Trotz Rekordwachstum keine Feierlaune

14.08.2010

Obwohl die deutsche Wirtschaft um 2,2% gewachsen ist, geht die Börse in den Keller

Das Verhalten könnte widersprüchlicher nicht sein, scheinbar. Am Freitag wurde verkündet, dass die deutsche Wirtschaft im 2. Quartal um 2,2% gewachsen ist. Sollte da nicht Feierstimmung aufkommen, wenn nach der Rezession und langen Monaten mit geringen Wachstumsraten, die größte europäische Wirtschaft so stark gewachsen ist, wie seit der Wiedervereinigung nicht? An der Börse in Frankfurt verlor der DAX aber 0,4%. Denn eigentlich ist der Fachwelt klar, dass nur eine Reihe von Sondereffekten zu diesem Ergebnis führte, sich in der der Weltwirtschaft aber dunkle Wolken verdichten. Auf den heimischen Konsum kann der Aufschwung nicht bauen. Der Blick über die Grenze treibt den Analysten tiefe Sorgenfalten auf die Stirn.

Jubeln will angesichts des deutschen Quartalergebnisses in der Fachwelt niemand so richtig. Dabei gab es ein solches Wachstum von 2,2% im Vergleich zum Vorquartal "noch nie im vereinigten Deutschland", gab das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag bekannt. Der zum Jahreswechsel 2009/2010 ins Stocken geratene Aufschwung der deutschen Wirtschaft habe sich damit "eindrucksvoll zurückgemeldet", fügt Destatis an.

So richtig begeistert darüber zeigt sich der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). "Es ist eine echt erfreuliche Entwicklung", meinte er. Sein Optimismus sei sogar noch übertroffen worden, weshalb er sogar von einem "Aufschwung XL in Richtung XXL" spricht: "Exporte brummen, die Investitionen nehmen langsam aber stetig zu, das Konsumklima verbessert sich." Es bestünden gute Chancen, dass sich die erfreuliche Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und der Konjunkturaufschwung sogar noch "gegenseitig verstärken". Dafür machte er auch das schwarz-gelbe Wachstumsbeschleunigungsgesetz verantwortlich.

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Doch eigentlich müsste den Minister verwundern, dass die Reaktionen an den Märkten alles andere als euphorisch ausgefallen sind. Statt Jubelstimmung beherrschte auch in Frankfurt am Freitag erneut Tristesse das Parkett. War der Leitindex DAX schon am Donnerstag schwächer aus dem Handel gegangen, verlor er am Freitag mit einem Minus von 0,4% noch stärker. Anders sah es auch nicht in Paris oder Madrid aus, wo die Kurse um 0,28% oder gar um 0,64% in die Knie gingen. Außerhalb der Eurozone, wo es in Großbritannien ein Wachstum von 1,1% gegeben hatte, verzeichnete die Börse in London ein leichtes Plus von 0,18%. In New York verlor der Dow-Jones dagegen 0,16% und der technologieorientierte Nasdaq sogar 0,73%.

Insgesamt wird die weitere Entwicklung eher skeptisch eingeschätzt. Dass nun ein "Aufschwung XXL" ansteht, glaubt eigentlich niemand ernsthaft. Ob Brüderle das wirklich selber glaubt, darf bezweifelt werden. Falls er das tut, sollte man ihm in einigen Monaten seine Worte genauso vorhalten, wie seine einstigen Äußerungen zur Griechenland-Nothilfe. Denn er wollte er dem Land die Hilfe verweigern (Die hektische Eile nach der langen Weile). Nun will ausgerechnet Berlin aber die arme Slowakei zur Räson rufen, weil es aus der Hilfe für das reichere Griechenland aussteigt und so argumentiert, wie einst Brüderle.

So sieht die Financial Times Deutschland (FTD) in der Tatsache, dass das Wachstum in Deutschland so schnell in die Höhe schnellte, ein Problem. Die Zeitung spricht von einem "ungesunden Jojo-Effekt" der unverträglich für die deutsche Wirtschaft sei. Sie geht davon aus, dass der Höhepunkt überschritten sein dürfte, statt einen Aufschwung XXL zu beschwören. Dieses starke Wachstum sei nur möglich gewesen, weil die deutsche Wirtschaft im Jahr zuvor um 4,7% geschrumpft war. Noch immer ist das Produktionsniveau nicht auf dem Stand vor der Krise. Und auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, geht davon aus, dass das Wachstum im drittel Quartal "deutlich weniger" werden wird.

