Fernsehen als moralische Anstalt
Michael Jürgs erklärt, was Helmut Schmidt und Dieter Bohlen gemeinsam haben, warum Stefan Raab ein Hoffnungsträger ist und wie man als Prediger seine Kirche voll bekommt
Herr Jürgs, der Titel Ihres medienkritischen Rundumschlags – Seichtgebiete – bringt auf den Punkt, was Sie aufregt: die scheinbar unaufhaltsame Verflachung massenmedialer Inhalte und damit korrespondierend die Verdummung des Publikums. Nun kommen Sie selbst aus dem Boulevard-Journalismus, der mit nackten Busen und Sensationen Geld macht. Ihr Kollege Alan Posener schrieb, "als ehemaliger Stern-Chefredakteur müssten Sie eigentlich wissen, warum wir hemmungslos verblöden" – so der Untertitel Ihres Buches. Stehen Sie mit Bohlen, Klum & Co auf einer Stufe?
Michael Jürgs: Mich auf dem Boulevard zu bewegen in aufrechtem Gang ist sinnlich, spannend und außerdem sinnvoll, denn auf diese Weise erreiche ich viele Leser. Während meiner frühen Zeit bei der Abendzeitung in München habe ich gelernt, Kultur spannend zu machen, so spannend, dass damals 17 Prozent der Leser unsere Kulturseiten lasen. Heute versuche ich mit meinen Büchern im Prinzip Ähnliches: Menschen zu erreichen, indem ich sie erstaune, berühre, erschrecke, wütend mache. Die Seichtgebiete zu schreiben, hat mir deshalb besonderen Spaß gemacht, aber die schönsten Gemeinheiten wurden natürlich juristisch geprüft.
Michael Jürgs wurde 1945 in Ellwangen geboren. 1964 begann er in München ein Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Er brach es nach acht Semestern ab, um bei der Münchner Abendzeitung zu arbeiten, bei der er als 23-Jähriger Chef des Feuilletons wurde. Zwölf Jahre später wechselte er zum Stern, arbeitete dort in verschiedenen Positionen und Ressorts, bis er 1986 Chefredakteur wurde. Nach einem Leitartikel unter der Überschrift "Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?" und der darauf folgenden harschen Kritik wurde Jürgs 1990 entlassen. Er leitete von 1992 bis 1994 als Chefredakteur das Magazin Tempo und war Co-Moderator der NDR-Talkshow. Seit 1994 ist er Buchautor und freier Journalist. Er schreibt seitdem u. a. Medienkolumnen für die Süddeutsche Zeitung und hat außerdem Biographien über Romy Schneider und Günter Grass veröffentlicht. 2009 erschien sein Buch "Seichtgebiete. Warum wir hemmunglos verblöden", in dem er die derzeitige Medienlandschaft und die Verdummung des Publikums anprangert. Michael Jürgs lebt in Hamburg.
Blödheit anzuprangern hat immer wieder mal Konjunktur – und es eint offenbar die Kulturpessimisten von rechts und links. Vor über vierzig Jahren schrieb der rechtslastige Germanist und Historiker Gustav Sichelschmidt das Buch Verblöden die Deutschen?, das kürzlich in einer neuen Auflage herausgekommen ist. Anne Weiss und Stefan Bronner warfen vor einem guten Jahr Generation Doof auf den Markt. Und Ihr Kollege Alexander Kissler hat sich mit einer Fernsehkritik zu Wort gemeldet, die den Titel trägt: Dummgeglotzt: Wie das Fernsehen uns verblödet. Wieso haben Sie auch noch ein Buch zum Thema geschrieben?
Michael Jürgs: Die arrogante Antwort lautet: Weil ich dachte, dass ich es besser kann als die anderen. Die richtige Antwort: Weil ich keine Botschaften verkünden will, sondern in aller Bescheidenheit – und im Wissen selbst vor Blödheit nicht gefeit zu sein – die Blöden lächerlich machen will. Ich habe zwar viele Verrisse kassiert, aber die Auflage zeigt mir, dass ich recht hatte, denn sonst wären andere Autoren auf der Bestsellerliste und nicht ich.
