Im Gewirr von Geheimdiensten und Terrorgruppen

Jeremy Keenan über Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und warum sie vermutlich ein nützliches Schreckensgespenst, kreiert von Geheimdiensten, ist

In Barcelona wurde gejubelt, als vor einer Woche die spanischen NGO-Mitarbeiter nach 268 Tagen Gefangenschaft bei der Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) am 23. August freikamen. In Frankreich dagegen herrschte Trauer und Betroffenheit, nachdem eine Befreiungsaktion französischer Spezialeinheiten in Mali gescheitert und die Exekution von Michel Germaneau verkündet worden war. In Paris und Madrid verspricht man nun AQIM, ein Zusammenschluss der algerischen GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat) und Al-Qaida, härter als bisher zu bekämpfen. Dabei müssen die Regierungen beider Länder notwendigerweise mit Algerien kooperieren, das den Anti-Terrorkampf in der Sahel-Zone seit Jahren monopolisiert hat, wie die Länder Mali, Niger und Mauretanien beklagen.

Für Jeremy Keenan von der School of Oriental Studies der Universität London ist Algerien der denkbar ungeeignetste Partner. Bereits in seinem letzten Buch über Amerikas Krieg gegen Terror in Afrika aus dem Jahr 2007 erklärte er die algerische Regierung und die USA zu Mitverantwortlichen für die Entführungen von Europäern in der Sahara. Heute verfügt Jeremy Keenan, der auch als Vermittler bei AQIM-Geiselnahmen fungierte, über neue Informationen und ist mehr denn je davon überzeugt, dass die Terroristen mit dem algerischen Geheimdienst, dem Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) zusammenarbeiten.

Das Schlüsselelement für den britischen Anthropologen ist die erste Entführung von 32 Europäern 2003. Der damalige Führer der Terroristengruppe war Abderrazak El Para, ein Ex-Fallschirmspringer der algerischen Armee, ein Agent des DRS. Einige Geiseln von 2003 hatten Zweifel an der Echtheit ihres Kidnappings. "Dass die Aktion eine Inszenierung des algerischen Militärs gewesen sein könnte, kam mir erst später in den Sinn", hatte Harald Ickler, einer der Entführten in seinem Erfahrungsbericht geschrieben. "Ich frage mich immer noch, welche Verbindungen es zwischen den Salafisten und dem Militär wohl gegeben hat." Geiseln wollen auch Militärhubschrauber der algerischen Armee über ihren Lagern beobachtet haben, obwohl die Entführer ständig das Camp wechselten. Zweimal wurde "El Para" "in absentia" vor Gericht gestellt, obwohl er offiziell in Haft war. Heute gilt er als spurlos verschwunden.

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Man muss kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um an Geheimdienst-Manipulationen zu glauben. Die Liste der Beispiele ist lang und beschränkt sich nicht nur auf bekannte Skandale wie CIA-Drogenschmuggel in Vietnam, Watergate oder Iran-Contra-Affäre. US-Präsident George W. Bush wurde 2002 vom Defense Science Board geraten, eine "Präventive Operationsgruppe", kurz P20G, zu gründen, die mit allen erdenklichen Mitteln Terrorgruppen zu Aktivitäten provozieren sollte.

Eine komplexe Geschichte

Liest man auf der Webseite von BBC das Porträt von Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM), dann erscheint sie als gefährliche Gruppe von überzeugten, islamistischen Terroristen. Alles echt und original. Nach Lektüre Ihrer Bücher und Artikel muss man dagegen glauben, AQIM sei ein Fake, eine Erfindung von Geheimdiensten?

Jeremy Keenan: Na ja, eine totale Kreation kann man nicht behaupten. Die Wahrheit liegt dazwischen und ist wesentlich komplexer.

Wie meinen Sie das?

Jeremy Keenan: Die Ursprünge davon liegen in den 90er Jahren, als die Islamisten den algerischen Staat bekämpften. Damals hießen sie noch GIA (Groupe Islamique Armé). Ab 1994 schaffte es der algerische Geheimdienst DRS deren Führung zu unterwandern.

Wie wurde das gemacht? Die GIA war ja kein Fußballclub, dem man einfach beitreten konnte.

Jeremy Keenan: In den Jahren um 1994 und 1995 waren sowohl das Militär, der Sicherheitsdienst, als auch die Islamisten in der "Schwarzen Ökonomie" tätig.

Sie meinen damit den Schmuggel von Lebensmitteln, Waffen und Drogen?