Dunkle Wolken ballen sich weltweit zusammen

So weist auch Krämer auf dunkle Wolken am Konjunkturhimmel hin. So tritt zum Beispiel in China die Regierung auf die Bremse, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden. Besonders gefährlich ist aber, dass auch in China eine Immobilienblase platzen könnte. Ein dort durchgeführter Stress-Test, der eher diesen Namen verdient als das, was in Europa und den USA durchgezogen wurde, ging von der Annahme aus, dass die Immobilienpreise in großen Städten sogar um 50 bis 60% fallen könnten. Das ist noch deutlich mehr, als die Preise in den USA oder in Spanien nach dem Platzen der Blasen einbrachen. Damit hat die Volksrepublik offiziell eingeräumt, dass sich eine riesige Immobilienblase in China aufbläht, die von der Regierung mit zunehmender Sorge betrachtet wird.

Dass die Börsenkurse im Laufe der vergangenen Woche nach unten rasselten, hat nicht nur mit der Entwicklung in China zu tun. Da sind die krassen Bremsspuren in den USA, welche die Notenbank (FED) gerade dazu gebracht hat, die US-Wirtschaft mit neuen Maßnahmen zu stützen. Dabei ließen die noch höheren Wachstumsraten als in Deutschland viele Beobachter hoffen, dass der Motor der Weltwirtschaft nachhaltig in Fahrt kommen würde. Doch der Konsum und die Einkommen stagnieren, weshalb die Konjunktur schon wieder schwächelt. Statt die finanzpolitischen Maßnahmen wie geplant langsam zurückzufahren, kauft die FED wieder Staatsanleihen und belässt auch den Leitzins weiter bei Null.

Ein großes Problem in den USA ist, dass die knapp 9 Millionen Jobs, die in der Krise verloren gingen, trotz hoher Wachstumsraten bislang nicht wieder aufgebaut werden. Die Arbeitslosigkeitsquote war zwar offiziell leicht gefallen, doch dabei handelte es sich vor allem um statistische Veränderungen. Sie steigt nun auch statistisch wieder. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe lagen in der vergangenen Woche bei fast einer halben Million. Stellen in der Privatwirtschaft werden kaum geschaffen, während die öffentlichen Arbeitgeber fleißig entlassen, um die Haushalte zu entlasten. Im August werden zudem 200.000 Menschen entlassen, die in der Volkszählung eine befristete Anstellung gefunden hatten. Die Erwerbsbevölkerung sinkt, es sind gerade noch gut 58% der gesamten Bevölkerung.

Daten am Arbeitsmarkt in den USA wie in der großen Depression

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich auch an der Zahl der Langzeitarbeitslosen. Wurde in der Krise in den 1980er Jahre ein Spitzenwert von 26% registriert, sind es heute 45%, die sechs Monate oder länger keinen Job haben. Das ist ein Wert, wie ihn das Land seit der großen Depression in den 1930 Jahren nicht gesehen hat. Deshalb darf eigentlich die Dynamik beim Bankensterben nicht verwundern. Im laufenden Jahr musste die Einlagensicherungsbehörde (FDIC) schon 110 Banken schließen. Gestern war die Palos Bank and Trust Company in Illinois dran. Der Bundesstaat liegt mit 14 Bankenpleiten nach Florida (20) im laufenden Jahr an zweiter Stelle. Den Negativrekord 2009, als 140 Institute geschlossen wurden, wird 2010 wohl schon im Herbst übertroffen.

Zu dem Stoff, aus dem ein möglicher Rückfall in die Rezession gemacht ist, kommt auch die schwierige Lage am Immobilienmarkt. Eine Erholung an der Front, an der die Finanzkrise einst ausbrach, ist auch weiter nicht in Sicht. Der Preisverfall geht weiter, weil die Zahl der leerstehenden Häuser steigt. Im zweiten Quartal waren es fast 19 Millionen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen steigt ebenfalls. Allein im zweiten Quartal kamen nach Angaben des Analyseunternehmens laut RealtyTrac fast 270.000 Häuser unter den Hammer.

