Das letzte Aufgebot der Atom-Dinosaurier

24.08.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: Nordwestpassage offen und das Märchen vom billigen Atomstrom präsentiert wird

Das war wohl so ziemlich das letzte Aufgebot der Dinosaurier, das die Atomlobby da für ihre Anzeige zusammengetrommelt hat. Nur acht von 30 Dax-Konzernen mochten sich, wie in Telepolis berichtet, für den "Energiepolitischen Appell" hergeben. Lautstark rühren Sympathieträger wie Josef Ackerman von der Deutschen Bank die Trommel für verlängerte AKW-Laufzeiten. Stimmung soll vor allem gegen die Brennelementesteuer gemacht werden, denn schließlich möchte man sich seine bis zu 200 Milliarden Euro zusätzlichen Gewinne nicht schmälern lassen.

Interessant ist, wer nicht unterschrieben hat: Siemens als langjähriger AKW-Bauer ist nicht dabei, München Rück, die sich schon seit Jahren mit Warnungen vor den ökonomischen Folgen des Klimawandels hervortun, ebenso wenig. Auch nicht die neuen Industrien wie Infineon oder SAP. Dafür aber Bertelsmann und außerdem Friedrich Merz und der vom RAF-Anwalt zum innenpolitischen Pickelhaubenträger konvertierte ehemalige SPD-Innenminister Otto Schily. Wen soll das eigentlich überzeugen?

Vorgetragen wird die alte Leier vom billigen Atomstrom, und natürlich wird mit keinem Wort auf den wachsenden Widerspruch zwischen schwerfälligen Grundlastkraftwerken und dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energieträger eingegangen. Allein das schon ein deutliches Zeichen für die Unaufrichtigkeit, mit der hinter blumigen Worten knallharte Interessenpolitik der vier großen Energiekonzerne E.on, RWE, Vattenfall und EnBW versteckt wird. Zynisch ist in diesem Zusammenhang die Aussage, es brauche Modernisierung und Ausbau der Netze, wo doch gerade diese durch die Netzbetreiber seit Jahren verschleppt wird (siehe auch Stromnetz und Grundlastkraftwerke verhindern mehr regenerative Energie).

Verschleppter Umbau

Auffällig an der Debatte ist, dass sie mal wieder mit wenig Fakten und dafür viel Drohkulisse geführt wird. Natürlich ist mal wieder die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Gefahr, wenn die Bundesregierung nicht die Forderungen der Energiekonzerne erfüllt. Komisch nur, dass trotz Ökosteuer und garantierter Einspeisetarife für die Erneuerbaren die hiesige Wirtschaft gerade allen Nachbarn und Konkurrenten in der westlichen Hemisphäre davonläuft.

Ein wesentlicher Aspekt der Diskussion über die zukünftige Versorgung mit elektrischer Energie ist, wie die nicht regelbare und unregelmäßig anfallende Wind- und Sonnenenergie so ins Netz integriert werden kann, dass zu jeder Zeit Angebot und Nachfrage ausbalanciert werden. Dafür sind zum Beispiel die Speichertechniken notwendig, die in dem "Appell" auch erwähnt werden, aber für deren Entwicklung die Energiekonzerne in den letzten zwei Jahrzehnten herzlich wenig unternommen haben, einmal vom Pumpspeicherwerk Goldisthal abgesehen. Mit dem hat Vattenfall allerdings nur eine alte DDR-Planung umgesetzt.

Eine andere Frage ist der Umbau der Struktur der Stromversorgung. Bisher wird die sogenannte Grundlast, also jener Teil des Strombedarfs, der immer anfällt, vor allem von den Kohle- und Atomkraftwerken gedeckt. Insbesondere letztere sind technisch auf den Dauerbetrieb ausgelegt. Aber auch Kohlekraftwerke sind vergleichsweise träge und vor allem ökonomisch nur dann sinnvoll, wenn sie mindestens 6.000, besser 7.000 von 8.760 Stunden im Jahr laufen.

