Architektur von anstößiger Hässlichkeit

19.08.2010

Der Preis für das hässlichste neue Gebäude, den in Großbritannien jährlich eine Architekturzeitschrift verleiht, wäre auch in Deutschland und anderswo gefragt

In Großbritannien wurde von der Architekturzeitschrift Building Design das fünfte Mal der Carbuncle Cup für das hässlichste Gebäude im Land verliehen, das in den letzten 12 Monaten fertig gestellt wurde. Wer über solch ein Gebäude gestolpert ist, konnte dies bei der Zeitschrift einreichen, die aus den Vorschlägen dann eine Liste von sechs nominierten Gebäuden auswählte. Über den Gewinner entschied eine Jury.

Der als hässlichste Gebäude 2010 ausgezeichnete Strata-Turm. Bild: London SE1

Auserkoren wurde der mit 43 Stockwerken 148 m hohe Strata-Turm mit 408 Wohnungen im Londoner Stadtteil Elephant & Castle. Nominiert wurde er wegen seines grotesken visuellen Aussehens. Der Bauträger Brookfield Europe sieht das natürlich ganz anders. Für ihn ist der Turm natürlich eine Ikone, ein "atemberaubendes Wahrzeichen" Londons. Sie sei eine "mutige und visionäre Aussage" und setze einen Maßstab für Design, Qualität und Nachhaltigkeit".

Londons Bürgermeister Johnson vor dem Strata-Turm. Foto: London SE1

Nachhaltigkeit deswegen, weil die drei an der Spitze befindlichen Windturbinen das neue "Wahrzeichen" zwar prägen, allerdings liefern sie gerade einmal 8 Prozent des Stroms. Londons Bürgermeister Boris Johnson bezeichnete das Hochhaus offenbar nicht ganz so begeistert als "Lippenstift" und als Gebäude "with a bit of oomph about it".

Der Carbuncle Cup

Als Begründung für ersten Preis wird genannt, dass der Turm so nach kleinem Jungen rieche und für einen James-Bond-Film gemacht sei. Als einziges Hochhaus in der Umgebung sei es richtig aufdringlich und die schwarz-weißen Streifen, die einen Strichcode darstellen sollen, würden die sonstige "Grellheit" noch übertreiben. Aufgrund von "Greenwashing, urbaner Unschicklichkeit und den Magen umdrehender Hässlichkeit" erzielte es den ersten Preis.

Nur knapp hat der Strata-Turm die Bézier-Appartements in der Old Street an "anstößiger Hässlichkeit" überboten. Die werden als plump in der Form bezeichnet. Praktischerweise gehen die Balkone auf eine der am meisten befahrenen Straßenkreuzung hinaus, zudem würde das Gebäude an einen Büstenhalter erinnern.

Bézier-Appartements. Bild: Building Design

In New York wurde kürzlich der vom American Institute of Architects herausgegebene AIA Guide to New York City ausgerechnet das neue, von Stararchitekt Renzo Piano gebaute Gebäude der New York Times zum hässlichsten Gebäude gekürt. Bei AIA verwies man allerdings schnell darauf, dass dies doch nur der Autor des Architekturführers gemacht habe, eigentlich halte man es für eines der gelungensten.

Und Virtual Tourist hat Ende 2009 zum zweiten Mal die 10 der weltweit hässlichsten Gebäude vorgestellt. Platz 1 war dieses Mal für die Boston City Hall reserviert, tatsächlich ein erstaunliches Gebäude.

Boston City Hall. Foto: boston.gov

Warum gibt es in Deutschland eigentlich noch keinen jährlich verliehenen "Preis" für das hässlichste Gebäude, das neu gebaut wurde? Damit könnte man nicht nur die Aufmerksamkeit auf die vielen Bausünden lenken, die Jahr für Jahr unsere Städte und Landschaften auf Jahrzehnte hinaus, wenn nicht länger, prägen, sondern womöglich auch einen gewissen Einfluss auf Architekten und die anderen Beteiligten ausüben, die dafür verantwortlich sind.

Ein solcher virtueller Pranger, der entweder durch eine namhafte Jury oder online durch die Internetnutzer, allesamt ja schließlich Betroffene realisiert wird, wird sicher immer willkürlich sein, aber man könnte sich vorstellen, dass sich daraus eine lebhafte und wichtige Diskussion über die gebaute Umwelt ergeben könnte. Anders als in den virtuellen Welten, aus denen wir jederzeit auswandern, umziehen oder – sofern möglich – auch konstruktiv verändern oder erweitern können, sind die Menschen mit der gebauten Umwelt konfrontiert, die ihre Lebenswelt innen und im öffentlichen Raum maßgeblich prägt. Die Menschen werden gezwungen, in der (in aller Regel) von Anderen gebauten Umwelt zu leben, sie zu ertragen, so hässlich, langweilig oder unwirtlich sie auch immer sein mag.

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