Zeiten der Extreme
Die Energie- und Klimawochenschau: Dürren, Brände und Fluten zerstören die Ernten, doch Klimaverhandlungen stecken immer noch in der Sackgasse
In diesen Wochen überschlagen sich die Katastrophenmeldungen aus aller Welt. Extrem-Hitzewelle und Feuersbrünste in Russland (Brandkatastrophe in Russland), dramatische Überschwemmungen in Pakistan, die bereits mindestens 1.600 Todesopfer gefordert haben und sich weiter ausbreiten, und noch umfangreichere Fluten in verschiedenen Teilen Chinas, wo in den letzten Tagen allein bei einem einzigen Erdrutsch über 1100 Menschen ums Leben kamen.
So gut wie keine Schlagzeilen macht hingegen die anhaltende Dürre in Teilen der afrikanischen Sahelzone, die sich im Süden an die Sahara anschließt. Dort leiden immer noch mehrere Millionen Menschen Hunger. Zunächst hatten im letzten Jahr Überschwemmungen und nun eine schwere Dürre einen erheblichen Teil der Ernte vernichtet und viele Haustiere getötet.
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Aber der Hunger ist nicht unbedingt eine Folge eines extremen Mangels an Nahrungsmitteln. Diese können heute, sofern der politische Wille besteht und die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, in jeden beliebigen Teil der Erde in ausreichender Menge transportiert werden. Er ist eher eine Folge fehlenden Einkommens aufgrund der verlorenen Ernte und der Verteuerung aufgrund der lokalen Verknappung.
Weizenpreis steigt
Aus der lokalen könnte bei einigen Grundnahrungsmitteln schon bald eine globale Verknappung werden. Besonders der Weizenpreis ist, wie berichtet, unter Druck, nach dem Russland ein temporäres Exportverbot verhängt hat. Der britische Guardian spricht bereits von einer drohenden Panik, die die Preise weiter nach oben treiben könnte und erinnert an ein Ereignis aus dem Jahre 1973. Damals hatte in der Sowjetunion eine Dürre 20 Prozent der Ernte vernichtet, was dazu führte, dass Moskau aus Angst vor Versorgungsengpässen den vollständigen US-Überschuss aufkaufte. In Großbritannien hätte sich dadurch seinerzeit das Brot um 87 Prozent verteuert.
Zu etwaigen globalen Engpässen könnten auch die gegenwärtigen Überschwemmungen in Pakistan mit beitragen, die im großen Maßstab die Ernte vernichtet haben. Dort weitet sich seit einigen Wochen ein außergewöhnlich stark ausfallender Monsun zur Katastrophe aus. Eigentlich sind diese regelmäßig wiederkehrenden Regenfälle für den indischen Subkontinent eine lebenswichtig, sie können allerdings auch sehr heikel werden, wie man jetzt wieder sieht. Fällt der Monsun aus, verdorrt die Ernte auf den Feldern; die Bauern haben kein Einkommen, die Lebensmittel verteuern sich und die Armen leiden Hunger. Fällt er zu heftig aus, so drohen schwere Unwetter wie jetzt in Pakistan und Teilen Nordindiens, oder wie die schwere Flutkatastrophe, die 1991 in Bangladesh rund 140.000 Menschen das Leben kostete, oder wie der tropische Wirbelsturm, der 1999 den ostindischen Bundesstaat Orissa verheerte.
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| Wetteraussichten in Pakistan am Mittwoch. Das Land wird weiter von schweren Niederschlägen heimgesucht. Die Monsun-Saison wird noch einen Monat dauern. Grafik: Pakistan Meteorological Department |
Millionen Obdachlose
Ein zunehmender Trend tropischer Wirbelstürme, die während des Monsuns in der Region auftreten, ist aus den Daten des indischen Wetterdienstes nicht abzulesen. Allerdings zeigen die pakistanischen Statistiken recht deutlich, wie außergewöhnlich der diesjährige Monsun ist. Im Juli fielen landesweit 170 Prozent des üblichen Niederschlags. In der besonders betroffenen Provinz Khyber-Pakhtunwa an der nordwestlichen Grenze zu Afghanistan waren es sogar 279,1 Prozent. Im Punjab vielen 157 Prozent des Normalwerts, doch dort kommt hinzu, dass Pakistans großer Strom, der Indus, durch diese als Brotkorb des Landes geltende Provinz fließt und durch die starken Niederschläge am Oberlauf über seine Ufer tritt.
