Deutschlands konjunktureller Sommernachtstraum

16.08.2010

Die deutsche Exportwirtschaft legt phantastische Zahlen vor, Medien und Politik feiern das "Sommermärchen". Doch ohne Lohnzuwächse droht der Aufschwung zu einem Strohfeuer zu werden

Schon der von den Göttern bestrafte Sisyphos wusste, dass er seinen Felsbrocken nur deshalb tagaus, tagein steil bergauf schieben konnte, weil dieser stets kurz vor dem Höhepunkt wieder in die Tiefe rauschte. Auch die deutsche Wirtschaftspolitik ist eine Sisyphosarbeit. Die Konjunktur durchläuft ihren Schweinezyklus, mal geht es bergauf, mal geht es bergab - je steiler es bergauf geht, desto steiler geht es bergab und umgekehrt. Seit das Statistische Bundesamt am Freitag das Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal des laufenden Jahres mit +2,2% beziffert hat, ist Deutschland aus dem Häuschen. Wirtschaftsminister Brüderle spricht von einem "Aufschwung XL", die Medien feiern den Superstar Deutschland, der ganz Europa abgehängt hat (die Fachwelt sieht das freilich etwas anders vgl. Trotz Rekordwachstum keine Feierlaune) und die Wirtschaftsverbände suchen bereits nach Argumenten, warum es auf keinen Fall Lohnsteigerungen geben darf.

Ein historischer Aufschwung?

Historisch sei dieses Wirtschaftswachstum, so verkünden die Statistiker. Im Vergleich zum Vorjahr sei die deutsche Wirtschaft um gigantische 4,1% gewachsen. So eine Zahl gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. Das ist natürlich korrekt, aber dennoch nur eine Seite der Medaille. Das Bezugsquartal des Vorjahres lag nämlich um stolze 6,8% unter dem Ergebnis des Frühlingsquartals 2008. Die aktuelle Wirtschaftskraft liegt trotz "XL-Wachstum" immer noch unter den guten Zahlen des Jahres 2006.

Fasst man die Bezugszeiträume für die statistischen Betrachtungen etwas weiter, so handelt es sich eher um eine Konsolidierung als um ein "XL-Wachstum". Wäre die deutsche Wirtschaft in der Krise nicht so brachial eingebrochen, könnte sie jetzt auch nicht so kräftig wachsen. Die französische Volkswirtschaft ist im Krisenjahr 2009 nur um 2,0% geschrumpft und wuchs im zweiten Quartal diesen Jahres dementsprechend auch nur um 0,6%. Damit steht sie im Zweijahresvergleich mit -1,4% natürlich besser als Deutschland (-2,7%) da, aber das interessiert die meisten Kommentatoren nicht, denn es gilt schließlich, den teutonischen Phoenix aus der Asche zu bejubeln.

Warum aber steigt und fällt das deutsche Konjunkturbarometer schneller als das französische? Die deutsche Wirtschaft hängt wegen ihrer vergleichsweise niedrigen Löhne in einem signifikanten Ausmaß vom Außenhandel ab. Brummt die Weltkonjunktur, feiert Deutschland Exportzuwächse, lahmt sie, bricht die deutsche Wirtschaft ein. Beim letzten großen Boom im Jahre 2006 war es vor allem der Konjunkturmotor USA, der das deutsche Wachstum antrieb. Heute ist es vor allem die chinesische Nachfrage, die Brüderle und Co. ein Lächeln ins Gesicht treibt. Wie riskant diese Exportorientierung ist, zeigte allerdings das Krisenjahr 2009 - da schrumpfte die deutsche Wirtschaft aufgrund der wegbrechenden Nachfrage aus dem Ausland wesentlich stärker als in unseren Nachbarländern.

Warum Merkel nie Lokomotivführer wird

Es gibt Länder, die die Fähigkeit haben, die Weltwirtschaft nachhaltig anzutreiben. Über Jahrzehnte hinweg galten die USA als Lokomotive der Weltwirtschaft. Die Nachfrage amerikanischer Konsumenten ließ weltweit die Kassen der Exporteure klingen - vor allem China und Deutschland schulden einen Großteil ihrer wirtschaftlichen Entwicklung der Nachfrage aus den USA.

Als der kreditfinanzierte Aufschwung jenseits des Atlantiks erste Risse bekam, übernahm China die Rolle der Lokomotive - mit Konjunkturprogrammen und Lohnsteigerungen überkompensierten die Chinesen die wegbrechende Nachfrage aus den USA und wurden ihrerseits zum Markt für Produkte aus anderen Ländern. Für die deutschen Automobilhersteller soll China nun in den nächsten fünf Jahren zum wichtigsten Markt werden - alleine die Marke Audi konnte in der ersten Hälfte dieses Jahres ihr China-Geschäft um 64% steigern. Erstaunlich ist jedoch, dass hierzulande niemand auf die Idee kommt, dass auch Deutschland eine Lokomotive sein könnte. Immerhin ist Deutschland hinter den USA, Japan und China die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Um selbst eine Lokomotive zu werden, müsste Deutschland allerdings die Binnennachfrage stärken. Nur dann würden andere Volkswirtschaften vom deutschen Wachstum profitieren. Eine Stärkung der Binnennachfrage ist aber nur dann möglich, wenn entweder die Löhne oder aber die Binneninvestitionen steigen. Da die Wirtschaft aber nur dann im eigenen Lande investiert, wenn die Nachfrage wächst, also die Löhne steigen, wird die deutsche Binnennachfrage wohl noch lange auf niedrigem Niveau vor sich hin dümpeln. Deutschland will keine Lokomotive für die Weltwirtschaft sein, sondern nur davon profitieren, dass andere Staaten die deutsche Wirtschaft antreiben. Wenn ein Staat wie Frankreich seine Binnennachfrage stärkt, steigen auch die dortigen Löhne.