Jeremy Keenan: Ja, das war eine verwickelte, düstere Angelegenheit. Ein Crossover würde man heute sagen, bei dem es um viel Geld ging, weniger um ideologische oder politische Inhalte. Man kannte sich und tat sich gegenseitig kleinere und größere Gefallen. So kommen die Kontakte zwischen den eigentlich verfeindeten Parteien zustande.

Taucht in dieser Zeit auch "El Para" auf, der 2003 die erste Entführung von Europäern leitet?

Jeremy Keenan: Ja, er ist auch als Schmuggler tätig. Seine Beziehung zum DRS könnte aus dieser Zeit stammen. Man sollte vielleicht festhalten, dass er keiner dieser Gegenagenten ist, die nach James-Bond-Manier verpflichtet werden. Das funktioniert nicht nach einem Schwarz-Weiß-Muster. Da gibt es viele Grauzonen, komplexe Beziehungsstrukturen, in denen erst gemeinsame Interessen kurzfristig oder auch für längere Zeit entstehen.

Algerien ist eine Armee, die ein Land als Spielweise hat

Ganz naiv gefragt, wie kreiert jemand, der ein Agent des DRS ist oder nur lose mit dem algerischen Geheimdienst zusammenarbeitet, eine "Terrorgruppe", mit der man Touristen entführt?

Jeremy Keenan: Im Falle von El Para waren es 64 Mitglieder. Nach Informationen ihrer Geiseln von 2003, hatten diese Männer sehr simple salafistische Vorstellungen und waren wohl authentische Islamisten. Sie wussten aber nicht den Namen ihrer Gruppe, was mich letztendlich nicht überrascht. Nach der GIA war die GSPC gegründet worden und damals gab es viele lokale Untergruppen, mit verschiedenen Namen. Außerdem ist es eine typisch westliche Vorstellung, dass man seinen Namen wissen muss.

Auf einen Nenner gebracht: Da gab es echte islamistische Militante und einen Agenten des DRS, dem man sagte, mach doch mit denen eine Gruppe. Das kann für uns sehr hilfreich sein.

Das ist zu vereinfachend. Wie ich schon sagte, eine Infiltration ist ein Prozess, der oft Jahre dauern kann. Wir wissen nur, dass die Führungsspitze des GPSC im Norden Algeriens unterwandert wurde. Genaue und umfassende Details über das Wann, Wo und Wie sind nicht bekannt. Von dieser gut 60 Mann starken Truppe war der Großteil authentische Salafisten. Nur El Para selbst und seine Unterkommandeure, wie etwa Abdelhamid Abu Zaid, arbeiteten mit dem DRS zusammen.

Abu Zaid ist derjenige, der nach dem Abtauchen von El Para mit den Kidnappings weitermachte.

Jeremy Keenan: Ja, Abu Zaid, bekannt auch als Bilal, wie auch Yahai Djouadi.

Zurück zu El Para, da er ja die Schlüsselfigur ist. Er war ein richtiger Agent, der auch klare Befehle vom algerischen Geheimdienst bekam?

Jeremy Keenan: Ja, ja. Es gibt keinen Zweifel, dass er ein Agent des DRS war. Natürlich gibt es keinen Beweis dafür, er trug keinen Agentenausweis bei sich. Aber alle Ereignisse um seine Gruppe herum hätte es ohne Unterstützung des DRS nicht gegeben. Alles war manipuliert, die "Terroristen" instrumentalisiert.

Warum hat DRS das gemacht?

Jeremy Keenan: Das ist eine sehr befremdliche Geschichte. Man muss sich daran erinnern, was derzeit in den USA, in Algerien und im Rest der Welt vor sich ging. In den USA gab es die 9/11-Anschläge, die Neokonservativen, die Ideologie der Weltherrschaft, den Krieg gegen den Terror und all die Möglichkeiten, die man daraus entstehen sah. In Algerien hatte man mit Abdelazziz Bouteflika seit 1999 einen Präsidenten, der vom Sicherheitsestablishment installiert worden war. Er ist total korrupt. Als Außenminister (1963-1978) hat er 23 Millionen Dollar vom algerischen Staat gestohlen. Algerien ist eine Armee, die ein Land als Spielweise hat. Nach zehn jährigem Bürgerkrieg gegen die Islamisten fehlt dem Militär augrund von Waffenembargos neues Equipment. Sie haben keine Nachtsichtgeräte, keine Kampfhubschrauber und kein Hightech. Zweitens fehlt ihnen durch den blutigen Bürgerkrieg internationale Anerkennung, sie sind ein Paria-Staat.

