Libertärer Antimilitarismus tut Not
Globales Kommunikationszeitalter oder Weltkriegsordnung? Ein pazifistischer Zwischenruf zum Antikriegstag 2010
Freiheitliche Verhältnisse und eine Militarisierung der Gesellschaft, wie sie sich insbesondere auch im Bereich der Alltags- und Massenkultur vollzieht, schließen einander aus. Moderne Technologie- und Kulturszenen müssen sich deshalb fragen, was sie der selektiven und formalistischen Freiheitspropaganda der neoliberalen Ära entgegensetzen können. Welche Visionen wir für die Weltgesellschaft des dritten Jahrtausends entwickeln, das hängt ganz entscheidend von unserer Stellungnahme zum Programm "Krieg" ab.
Technologische Revolutionen im Großmaßstab vollziehen sich dort, wo – wie im Fall des militärisch-industriellen Komplexes – ungeheure wissenschaftliche und materielle Ressourcen verfügbar sind. Die für unsere Epoche geradezu namensgebende Informationstechnologie kommt aus den Werkstätten des Kapitals und des Krieges. Die militärischen Ursprünge gehen mit entsprechenden Zielvorgaben für die Forschung einher. Daher ist es zumindest fraglich, ob schon die so entwickelten und formatierten Technologien nur etwas Neutrales sind, das man ganz unschuldig eben auch zum Nutzen der Zivilgesellschaft gebrauchen kann. Sollte es schließlich reiner Zufall sein, dass die mit Hilfe der neuen digitalen Technologien transportierten Bilder, Szenarien und Botschaften in beträchtlichem Umfang mit Krieg und Militär zu tun haben? Gewinnmaximierung, Kontrolle und Beherrschung sind die maßgeblichen Vorzeichen technologischer Innovationen im Bereich der "Kommunikation". Das spiegeln auch die dominanten "Kommunikationsinhalte" wider.
"Libertäre" Kriegskollaboration
Aufgrund entsprechender Kontaminationen bzw. Wechselwirkungen von technologischer "Form" und ideologischem Inhalt setzen nachdenkliche Zeitgenossen ein Fragezeichen hinter die Utopie der freiheitlichen Kommunikationskultur. Doch nicht alle modernen Technologienutzer halten an dieser Stelle Problembewusstsein und dialektische Überlegungen für angesagt.
![]() |
|
| Antikriegsplakat 2010 (Mit freundlicher Erlaubnis der Ökumenischen Friedens Dekade) |
"Libertarismus" ist eine äußerst vieldeutige Bezeichnung für freiheitliche und angeblich freiheitliche Weltanschauungen. Unter diesem Dach tummeln sich z.B. auch technolibertäre Utopisten mit explizit prokapitalistischer, kulturkämpferischer und militärfreundlicher Grundhaltung.[1] Doch die paradoxen Phänomene, die ich polemisch als "libertäre Kriegskollaboration" bezeichne, reichen über den eindeutigen Fall von "libertärem Interventionismus" weit hinaus. Dazu zählen z.B. auch der unkritische Konsum imperialer Angebote auf dem Unterhaltungsmarkt und ein Rezensionswesen, das Ästhetik und Inhalte der Massenkultur nur noch positivistisch vermittelt.
Im Neoliberalismus hat man allen, die es im modernen Mediengeschäft zu etwas bringen wollten, eingeimpft: "Hüte dich davor, mit Wertkonservativen und Moralisten gemeinsame Sache zu machen!" Hernach galten kritische Grundsatzfragen und Werturteile als Todsünden. Am unverfänglichsten war es dann z.B. auch innerhalb der sogenannten Medienpädagogik, sich in uferlosen Formalismen zu ergehen.
