Der geöffnete Kosmos

22.08.2010

Wie das Internet seine Zukunft als Medium der Nähe aufs Spiel setzt - Teil 2

Wenn es um interessante Beschreibungen des Zukunftsmediums Internet geht, greifen wir gerne ins futuristische Nähkästchen (Der Fluss der Kommerzialisierung – Teil 1). Doch was nach Zukunft klingt, verbreitet oftmals schnell den Duft alter Science-Fiction-Konserven. Dass Mensch und Maschine irgendwann miteinander verschmelzen, ist bereits Thema bei den Abenteuern des Raumschiffs Enterprise, das Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Galaxien vordrang, die der Mensch erst jetzt beginnt, zu entdecken.

Oder denken wir bei Überlegungen zur künstlichen Intelligenz an HAL 9000, den eigenbrötlerischen Computer des Sternenkreuzers Discovery in Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum. Kein Geringerer als Isaac Asimov formulierte 1942 drei Gesetze für die Verhaltensethik von clever gewordenen Robotern. Von der Erschaffung eines künstlichen Menschen träumte schon um 1818 Mary Shelley in ihrer Geschichte um Frankensteins Kreatur, Fritz Lang ließ 1927 in Metropolis den Erfinder Rotwang einen weiblichen Maschinenmenschen konstruieren und nicht zuletzt finden sich bei den ehrwürdigen Urgroßvätern der fantastischen Dichtkunst, Jules Verne und H.G. Wells, zahlreiche Anleihen für das heutige Repertoire zukunftsweisenden Wirklichkeitsdesigns.

Eines wird deutlich: Die Fantasten von Literatur und Film sind der realen Entwicklung immer weit voraus, zumindest war das bisher der Fall gewesen. Heute scheint es einen ausgesprochenen Mangel an einer solchen fantastischen, weil wunderbar überladenen Vorstellungskraft zu geben, erleben wir im Zukunftskontext doch immer wieder das Aufwärmen gut abgehangener Hightech-Utopien. Was sie allerdings nicht per se zu obsoleten Geschichten degradiert, vielmehr stellt sich die Frage: Gibt es keine Zukunftsfantasien mehr? Oder müssen wir uns umgekehrt fragen: Hängt unsere Wirklichkeit tatsächlich so weit hinter diesen, einst so unglaublich klingenden Visionen hinterher?

Die Zukünftigkeit der Menschheit liegt nicht in der Erfüllung von Hightech-Fiktionen

Viele Zukunftsträume haben sich verwirklicht: Der Mensch war auf dem Mond, die Welt ist multimedial vernetzt und Computer sind so klein, dass sie in jede Westentasche passen. Nanoroboter werden demnächst in unseren Blutbahnen auf medizinische Patrouille gehen, dabei Krankheiten und Krebszellen gleich vor Ort den Garaus machen, und genetisch optimierte Lebewesen durchlaufen im rasanten Tempo die Evolutionswünsche ihrer Schöpfer. Über alldem arbeitet die Medienwelt fieberhaft an der Schaffung künstlicher Intelligenz. Gelingt den Programmierern in Zukunft die Zeugung eines autonomen Cyberbewusstseins, wird es aufregend sein, die Elektronikgehirne als Erstes mit den großen Fragen des Lebens zu füttern, gespannt darauf, ob sie die Bestimmung des Seins zu deuten wissen und uns aufschlussreiche Hinweise für eine sinnerfüllte Existenz anzubieten haben. Was wird wohl dabei herauskommen?

Andererseits haben wir noch nie so viel Papier erzeugt wie in der digitalen Revolution. Daneben schreitet der Klimawandel im Katastrophentempo voran, der Abfall unserer virtuellen Informationsgesellschaft steht giftigem Industriemüll in Menge und Wirkung nicht nach. Sicherheitstechnologien liefern sich ein verzweifeltes Wettrennen mit raffinierten Hackern, die uns Labilität und Verletzlichkeit elektronischer Systeme immer wieder deutlich vor Augen führen.

