Sarrazin bedient krude Rassenlehre

29.08.2010

Mag sein, dass Sarrazin und Co. den Finger auf eine Wunde legen, aber sie schaffen selbst eine neu-alte Wunde – den Rassismus und den suizidalen kulturellen Stillstand

Legt Sarrazin, SPD-Mitglied und Vorstand in der Bundesbank, mit seinen vor allem antimuslimischen Äußerungen nur die Finger auf die Wunde oder ist er Brandstifter, der Ressentiments populär und legitim macht? Solche Fragen sind kaum ohne Widerspruch zu klären, denn hier geht es nicht in erster Linie um Fakten, sondern um Interpretation, also um Spekulationen, die Meinungen verstärken oder solchen widersprechen. Die Bild hat jedenfalls in Sarrazin einen guten Kandidaten gefunden, um das Thema Antiislamismus anzuheizen, wobei es er Zeitung egal sein kann, wohin der Pegel ausschlagen wird. Man ist ja immer schon dort.

Der SPD wird ihr in den Vorstand der Bundesbank abgeschobenes Mitglied allmählich peinlich, obgleich sie mit schwierigen Kandidaten von Clement über Schily oder Riester bis Schröder gut gesegnet ist oder war. Sarrazin, der zusammen mit der Bild-Zeitung sein Buch "Deutschland schafft sich ab", werbewirksam etablieren konnte, bedient nicht nur klischeehafte ausländerfeindliche Ressentiments, die nun vom Antisemitismus zum Antiislamismus verändert wurden, sondern argumentiert auch noch auf einer wissenschaftsfernen Ebene der Nazi-Rassenlehre. So meint er allen Ernstes, dass die muslimischen Einwanderer genetisch bedingt dümmer – "bildungsferner" - seien, weswegen sie sich auch nicht integrieren könnten. Die Intelligenz sei nämlich, so weiß der Berufspolitiker, zwischen 50 bis 80 Prozent vererbt.

Über die Intelligenz der Bundesbanker oder der Deutschen lässt er sich freilich nicht näher aus. Über seine eigene natürlich auch nicht. Wenn der Islam dumm macht, dann wären nicht nur alle Bewohner der arabischen Region, einschließlich der Juden, dumm, sondern wohl auch Christen irgendwie kognitiv überlegen. Dass sich genetische Unterschiede nach Kulturen oder Religionen unterscheiden, mag zwar kreativ sein, ist aber nicht sonderlich wissenschaftlich belegt. "Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt", sagte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer.

Gleichzeitig sagt der Vertreter der Möchte-Gern-Intelligenz-Elite aber auch, dass die Integrationsunfähigkeit der Muslime nicht ethnisch begründet sei, sondern in der Kultur des Islam begründet seien. Dennoch müsse man irgendwie den "Genpool" einer Nation verteidigen, der die "kulturelle Eigenart" eines Volkes bedinge: "Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas. Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden." Damit sind wir tatsächlich wieder beim Nationalsozialismus gelandet. Sarrazin meint allerdings, dass im Vergleich zu früheren Völkerwanderungen solche Veränderungen wie heute nicht gegeben habe.

Schön ist, was die SPD herausfordern muss, dass Sarrazin seine rassistische Thesen als sozialdemokratisch bezeichnet. Er wolle schließlich niemanden abschieben, sondern alle nur fördern, und nur dafür sorgen, dass der soziale Aufstieg möglich werde. Naja, allerdings scheint es auch von Intelligenz nicht zu zeugen, weswegen auch die Rechten gerne Sarrazin für sich einnehmen möchten, wenn die Reaktion auf Veränderungen nur Abwehr oder Angst vor Überfremdung ist, statt einer kreativen Aufnahme und Integration, wodurch sich natürlich alle Beteiligten verändern. Stillstand und der Bau von Burgen, die sowieso früher oder später überrannt werden, ist keine kluge Lösung, sondern eine Strategie für diejeniegen, die alles beim Alten lassen und damit die Geschichte einfrieren lassen wollen. Vielleicht sollte sich Sarrazin einmal fragen, ob er und die Seinen nicht irgendwie intelligenzmäßig zu kurz gekommen sein könnten. Das ist freilich kaum zu erwarten, weil Dummheit auch Mangel an Selbstreflexivität bedeutet.

Es besteht natürlich dringende Notwendigkeit, islamische Anschauungen ebenso wie christlich-fundamentalistische Ideologien zu kritisieren. Sich nach dem Kalten Krieg, der genügend mit Schwarz-Weißen-Schablonen agiert hat, vom Krieg der Kulturen oder Religionen einfangen zu lassen, ist tatsächlich, wenn auch nicht genetisch bedingt, dumm, wenn man die Ablehnung des Fremden nicht als angeboren betrachtet. Migrationen haben immer Kulturen verändert und Innovationen angestoßen. Anstatt auf dumpf auf Abwehr zu setzen, könnten wir jetzt eher einmal sehen, wie wir sie produktiv nutzen können. Aber dazu müssten wir uns endlich als Einwanderungsgesellschaft verstehen. Als aussterbende Gesellschaft wäre dies auch dringend notwendig.

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