Experten gehen davon aus, dass sich die Lage auf dem Immobilienmarkt sogar noch dramatisch verschlechtern könnte, denn nun sind Stützungsmaßnahmen der Regierung ausgelaufen. Nachdem der Steuerscheck über 8.000 Dollar nicht mehr gewährt wird, ist die Zahl der Hausverkäufe im Juni im Vergleich zum Mai um 2,6% zurückgegangen, obwohl ein Anstieg von 4% erwartet worden war. Im Jahresvergleich brachen die Verkäufe sogar um 19% ein. Auch das Programm, mit dem zum Beispiel Arbeitslose gestützt wurden, damit sie ihre Häuser nicht verlieren, ist ausgelaufen. Ohnehin konnten nur 1,3 Millionen Häuslebauer die Milliardenhilfen in Anspruch nehmen. Bei nur einem Drittel führte das dazu, dass sie die Kreditraten wieder zurückzahlen. Die übrigen werden in der zweiten Jahreshälfte ihre Häuser verlieren und damit wird der Druck auch auf den Markt weiter steigen.

Das alles macht den "Double-Dip" in den USA möglich. Es wächst also die Gefahr, dass es zu einem erneuten Rückfall in die Rezession kommt, vor der auch Wirtschaftsnobelpreisträger warnen (Die Gefahr eines "Double-Dip" wächst). Und ohnehin braucht man nicht über den großen Teich zu schauen. Der Double-Dip ist längst in Europa verwurzelt. Wie die Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat zeigen, ist nun erwartungsgemäß auch Griechenland noch tiefer in die Rezession abgerutscht. Die Wirtschaftsleistung ist im 2. Quartal um 1,5% geschrumpft und damit noch deutlich stärker, als es die Analysten mit 1% ohnehin erwartet hatten.

Auch in der EU droht der Double-Dip

Als Grund nannte die Athener Statistikbehörde die Sparprogramme. Die führen zum Abbau der öffentlichen Ausgaben. Zudem seien im Land weniger Investitionen getätigt worden. Aber auch der Tourismus kränkelt, weshalb allgemein erwartet wird, dass das Mittelmeerland auch in der zweiten Jahreshälfte nicht aus der Rezession herauskommen wird. Zu den drei weiteren Rezessionsländern Rumänien, Slowenien und Finnland fehlen die Daten zum letzten Quartal allerdings noch.

Als nächster Kandidat für den Double-Dip schält sich die viertgrößte Ökonomie im Euroraum heraus. Spanien hatte die zweijährige Rezession mit einem Minimalwachstum von 0,1% im 1. Quartal verlassen. Trotz vorgezogener Käufe vor der Mehrwertsteueranhebung zum 1. Juli wurde im 2. Quartal nur +0,2% verzeichnet. Das ist ein deutliches Zeichen, dass es im zweiten Halbjahr, angesichts der scharfen Sparmaßnahmen kräftig bergab gehen dürfte. Die Großbank BBVA rechnet damit, dass die Wirtschaftleistung 2010 insgesamt um 0,6% schrumpfen wird.

Sparen müssen aber auch andere große Volkswirtschaften, vor allem Italien, das bekanntlich noch höher verschuldet ist als Griechenland. Damit wird das schwache Wachstum von 0,4% dort genauso gefährdet, wie die Sparprogramme in Portugal schon die wirtschaftliche Erholung des Landes belasten. Von 1,1% im 1. Quartal ist das Wachstum nun auf minimale 0,2% gesunken. Damit droht die gesamte iberische Halbinsel wegen der Sparpläne wieder in die Rezession zurückzufallen.

Wie sich die Lage beim Problemkind Irland entwickelt, ist ebenfalls unklar. Klar ist, dass das starke Wachstum (+2,7) aus dem 1. Quartal wegen der Sparpläne nicht zu halten sein dürfte. Kürzlich hatte die Ratingagentur Moody's festgestellt, dass die Sparprogramme und die Bankenrettung dem Land ein anhaltend schwaches Wachstum bescheren werden. Klar ist, dass die maroden Banken die Steuerzahler wohl noch teurer zu stehen kommen, als ohnehin erwartet. Die bisher stabilste Bank of Ireland, wo die Staatsbeteiligung bisher nur bei 16 % liegt, hat einen Verlust vor Steuern von 1,2 Milliarden Euro gemeldet. Der Verlust ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50% gestiegen. Die schon verstaatlichte Anglo Irish Bank bekam gerade eine erneute Geldspritze in einer Höhe von 10 Milliarden genehmigt. Das sind noch 2 Milliarden Euro mehr, als ohnehin erwartet wurde.