Überdies führt die steigende Belastung durch Elektrosmog bei vielen Menschen schon jetzt zu Migräneattacken, ganz zu schweigen von den Folgen des Bewegungsmangels einer auf virtuelle Mobilität reduzierten Gesellschaft. Und da wir schon beim Stichwort Bewegung sind: Trotz unbegrenzter digitaler Räume und globaler Supervernetzung scharen sich um die Zapfsäulen der Welt nach wie vor hungrige Automobile, die in Zukunft mit allen möglichen Stoffen laufen werden, obwohl wir bereits heute in den ausufernden Ballungszentren des eigentlich globalen Dorfes aus Platzmangel gar nicht mehr vorankommen.

Jetzt werden Sie mich vielleicht in die Gruppe der Fortschrittskritiker einreihen, doch ich möchte mit meinen Betrachtungen eines zum Ausdruck bringen: Die Zukünftigkeit der Menschheit liegt nicht in der Erfüllung von Hightech-Fiktionen. Die Entwicklung des Cyberspace ist eine wunderbare Sache, wird aber, entgegen meinen früheren Annahmen, die Welt nicht retten. Die Ausgestaltung des virtuellen Kosmos wird auf Jahre hin noch an menschliche Vorstellungen gekoppelt sein, verlängert also eben jenes Denken, das für wirtschaftliche Ungleichheit, Kriege und Umweltkatastrophen verantwortlich ist.

Eine Magna Charta internationaler Vernunft und Nähe

Gelingt es tatsächlich, künstliche Intelligenz inklusive eines eigenständigen Cyberbewusstseins zu erschaffen, so ist dieser Fortschritt sicherlich ein Quantensprung für die Computertechnologie. Ob aber diese schlauen Maschinen in der Lage sind, als moralisches Korrektiv gegenüber ihren eigenen Schöpfern aufzutreten, wage ich derzeit zu bezweifeln. Nicht nur das: Ich gehe davon aus, dass diese Supercomputer recht naive Zeitgenossen darstellen, da sie in den Grenzen ihrer digitalen Algorithmen gefangen bleiben werden, zumindest in absehbarer Zukunft. Es wird ihnen damit kaum möglich sein, Menschlichkeit, ein Gewissen, Gefühle, Liebe, Sinn für Schönheit und Humor oder gar so etwas, was wir als Seele bezeichnen, entwickeln zu können. Doch diese Eigenschaften bilden die Voraussetzung, Entscheidungen treffen und eigenes Verhalten verändern zu können. Die Menschenmetapher ist nicht auf das Wesen von Maschinen anzuwenden. Wir sind nicht nur auf unser Gehirn und das Gehirn nicht nur auf pure Reizverarbeitung zu reduzieren.

Die Rettung der Welt muss also von den Menschen ausgehen. Dabei können uns Technologien auf fantastische Weise unterstützen, die, bleiben wir realistisch, Daten zwar schon heuristisch verarbeiten, aber momentan noch keine abstrakten Assoziationen zwischen Informationen herstellen können. Der Weg zur erträumten Zukunft ist nur im Wunsch ein kurzer Steg zur Erfüllung.

Heute geht es vielmehr darum, eine nachhaltige, sozial, ökologisch, ökonomisch und nicht zuletzt technologisch ausbalancierte Globalisierungskultur zu entwickeln. Eine Hyperwelt braucht ein Hyper-Bewusstsein, ein hyper-politisches Denken, eine Magna Charta internationaler Vernunft und Nähe, will die moderne Zivilisation die tatsächlichen Potenziale ihrer Hightech-Evolution zukunftsweisend nutzen.