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Mir kommt dabei meine Erfahrung als Stern-Journalist zugute, der gelernt hat, wie man am besten die Kirche füllt, um zu predigen. Außerdem nehme ich für mich in Anspruch, nicht nur die übliche Fernsehkritik zu betreiben, sondern einen weiteren Schwerpunkt zu setzen. Bei mir geht es ebenso um die Seichtgebiete in der Literatur, der Politik und der Gesellschaft.
Wir möchten trotzdem zunächst bei den Fernsehinhalten bleiben. Was genau ärgert Sie denn eigentlich an RTL-Casting-Formaten wie Raus aus den Schulden oder Die Super Nanny?
Michael Jürgs: Um einen schönen Satz meines Kollegen Thomas Tuma zu variieren: "Es ist den Leuten lieber, sich in Castingshows fertig machen zu lassen, als ihren Enkeln später gar nichts erzählen zu können." Natürlich kann man sagen, die Leute, die dort auftreten, sind ja freiwillig da und insofern selbst schuld. Und auch die Zuschauer zwingt niemand, sich das alles anzusehen. Aber so einfach möchte ich es mir nicht machen, denn für die sogenannte geistige Unterschicht – und dazu zähle ich auch die finanzstarke Oberschicht, die im Range Rover auf der Straße unterwegs ist – sind die Castingshows der Ersatz für all das, was sie in Privatgesprächen nicht mehr erleben.
Inwiefern sind Castingshows denn Ersatz für das Gespräch?
Michael Jürgs: Sie versprechen die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die viele Menschen im privaten Umfeld nicht mehr erhalten. Für mich sind diese Castingshows auch ein Sinnbild für eine Gesellschaft, die sich zwischen Arm und Reich, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit spaltet. Wirklich gefährlich wird es, wenn die Leute anfangen, Castingshows wichtiger und interessanter zu finden als demokratische Wahlen, wenn sie sich den Gang zur Wahlkabine sparen und lieber vor der Mattscheibe verharren.
Die Regeln des Spiels
Herr Jürgs, Sie behaupten, Dieter Bohlen sei ein nützlicher Idiot, der sich von den Drahtziehern in den Sendern diktieren lasse, wie und wobei er mitspiele. Woher wissen Sie das? Bohlen macht auf uns nicht den Eindruck, als ließe er sich fernsteuern.
Michael Jürgs: Und genau die Vermittlung dieses Eindrucks gehört zu den Regeln des Spiels, das Leute wie Bohlen und Heidi Klum perfekt beherrschen. Mit allen Tricks! Sie wissen nicht nur, wie sie ihr Spiel inszenieren müssen, sondern auch, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verkaufen haben. Alle Äußerungen und Ausfälle von Bohlen, also der Krach und das Proll-Gehabe, gehören zum System – einem geschlossenen System, zu dem die BILD-Zeitung ebenso gehört wie RTL und der Bertelsmann-Verlag, in dem mein Buch erschienen ist.
Bohlen ist, wenn Sie mir diese etwas aberwitzige Bezeichnung gestatten, eine "moralische Anstalt", die wiederum genau in die Anstalt namens "Fernsehen" passt. Eine Anstalt übrigens, die eigentlich geschlossen werden müsste, weil dort drinnen zu viele Irre herumlaufen. Im Gegensatz dazu betrachte ich mich als eine moralische Ein-Mann-Anstalt der altmodischen Art, also im Schillerschen Sinne.
Noch einmal zu Bohlen: Ist es nicht ebenso gut möglich, dass er einfach sehr geschäftstüchtig ein Image zu verkaufen weiß?
Michael Jürgs: War da zuerst die Henne oder das Ei? Ich glaube nicht, dass Bohlen am Anfang so war, wie er heute ist. Aber er hat gemerkt, dass er immer noch ein Stückchen weiter gehen kann, und er hat es getan. Und nun entspricht er tatsächlich genau dem Image, das die Programmverantwortlichen von Anfang an für ihn vorgesehen hatten: Er ist der umstrittenste Protagonist der deutschen Unterhaltungsindustrie mit einem Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit.