Landesweit sind nach Angaben der pakistanischen Behörden, die von der UN zitiert werden, über eine Millionen Hektar Ackerfläche überschwemmt, deren Ernte damit zerstört ist. Mehr als 300.000 Wohnhäuser seien zerstört oder beschädigt, zwei Millionen Menschen Obdachlos. Die Vereinten Nationen sprechen von sechs Millionen Menschen, die auf schnelle Hilfe angewiesen sind, wobei nicht ganz klar ist, ob sich die Zahl nur auf den Punjab oder das ganze Land bezieht. Die Versorgung der Menschen ist schwierig, weil viele Straßen und Wege unpassierbar sind. Vielerorts wurden die Wasserversorgung und die Bewässerungssysteme zerstört. Allein der Schaden an letzteren wird auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt.
Nachlässigkeit
Noch keinen Überblick gibt es über die Schäden in Russland, wo die Wald- und Torffeuer immer noch weiter um sich greifen. Die schweren Rauchwolken führen zusammen mit der anhaltenden Hitze im Moskau inzwischen zu einer Verdoppelung der Sterberate. Besonders häufig stürben die Menschen an Herzinfarkten, berichten Ärzte. Die Vorhersagekarten des deutschen Wetterdienstes zeigen, dass eine Verbesserung der Lage nicht in Sicht ist. Zumindest für die nächsten vier Tage sind Temperaturen über 30 Grad in den betroffenen Regionen sicher.
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| Eine interaktive Grafik über die Zahl und Orte der Brände gibt es bei der Nachrichtenagentur Ria Novosti |
Die französischen Zeitung Le Monde (englische Übersetzung im Guardian) berichtet interessante Details über die Ursachen. So ist das einstige staatliche Management der Wälder nach der Auflösung der Sowjetunion und der neoliberalen Schock-Therapie unter Boris Jelzin offensichtlich zusammengebrochen, um 2007 von Putin ganz aufgelöst worden zu sein. Eine Feuerkontrolle habe nicht mehr stattgefunden.
Hinzu kommt, dass in Russland seit dem 19. Jahrhundert Moore trocken gelegt werden. Besonders in Sowjetzeiten sei aber aufgrund mangelhafter Planung und Kompetenzwirrwarrs der Torf oft nicht abgebaut worden. Der liegt also noch vielerorts ihn den Böden, nun allerdings trocken und eine leichte Beute für etwaige Waldbrände. Zu Sowjetzeiten seien die Torffelder noch per Hubschrauber in der trockenen Jahreszeit überwacht worden, aber auch das wurde offensichtlich eingestellt. Manches der derzeitigen russischen Krise ähnelt also dem amtlichen Missmanagement, das 2005 zur Überflutung New Orleans führte. Zu befürchten ist, dass auch ähnlich massiv die Menschenrechte der Opfer verletzt werden, wie es seinerzeit in den USA geschah.
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| Brandherde in Russland, Aufnahme des Satelliten Terra am 11. August. Bild: Nasa |
Ist es der Klimawandel?
Natürlich mangelt es nicht an Stimmen, die die beängstigende Serie aktueller Umweltkatastrophen mit dem Klimawandel in Zusammenhang bringen. Für derartige Aussagen bräuchte man allerdings eine genaue statistische Analyse und einen Vergleich mit einem Klimamodell. Weder das eine noch das andere konnte bisher in der Kürze der Zeit wissenschaftlich publiziert werden. Es gibt allerdings die bereits auf Telepolis zitierteAussage des Chefs des Russischen Dienstes für Hydrometeorologie und Umweltkontrolle (Rosgidromet), Alexander Frolow, eine derartige Hitze habe es auf dem Territorium der Russischen Föderation seit mehr als Tausend Jahren nicht gegeben.
Natürlich gibt es auch in Russland keine Messreihen, die so weit zurück reichen. Derartige Aussagen lassen sich jedoch im Prinzip auf zwei ganz unterschiedliche Weisen gewinnen. Zum einen lässt sich Kenntnis über das vergangenen Klima aus der Untersuchung von Baumringen oder auch alten Pflanzenpollen in den Ablagerungen von Seen gewinnen. Zum anderen könnte Frolows Aussage auch statistisch gemeint sein: In den existierenden Messreihen, die auch in Russland etwas über 100 Jahre zurückreichen dürften, lassen sich Hitzeperioden nach ihrer Dauer abzählen, oder man kann auch Perioden von ein oder zwei Wochen nach der Temperatur klassifizieren.