Kommunikationstechnologie, Wirtschaftsmacht und Kriegsordnung
Grundlegende Problemfelder kann man in den Blick bekommen, auch ohne in die Klagelieder ewig gestriger Kulturpessimisten einzustimmen.[2] Nur mittels der neuen Technologien konnte sich der finanzkapitalistische Sektor endgültig mit jener virtuellen Geldvermehrungsmaschine aufrüsten, die den gesellschaftlichen wie planetarischen Reichtum an wenige Gewinner umverteilt und die gesamte Zivilisation mit ihrer unendlichen Verschuldungsspirale in Haft nimmt. Das Wissen um die Tiefenstrukturen der modernen Informationstechnologie ist vornehmlich angesiedelt in den Grenzen der – bislang – einzig verbliebenen Supermacht, die gleichzeitig auch mit Abstand über die größten militärischen Machtressourcen auf der Erde verfügt.
|
|
Mitnichten sind die neuen Technologien im "Imperium der Schande" (Jean Ziegler) außerhalb der Gewinnerzentren überall verfügbar. Doch während wir uns den "Luxus" erlauben (müssen!), über den Bürgerrechtsabbau auf der Grundlage moderner Technologien nachzudenken, "werden fernab und unserer Wahrnehmung entrückt Menschenrechte grob missachtet – als Folge unseres Informationstechnologie-Konsums" (Dietrich Meyer-Ebrecht). Denn unsere billigen informationstechnischen Wegwerfprodukte werden zum Großteil in Niedriglohnländern unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen produziert. Der Griff nach Rohstoffen, die für unsere allzeitige Mobilkommunikation unverzichtbar sind, ist in armen Ländern Motor für ganze Kriegsökonomien. Wer möchte sich schon durch solche Hintergründe den Spaß verderben lassen? Aufklärung über ökologische Folgewirkungen wäre unserem ungestörten Medientechnologiegenuss ebenso abträglich.
Da schließlich alle Lebensbereiche – nach Wegfall naher Selbstversorgungsstrukturen – in höchstem Maße von den neuen technologischen Infrastrukturen abhängig sind, entsteht eine Verwundbarkeit, die uns im Rahmen von Cyberwar- und Katastrophen-Szenarien ernsthaft beunruhigen sollte.
Der militärisch-unterhaltungsindustrielle Komplex
Trotz erheblicher Magenschmerzen – das sei den Telepolis-Lesern gebeichtet – habe ich nach erfolglosen Änderungsvorschlägen 2008 den Kölner Aufruf gegen Computergewalt mitunterzeichnet. Die Sprache des Textes ist wenig geeignet, Spielekonsumenten – ohne Diffamierung – zum offenen Dialog einzuladen. Das Verbotsparadigma der Forderungen erscheint mir schon allein in praktischer Hinsicht als untauglich. Hingegen kommt wohl kein kritischer Zeitgenosse am zentralen Hinweis auf den "militärisch-industriell-medialen Komplex" vorbei.
Die Konzernverflechtung von Kriegsprofiteuren und Medienproduzenten, die z.B. Christiane Leidinger in ihrem Buch "Medien – Herrschaft – Globalisierung" (2003) thematisiert hat, lässt sich zumindest exemplarisch erhellen. Auch wenn es einige neunmalkluge Kulturredakteure immer noch nicht wahrhaben wollen: Die massive Einflussnahme der Filmbüros des US-amerikanischen Militärs auf vermeintlich "freie" Großproduktionen aus Hollywood ist hinreichend belegt. Das dort erprobte militärisch-mediale Kooperationsmodell hat in Europa – und speziell auch in unserem Land – längst Nachahmung gefunden. Die entsprechende Produktpalette einer militarisierten Massenkultur bewerte ich in meinen eigenen Buchbeiträgen "Kino der Angst" (2005/2007) und "Bildermaschine für den Krieg" (2007) als zentralen Rüstungssektor. Im Bereich der Friedensforschung gibt es an dieser Stelle noch großen Nachholbedarf.
Ebenso wie beim Film wirken kommerzielle Spielentwickler und Militär keineswegs nur in informellem Austausch zusammen. Auf "inhaltliche und strukturelle Verbindungen von Militär und Spiele-Industrie" macht auch Ralf E. Streibl in einem W&F-Beitrag aufmerksam. Zur gängigen Schieflage der gereizten Debatte führt er aus:
Bei Diskussionen über Computerspiele geht es oft gleichermaßen wenig fundiert und fruchtlos um die Frage, ob gewalthaltige Inhalte pauschal Spieler aggressiver machen. Subtilere, aber vielleicht bedeutsamere Aspekte bleiben daneben meist unbeachtet. Welche Inhalte und Weltbilder beinhalten Computerspiele? Welche gesellschaftlichen Einflüsse und Auswirkungen können sich daraus ergeben?
