Kinder, Hilfe und Lobbyarbeit

Die "Deutsche Kinderhilfe" konzentriert sich seit Beginn des Jahres auf die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit, statt mehr Geld in konkrete Projekte zu investieren

Beim Neujahrsempfang kündigte der geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann an, dass sich die Organisation mehr auf Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit konzentrieren wird. Veränderungen der Gesellschaft zu Gunsten der Kinder seien nur zu erreichen, indem durch eben diese Arbeit sowie Kampagnen ein Stimmungswandel herbeigeführt werde.

Manch einer mag diese Ansicht nachvollziehen können und insofern höhere Ausgaben für die Öffentlichkeitsarbeit befürworten - doch trotzdem stellt sich die Frage, welcher Teil der Spenden, die an die "Deutsche Kinderhilfe" (DKH) gehen, nun wofür verwandt wird. Immerhin sollte dem Willen vieler Spender nach die Kinderhilfe im Vordergrund stehen - und nicht etwa ein sich selbst am Leben erhaltender Lobbyistenapparat.

Da sich die DKH Transparenz auf die Fahne geschrieben hat, sind die Bilanz des Jahres 2008, der Jahresbericht sowie auch die Fördermittelverwendung online als PDF-Dateien verfügbar. Ein Blick in diese Dokumente lohnt sich - denn durch die Projektvorstellungen kann schnell der Eindruck entstehen, die meisten Gelder würden direkt in diese Projekte fließen. Dem ist jedoch nicht so.

Der Jahresbericht allein zeigt bereits, dass die Organisation das Sponsoring, das immerhin im Jahr 2008 90.973,95 Euro einbrachte, ernst nimmt. "Werden Sie Partner" wirbt die Kinderhilfe auf ihrer Homepage und verspricht Auswahl und Konzeption von Projekten nach regionalen oder themenspezifischen Besonderheiten, Wünschen und Vorgaben des Sponsors sowie gemeinsam entwickelte PR- und Marketingkonzepte für eine öffentlichkeitswirksame Arbeit unter Einbeziehung eines "hervorragenden" Netzwerkes in Politik, Gesellschaft und Medien.

Es verwundert daher wenig, dass der Jahresbericht zu großen Teilen aus Werbung besteht. Von seinen 43 Seiten (gerechnet ohne Deckblatt) sind immerhin acht komplett der Werbung gewidmet. Auf weiteren acht finden sich teilweise großflächige Anzeigen, daneben gibt es z.B. die Vorstellung eines Projektes der Firma Procter & Gamble, die mit den blumigen Worten beginnt: "Das Ziel von Procter & Gamble ist es, Markenprodukte und Dienstleistungen von überlegener Qualität und hohem Nutzwert anzubieten, die das Leben der Verbraucher in aller Welt verbessern, jetzt und für zukünftige Generationen." Der Geschäftsführer von Procter & Gamble Deutschland ist auch einer der im Internet vorgestellten Sachverständigen. In welchem Bereich er sachverständig sein soll und worüber sich dies definiert, ist der Transparenz ausübenden DKH anscheinend zu unwichtig, als dass sie darüber etwas nach Außen dringen ließe.

Procter & Gamble ist nicht der einzige Name, der einem beim Besuch der Homepage der DKH gleich mehrmals begegnet. Norbert Blesch beispielsweise, laut Homepage "Diplom-Sozialpädagoge (FH) und Sozialbetriebswirt (TWT AG Fachhochschule München); Geschäftsführer des Kinderschutz e.V. München; Vorsitzender des Vereins Zukunft durch Bildung und Erziehung e.V. Dachau; Mitglied der Facharbeitsgemeinschaft nach § 78 SGB VIII Hilfen zur Erziehung München; Lehrbeauftragter der Kath. Stiftungsfachhochschule München, Abteilung Benedikteuern", ist zugleich stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DKH Landesverbandes Bayern, deren Vorsitzende Ariane Friedrich heißt, die wiederum auch stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes ist.

Der nicht gemeinnützige Landesverband Nordrhein-Westfalen, der laut Georg Ehrmann die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit mit übernimmt, steht unter dem Vorsitz des Rechtsanwaltes AndreŽ Schetzke, dessen Kanzlei "von Hollen, Rott und Partner" auch mit der Erstellung der Jahresbilanz 2008 beauftragt war.

Wenig Personal, hohe Kosten

Die Personalkosten beim DKH sind hoch. Da es keine Daten für 2009 gibt, wurden die Daten der Bilanz 2008 zu Rate gezogen. 260.293,00 Euro plus 43.439,63 Euro fallen hier an, insgesamt also 303.732,63 Euro; davon beträgt das Gehalt des geschäftsführenden Vorsitzenden Georg Ehrmann 55.877,52 Euro, was rund ein Fünftel des Gesamtbetrages ausmacht. Als vereinnahmte Mittel durch Spenden, Sponsoring und Sonstiges weist die Bilanz einen Betrag in Höhe von 772.834,48 Euro aus, womit bereits knapp 40% der Einnahmen allein für Personalkosten verwandt werden.