War Präsident Abdelazziz Bouteflika nicht der erste hohe Staatsbesuch in Washington nach den Anschlägen vom 11. September?

Jeremy Keenan: Ja, er versichert dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush, dass er sein Terror-Problem gut verstehen könne, nur mit Algerien sei es nicht zu vergleichen. In New York starben 3000 Menschen, in Algerien 200.000. Wir verstehen Terror besser, als ihr es je tun werdet. Wir kämpfen in vorderster Linie. Also müssen wir doch unbedingt zusammenarbeiten. Algerien prostituiert sich damit mehr oder weniger gegenüber den USA. Damit beginnt die Beziehung zwischen USA und Algerien, die sich im Laufe der Zeit ständig verändert.

Algerien will, dass die USA ihr seit neun Jahren bestehendes Waffenembargo aufheben.

Jeremy Keenan: Die Militärs haben eine lange Einkaufsliste. Die USA sagen nicht ja dazu, aber geben den Eindruck, dabei helfen zu können. Algerien demonstriert seinen guten Willen und liefert rund 4.000 Namen von vermeintlichen Terroristen sowie andere wertvolle Infos für den US-Krieg gegen den Terror. Bis September 2002 passiert jedoch nichts, die USA liefern keinerlei Equipment. Algerien beschwert sich, was man in der lokalen Presse nachlesen kann. Den USA sei nicht zu trauen und Ähnliches.

Das Interesse Algeriens und der USA an Terroristen in der Wüste

Und die Amerikaner?

Jeremy Keenan: Die erklären den Algeriern, sie bräuchten doch in Wahrheit nichts im Kampf gegen den Terror. Sie hätten doch alles im Griff, würden einen wunderbaren Job tun. Zur gleichen Zeit wird jedoch nach dem Sieg über die Taliban weiter an der Terrormythologie gestrickt. Al-Qaida-Leute seien aus dem besetzen Afghanistan nach Afrika geflohen und kämen über den Sudan zu den Islamisten in Algerien. Es bestehe damit die Gefahr eines neuen Afghanistans, was natürlich eine Bedrohung Europas sei. Nur die Islamisten im Norden Algeriens zählten höchstens einige hundert Mann und die Fakten, auf denen diese Analyse basierte, waren so gut wie nicht existent.

Diese Art von Analysen wurde doch als vorbeugende Maßnahmen gesehen. Man wollte nicht wieder unvorbereitet in ein Desaster wie 9/11 laufen. Dazu gehörten auch Anti-Terroroperationen wie P20G, das Sie auch bezüglich Algerien für wichtig halten.

Jeremy Keenan: Die Idee zu P20G basierte auf "Operation Northwood", ein Geheimdienstprojekt, das dem ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy 1962 vorgeschlagen worden war. Ein Plan, wie man kubanischen Terrorismus in den USA kreieren könnte, mit Attentaten auf US-Bürger, um eine Rechtfertigung für den Angriff auf Kuba zu haben. Kennedy lehnte den Plan sofort ab und ein paar Monate später wurde er in Texas ermordet. Das Defense Service Borad des Pentagon griff diese alte Idee auf, um sie gegen Al-Qaida und andere Terroristen zu benutzen. Im August/September 2002 wurde ein aktualisierter Plan dem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld präsentiert, als neuer Weg, Terrorismus zu bekämpfen. Terroristen sollten unterwandert, zu Aktionen zu provoziert werden, man wollte sie manipulieren. Das ist P2OG die "Proactive, Preemptive Operations Group".

Und diese Konzept wurde in Algerien angewandt?

Jeremy Keenan: Das erste Pilotprojekt dieses neuen Programms war El Para. Zum Zeitpunkt meines ersten Buches wusste ich das noch nicht, wird aber in meinem nächsten ausgeführt, das noch nicht fertig ist.

Ein Pilotprojekt, das nur in Zusammenarbeit mit Algerien stattfinden konnte. Welche Interessenverbindung gab es zwischen beiden Ländern?

Jeremy Keenan: Algerien weiß um die verrückte Idee der USA, dass Terroristen in der Sahara sind, weiß allerdings auch gleichzeitig, dass es diese nicht gibt. Algerien bekommt von den USA keine Waffen, weil es den Terror angeblich im Griff hat. Beide Seiten haben also ein Interesse, Terrorismus zu fabrizieren.