Kriegsspielkultur und kapitalistischer Hedonismus
Ob die von seriösen Psychologen und auch in einer großen Metastudie vorgebrachten Bedenken zu einer möglichen individuellen Gewaltwirkung von Computerspielkonsum zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Ich halte Computerkriegsspieler nicht für potentielle Killer, die das, was sie virtuell durchspielen, am liebsten auch im realen Leben machen würden. Entsprechende Klarstellungen von Konsumenten sind mir schon persönlich zugegangen, und sie können z.B. auch im Netz nachgelesen werden.
Meine Bedenken betreffen zunächst allein den Umstand, dass das kommerzielle Spiele-Angebot überhaupt in nennenswertem Maße militarisiert ist. Genau quantifizieren lässt sich das bislang freilich nicht. Man darf sich jedoch hier nicht nur im engen Sinn auf eigentliche Kriegs- und Militärspiele beschränken. Fantasy-Produkte können z.B. Bellizismus pur enthalten. In historisch gefärbten Spielangeboten (Rom & Co) kann man wunderbar imperiale Weltbilder transportieren. Auch Kreuzrittersiege über "ungläubige Muselmanen" waren im Verlauf dieses Jahrzehntes den Weltbeherrschern sehr genehm. Selbst in einer "Tierfilm"-Animation lässt sich "Krieg" – ganz biologistisch – als ewige Naturtatsache vermitteln. Maßgeblich sind – selbstredend – nicht die prozentualen Anteile an den verzeichneten Produkttiteln des Mediums, sondern die Auflagenzahlen der Verkaufsschlager, die Sortimente der kommerziellen Videotheken und die Frequenz der Online-Nutzungen:
Jede andere Branche würde sich möglicherweise freuen, wenn sie im Computerspielebereich thematisch ebenso präsent wäre wie das Militär. Durch die massenhafte Existenz von Computerkriegsspielen, die offenkundig ja auch einen großen Kreis von Spielern ansprechen, findet eine Art "agenda setting" statt, d.h. militärisches Handeln bleibt als Thema dauerhaft präsent.
Die Problematisierung des real existierenden Spielmarktangebotes ist noch keine moralische Diffamierung von Konsumenten. Brauchen wir wirklich uferlose und zeitaufwändige Bespaßungsangebote, in denen man für die virtuelle (saubere oder sehr blutige) Ermordung von "virtuellen Menschen" oder menschenähnlichen Gestalten mit Punkten belohnt wird? Hat sich im Gesamtsortiment nicht längst ein kapitalistischer Hedonismus durchgesetzt, der thematisch immer wieder um Macht, Beherrschen, Aneignung, Besitzen und die Produktion von Tod kreist? Ist es wirklich so schwierig, lustvolle Spielalternativen zu entwickeln, in denen es um Eros, Lebendigkeit, Erkunden des Fremden, Beziehungsabenteuer zwischen Menschen und ein (womöglich gemeinschaftliches) Genießen von Welt geht?
Was die 55 Millionen Toten des letzten Weltkrieges davon halten, dass auch ihr Todesschauplatz spielerisch und vornehmlich unter dem Gesichtspunkt möglichst getreuer Nachbildungen von historischen Rüstungsgütern etc. als Wartainment re-inszeniert wird, das können wir sie nicht mehr fragen. Auf jeden Fall sind die politischen "Drehbücher" von nicht wenigen Angeboten revisionistisch. Durch den Echtzeitanschluss kommen aktuelle Feindbilder, aktuelle Kriegsplanungen und aktuelle Kriegsschauplätze ins Angebot. Hier und z.B. im Fall von ganz arglosen Strategiespielen, in denen es um die Aneignung knapp gewordener Ressourcen und die Kontrolle von strategisch wichtigen Territorien geht, wird schlicht die Agenda der realen Weltkriegsordnung nachgespielt. Es handelt sich um imperiales Entertainment.
Von der immanenten Logik her haben kritisches Geschichtsgedächtnis, ethische Reflektionen und unbequeme politische Fragen in einem Spiel, das auf schnelles Reaktionsvermögen zielt, gar nichts verloren.[3] Hier könnte man nach Art der positivistischen Spiele-Rezensenten einen Punkt machen. Man könnte aber ebenso gut darauf hinweisen, dass der Verzicht auf historische, ethische und politische Nachdenklichkeit auch von "echten Soldaten" verlangt wird und schon so manchen von ihnen zu einem unglücklichen oder toten Menschen gemacht hat.