Das Problem: Schon jetzt kann in Zeiten mit optimalen Windverhältnissen soviel Strom aus Windanlagen anfallen, dass für einen Tel des Stroms aus den Grundlastkraftwerken kein Bedarf mehr ist. Dann kann es passieren, wie zuletzt während der Weihnachtstage 2009 (siehe Negative Strompreise), dass an der Leipziger Strombörse die Leistung zu einem "negativen Preis" angeboten wird. Mit anderen Worten, die Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerke müssen betteln, dass möglichst viel Strom verbraucht wird, weil sie ihre schwerfälligen Anlagen nicht schnell genug runterregeln können.

Viel zu viel Grundlast

Derlei Konflikte werden in den nächsten Jahren mit Sicherheit zunehmen, insbesondere, wenn all die geplanten neuen Kohlekraftwerke gebaut und insbesondere wenn tatsächlich die AKW-Laufzeiten verlängert werden. Der Bundesverband Erneuerbare Energien ging vor eineinhalb Jahren in seiner Branchenprognose für 2020 davon aus, dass in zehn Jahren die erneuerbaren Energieträger bereits 111 Gigawatt (GW) Leistung zur Verfügung stellen werden. Das entspräche einer knappen Vervierfachung des gegenwärtigen Wertes und ist deutlich mehr als die Summe der heute bereitgestellten konventionellen Kraftwerksleistung. Etwa 47 Prozent des Strombedarfs wäre damit zu decken, denn natürlich steht der größere Teil der Leistung nicht immer zur Verfügung, weil er von Wetterbedingungen oder Tageszeit abhängig ist.

Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) haben auf Grundlage der Ausbauprognosen Ende letzten Jahres eine Studie erstellt, die mit realen Wind- und Sonnenscheindaten aus dem Jahr 2007 einmal durchgerechnet hat, wie die Stromversorgung unter derlei Bedingungen aussehen würde. Heraus kam etwas, was E.on & Co. nicht besonders erfreuen wird: Ein nicht geringer Teil der Erneuerbaren ist bei intelligenter Kombination und beim Einsatz von Methan aus Biogasanlagen und anderen Formen der Biomasse durchaus grundlastfähig. Etwas über 50 Prozent könnte 2020 bereits zur Grundlast beigetragen werden. Entsprechend bliebe für Kohle- und Atomkraftwerke fast nur noch eine Nische. 2007 hatte sie noch zusammen eine Grundlastleistung von 67 Gigawatt (GW) ans Netz gebracht, in zehn Jahren blieben für sie nur noch 23 GW abzudecken. Die AKWs könnten also problemlos wie geplant vom Netz gehen und dazu noch ein paar der alten Kohlekraftwerke gleich mit.

Mangelnde Gesetzestreue

Im Bundeswirtschaftsministerium scheint man zu einer ähnlichen Einsicht gekommen zu sein. Oder wie sonst sollte es zu erklären sein, dass das Ministerium einen seit Anfang August überfälligen "Monitoring-Bericht" an die EU-Kommission zurückhält und trotz rechtlicher Verpflichtung nicht veröffentlichen mag.. Ob Minister Rainer Brüderle (FDP) wohl fürchtet, die von ihm zusammengetragenen Fakten könnten das Gerede von der drohenden Stromlücke widerlegen, wo er sich doch andererseits ganz auf die Seite der Laufzeitverlängerer geschlagen hat?

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace will jedenfalls auf Herausgabe des Berichts klagen und kann sich dabei auf das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) stützen. Dessen Paragraf 63 lässt wenig Interpretationsspielraum in puncto Informationspflicht des Ministeriums. "Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie", heißt es dort gleich im Absatz 1, "veröffentlicht alle zwei Jahre spätestens zum 31. Juli einen Bericht über die bei dem Monitoring der Versorgungssicherheit nach § 51 im Bereich der leitungsgebundenen Elektrizitätsversorgung gewonnenen Erkenntnisse und etwaige getroffene oder geplante Maßnahmen und übermittelt ihn unverzüglich der Europäischen Kommission."