Für die deutsche Exportwirtschaft ist dies ein doppelter Gewinn, kann man doch einerseits mehr Produkte in Frankreich verkaufen und gleichzeitig aufgrund der gestiegenen Lohndifferenzen auch noch Wettbewerbsvorteile verbuchen. Deutschland ist nicht die Lokomotive, sondern ein Getriebener der Weltwirtschaft. Das geht auf dem Papier so lange gut, wie die weltweite Nachfrage steigt. Das momentane Wachstum ist daher auch kein Selbstläufer, sondern lediglich ein Indikator für die steigende Nachfrage auf den Weltmärkten.

Ein riskantes Spiel

Während Deutschland sein "XL-Wachstum" feiert, schlagen die Frühindikatoren für die Weltkonjunktur bereits Alarm. In China drohen die ersten Immobilienblasen zu platzen, während der amerikanische Arbeitsmarkt zusätzliche Sorgen bereitet. Die USA scheinen als künftige Lokomotive der Weltwirtschaft ohnehin auszuscheiden, wollen sie ihren gigantischen Schuldenberg in den nächsten Dekaden abbauen.

Da mutet es schon recht absurd an, dass ausgerechnet das neoliberale Deutschland sich auf Gedeih und Verderb an die Wirtschaftspolitik der besonders keynesianischen Volksrepublik China kettet. Während man hierzulande aus jeder Posse eine nationale Frage macht, macht man sich ausgerechnet bei der überaus wichtigen Frage der Konjunkturplanung von einem Land abhängig, das selbst bei wohlwollender Betrachtung immer noch ein Konkurrent ist.

Am chinesischen Wesen wird die deutsche Volkswirtschaft genesen

Aber welche Alternativen hat Deutschland? Wenn man auf Teufel komm raus am Export als Quell allen nationalen Glücks festhalten will, ist China nun einmal der einzige Stern am Himmel. Europa muss - so wollen es die Deutschen - sparen und scheidet als Abnehmer für deutsche Produkte mittel- bis langfristig aus. Die USA wollen zwar nicht sparen, werden aber auf lange Sicht keine andere Alternative haben.

Die Schwellenländer haben - mit Ausnahme der Türkei und Russland - kein ausreichendes Handelsvolumen, um auch nur in die Nähe einer Lokomotive für die Weltwirtschaft zu kommen. Am chinesischen Wesen wird die deutsche Volkswirtschaft genesen? Wenn man hierzulande nicht bald die Weichen in Richtung Binnenwirtschaft stellt, wird man in Nibelungentreue zusammen mit dem Dogma der freien Märkte untergehen.

Zeit für Lohnsteigerungen

Natürlich könnte Deutschland - den politischen Willen vorausgesetzt - auch diesem Schicksal entgehen. Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hat natürlich das Potential, einen selbsttragenden Aufschwung anzustoßen. Dabei müsste man lediglich seine eigenen Vorgaben erfüllen. Der Euro-Stabilitätspakt sieht vor, dass die Löhne sich im Idealfall in der Höhe des Inflationsziels oberhalb der Produktivitätssteigerung bewegen.

Das Inflationsziel der EZB beträgt 2%, der Anstieg der Arbeitsproduktivität wird in diesem Jahr nach Schätzungen von Eurostat 1,6% betragen. Eine Lohnsteigerung von 3,6% wäre daher stabilitätskonform. Doch von solchen Lohnsteigerungen wollen die deutsche Politik und die Wirtschaft freilich nichts wissen. Derartige Lohnzuwächse seien in diesen Zeiten nicht möglich, so die Arbeitgeberverbände und deren Lobbyisten in den Wirtschaftsinstituten. Der Aufschwung sei "noch" zu fragil, man dürfe ihn nicht durch Lohnsteigerungen ersticken, so die Botschaft.

Sommernachtstraum

Gab es eigentlich je eine Zeit, in der Lohnsteigerungen nach Ansicht dieser "Experten" angebracht sind? Geht es bergab, darf man den Abschwung nicht durch Lohnforderungen verstärken, geht es bergauf, darf man den Aufschwung nicht durch Lohnforderungen gefährden. Vielleicht könnte der richtige Zeitpunkt für Lohnforderungen dann gekommen sein, wenn die Wirtschaft mindestens zehn Quartale in Folge stabil gewachsen ist und die Prognosen rosig sind - nur, dass es in einer normalen Konjunktur mit ihrem Schweinezyklus nie zu einem solchen Szenario kommen wird. Das wissen freilich auch die Herren Hundt, Sinn, Hüther und Co.

So wird der märchenhafte "Aufschwung" wohl ein Sommernachtstraum bleiben. Es gibt keinerlei Indikatoren, die darauf hinweisen, dass dieser Funke ein nachhaltiges Feuer entzünden könnte. Das hindert die FDP freilich nicht, nun endlich wieder ihr Mantra zu beten und Steuersenkungen zu fordern. Und täglich grüßt das Murmeltier - bis zur nächsten Krise.

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