Rechnung ohne Wirt

Kippt Stuttgart 21?

Die skandalöse Art, in der die Verlegung des Stuttgarter Bahnhofs unter die Erde durchgedrückt werden soll, bringt viele Stuttgarter in Rage. Es kommt zu Besetzungen und anderen Aktionen; an der letzten Großdemonstration beteiligten sich 16.000 Menschen.

Nun mag mancher sagen, das sei ja nicht gerade viel für eine Großdemonstration. Man muss aber bedenken, dass die folgsamen, konservativen Schwaben, die zudem für Technik einiges übrig haben und aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex gerne mal ein bisschen größenwahnsinnig werden, eigentlich genau das Zielpublikum für die idiotische Verlegung des Bahnhofs unter die Erde wären, das sich alle Technokraten wünschen. Möglicherweise hat man sich aber verrechnet, als man auf diese Charakterzüge der schwäbischen Volksseele setzte und andere Seiten vergaß.

Es protestieren nämlich keineswegs nur irgendwelche Randgruppen. Es sind nicht nur "Modernisierungsverlierer", links angehauchte Studenten und verkehrspolitisch interessierte Grüne, denen die Geld- und Stadtvernichtungsmaschine, die sich "Stuttgart 21" nennt, gewaltig stinkt. Stuttgart 21 wird zusehends über seine unmittelbare verkehrs- und finanzpolitische Bedeutung hinaus ein Prüfstein für die Frage, ob es so etwas wie kommunale Demokratie mit rationalen Entscheidungsprozessen in Stuttgart überhaupt gibt, oder ob sich - wie so oft und nicht nur in Stuttgart - die Demokratur der Seilschaften, Sachzwänge und der Staatsraison durchsetzt.

Auf diese Weise hat Stuttgart 21 wenigstens in einer Hinsicht bereits Erfolg gehabt: Das Projekt hat in der Stadt und im ganzen Umland genug Unruhe hervorgerufen, um ein Klima des Protests zu schaffen.

Schon im letzten Jahr haben die Künstler und Künstlerinnen der Stadt ihrem Unwillen über symbolische Sparaktionen Ausdruck gegeben, die die komplett aus dem Ruder laufenden Kosten von Stuttgart 21 vertuschen sollen (siehe dazu Streichkonzert mit Missklängen). Mahnwachen und Montagsdemonstrationen zum Thema gab es schon lange, die entsprechenden Websites und Blogs können ebenfalls bereits auf eine längere Geschichte zurückschauen. Es ist aber unverkennbar, dass die Militanz der Proteste zunimmt, die Besetzung des Bahnhof-Nordflügels am 27.7. spricht eine deutliche Sprache.

Zudem scheint die gestiegene Protestbereitschaft der Stuttgarter auf andere Themen überzugreifen. Bei dem öffentlichen Gelöbnis von Bundeswehrrekruten am 30.7. auf dem Stuttgarter Schlossplatz kam es zu erheblichen Störungen, als einige Veranstaltungsteile nicht ganz so liefen wie geplant.

Immerhin haben Stuttgart 21 und der Afghanistankrieg doch eine Sache gemein: die Mehrheit der Bevölkerung lehnt sie ab. Die wachsende Unruhe in Stuttgart jedenfalls erfüllt die Sachwalter der Demokratur mit Sorge.

Die Vernunft hat man zwar gegen sich - ein neues Gutachten bestätigt wiederum die Sinnlosigkeit von Stuttgart 21 - aber wann hätte die Vernunft je in der Politik groß von sich reden gemacht? Ob die Proteste vielleicht in dieser Hinsicht etwas bewirken? Viel Skepsis und ein bisschen Hoffnung sind angebracht.

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