Diese Einschätzung mag auf den ersten Blick pragmatisch und wenig fantasievoll aussehen, ist aber eine der wesentlichsten Visionen des 21. Jahrhunderts. Schon alleine das Abmildern der weltweit herrschenden Wirtschafts- und Sozialdisparitäten, ist eine globale Herkulesaufgabe, über die zwar auf vielen Gipfeln diskutiert wird, aber noch nicht angegangen wurde: Nach wie vor fordern wir hohe Renditen an den Finanzmärkten und Tiefstpreise beim Einkauf, ein Verhalten, das die bestehenden ökonomischen Ungleichheiten weiter verschärft. Sich von dieser Haltung zu distanzieren, fällt vor allem den wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern schwer, basiert doch auf der Spanne zwischen Kosten und Rendite die Prosperität ihrer Industrialisierung. Für spürbare Veränderungen müssten sich global angelegte, hyper-balancierte Wachstumsideologien durchsetzen, bevor aus Visionen neue Wirklichkeiten entstehen können.

Kampf um die Aufmerksamkeit

Was das Web angeht: Freilich, das Medium verändert – oder besser: ergänzt beziehungsweise erweitert – unsere Realität: Das Internet ist zum öffentlich-privaten Gesellschaftspanoptikum geworden, in dem wir unsere Erlebnisse, Meinungen, Bilder und Videos ablegen, wie einst in der guten alten Schublade. Heute wollen wir allerdings unsere Geheimnisse nicht mehr für uns behalten, sondern bieten sie unter Preisgabe persönlicher Daten oder mittels Pseudonymen dem Rest der Welt als beachtenswerte Mitteilung an. Je mehr Erlebtes wir dem Web anvertrauen, desto größer wird die interaktive Erinnerungsdimension.

Wer aber glaubt, es entstünde dadurch eine Form unsterblichen Gedächtnisses, der irrt. Millionen von Internetseiten werden täglich neu angemeldet, genauso viele verschwinden oder veröden. Selbst professionelle Datensammler trauen der digitalen Welt keine besonders lange Haltbarkeit von Informationen zu. Um die Konservierung von Daten ist es schon jetzt schlecht bestellt, Speicherkapazitäten arbeiten an der Belastungsgrenze, immer kurz vor dem Systemkollaps, der Informationsschwund ist beträchtlich. Zudem ist der Ausstoß an Informationen weitaus größer als ihr Konsum. Damit verschärft sich der Kampf um Aufmerksamkeit, die sich ohnehin zwecks Überlastung immer mehr zurückzieht.

Die bloße Veröffentlichung der eigenen Meinung und das Ausstreuen von Blitzmeldungen über das momentane Befinden führen nicht zwingend zu einer eigenen, potenziellen Öffentlichkeit. Nur herausragende Informationen erzeugen – mit viel Glück – die gewünschte Form von Interesse. Aufgehalten kann dieser Prozess nicht: Informationsproduktion hat immer zugleich Informationszerstörung zur Folge. Deshalb erleben wir die angesprochene Zunahme des Bemerkbarkeitskampfes, der von den Medien in Casting-Shows ausgeschlachtet wird, aber an eine Weisheit des Showbiz erinnert: Von den Vielen hört man so wenig, von den Wenigen so viel.

Daten beziehungsweise gespeicherte Erinnerungen überleben nur, wenn sie als wertvolle Informationen erachtet, als solche weitergegeben werden und sich im kollektiven Gedächtnis von Communities, Gesellschaften, ja von ganzen Zivilisationen eingravieren. Hier muss das Web den gleichen Weg gehen, den unsere Vorfahren bereits beschritten hatten: Mit der Weitergabe von Geschichten und deren kollektive Speicherung inklusive ihrer laufenden Veränderung schufen sich Menschen nicht nur virtuelle, externe Gehirne, sondern eine soziale und identitätsstiftende Enzyklopädie. Mit metaphysischer Prägung: Aus den Geschichten entstanden Mythen, Legenden und Vermächtnisse.