Wann kam es zur Idee von El Para und zu den Entführungen?

Jeremy Keenan: Das begann bereits im September 2002. Am 18. Oktober werden zum ersten Mal einige Touristen gefangen.

Davon ist nichts bekannt. Woher wissen Sie das?

Jeremy Keenan: Weil ich in Algerien vor Ort war und die Sache untersucht habe. Ein kleiner Vorfall etwa 40 Kilometer nördlich von Arak, einem kleinen Dorf auf der Hauptstraße von Tamanarasset nach In Salah. Dort wurden vier Monate vor dem Verschwinden der ersten Touristengruppe 2003 vier Schweizer von 12 bis 17 Terroristen gefangen genommen. Nur wussten die Entführer, die sich als bisher unbekannte "Soldaten Allahs" ausgeben, nicht genau, was sie tun sollen. Sie brachten ihre Geiseln 30, 40 Kilometer in die Wüste, verloren die Nerven und ließen sie wieder laufen. Ein totales Desaster. Die Schweizer gingen zur Gendarmerie. Glücklicherweise sind in Algerien die Sicherheitsdienste getrennt und die Polizei nicht der Armee unterstellt. Die Gendarmerie verfolgte die Entführer 600 Kilometer weit, um sie dann an einem Wasserloch bei Tin Ghergoh, das sich auf dem Weg nach Mali befindet, zu verhaften. Die Gendarmen riefen das militärische Sicherheitszentrum in Tamanarasset an. Nach zwei Stunden kam der Rückruf mit der Anweisung, ihre Gefangenen freizulassen. Die Gendarmerie, mit der ich gesprochen habe, wunderte sich, musste der Anweisung aber folgen. Von diesem Vorfall ist nirgends etwas dokumentiert.

Auch nicht in der Presse?

Jeremy Keenan: Nein, absolut gar nichts. Es gab etwas auf einem Schweizer Travelblog, aber den gibt es sicherlich schon längst nicht mehr. Aber das Interessante an der Geschichte ist, dass die gleiche Gruppe von bewaffneten Männern ein paar Wochen später in den Tamelrik-Bergen von Nomaden gesehen wurden. Das ist das Gebiet, in denen die Geiseln von 2003 gehalten wurden. Dort wurden Höhlen gesäubert und umgegraben, um scheinbar ihre Basis für die Entführung vorzubereiten. Wegen ihrer Bärte, der Kleidung, der Befolgung der Gebete und wegen der Bewaffnung waren die Nomaden überzeugt, dass es sich um Islamisten handelte. Sie meldeten ihre Beobachtung den Militärbehörden in Illizi, aber die taten nichts. Der lokalen Bevölkerung kam das verdächtig vor, besonders als wenige Monate später die Geiseln in der Tamelrik-Region gefangen gehalten werden.

Nomaden, lokale Bevölkerung…woher wollen Sie das wissen?

Jeremy Keenan: Ich weiß es, weil ich mit den Nomaden gesprochen habe.

Der Mann für die Entführungen

Okay, wie kommt nun unser berühmt-berüchtigte "El Para" ins Spiel?

Jeremy Keenan: Offensichtlich wurde jemand gebraucht, der eine Entführung besser organisieren konnte. Wie er diese Gruppe von Männern infiltrierte, ist nicht bekannt. Generell kennt man die Prinzipien, wie das funktioniert, aber keine Details. Über "El Para" ist genug bekannt, um ihn mehr als nur zu verdächtigen, und das bereits von 1992 an. Er hatte eine enge Beziehung zu Khaled Nezzar, dem Verteidigungsminister.

Von 1990 bis 1993 soll er der Chef seiner Leibwächter gewesen sein.

Jeremy Keenan: Es heißt, der General hat seine Tochter "El Para" angeboten, sie zu heiraten.

Ein Operation wie "El Para" und die Entführungen müssen im Geheimdienstapparat von ganz oben genehmigt werden. Der Chef des DRS wusste also über alles Bescheid?

Jeremy Keenan: Ob er darüber schon 2002/2003 vollständig informiert war, wissen wir nicht genau.

Ab wann war dann der DRS-Chef, Mohamed Mediene, über "El Para" informiert?

Jeremy Keenan: Man weiß sicher, dass Al Para in den USA als Green Beret ausgebildet wurde. In Algerien gibt es keinen Nachweis für die drei Jahre von 1994 bis 1996. Einige seiner Kollegen erklärten, er wäre nach Fort Bragg gegangen, dem Stützpunkt dieser US-Spezialeinheit. Unter welchem Namen er das machte, ist nicht bekannt.