Ästhetisch und ideologisch arbeiten virtuelle Unterhaltungsangebote mit militärischer Thematik den Kriegen der nahen und weiteren Zukunft zu (vgl. Batmans Rüstungsfabrik). Der Krieg der Zukunft ist eine saubere Lösung, eine hochtechnische und faszinierende Angelegenheit, ja sogar wunderschön anzusehen. Die zugrundeliegende totalitäre Utopie verdient die Überschrift: Krieg als Computerspiel.
"From joysticks to body count"
Die militärischen Bezüge des Computerspielgenres sind zu ergänzen. Das Militär kooperiert nicht nur mit Spieleproduzenten, sondern macht im Rahmen seiner Rekrutierungsstrategien auch eigene – kostenlose – Spielangebote. Computerspieltechnologien werden beim Militär eingesetzt für Simulationen und Training, dienen also der Vorbereitung auf "echte Einsätze". Zivile Pendants sind nicht selten "double use"-Produkte. Mit den Benutzungsschnittstellen im militärischen Bereich kommen spielerfahrene Versuchspersonen offenbar schneller zurecht (vgl. Spielfeld Militärmaschine).
In fiktiven Szenarien ist das Umschlagen vom rein Virtuellen in den leibhaftigen Horror einer "Ghost Machine" schon mehr als einmal durchgespielt worden (vgl. Horror und Computer). Doch in diesem Jahr konnten wir eine von WikiLeak veröffentlichte Militärvideoaufzeichnung sehen, in der ganz reale Mitglieder einer "Generation Kill" im Irak Menschen "spielerisch" und unter zynischen Kommentaren ermorden. Sollte das die Kriegsspieldebatte nicht nachhaltig in eine neue Richtung lenken? Arno Kleinebeckel beleuchtet die Welt des nur noch virtuell wahrgenommenen Krieges, von der das Video ja lediglich einen ganz kleinen, eher zufällig bekannt gewordenen Ausschnitt zeigt, so: "Was nicht als Leben gilt, kann auch nicht ausgelöscht werden" (vgl. Tod in Echtzeit).
Ferngesteuerte, gezielte Ermordungen von unliebsamen Menschen – ohne Gerichtsverfahren, vom Monitor aus und mit Hilfe weitreichender Drohnen – wirkten im Kino vor zehn Jahren noch ziemlich futuristisch. Heute gehören sie schon zum Militäralltag, und auch an dieser Stelle zeigen bürgerliche Kreise, wie bereitwillig sie sich in kriegerischen Kontexten von Rechtsnormen verabschieden, die einmal zum gesellschaftlichen Grundkonsens gehörten. Die Phantasien der futuristischen Kriegstechnologen reichen noch weiter. Auch dabei flankieren Unterhaltungsprodukte wie der unter Pentagon-Kooperation produzierte Film "Stealth" (USA 2005) die Planungen. Wir sollen herangeführt werden an Waffen mit elektronischen Datenverarbeitungssystemen, die autonom "Entscheidungen" treffen bzw. eigene "Handlungsmuster" entwickeln können. In der Diskussion über ethische Aspekte der modernen Kriegsführung stehen wir derweil immer noch ganz am Anfang. Eine Tagungsdokumentation vom letzten Jahr enthält zu diesem Thema den griffigen Titel: "From joysticks to body count".
Die Zeit der Angst: Woher kommt der totalitäre Überwachungswahn?
Paranoia und Angst sind die maßgeblichen Motoren des von reichen Gewinnerzentren betriebenen Kriegsapparates. Wer seine Interessen auf Kosten anderer durchsetzen will, hat auch allen Grund dazu, paranoid zu sein. "Paranoia und Angst" prägen ebenfalls die hegemonialen Botschaften an die Menschen in den eigenen Ländern. Wie sehr Angstszenarien nach außen und innen zur Machttechnologie gehören, konnten wir in diesem noch jungen Jahrtausend leider wieder und wieder lernen.
Globale und nationale Reichtums-Umverteilung gehören zusammen wie die Militarisierung nach außen und nach innen. Wenn sogenannte nichttödliche Waffensysteme aus Rüstungszusammenhängen schließlich in den zivilen Bereich abwandern, um dort aufmüpfige Bürgerinnen und Bürger zu bändigen, müssen wir uns nicht wundern. Über solche Zusammenhänge sollten wir uns nicht erst Gedanken machen, wenn wir schon vollends im autoritären Staat angelangt sind.