Gleichzeitig bescheinigen Sie jedoch Bohlen einen gewissen "volkspädagogischen" Wert, denn er predige, wenn auch auf drastische Art, dass Erfolg an Leistung und Können gebunden sein sollte. Sie stellen ihn sogar auf eine Stufe mit Helmut Schmidt. Das ist doch Unsinn – um der schlechten Pointe willen.
Michael Jürgs: Jede Schicht hat ihre Helden. Und Helmut Schmidt ist der Held der Oberschicht. Er benimmt sich schlecht, ist knurrig, staucht Leute verbal zusammen, macht, was er will, und raucht, wo er will. Wenn man die Spielregeln formulieren würde, denen beide folgen, wären sie ähnlich.
Im Buch stellen Sie sich vor, wie man dem verblödeten Zuschauer die Augen öffnen könnte: Man nehme die Helden der Unterschicht, wie Bohlen, Klum und Co., und lasse sie in einer Supershow bei Arte oder 3sat gegeneinander antreten. Im Laufe des Abends würde der "beste Depp" gewählt. Die elitären Arte-Zuschauer erführen so, wer und was sich im so genannten Unterschichten-Fernsehen abspielt, und dessen Publikum wiederum würde genötigt, in niveauvolle Sender wie Arte oder 3sat hereinzuschauen. Umschalten wäre für beide Parteien verboten!
Ist das nicht ein bedenkliches Szenario, das Sie da entwerfen? Schließlich sind die Castingshows Teil einer pluralistischen Gesellschaft. Es sind mündige Bürger, die dort mitmachen und sich das anschauen. Ein wenig erinnert Ihr Feldzug an die fünfziger Jahre. Damals galten Comic-Hefte als Quelle der Verdummung und wurden sogar öffentlich verbrannt. Wollen Sie eine Geschmacksdiktatur errichten?
Michael Jürgs: Ein entschiedenes Nein! Ich hasse Oberlehrer, die uns mit dem Zeigefinger erklären, wie die Welt zu sein hat, und ich bin gegen Zensur. Aber ich glaube, dass diese Wahnsinnsidee eines gemeinsamen Arte-3sat-Abends funktionieren könnte, weil alle Zuschauergruppen neue Seh-Erfahrungen machen würden. Die Blöden würden zwei Sender kennen lernen, von denen sie noch nie etwas gehört beziehungsweise gesehen haben, die Stammsseher von 3sat und Arte im Gegenzug Menschen, die sie in einer Freakshow vermuten werden. Natürlich handelt es sich hier um eine Satire mit bewussten Überspitzungen, aber wer diejenigen erreichen will, die nur noch gewohnt sind, in Bildern zu denken, muss auch in Bildern schreiben. Auf Lesereisen lachen dann Zuhörer, weil sie sich das Szenario vorstellen können. Ich bin nichts anderes als das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Ich mache die Typen lächerlich, indem ich sie als nackt bezeichne.
Raab als Retter des deutschen Fernsehens
Letztes Jahr gaben Sie gegenüber dem Spiegel zu Protokoll: "Ich würde sagen, die Hoffnung hat einen Namen und die heißt Stefan Raab." Nun ist Raab ja ein besonders skrupelloser Akteur der Casting-Gesellschaft, der seine Kandidaten gern niedermacht und dem Gespött preisgibt. Wieso ist er für Sie eine Lichtgestalt?
Michael Jürgs: Weil Raab sich in seiner Sendung Schlag den Raab auch selbst stellt und fertigmachen lässt. Gebildete müssen aufpassen, dass ihre Definition von anspruchsvoller Unterhaltung nicht zu eng wird: Nicht nur, wenn ein Tenor singt, nicht nur wenn Harald Schmidt Witze macht oder wenn wir Neues aus der Anstalt serviert bekommen, findet niveauvolles Entertainment statt.