Zurück in Algerien arbeitete er, wie schon gesagt, als Schmuggler. Im Januar 2003 wird er für einen Hinterhalt auf einen Armeekonvoi in der Nähe von Batna, bei dem 43 Soldaten sterben verantwortlich gemacht. Wobei alle Terroristen auf einem Berg umzingelt und festgenommen wurden. Mehr Infos gibt es über diesen Vorfall nicht. Ob er da gefangengenommen und "gedreht" wurde oder ob er bereits Agent war und man ihn durch die Reputation des Überfalls als Führer etablieren wollte, bleibt Spekulation. Eine ähnliche Situation wie bei den aktuellen Entführern. Der Typ in der Hierarchie ganz oben und ein, zwei seiner Unterchefs stehen in irgendeiner Weise in Beziehung zum DRS. Man weiß nicht, welcher Art: Werden sie erpresst, bezahlt, sind sie echte Agenten, einfache Komplizen, Freiberufler, arbeiten sie ständig oder nur punktuell mit dem DRS zusammen?

Nach der spektakulären Entführung von 32 Europäern 2003 ist "El Para" relativ schnell verschwunden.

Jeremy Keenan: Nach der Freilassung der Geiseln, so die offizielle Version, sind alle Entführer im August 2003 nach Mali verschwunden und dort bis Dezember/Januar 2004 geblieben.

Warum wurden sie dort nicht verhaftet?

Jeremy Keenan: Es gab angeblich einen Deal mit der malischen Regierung. Sie konnten dort machen, was sie wollten, solange es keine Probleme gab. Sie sollen dort viel Geld ausgegeben und auch Waffen gekauft haben. Nach vier, fünf Monaten begann diese außerordentliche Geschichte.

Sie meinen die große Jagd quer durch die Sahara?

Jeremy Keenan: Ja, als malische und algerische Truppen, unterstützt von US-amerikanischer Luftaufklärung und US-Spezialeinheiten am Boden, El Paras Gruppe von Mali nach Niger in die Air-Berge verfolgten. Dort wurden sie gesehen und sogar fotografiert. Nur bei dieser Gruppe war "El Para" nicht dabei, man hatte mit ihm einen anderen Ort als Treffpunkt ausgemacht. Trotzdem wird er von einigen, aber nicht allen seiner ehemaligen Geiseln anhand der in den Air-Bergen gemachten Fotos identifiziert. Auch einige Tuaregs und andere Leute der Gegend erkannten ihn, obwohl er gar nicht dagewesen sein kann. Offensichtlich gibt es da ein Problem.

Wohin ist die Reise weitergegangen?

Nach offizieller Version ist die Terrorgruppe weiter in den Tschad geflüchtet. Die Amerikaner behaupteten, aufgrund ihrer Luftaufklärung liefen die Terroristen in der Region Wour in die Hände von regulären tschadischen Truppen. Es fand ein dreitägiges Gefecht statt, bei dem 43 dieser Terroristen getötet wurden. Einige wenige, darunter "El Para" sollen entkommen sei und später von tschadischen Rebellen der Bewegung für Demokratie und Gerechtigkeit (MDJT) aufgegriffen worden sein.

Das Gefecht hat Ihrer Meinung alles nicht stattgefunden?

Jeremy Keenan: Am vermeintlichen Ort des Gefechtes konnte man keinerlei Hinweise darauf finden. Nach einem drei Tage dauernden Kampf, mit Fahrzeugen, Maschinengewehren, Granatfeuer müssten eigentlich Spuren bleiben. Nomaden, mit denen ich Kontakt hatte, konnten in den folgenden zwei Jahren im ganzen Gebiet nicht den geringsten Beweis für das Gefecht finden. Auch die Rebellenführer der MDJT sagen, einen derartigen Kampf hätte es nicht gegeben.

Der geheimnisvolle Osama bin Laden der Sahara

Was haben die Rebellen mit ihrem "Osama bin Laden der Sahara" gemacht, wie ihn das Weiße Haus in Washington bezeichnet hatte?

Jeremy Keenan: Die Rebellen haben ihnen angeblich im Oktober 2004 an Libyen übergeben und von dort soll er an Algerien ausgeliefert worden sein.

Was haben die Algerier mit ihrem Agenten gemacht?