Die Bedrohung der freiheitlichen Bürgerrechte durch moderne Kontroll- und Überwachungsszenarien verweist uns auf jeden Fall auf die militärischen Ursprünge und Präfigurationen der revolutionären Informationstechnologien. Der Omnipotenztraum des futuristischen Kriegsapparates besteht aus dem Ansinnen, alles zu wissen, alles zu sehen, alles zu hören, alles zu kontrollieren und allgegenwärtig zu sein. Zentrale Schaltstellen, die für die anderen natürlich unsichtbar bleiben, sollen jederzeit Interventionen in jedem beliebigen Kleinraum auf dem Globus ermöglichen. Der totalitäre Überwachungs- und Kontrollwahn ist ein Kind des Krieges.
Wer von Freiheit spricht, kann vom Krieg nicht schweigen
Aufgrund dieser Zusammenhänge sollte der Widerstand gegen jegliche Militarisierung nach außen und nach innen für jeden Libertären, der diesen Namen verdient, wichtiger sein als die Empörung über die staatliche Indizierung eines Computerspiels aus dem Militainment-Sektor. Mittel- und langfristig führt uns eine militarisierte Massenkultur in unfreie Verhältnisse, und dann haben wir ganz andere Indizierungen zu erwarten.
Wer das Völkerrecht missachtet, von dem dürfen wir nicht erwarten, dass er in den eigenen Grenzen die Achtung der Bürgerrechte fördert. Wem Leben und Würde von vielen Millionen Menschen in anderen Erdteilen gleichgültig sind, von dem sollten wir nicht erwarten, dass sein Herz für die Menschenrechte der nahen Mitbürger schlägt. Ich bezeichne mich selbst nicht als libertär, aber das folgende links-libertäre Statement würde ich ohne Abstriche unterzeichnen:
Was wir anzubieten haben, ist Freiheit und Solidarität. Nein, ein solidarischer Individualismus ist keine Widerspruch, wir sind der Überzeugung, dass es eine Gesellschaft geben kann, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" (Karl Marx, 1848). Und darum nennen wir einen Krieg immer noch einen Krieg und halten Armut und Ausgrenzung immer noch für einen Skandal; darum sind wir aus Überzeugung emanzipatorisch und links, was für uns dasselbe ist.
Als Pazifist muss ich offen zugeben: Die Friedensbewegung wirkt auf viele junge Menschen "unsexy" und hat – trotz des noch immer stark pazifistisch geprägten Geschichtsgedächtnisses einer großen Bevölkerungsmehrheit – hierzulande u.a. auch Nachwuchsprobleme. Es käme uns sehr gelegen, wenn noch mehr junge libertäre Szenen ihre Großhirnrinden in Gang setzen und im Sinne ihrer eigenen Anliegen einen konsequenten Antimilitarismus entwickeln. Das könnte z.B. auch den traditionsreichen Anarchopazifismus befruchten. Aufklärerische Vorbilder und Ermutigungen für Internetnutzer sind keine Randerscheinungen. Dazu zählen die jüngsten Investigationen der WikiLeak-Subversion ebenso wie zahlreiche erfreulich kritische Wikipedia-Einträge zu Kriegsthemen. Das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V. ist gleichermaßen in der Friedensfrage engagiert wie in Fragen einer freiheitlichen Netzpolitik oder bei der Kampagne "Freiheit statt Angst".
Eros und Ethos einer kommunikativen Weltgesellschaft
Revolutionäre Technologien zur Erfassung, zur Verarbeitung bzw. Auswertung und zum Transport von Daten ergeben für sich genommen noch keine Kommunikationstechnologie, denn sie können auch in Einbahnstraßen münden. Technologieentwicklungen zugunsten von Militär und Wirtschaftsmacht tendieren eindeutig zur Einbahnstraße, denn hier geht es um Urheber, die selbst nicht als solche wahrgenommen bzw. durchschaut werden wollen. Warum sollte Konzernen, die im Netz große Plattformen, Datenbanken etc. präfigurieren und kontrollieren, daran gelegen sein, dass die Nutzer ihrer Angebote sich im Sinne Kants des eigenes Verstandes bedienen oder den Weg von der Autoerotik zum leibhaftigen zwischenmenschlichen Eros finden? Warum sollten Großgebilde, deren einziger Zweck die quantitative Gewinnmaximierung ist, Interesse an einem qualitativen menschlichen Wachstum haben?
