzte - nahezu perfekte Künstliche Intelligenz namens "Love Machine" "frisst" Accounts, hackt den Avatar von Kenji und legt die Nachrichten- und Verkehrssysteme von Japan lahm. Kenji und Natsuki's Familie schlägt zurück, und es kommt zum Clash zwischen virtueller und realer Welt…

Traditionalismus gegen Hyperfuturismus

So weit hergeholt ist das Szenario, wie wir wissen, keineswegs: Neulich erst trafen sich der britische Premierminister David Cameron und Facebook-Boss Mark Zuckerberg und verhandelten miteinander wie zwei Staatschefs, von gleich zu gleich.

Visuell ist das überaus einfallsreich, im Einzelnen neu, clever, witzig und insgesamt auch neu und oft atemberaubend: Hosoda entfaltet einen Bilderrausch, einen faszinierenden Wirbelsturm aus Farben und Zeichen voller "Whow"-Momente und lässt den Zuschauer dabei begreifen, was die Existenz virtueller Parallelwelten wirklich bedeutet, vor allem wenn sich die eine Welt mit der anderen vermischt. In dieser Hinsicht ist "Summer Wars" der bessere "Avatar", und im Gegensatz zu James Camerons geistig doch eher banalem Welterfolg tatsächlich auf der Höhe seines Themas. Auch "Summer Wars" ist - mehr noch als der predigerhafte "Avatar" - Spektakel pur, aber im Vergleich zu diesem sehen viele andere Filme kindisch aus und wirken öde.

Traditionalismus gegen Hyperfuturismus - selten wurde dieser Gegensatz, der unsere Moderne prägt, so präzis geschildert. Insofern ist "Summer Wars" ohne Frage auch als sozialer Kommentar zu den Gegensätzen zwischen analoger und digitaler Welt zu verstehen. Hosoda präsentiert dabei keineswegs eine konservative Botschaft, obwohl das aufgrund der Feier von Gemeinschaft und "family values" so scheinen mag.

Geerdeter Cyber-Thriller

Vielleicht ist es "typisch japanisch", dass es hier nicht um einen Gegensatz zwischen "realer" und "virtueller" Welt, zwischen Gut und Schlecht, geht. Das eine hat ganz selbstverständlich mit dem anderen zu tun und ist aus ihm hervorgegangen. Und darum kann das in sein Gegenteil verkehrte Neue, die sich selbstständig machende und übergriffige virtuelle Welt, nur durch Verständnis und Einfühlung kuriert werden.

So ist "Summer Wars" beides zugleich: ein Cyber-Thriller, der im Vergleich zu den Abenteuern der Hollywood-Machos Cameron und Nolan, im Vergleich zu "Avatar" und "Inception", sehr geerdet wirkt. Und es ist ein Familienfilm für jung und alt, der die Familie feiert ohne sie verklären, der für ein Zusammenleben der Generationen plädiert, nicht für ein Unterordnen der einen ohne die andere.

Das ist dann eben nicht moralisierend, sondern schlicht humanistisch. Und dabei überaus charmant. Der Charme und die Eleganz von "Summer Wars" liegt allerdings in den Bildern des Films. Sie muss man sehen. Ganz einfach.

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