Insgesamt sind die Angaben von Eurostat, wonach das Wachstum in der EU 1% betragen habe, verzerrt. Schließlich fehlen noch die Angaben aus neun Ländern. Vor allem zieht Deutschland die Bilanz nach oben, doch könnten die fehlenden Angaben aus den Problemländern das recht positive Ergebnis nach unten ziehen. Dass Deutschland so stark zugelegt hat, dass sieht ja auch Wirtschaftsminister Brüderle ein, lag vor allem am starken Export. Und dafür haben vor allem Sondereffekte gesorgt.

Binnenmarkt schwächelt

So wirkte der schwache Euro im 2. Quartal für den deutschen Export wie ein Turbolader. Im Juni war der Euro im Vergleich zum Dollar sogar unter die Schwelle von 1,20 gefallen. Doch im Juli und August pendelte wieder um Marke 1,30 herum, erreichte am 6.8. den bisherigen neuen Höchststand von fast 1,33. Er ist also etwa 10% teurer geworden, womit sich auch deutsche Waren für Länder wie China, USA, Großbritannien… deutlich verteuert haben. Dazu kam der Effekt, dass in vielen Ländern die in der Krise geleerten Lager wieder gefüllt wurden. Das führte ebenfalls zu einem Nachfrageschub. Dieser Prozess ist weitgehend abgeschlossen und die neuen dunklen Wolken, die sich über der Weltwirtschaft zusammenballen, lassen viele Investoren wieder vorsichtiger werden.

Zu der allgemeinen Einschätzung, dass sich das Wachstum in Deutschland wieder deutlich abschwächen wird, kommt neben den internationalen Entwicklungen aber auch, dass der nationale Konsum weiter schwach ist und eben kaum zur Stützung des Aufschwungs beitragen kann. Keine Zahl drückt das deutlicher aus, als die Entwicklung auf dem für die deutsche Wirtschaft so wichtigen Automarkt. In Deutschland wurden im Juli 30% weniger neue Fahrzeuge zugelassen als im Vorjahresmonat. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) in Flensburg waren es nur 237.400. "Seit Jahresbeginn sank der Absatz somit um 29% auf insgesamt gut 1,7 Millionen", stellt der Verband der Automobilindustrie (VDA) fest. Nur die Exporte haben im Juli "allerdings mit verminderter Geschwindigkeit" für Wachstum gesorgt. Auch der VDA weist aber darauf hin, dass auch "das Exportvolumen noch immer 5% unter dem Vergleichswert aus 2008" läge.

Und europaweit gehen die Verkaufszahlen ebenfalls weiter in den Keller. Das ergibt sich aus Daten des europäischen Verbandes der Automobilhersteller (ACEA). Nach dem Auslaufen der Abwrackprämien in vielen Ländern bleiben die Kunden von den Autoverkäufern fern. Im Juni gingen die Neuzulassungen in der gesamten EU um 6,9% auf 1,3 Millionen Fahrzeuge zurück. Das war bereits der dritte monatliche Rückgang in Folge. ACEA verzeichnete im Halbjahresvergleich noch einen minimalen Anstieg von 0,2 % auf 7,3 Millionen Pkws. Damit hat sich die negative Tendenz aus dem Frühjahr weiter verfestigt.

Nach bisher offiziell noch nicht bestätigten Daten, soll der Auto-Absatz im Juli erstmals im Jahresvergleich auch wieder ins Minus abgedriftet sein. In den ersten sieben Monaten des Jahres seien europaweit 8,1 Millionen Fahrzeuge neu zugelassen worden. Das wäre ein Rückgang um 1,4% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Kfz-Markt ist ein deutlicher Anzeiger für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Auch wichtige Daten aus der Weltwirtschaft lassen nicht hoffen, dass das starke Wachstum der letzten Monate in einigen Ländern anhält. Angesichts dessen wird klar, warum niemand wirklich von einem Aufschwung XXL ausgeht, ja nicht einmal die guten deutschen Daten vom Freitag an der Börse mit einem Strohfeuer abgefeiert wurden.

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