Stefan Raab verfügt in seiner ganzen Gemeinheit und Unverschämtheit über beträchtliche Intelligenz, die ein Mario Barth nicht hat. Raab hat Potenzial und wenn die junge Generation ihn gut findet, muss die ARD eben Raab verpflichten. Würden er und Günther Jauch im Ersten oder im ZDF laufen, dann würden viele der "Blöden", die jetzt Privatfernsehen glotzen, die Öffentlich-Rechtlichen einschalten. Und wenn dann die Sendung mit Raab zu Ende wäre und im Anschluss plötzlich eine spannende Dokumentation, eine Diskussion oder ein interessanter Film liefe, dann blieben die Leute dabei und würden sich auch das ansehen. So könnte man sie auf ein höheres Niveau locken.
Der gleiche Stefan Raab, der die jungen Leute für das Qualitätsfernsehen gewinnen soll, hat schon Menschen zerstört. Wir denken da an Lisa Loch, die mit miesen Wortspielen herabgewürdigt wurde oder an Regine Zindler, die sich, nachdem sie im Maschendrahtsong verspottet worden war, für einige Zeit in psychotherapeutische Behandlung begeben musste. Wollen Sie ernsthaft so jemanden zum öffentlich-rechtlichen Kultur-Lockvogel machen?
Michael Jürgs: Raab spielt doch nur mit dem, was ihm das Genre seiner Sendung erlaubt. Da fehlt einfach ein verantwortlicher Redakteur, der ihm Grenzen setzt. Dass es die bislang nicht gibt, ist aber nicht seine Schuld, sondern die des Privatfernsehens, wo man alles zulässt, wenn es nur die Einschaltzahlen nach oben treibt. Im Gegensatz dazu würden die Öffentlich-Rechtlichen Raab deutlich machen, wie weit er maximal gehen darf, denn sie haben staatsvertragliche Pflichten einzuhalten.
Aber wäre Stefan Raab dann noch derselbe wie bei Pro7, wenn ihm zukünftig Grenzen gesetzt werden würden?
Michael Jürgs: Seine verrückten Ideen – mit einem Wok den Berg runterzischen oder Ähnliches – könnte er doch nach wie vor umsetzen. Aber er müsste eine Grenze respektieren, die durch die Menschenwürde gezogen wird. Dazu gehört, dass man nicht an den Schwachen sein Mütchen kühlt, sondern es mit denen aufnimmt, die sich wehren können. Und wäre Raab in der ARD zu sehen, würde er gewisse Grenzen des guten Geschmacks einhalten müssen, die im Staatsvertrag definiert sind.
Im gleichen Spiegel-Interview sagen Sie: "Raab verarscht andere Formate und macht sie gleichzeitig besser." Was genau hat sich denn an den kritisierten Formaten wie Bauer sucht Frau, Musikantenstadl, oder Popstars nach Herrn Raabs Spott verbessert?
Michael Jürgs: Die Sendungen selbst natürlich nicht. Aber, und das ist entscheidend, die Blickweise des Publikums verändert sich dadurch, dass Raab diese Sendungen, wie Schwiegertochter gesucht und ähnlichen Schwachsinn enttarnt und lächerlich macht. Natürlich wäre es noch schöner, wenn sich die Verantwortlichen hinter den Kulissen für das Amusement des Publikums etwas gutes Neues einfallen ließen – oder sich vielleicht auch auf Altbewährtes besännen: Slapstick-Programme wie Sketchup mit Dieter Krebs und Iris Berben oder eine Sendung wie Loriot würden auch heute noch funktionieren, einfach weil sie gute Unterhaltung bieten.
Sendungen wie Die Super Nanny, Germany’s Next Top Model oder Raus aus den Schulden sind in Ihren Augen nur seicht. Warum eigentlich? Die Fernsehkritikerin Klaudia Wick...