Und heute kehrt, nach der Erfindung von Schrift, Buchdruck, Fotografie und Fernsehen, die Medienwelt zu diesen Anfängen zurück: Es geht im Web darum, Mythen, Legenden und Vermächtnisse zu initiieren, um ein neues kollektives und dynamisches Gedächtnis zu erschaffen. Das wirklich Kuriose am Web ist: Entgegen den passiven Medien birgt es die Option, selbst zu einem autonomen Wissensorganismus heranzureifen, der eine völlig neue Form von hyper-intelligenter Instanz in unser alltägliches Leben bringen könnte.

Vielleicht überschätzen wir die digitale Welt

Möglicherweise bleibt die virtuelle Kommunikation bloße Servicesphäre für den elektronischen Datenaustausch. Oder sie verdingt sich als dubiose Schattenwelt aus inszenierten Scheindialogen.

Indizien hierfür gibt es:

  • Ist es nicht die Unüberschaubarkeit des virtuellen Kosmos selbst, der die Möglichkeit auf Entwicklung eines globalen Meta-Bewusstseins verhindert?
  • Was passiert denn tatsächlich, wenn sich alle im cybersozialen Web der Mitmach-Generation 2.0plu zu Wort melden – erleben wir dann tatsächlich das Ideal einer hypermedialen Demokratie?
  • Oder zerstört die Anarchie plakativer Meinungen unserer persönliche Souveränität?
  • Werden wir letztlich doch nur Zeugen des weltweiten Burnouts der Informationsgesellschaft?
  • Indizien hierfür gibt es: Waten wir nicht schon jetzt müde geworden im Hochwasser der Datensintflut?
  • Und basteln hyperaktive User im Glauben an viele passive Leser letztlich nicht nur an ihrem egomanisch motivierten Blog- und Twitterkosmos?
  • Entwickelt sich das Web womöglich doch zum Sammelbecken für Wirklichkeitsenttäuschte und Realitätsverweigerer?
  • Oder schlimmer noch: Wird es zum Rückzugsort für egoistische Selbstproduzenten und subtile Denunzianten?
  • Für solche, die ihre Bedeutsamkeit mittels inszenierter, virtueller Mehrheiten unter dem Deckmantel der Basisdemokratie legitimieren wollen?
  • Verödet eine in Zukunft möglicherweise egozentrisch gewordene Medienwelt letzten Endes an fehlender Verständnisfähigkeit und in Folge an mangelnder Sozialisation?

Vielleicht unterschätzen wir die digitale Welt

Möglichweise entstehen doch neue Verständigungs- und Gemeinschaftskulturen und mit ihnen neue Werte-Instanzen, die uns ebenso neue, übergreifende Dialoge und neue, universale Verabredungen erlauben wie sie uns die Offenheit und Verbundenheit ermöglichen, die wir für einen produktiven Umgang mit einer komplexen und dynamischen Welt benötigen.

Eines ist sicher: Je mehr virtuelle Dominanz in unser Leben strömt, desto stärker müssen wir unsere mentalen Fähigkeiten entwickeln. Wollen wir mündige, unabhängige und kreative Mediennutzer sein, müssen wir dem wachsenden digitalen Einfluss wachsende psychologische und emotionale Stärken gegenüberstellen. Die alleinige technologische Verpackung des Globus wird nicht ausreichen, eine offene und sich zugleich vielfach verbindende Welt zu schaffen.

Wenn es gelingt, Wissen, Kreativität, Gefühl, Respekt und Gemeinschaft global zu koppeln und wenn diese Haltung die Möglichkeiten heutiger und kommender Technologien bestimmt, sind wir der Hyperwelt ein gutes Stück näher gekommen. Und das Web würde als Medium der kulturellen Verständigung in die Geschichte der Menschheit eingehen. Diese Vision würde auch den Fantasten gefallen. Da bin ich mir sicher.

Oliver W. Schwarzmann ist Publizist für ökonomische Zukunftsthemen.

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