In beiden Fällen ergibt sich eine charakteristische Verteilung, in der kühlere Perioden, oder kürzere Hitzephasen häufiger und heiße oder lange Hitzeperioden seltener auftreten. So ließe sich denn eine Aussage über die derzeitige Hitzewelle treffen, wonach diese in einem gleichbleibenden Klima nur alle 1000 Jahre auftreten sollte.
Häufen sich die Extremereignisse allerdings, was vermutlich auf die derzeitigen Fluten entlang des chinesischen Yangtses zutrifft, dann ist das ein deutliches Indiz dafür, dass sich das regionale Klima verschiebt. Der WWF-Russland zitiert Rosgidromet, wonach sich die Häufigkeit der für die Wälder gefährlichen Hitzewellen in den letzten 15 Jahren verdoppelt habe.
Treibhaus verstärkt
So oder so werden Dürre und Brände in Russland nicht ohne Auswirkungen auf das globale Klima bleiben. Schon ohne Feuer sorgt die ausgedehnte Trockenheit und vor allem die Hitze dafür, dass größere Mengen des im Waldboden gespeicherten Kohlenstoffs in Form von CO2 (Kohlendioxid) in die Atmosphäre gelangt, wo sich dadurch die Konzentration dieses Treibhausgases erhöht. Die Verbrennung von Bäumen und Torf trägt ein übriges dazu bei.
Es gibt allerdings noch einen zweiten Mechanismus, über den die russischen Brände den Treibhauseffekt verstärken. Sie setzen großen Mengen an Rußpartikeln frei, von denen ein Teil, vielleicht sogar ein erheblicher Teil, seine Weg in die Arktis finden wird. Wenn er sich dort auf Eis und Schnee ablagert, wird das das Abtauen verstärkt. Die Partikel sorgen nämlich dafür, dass weniger Sonnenlicht reflektiert und mehr absorbiert wird, sodass die Unterlage erwärmt wird.
Zur Zeit, so zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Direktor des norwegischen Polarinstituts, sind die Luftmassen über dem russischen Festland stabil. Doch sobald sich die Windverhältnisse verändern, könnte der Rauch nordwärts getrieben werden. Dort, auf dem Polarmeer, liegt nach Angaben der US-Behörde für Ozeane und Atmosphäre NOAA die Eisbedeckung schon jetzt rund 12 Prozent unter dem jahreszeitlich Üblichen. Nur 2006 und 2007 gab es im Juli noch weniger Eisfläche rund um den Nordpol. Aber das Tauen wird noch bis etwa Mitte September weiter gehen. Bei der Uni Bremen kann man sich ein Bild davon machen, wie porös das Eis schon jetzt ist.
Kyoto verlängern?
Bei all dem ist es besonders frustrierend, dass am vergangenen Freitag in Bonn einmal mehr internationale Klimagespräche ohne greifbaren Fortschritt zu Ende gingen. Inzwischen gibt es kaum noch Hoffnung, dass im Dezember im mexikanischen Cancún auf der nächsten großen UN-Klimakonferenz nachgeholt werden könnte, was in Kopenhagen gescheitert ist (Nach dem Scheitern in Kopenhagen), nämlich Ersatz für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll zu schaffen.
Entsprechend gibt es inzwischen unter Fachleuten und Diplomaten eine Diskussion, über die die New York Times berichtet, ob das Protokoll nicht für zwei Jahre ausgedehnt werden kann. Doch auch dafür wäre die Zeit schon ziemlich knapp. Nötig wäre nämlich eine Änderung des Vertragstextes, die in über 100 Ländern durch den Ratifizierungsprozess gebracht werden muss. Vielleicht verlegt man sich jedoch auch darauf, das Vertragswerk in einzelne Teile zu zerlegen.
http://www.heise.de/tp/artikel/33/33119/1.html- liebe Capella !!111- i c h - w i l l - h i e r - v o n - n i c h t s - u n d (18.8.2010 23:48)
- meine buchenpfehlung zum thema euthanasie (15.8.2010 18:09)
- Re: ...den du da schreibst (15.8.2010 16:54)
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