Michael Jürgs: …die mein Buch empört verrissen hat …
…sieht in diesen Formaten durchaus die Chance, etwas zu lernen. Germany's Next Top Model erklärt uns doch die Marktmechanismen der Schönheitsbranche. A>: Haben Sie schon irgendwo gelesen, dass eine von den Supermodel-Gewinnerinnen Karriere gemacht hat? Nein, die werden nur verschaukelt. Super Nanny oder Raus aus den Schulden bilden nur Zustände in dieser Gesellschaft ab, mehr nicht: Viele Leute können ihre Kinder nicht mehr erziehen oder brauchen einen Schuldenberater. Die geschätzte Kollegin Wick hat versäumt zu fragen, warum solche Sendungen eigentlich erfolgreich sind. Wenn nämlich solche Wirklichkeits- und Ratgebersurrogate so erfolgreich sind, ist das ein Symptom dafür, dass in unserer Gesellschaft so einiges im Argen liegt. Und wenn dann eine Partei wie die SPD auch noch auf die Idee kommt, die Super Nanny für ihren Wahlkampf einzusetzen – was der Fall war – dann frage ich, was wir von der Politik überhaupt noch erwarten können.
Also Sie beunruhigen vor allem die gesellschaftlichen Zustände, die sich in diesen Sendungen spiegeln?
Michael Jürgs: Wie gesagt: Wenn die Zuschauer glauben, sie brauchten diesen Rat, dann läuft grundsätzlich etwas schief. Denn es handelt sich ja hier nicht um Aufklärung über politische und soziale Zustände, sondern um Inszenierungen, die Versatzstücke der Realität verwenden. Aufklärerisches, kritisches Fernsehen dagegen braucht eine entsprechende Form, man benötigt dokumentarische Szenen, die für sich sprechen und die man so gegeneinander stellt, dass sie Funken schlagen, dass sie dem Zuschauer ein Licht aufgehen lassen. Das sind keine Reality-Shows, sondern das ist Journalismus. Dafür brauchen Sie neben Talent und Instinkt auch, so altmodisch es klingt, eine moralische Grundhaltung.
Fernsehen als Lebenshilfe?
Aber für Klaudia Wick sind Sendungen wie die Super Nanny eben keine Verflachung, sondern eine Auseinandersetzung mit realen, gesellschaftlichen Problemen. Vor etwa zehn Jahren wurde die Situation Arbeitsloser nicht thematisiert. Heute zeigen Formate wie Raus aus den Schulden und Super Nanny, dass Lethargie in dieser Situation nur schaden kann. Ist das nicht Lebenshilfe?
Michael Jürgs: Angenommen Klaudia Wick hätte Recht. Dann müsste sich ja bei den Zuschauern ein Lerneffekt einstellen, der sie auf einen besseren Weg bringt. Dafür sehe ich aber keine Anzeichen. Oder haben Sie neue Zahlen, die belegen, dass die Arbeitslosenquote gesunken ist? Dass die Verschuldung zurückgegangen ist und die Jugendgewalt abgenommen hat? Ich nicht, im Gegenteil: Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Verhältnisse verschlimmert haben. Wenn also Sendungen wie Die Super Nanny dermaßen überhöht werden, als seien sie eine Antwort auf gesellschaftliche Schieflagen, dann haben ihre Propheten offenbar versagt.
Aber es gibt diesen Lerneffekt doch tatsächlich. Sie haben selbst in Ihrem Buch das Beispiel der Dokusoap Holocaust – Die Familie Weiss genannt. Natürlich ist das ein ganz anderer Themenbereich, aber der Effekt des Lernens, in diesem Fall auf die Vergangenheit gerichtet, der war doch da. Warum soll das bei den heutigen Soaps nicht funktionieren?
Michael Jürgs: Wenn Sie Holocaust und die Reality- und Casting-Sendungen vergleichen, stellen Sie einen gewaltigen Qualitätsunterschied fest. Wären diese Shows intelligent gemacht, zum Beispiel, indem man die Familienministerin mit einbezieht oder den Schuldenberater der Regierung – Finanzminister nennt man den wohl –, dann entstünde ein ganz anderer Effekt. Aber die Gestalten, die zurzeit bei RTL zu sehen sind, gaukeln Fachwissen und Lebenshilfe nur vor.