Als Matrix von Kapitalismus und Krieg begräbt das Netz alle Verheißungen von Freiheit, Demokratisierung und Kreativität, die in seinen Anfängen einmal ansichtig geworden sind. Desillusionierungen und ein ernüchternder Blick auf liebgewordene Utopien stehen auf der Tagesordnung (vgl. Der Fluss der Kommerzialisierung; Der geöffnete Kosmos). Naiver Medienoptimismus und politischer Netzgrößenwahn, das war gestern. Auch über Entfremdung, Vereinzelung, Realitätsverlust und Lebensuntüchtigkeit aufgrund einer überwiegend "digitalisierten Welterfahrung" darf man heute nachsinnen, ohne zum unverbesserlichen Kulturpessimisten abgestempelt zu werden.
Wirkliche Kommunikation hat etwas mit Respekt vor dem Anderen, Dialog, Austausch, Begegnung und Zusammenarbeit zu tun. Erstmalig in der Geschichte stehen uns die Hilfsmittel zur Verwirklichung einer kommunikativen Weltgesellschaft zur Verfügung, die sich unter solchen Vorzeichen entwickelt. Angesichts der Überlebensfragen unserer Zivilisation, die historisch ebenfalls ein absolutes Novum sind, gibt es zu dieser dialogischen, kooperativen und im weiten Sinn erotischen Weltgesellschaft auch überhaupt gar keine Alternative. Die kreativen Energien, die die menschliche Familie auf der Erde heute braucht, liegen nämlich außerhalb der Reichweite unserer Phantasie. Ein Netz globaler Kommunikation im Verein mit dem Vorrang jener nahen – leibhaftigen – Lebensräume, denen die libertäre Tradition so viel Hochschätzung entgegengebracht hat, könnte diese Energien freisetzen. Grundvorrausetzung bleibt freilich, dass wir eine demokratische Kontrolle der Ökonomie zurückgewinnen.
Dem Programm "Krieg", das auf feindseligen Monolog und Gleichschaltung setzt, sind also Eros und Ethos einer dialogischen Weltgesellschaft von Partnern entgegenzusetzen. Unlängst hat Oliver Schwarzmann im 2. Teil eines Telepolis-Beitrages zu einer solchen antidepressiven Vision geschrieben:
Die Rettung der Welt muss also von den Menschen ausgehen. Dabei können uns Technologien auf fantastische Weise unterstützen […].Heute geht es […] darum, eine nachhaltige, sozial, ökologisch, ökonomisch und nicht zuletzt technologisch ausbalancierte Globalisierungskultur zu entwickeln. Eine Hyperwelt braucht ein Hyper-Bewusstsein, ein hyper-politisches Denken, eine Magna Charta internationaler Vernunft und Nähe, will die moderne Zivilisation die tatsächlichen Potenziale ihrer Hightech-Evolution zukunftsweisend nutzen.
Bleibt die Frage, wie sich widerständige Bewegungen entwickeln können. Im Kino thematisieren Filme von "Matrix", über "V wie Vendetta" bis hin zu "8th Wonderland" die Subversion im Kontext moderner Medienwelten. Oft wird dabei Krieg mit Krieg, Gewalt mit Gewalt, Totalitäres mit Totalitärem beantwortet. Was nicht zu Wort und ins Bild kommt, das sind gewaltfreie und lustvolle Strategien des zivilen Ungehorsams, die sich modern vernetzen und zugleich in den lebendigen Nahräumen der Menschen verankert sind. Wer diese Leerstelle der kommerziellen Massenkultur zu deuten weiß, hat eine Antwort auf die Frage nach einer aussichtsreichen Widerstandskultur gefunden.
http://www.heise.de/tp/artikel/33/33222/1.html- Re: öhm dir ist entgangen..... (4.9.2010 8:53)
- Re: Pazifismus hat ein Problem (2.9.2010 13:21)
- öhm ist dir entgangen..... (2.9.2010 10:23)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Wird ein unbekannter Toter nach über 70 Jahren identifiziert?
Neue Hinweise zur mysteriösen Leiche von Somerton Beach



