Der Krieg und PowerPoint

30.08.2010

Weil ein Oberst im Isaf-Hauptquartier die exzessive Nutzung von PowerPoint-Präsentationen für kognitiv überlastete Generäle ankreidete, wurde er prompt entlassen

Im Januar 2009 fragte die der Army zugehörige Website Company Command Offiziere, die sich im Einsatz im Irak befanden, was sie die meiste Zeit über machen. Die Antwort von Leutnant Sam Nuxoll erregte einige Aufmerksamkeit und auch Spott. Der hatte nämlich gesagt, er mache vor allem PowerPoint-Präsentationen. Das sei kein Witz, erklärte er auf eine Nachfrage. Er müsse Storyboards mit Bildern, Diagrammen und kurzen Texten praktisch über alles machen, was passiert.

Wird mit solchen PowerPoint-Diagrammen der Krieg gewonnen oder verloren?

Dem mittlerweile wegen seiner Kritik an der US-Regierung entlassenen General Stanley McChrystal wurde im letzten Jahr, nachdem er im Zuge der Truppenaufstockung zum Oberbefehlshaber der Isaf- und US-Truppen in Afghanistan ernannt worden war, eine PowerPoint-Präsentation über die in Afghanistan zu berücksichtigenden Einflüsse und ihre Zusammenhänge für eine neue Strategie zur Bekämpfung des Widerstands (counterinsurgency strategy - COIN) vorgelegt. Trocken soll der als asketischer Haudegen bekannte General, der zuvor die Spezialeinheiten befehligt hatte, angesichts dieses durch eine Spaghetti-Logik gekennzeichneten Bildes entgegnet haben: "Wenn wir das verstehen, dann werden wir den Krieg gewonnen haben." Das dürfte nicht ganz ironisch gemeint gewesen sein, denn McChrystal hat selbst gerne Diagramme gezeichnet, wie untenstehendes Foto zeigt. Hier stellte er im März 2010 die "8 Imperative von COIN" dar.

General McChrystal, Nato-Oberbefehlshaber in Afghanistan, macht die Verhältnisse anschaulich klar. Bild: Isaf

Im Dezember 2009 wurde das komplizierte Diagramm erstmals veröffentlicht. Dem Autor galt es zwar in seiner Komplexität als "überwältigend", aber man betrachtete es noch als Ausdruck der neuen Strategie, mit der man mit der Truppenaufstockung (surge) ab 2011 dann endlich den von US-Präsident Obama gewünschten Rückzug antreten könne. Aber es war auch schon die Rede von einem "Anschlag auf die Logik". Allerdings wurde im Juli 2009 im Small Wars Journal die beim Militär überbordende Nutzung von PowerPoint-Präsentationen vor allem deswegen kritisiert, weil dies die Dinge zu sehr vereinfache, aber auch weil immer mehr Zeit in die Herstellung der Präsentation gesteckt werde und jeder den anderen - "PowerPoint Ranger" - mit einer besseren überbieten wolle.

Das Diagramm geisterte weiter durch das Web und galt als Symbol für eine durchgedrehte Strategiediskussion, basierend auf Visualisierungen und PowerPoint. Das populäre Microsoft-Programm macht uns dumm, sagte im April General James Mattis. Brigadegeneral H. R. McMaster schloss sich an und bezeichnete PowerPoint als "Bedrohung", weil die Visualisierungen eine "Illusion des Verstehens und der Kontrolle" hervorrufen können. Nicht nur im Pentagon wird der Death by PowerPoint beklagt. Kaum einer wagt noch, ohne PowerPoint Untermalung einen Vortrag zu halten. Das wirkt nicht nur professioneller, sondern ist auch unterhaltsamer, erstickt aber gleichzeitig auch die kritische Diskussion.

Wird die Kritik aber scharf, dann findet man dies im Pentagon weder witzig noch hilfreich. Am 24. August hatte Lawrence Sellin, ein Oberst in der U.S. Army Reserve, der sowohl im Irak als auch in Afghanistan eingesetzt gewesen war, die exzessive Herstellung und Verwendung von PowerPoint-Präsentationen im Militär wieder einmal gegeißelt. Seinen Kommentar bei der Nachrichtenagentur UPI in der Rubrik Outside News fing Sellin allerdings schon despektierlich an. Er habe in seiner Zeit im Hauptquartier in Afghanistan, wo er seit zwei Monaten arbeite, wenig Produktives gemacht, darauf verstünde man sich hier aber sowieso gut. Er war Teil des Isaf-Stabes mit zahlreichen hohen Offizieren der beteiligten Streitkräfte. Dort habe man sich vor allem mit der Herstellung und Präsentation von PowerPoint-Präsentationen beschäftigt, um den geistig nicht besonders hellen Generälen löffelweise Information einzuflößen:

For headquarters staff, war consists largely of the endless tinkering with PowerPoint slides to conform with the idiosyncrasies of cognitively challenged generals in order to spoon-feed them information. Even one tiny flaw in a slide can halt a general's thought processes as abruptly as a computer system's blue screen of death.

Lawrence Sellin

Das ist böse, dürfte aber nicht nur auf die Informationsvermittlung für die Entscheidungsträger im Militär zutreffen. Die Info-Elite hat keine Zeit, sich extensiv selbst zu informieren, sie benötigt Zuträger, die die wichtigen Informationen kurz, verständlich und am besten eben auch bildlich aufbereiten, um daraufhin Entscheidungen zu treffen, die nicht nur in Kriegen fatale Folgen haben können, wenn man in solchen PowerPoint-Cockpits sitzt. Sellin sagt richtig, dass es weniger darauf ankommt, was man sagt, sondern wie man dies macht.

Sellin konstatiert zynisch auch die einschläfernde Wirkung der Präsentationen, zumal wenn die Offiziere mehrere am Tag durchlaufen, um auf der Höhe der Zeit zu sein. Das versetze viele in einem halb-komatösen Dämmerzustand. Da dies meist möglichst kurz wie in den Nachrichten geschehen muss, wo jeder nur 1 oder 2 Minuten Zeit hat, hinterlassen die Informationen und Desinformationen Gottlob, so Sellin, kaum Wirkungen. Allerdings erhalten auch der Isaf-Oberkommandierende und die regionalen Kommandeure die Situationsanalyse über Email mit PowerPoint-Präsentationen. Um gut dazustehen, wird möglichst alles gesendet, die Masse soll Eindruck machen:

One important task of the IJC is to share information to the ISAF commander, his staff and to all the regional commands. This information is delivered as PowerPoint slides in e-mail at the flow rate of a fire hose. Standard operating procedure is to send everything that you have. Volume is considered the equivalent of quality.

Lawrence Sellin

Bei UPI findet man den Kommentar nicht mehr, obgleich Sellin regelmäßig Outside Views beigesteuert hat. Wie im Wired-Blog Danger Room berichtet wird, dauerte es gerade einmal 48 Stunden, bis Sellin vom Pentagon nach Veröffentlichung des Kommentars gefeuert wurde. Aus dem Pentagon heißt es, Sellin habe es versäumt, eine Genehmigung für Veröffentlichungen in Medien zu erhalten. Sein Kommentar spiegle nicht die Wirklichkeit wieder, die er in seiner Position auch nicht habe erkennen können. Sellin sagt, er habe nur eine konstruktive Kritik äußern wollen. Er habe diese auch zuvor ergebnislos seinen Vorgesetzten vorgelegt - natürlich als PowerPoint-Präsentation. Wahrscheinlich waren die Adressaten in einem halb-komatösen Zustand. Man könnte auch sagen: Sie haben meditiert und sich von der Wirklichkeit abgelöst.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.