Telepolis-Musikcharts für den September
Zusammengestellt unter Mitwirkung von Tom Appleton, Claus Jahnel, Reinhard Jellen, Rudolf Maresch, Twister et al.
Im Zeitalter der allgemeinen Verfügbarkeit von Musik via Dailymotion, Last.fm, MySpace und anderen Portalen - hier nicht ausschließlich Neuerscheinungen, sondern zehn Stücke, die unsere Autoren derzeit am meisten schätzen.
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1. Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir 5/9 (Fluxus-Oratorium, uraufgeführt 2008. In Gedenken des damals zukünftig Verstorbenen
Christoph Schlingensief, 1960-2010)
Nominiert von Peter V. Brinkemper: "Zeugen und Oratoren verschiedener ästhetischer und spiritueller Herkunft treten auf und kommen sich heftig und traumartig ins Gehege. Auf der Suche nach einer Erlösung ohne Erlöser: Margit Carstensen (Rainer Werner Fassbinder) und Angela Winkler (Peter Stein und Peter Zadek). Wagners Tristan und das Familienschisma mit einer im Alter einsam erstarrten Kultur. Aufmarsch, Wucherung und Auflösung der organischen und kulturellen Ordnung. Buñuels surreale Subversion und der Fluxus als radikalisierte Diesseitigkeitserfahrung. Karfreitagsopfer und Karfreitagszauber. Gral meets Hase und Beuys als Fünften Evangelisten. Mitteleuropäische Messe, Gospel, Oper und zärtliches Geheul der nach innen gewandten Verzweifelung. Kirchendiener, Junge Pioniere, Schamanen, Buddhisten ziehen ein und werden von nihilistischem Zweifelsanfällen wieder aus dem Saal zurückgezogen. Parsifal: 'Erlösungsleid/t-Motivik': 'Durch Mitleid wissend, der reine Tor...' Die retrograde Schrumpfung des Religiösen, zwischen Filmprojektion und Realität, Fiktion privater Dokumentation. Die Monstranz als Okular und Projektor von Leben und Tod. Alles unter der Perspektive: Die tiefe existenzielle Beleidigung durch den Krebs mit 47 Jahren, die letztlich ohne Chancen zum Tod mit 49 Jahren führt. Die Antwort des ewig jung gebliebenen Rebellen auf der Überholspur: 'Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.'"
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2. George Brassens - La Mala Reputacion,
Testamentound La Pata De Juana
Nominiert von Tom Appleton: "George Brassens, der große französische Chansonier, hat drei seiner Chansons auch auf Spanisch aufgenommen. Die Aufnahmen klingen wie Studio-Proben, die wahrscheinlich damals nicht auf Platte erschienen sind. Auf YouTube findet man sie in verschiedenen Bearbeitungen, manchmal auch von anderen Künstlern (Paco Ibanez!) gecovert.
Die französischen Versionen kennt man ja, und einige deutsche Fassungen gibt es von 'Väterchen Franz' - Franz Josef Degenhardt - und hier eine schöne Hommage aus dem Jahre Schnee."
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3. Placebo - Bright Lights
Nominiert von Twister: Auch wenn die Liste der Placebo-Stücke, die ich mag, sowieso endlos lang
ist (es gibt nur einige wenige Stücke, die ich nicht mag), so fallen mir
bei der Frage: Welche magst du am liebsten?
neben Infra-Red, Song To Say Goodbye, Nancy Boy, Spite And Malice auch Bright Lights und Speak In Tongues ein. Placebo haben ja in den Augen vieler eine Art U2-isierung durchgemacht. Von der schrägen Newcomerband hin zu den Abräumern mit
stadiontauglichen Mitsingliedchen. So wie U2 von A Day Without Me über Bad und Bullet The Blue
Sky bei belanglosen
Stücken wie Vertigoankamen, wird auch bei Placebo eine Kommerzialisierung und Banalisierung
ausgemacht.
Anders als bei U2 sehe ich bei Placebo aber eher ein Widerspiegeln der
Befindlichkeiten des Sängers, der vom androgynen Schrägheitsverfechter
nun über die Vaterschaft gereift scheint und mit sich und seinem Leben
derart im Reinen ist, dass er sogar teilweise Lebensfreude rüberbringt.
Nicht nur äußerlich scheint Brian Molko ruhiger und gesetzter, auch
musikalisch sind Placebo trotz Drummerwechsels (oder gerade wegen des
Wechsels) eher verändert als belanglos. Dabei sind die Texte keineswegs
dadurch banal geworden, auch wenn Bright Lights auf den ersten Blick
als Wohlfühlstück dienen kann.
'Nothing can take this away from me' singt Brian Molko. Und 'Cause a
heart that hurts, is a heart that works'. Auch wenn das bereits
Juliana Hatfield sang, so ist es doch perfekt in den Song eingebettet,
der meiner Ansicht nach Molkos 'Erwachsenwerden' textlich behandelt.
Mir ist klar, dass der Reiz bei Texten wie denen von Placebo darin
besteht, dass jeder seine Assoziationen hineinpacken kann und sagen kann
'das geht mir genauso, der spricht aus, wie ich mich fühle', dennoch ist
für mich Bright Lights neben Speak In Tongues eines der Stücke, die sich
so positiv anhören, dass ich sie immer wieder hören kann und eben
auch denke: das ist mein Stück.
Telepolis-Musikcharts für den September
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