Gibt es auch eine Castingshow die Sie gut finden?
Michael Jürgs: Ich kann Kanzler war zumindest mal der Versuch, ein vernünftiges Casting zu machen. Eine tolle Idee zu zeigen, was eigentlich jemand können muss, der Politiker werden will, dass da mehr verlangt wird, als gut schwätzen zu können. Aber es gibt auch andere Sendungen, die im Prinzip anspruchsvolle Castings sind. In 3sat beispielsweise konnte man die beste Oper wählen. Im Grunde ist sogar der Ingeborg-Bachmann-Preis eine Castingshow für junge Dichter.
Also entscheidend wäre für Sie auf jeden Fall…
Michael Jürgs: ...Inhalt und Qualität. Man könnte sich eine Castingshow überlegen, in der Prominente aus der Politik, der Wirtschaft, der Kultur etwas anderes tun müssten als das, wofür sie bekannt sind. Wenn Corinna Harfouch zum Beispiel Tennis gegen Klaus Kleber spielen müsste, hätte diese Sendung einen hohen Unterhaltungswert, weil die Menschen, die darin vorkommen, bekannt sind und in einer verrückten Situation gezeigt werden. Gleichzeitig wird dem Zuschauer Mut gemacht, auch einmal aus den eingefahrenen Geleisen auszubrechen, etwas Neues auszuprobieren. Eine Castingshow ist ein Wettbewerb, und Wettbewerbe sollten mit richtigem Leben gefüllt werden, statt den Leuten vorzumachen, sie würden Supermodel werden, wenn sie an Germany's Next Top Model teilnehmen.
Sie haben jetzt über Prominente gesprochen. Soll der Normalbürger denn nicht ins Fernsehen, hat er kein Recht auf seinen Auftritt? Schließlich hat Andy Warhol vor mehr als vierzig Jahren prophezeit, künftig würde jeder für 15 Minuten berühmt sein.
Michael Jürgs: Den meisten reichen heutzutage schon 15 Sekunden... Ernsthaft: Der kleine Mann von der Straße, der erzählt, wie er versucht hat, in der S-Bahn in München-Solln jemandem zu helfen und es nicht geschafft hat – der muss ins Fernsehen! Und natürlich sollte er dafür auch ein kleines Honorar bekommen, die Großen bekommen ja auch welches gezahlt. Wenn aber – was tatsächlich vorgekommen ist – immer die gleichen Menschen in verschiedensten Sendungen mal mit offenem Bein, mal als Alkoholiker, mal im Ehekrach gezeigt werden, dann wird der Zuschauer für dumm verkauft!
Was Medienkritik soll
Herr Jürgs, fragen Sie sich nicht manchmal, was die Medienkritik, die Sie betreiben und über die wir hier sprechen, eigentlich soll? Hat nicht jedes Publikum genau das Fernsehen, das es verdient?
Michael Jürgs: Wieder die Frage: War da zuerst die Henne oder das Ei? Ich glaube, dass intelligente Unterhaltung möglich ist. Die Gärtner der Seichtgebiete, so nenne ich die Verantwortlichen in den Sendern, verblöden die Leute mit dem was sie ihnen da vorsetzen. Und das Argument, die Quote zeige ja, dass die Zuschauer nichts anderes wollten, zählt nicht. Denn Wer wird Millionär erzielt auch hohe Einschaltquoten und ist intelligent. Allerdings wird Günther Jauch auf RTL ausgestrahlt. Wie steht es nun mit den Öffentlich-Rechtlichen? Die bekommen schließlich Gebühren und sollen bilden, aufklären und unterhalten, so wie es im Staatsvertrag steht. Aber nehmen wir mal das ZDF, was die Unterhaltung betrifft – in Information und Dokumentationen und auch in Fiktion sind sie ja gut, die Lerchenberger –, aber beim schweren Spiel des leichten Entertainments – wo bleibt die Spannung, das Risiko? Einen Manfred Teubner, Unterhaltungschef beim ZDF, hätte ich schon längst gebeten, einen ganz anderen Beruf zu schwänzen.