Die Umweltschützer gehen davon aus, dass sich aus dem Bericht eine Sicherung der Stromversorgung auch ohne Atomkraftwerke ablesen lässt. So hatte es jedenfalls noch im letzten, 2008 veröffentlichten Report gestanden, und das obwohl ein ziemlich mickriger Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung von lediglich 23 Prozent angesetzt worden war. Inzwischen strebt die Bundesregierung in ihrem kürzlich verabschiedeten Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien 38,6 Prozent der Erneuerbaren an der Stromversorgung in 2020 an. Branchenvertreter gehen, wie oben erwähnt, sogar von 47 Prozent aus. "Wirtschaftsminister Rainer Brüderle bricht deutsches Recht, nur um zu vertuschen, dass wir die Atomkraft in Deutschland nicht mehr brauchen", meint Greenpeace-Energieexperte Tobias Münchmeyer. "Der überfällige Bericht von 2010 wird diese Aussage noch deutlicher unterstreichen. Ihn zurückzuhalten kann in der aktuellen Debatte nur heißen, dass dadurch die überflüssige Atomkraft geschützt werden soll."

Meereis in der nördlichen Hemisphäre. Rückgang ist nicht ganz auf dem Rekordniveau von 2007 aber noch ist der Sommer nicht vorbei. Das Minimum wird gewöhnlich irgendwann kurz nach Mitte September erreicht. Bild: NSIDC

Nordwestpassage offen

Derweil gibt es Neuigkeiten aus der Arktis, wo sich der Klimawandel inzwischen mit Händen greifen lässt. Dieser Tage hat sich dort der nördliche Arm der sogenannten Nordwestpassage geöffnet, der Parry-Channel, der durch die kanadische Inselwelt die Verbindung zwischen Nordatlantik und dem arktischen Ozean herstellt. Auch der weitere Weg zum Pazifik entlang der Küsten Kanadas und Alaskas ist weitgehend eisfrei. Die geschlossene Eisdecke hat sich aufgelöst, allerdings ist hier und da noch mit Eisschollen zu rechnen.

Lars Kaleschke, der am Institut für Meereskunde in Hamburg forscht und lehrt und an der täglichen Aufbereitung von Satellitendaten mitwirkt (siehe Grafik unten), meint gegenüber Telepolis, dass es hier und da noch gefährliches Eis geben wird, aber eine Durchfahrt wahrscheinlich ohne Eisbrecherunterstützung möglich wäre.

Eisbedeckung, berechnet aus Satellitendaten, die mit Hilfe eines Mikrowellen-Radiometers aufgenommen wurden. Kleinere Eisschollen können von dem Instrument nicht wahrgenommen werden. Bild: Polar View, Uni Bremen

Die Nordwestpassage hatte sich erstmals seit Menschengedenken im August 2007 geöffnet. An ihr werden die drastischen Veränderungen im hohen Norden beispielhaft deutlich, denn im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Expeditionen auf die Suche nach einer nördlichen Durchfahrt vom Atlantik in den Pazifik geschickt, die immer wieder am dichten Eis scheiterten, nicht selten auf tragische Weise, wie die von John Franklin zwischen 1845 und 1848 geleitete. Erst 58 Jahre später gelang Roald Amundsen die Durchfahrt, für die er allerdings zweimal überwintern musste.

Ähnlich erging es Amundsen zwischen 1918 und 1920 vor der Küste Sibiriens bei seiner Fahrt durch die Nordostpassage. Der zweiten Überwinterung hat der sowjetisch-tschuktschische Schriftsteller Jury Rytchëu in seinem Roman Die Suche nach der letzten Zahl ein literarisches Denkmal gesetzt. Im Gegensatz zu Amundsens Zeiten öffnet sich heute die Passage vor der Küste Sibiriens immer stärker. In den letzten Wochen ist das Eis dort auch an der letzten Barriere verschwunden, und zwar zwischen der Inselgruppen Sewernaja Semalja ("Nordland") und dem Festland, wie man auf der unten wiedergegebenen Satellitenaufnahme sehen kann.

Satellitenaufnahme von der Wilkizki-Straße zwischen dem sibirischen Festland und der Bolschewik-Insel, der südlichsten der Nordland-Inseln. Das Bild ist von Nord nach Süd aufgenommen. Am unteren Bildrand ist das Meereis zu erkennen, das bereits nicht mehr geschlossen sondern sehr brüchig ist. Es handelt sich um eine Radaraufnahme vom 22.August. Je rauer der Untergrund, desto heller die Darstellung im Bild. Bild: KlimaCampus, Institut für Meereskunde, Lars Kaleschke, Envisat ASAR-Daten (C) ESA
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