Google Street View oder: Was ist Information?

21.08.2010

Die aktuell einfachste Methode, sich informativ zu exponieren, ist, die "eigenen" Informationen aus dem Projekt Google Street View löschen ("verpixeln") zu lassen

Das Bemühen, das eigene informative Profil (im Internet) angesichts der Möglichkeiten des Missbrauchs von Daten möglichst flach zu halten, ist nachzuvollziehen. Dies zumal darüber profilierend und medienwirksam auch von prominenter Seite informiert wird. Dies gilt selbst dann, wenn Befürchtungen, etwa das Street View ein willkommenes Hilfsmittel für Einbrecherbanden sei, sich mit wertvollen Informationen zu versorgen, nicht überzeugen. Denn wer kennt die Zukunft? Welche derzeit ungeahnten Möglichkeiten, etwa der Vernetzung vorhandener, für sich genommen vielleicht bedeutungsloser Daten wird es geben? Und überhaupt, warum sollte ich der gewinnsüchtigen Datenkrake Google "meine" (na ja, zugegeben, doch immerhin "öffentlichen"?) Daten zur Verfügung stellen, ohne am Gewinn beteiligt zu sein?

Was auch immer die Motivation sein mag, Einspruch einzulegen und die Verpixelung des eigenen Grundstücks bzw. Gebäudes zu beantragen. Eine Frage stellt sich dabei immer: Was sind – in informativer Hinsicht – die Konsequenzen dieses Schrittes? Sind nach der Löschung (Verpixelung) nun "weniger" Daten über mich im Internet vorhanden als von anderen? Halte ich mit diesem Schritt denn informativen "Ball", mit dem ich mich (im Internet) bewege, möglichst flach?

Einen naiven Begriff von Information vorausgesetzt, könnte man dieser Auffassung sein. Nämlich dann, wenn davon ausgegangen wird, dass es sich bei Informationen um Einheiten handeln würde, gewissermassen um Datenpakete, die zwischen Sendern und Empfängern hin- und hergeschickt werden könnten. In dieser Sichtweise wäre nach Löschung von Informationen Datenschutzproblem entlastend tatsächlich "weniger" Information vorhanden.

Die Diskussion um Google Street View macht jedoch deutlich, dass notwendig wird, einen angemesseneren Begriff von Information zugrunde zu legen. Denn wortwörtlich augenscheinlich wird, dass durch die nun in den nächsten Wochen in Deutschland gegebene Möglichkeit, das eigene Gebäude bzw. Grundstück aus den Strassenpanoramen zu löschen, das Datenprofil der Antragsteller wohl entgegen deren Intention geschärft und nicht entschärft wird. Informationen sind nicht als Einheiten, gewissermassen als "Datenpakete" zu verstehen (die gelöscht werden könnten), sondern, gemäss einem Vorschlag von Gregory Bateson1, vielmehr abstrakter als Unterschiede ausmachende Unterscheidungen.

Löschen erzeugt Daten

Da von einem vergleichsweise kleinen Personenkreis auszugehen ist, der Häuserfassaden oder Grundstücke verblenden lässt, werden die – also vereinzelten – Verpixelungen beim Betrachten der Strassenpanoramen gewissermassen ins Auge springen. Es sind also gerade durch die Löschung verursachte Unterschiede (zu unverpixelten Immobilien), die informative Unterschiede erzeugen. Es darf dann mit Blick auf die hervorstechenden "Löschungen" vermutet werden: Der Bewohner dieses Hauses/Grundstücks ist sicher ein Googlekritiker, scheint von Datenmissbrauchsphobie befallen zu sein, hat was zu verbergen (Gibt es wohl Wertsachen in Haus?), scheint auf seinem Grundstück ein ziemliches Chaos zu haben ... Selbst wenn es sich also nicht um genaue Informationen handelt, ist dennoch von einer ungewollten informativen Zuspitzung auszugehen, die bei unverpixelten Immobilien normalerweise, auch angesichts rigider Bauvorschriften, nicht gegeben ist.

Entgegen naiver Überzeugung und dann paradoxer Weise werden mit dem Löschen (Verblenden, Verpixeln) von Daten keine Daten vernichtet, sondern werden vielmehr neue Daten erzeugt. Es werden in diesem Akt der Unterscheidung (zu unverblendeten Immobilien), erst informative Unterschiede erzeugt. Dies wiegt um so schwerer, da bei der zu erwartenden Anzahl von Löschanträgen nicht mit Massenverpixelungen zu rechnen ist und sich demnach im Normalfall aus der unverpixelten Nachbarschaft bequem auf den Adressaten des "gelöschten" Hauses schließen lässt. Man stelle sich den persönlichen Daten-Gau eines "anonymen", in einer Mietskaserne wohnenden "Löschkandidaten" vor, wenn Google, seinen Verpflichtungen nachkommend, einzelne Etagen eines Hochhauses "unkenntlich" macht.

Nach dem Lesen dieses Artikel gibt es neue Information über die Bewohner von verpixelten Häusern. Es sind Häuser, dürfen wir nun wenigstens für viele Fälle vermuten, bewohnt von Personen, mit einem eher naiven Informationsbegriff. Dies mag in Fällen von Politikern, die aus "prinzipiellen Gründen" ihre Wohnung unkenntlich machen wollen und damit einen unsensiblen Umgang mit Problemen des Datenschutzes offenbaren, ein Unterschied sein, der einen wahlentscheidenden Unterschied ausmachen könnte.

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