Über die Sendung Tutti Frutti, die von 1990 bis 1993 auf RTL ausgestrahlt wurde, schreiben Sie: "Begonnen hat übrigens der Verlust des Privaten, was offenbar der Begriff Privatfernsehen auch impliziert, mit Tutti Frutti, als zum ersten Mal weibliche Vertreter der damals noch nicht als Kernzielgruppe erfassten Unterschicht ihre Brüste hüpfen ließen." Ist also das Privatfernsehen schuld an der Verseichtung?
Michael Jürgs: Natürlich sind auch die Privaten schuld an der Verlandung der Fernsehlandschaft. Tutti Frutti war nur der Anfang. Als die Verantwortlichen dann merkten, dass den Voyeuren die nackten Brüste nicht mehr reichen, gingen sie einfach immer weiter. Die Privaten leben nun einmal von der Werbung. Dafür brauchen sie um jeden Preis hohe Einschaltquoten und entsprechend grauenvoll ist das Ergebnis.
Aber die Öffentlich-Rechtlichen tragen ein gehöriges Maß Mitschuld an den Seichtgebieten, obwohl sie Gebühreneinnahmen in Milliardenhöhe haben und nicht unter den ökonomischen Zwängen der Privaten stehen. Einer der Hauptverantwortlichen dafür ist der ehemalige Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens Günter Struve. Er hat das Prinzip "Quote" in der ARD zum Maßstab gemacht und die Messlatte immens tiefer gelegt, was Qualität betrifft. Anstatt gegen die anderen Sender Qualität zu setzen, haben, ARD und auch ZDF deren Niveau teilweise noch unterboten. Diese grauenvolle Show mit Bruce Darnell, dem ehemaligen Juror von Germany's Next Top Model, lief ja in der ARD! Die Programmverantwortlichen der Öffentlich-Rechtlichen haben sich leider aus Angst, ermordet zu werden, selbst umgebracht.
In den achtziger Jahren war Neil Postman der große Star der Medienkritik, der verkündete Wir amüsieren uns zu Tode. Das Fernsehen verwandele, so seine These, alles in Unterhaltung und zerstöre die Denk- und Urteilsfähigkeit durch permanentes Amüsement. Sind Sie Postmans Nachfolger?
Michael Jürgs: Nein, das würde ich nie wagen zu behaupten. Postman war damals ein Pionier, vergleichbar mit dem Club of Rome auf dem Gebiet der Ökologie. Aber es hat sich seit Postmans Zeiten nichts geändert. "Wir amüsieren uns zu Tode" gilt immer noch, wenn man sieht, wie Kinder am Computer Killerspiele spielen, wie der Amoklauf von Winnenden auf dem Monitor reproduziert wird. Postmans Grundkritik stimmt nach wie vor und ich bin nur einer in einer langen Kette, der sie auf seine Art neu formuliert.
"Der Zuschauer soll keiner eigenen Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor …" So charakterisieren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer das Fernsehen. Stimmen Sie zu?
Michael Jürgs: Seit dem Dritten Reich wissen wir, dass Faschismus schon bei der Unterhaltung anfängt, dem Heimatfilm, der Verkörperung von falschen Helden. Ich bin gespannt, wann wir die ersten Fernsehkandidaten live sterben sehen werden. Würden Sie heute Freiwillige suchen für eine Menschenjagd-Show, bei der man erschossen werden kann, aber als Sieger Geld und Ruhm erntet – es würden sich Leute melden.
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Dieses Interview ist ein für TELEPOLIS exklusiver Vorabdruck aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die Casting-Gesellschaft. Es erscheint im September 2010 im Herbert von Halem Verlag (Köln) und kostet 18 Euro.
- Casting? (10.9.2010 19:40)
- Über solche Sendungen können nur die bedauernswerten Gestalten diskutieren, (10.9.2010 16:16)
- Volkspädagogik (10.9.2010 15:12)
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