Dabei ist die Personaldecke des Bundesverbandes relativ dünn. Laut eigener Aussage arbeiten dort zur Zeit lediglich der geschäftsführende Vorsitzende, eine Vorstandssprecherin und eine wissenschaftliche Leiterin in regulären Vollzeitbeschäftigungsverhältnissen. Die Büroassistenz sowie der Klinikclown sind 400-Euro-Kräfte, darüber hinaus gibt es noch einen Auszubildenden. Ferner wurden angegeben: Pressearbeit (freie Mitarbeit, 1/2 Stelle), Frühchenprojekt (Charité 1 Stelle, München 1 Stelle bis 31.12.2007, Heidelberg 1 Stelle und bis 28.02.2008 eine Stelle in Leipzig). Dass der Klinikclown lediglich auf 400-Euro-Basis angestellt ist, verwundert angesichts der Tatsache, dass bei den Projekten noch davon gesprochen wird, dass die Herzen der kleinen Patienten durch Klinikclowns erhellt werden.

Lobbyarbeit und Rechtsberatung

Immerhin 201.383,37 Euro entfallen auf den Verwaltungsaufwand, wobei hier Steuern, Rechts- und sonstige Beratungskosten zusammengefasst wurden. Doch die Bilanz gibt Auskunft darüber, wie hoch die Einzelposten sind. Immerhin 80.688,57 Euro fielen hier an - was etwa 10% der Einnahmen ausmacht. Vereinfacht gesagt fließen aus einem gespendeten Euro 50 Cent nur in Personal- und Beratungskosten. Die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit wird laut Bilanz mit einem Betrag in Höhe von 205.705,13 Euro im Jahr 2008 finanziert - eine stolze Summe, verglichen mit den Geldern, die z.B. direkt als Spenden weitergeleitet werden. Dieser betrag beläuft sich nämlich lediglich auf 37.124,53 Euro.

Es lässt sich also an Hand der Zahlen feststellen, dass die DKH sich, wie angekündigt, auf Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit konzentriert hat. Nur stellt sich die Frage, inwieweit diese Zahlen den rund 25.000 stimmlosen Fördermitgliedern, die dank der Homepage und der darauf enthaltenen Projektgalerie meinen, mit jeder Spende direkt z.B. das Frühchenprojekt zu unterstützen, bekannt sind. Unter Berücksichtigung all dieser Zahlen und Daten ist eher unklar, inwieweit Kinder von den eingehenden Spenden profitieren. Gesichert profitieren in jedem Fall die Empfänger der Personal- und Rechtsberatungskosten. Lobbyarbeit hat hier im wahrsten Sinne des Wortes ihren Preis.

Doch sie macht sich auch bezahlt – Rechtsanwalt Georg Ehrmann ist mittlerweile Mitglied des Bundesjugendkuratoriums, eines Sachverständigengremiums, dessen Mitglieder durch die Bundesministerin bzw. den Bundesminister für Familie, Senioren, Frauen und Jugend berufen werden und kann auf diese Weise zugleich als Sachverständiger für Forderungen und Ideen des Ministeriums zu Rate gezogen werden. Gleichzeitig kann er sich auf eben dieses Ministerium berufen, wenn er selbst Forderungen stellt, und durch die Qualifizierung als Sachverständiger glänzen.

Die Frage: „Herr Georg Ehrmann wurde vom Familienministerium im Jahr 2010 als Sachverständiger in das Bundesjugendkuratorium berufen und ich würde gerne erfahren, welche Qualifikationen er dafür mitbrachte bzw. auf Grund welcher Einschätzungen diese Berufung geschah“ beantwortete das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wie folgt:

Das Bundesjugendkuratorium (BJK) hat die Aufgabe, die Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Kinder- und Jugendpolitik zu beraten. Bei den berufenen Personen handelt es sich um Expertinnen und Experten in den Themenfeldern, mit denen sich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in dieser Legislaturperiode ganz besonders beschäftigt. Die berufenen Persönlichkeiten stehen für ihre jeweilige Expertise in aktuellen Themenschwerpunkten des BMFSFJ. Bei der Besetzung sind auch das Bundesgremienbesetzungsgesetz zu beachten und die interdisziplinäre Besetzung aus Politik, Praxis, Verwaltung und Wissenschaften. Alle berufenen Personen zeichnen sich durch ihre Fachkenntnisse und Erfahrung aus. Herr Georg Ehrmann, Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des Trägers Deutsche Kinderhilfe e.V., wurde als Sachverständiger in Kinderschutzfragen berufen.

Es bleiben noch viele Fragen offen, was die DKH angeht - z.B. ob es auch Beauftragungen des Rechtsanwalts Ehrmann gab, die dann unter den Rechtsberatungskosten auftauchen und somit sein Gehalt erhöhen. Ob weiterhin enge Verbindungen zwischen diversen Firmen und der DKH und ihren Landesverbänden bestehen und ob z.B. der Landesverband NRW für seine Lobbyarbeit Geld vom Bundesverband erhält oder aber Spenden an diesen entrichtet. Die Intransparenz in dieser Hinsicht lässt bedauerlicherweise, zusammen mit den ohnehin doch ernüchternden Zahlen hinsichtlich der Direkthilfe und der Kosten für den sich selbst am Leben erhaltenden Lobby-Apparat, noch genug Raum für Spekulationen, inwiefern hier Kindern tatsächlich geholfen wird.

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