Jeremy Keenan: Sie stellten "El Para" im Mai 2005 vor Gericht. Allerdings erschien er dort nicht, er wurde "in absentia" zu Lebenslang verurteilt.

Obwohl er in Haft gewesen sein müsste.

Jeremy Keenan: Offiziell war es das. Aber, was ich eigentlich bei der ganzen Geschichte sagen will, es gibt höchstens zwei, drei, obendrein widersprüchliche Identifikationen von einer Person, die El Para sein soll. Die könnten Sie oder ich, einfach jeder sein. Es ist ein Name, der benutzt wurde.

"El Para" könnten auch ein, zwei oder mehrere Personen verkörpert haben.

Jeremy Keenan: In der Tat, wobei man darüber jedoch nichts weiß. Na ja, die USA benutzten jedenfalls die Entführung der Touristen als Rechtfertigung für ihre neuen Militärbasen in der Sahara im Kampf gegen den Terror.

Nach der ersten Entführung 2003 passierte jedoch lange nichts mehr. Die nächste fand erst 2008 statt.

Jeremy Keenan: Sie vergessen das Jahr 2006. Die US-Amerikaner provozierten damals lokale Proteste, um erneut auf eine Terrorbedrohung hinzuweisen. Man konnte ja nicht immer den schon Jahre alten El Para vorschieben. Nach der Devise: Am besten mehrere Bälle im Spiel.

Was war also 2006 los?

Jeremy Keenan: Im Februar 2006 flogen Flugzeuge mit US-Spezialeinheiten vom Hauptquartier der AFRICOM in Stuttgart nach Tamanarasset. Im April fuhren sie in Begleitung des DRS über Land nach Mali, was nach internationalem Recht natürlich vollkommen illegal ist. Sie machten einen Deal mit den Tuareg-Führern in den Bergen: Wenn ihr rebelliert, dann unterstützen wir euch gegen die malische Regierung. So kam es am 23. Mai 2006 zur sogenannten Kidal-Rebellion der Tuaregs.

Woher wissen Sie das?

Jeremy Keenan: Weil ich zudem Zeitpunkt vor Ort war und der Sache nachgegangen bin. Außerdem bekam ich erst vor ein paar Tagen, nach der Ermordung eines Tuareg-Führers, die Bestätigung von den Leuten, die den Deal mit den Algeriern und den Amerikanern eingegangen waren. Zur Abmachung gehörten auch einige Angriffe auf die GSPC. Tatsächlich gab es zwei derartige Angriffe, bei denen insgesamt 6 Leute getötet, vier verwundet und zwei Geiseln genommen wurden.

Was hatten Algerien und die USA davon?

Jeremy Keenan: Die Algerier schoben die Kidal-Rebellion Libyen in die Schuhe, das in Mali gerade versucht hatte, seinen ökonomischen und politischen Einfluss auszuweiten, und so diskreditiert wurde. Die USA konnten die Tuaregs, die gegen die Terroristen in der Sahara kämpfen, propagandistisch ausschlachten.

Zum Jahr 2008. Welchen Hintergrund hat die nächste Entführung?

Jeremy Keenan: Einen völlig anderen, als die von 2003. Zwei Österreicher wurden im Februar 2008 in Tunesien gekidnappt. Ich hatte mich um diesen Vorfall nicht besonders gekümmert, bis ich den Anruf eines Freundes aus der österreichischen Regierung bekam. Er wollte wissen, ob es sich um echte Terroristen handelte oder nur um Kriminelle, die Profit machen wollten. Ich antwortete ihm, wenn sie Richtung Norden in die Berge gehen, sind es echte Terroristen. Sollten sie aber in den Süden in die Sahara fahren, dann ist es der DRS. Mehr konnte ich ihm dazu nicht sagen, ohne weitere Hinweise.

Wie kam es dann dazu, dass Sie bei diesem Fall an den Lösegeldverhandlungen beteiligt wurden?

Jeremy Keenan: Wenig später gab es ein Satellitenfoto, das die beiden Geiseln mit Männern, die Kalaschnikows trugen, im Schatten eines Baumes zeigte. Ich habe mir dieses Foto sehr lange angeschaut und dann festgestellt, dass der Baum zwar überall in der Sahara wächst, aber in dieser Größe nur in höher gelegenen Gebieten. Von den drei infrage kommenden, konnte man die Agghagar-Berge in Algerien und die Air-Berge in Niger ausklammern. So konnten sie nur in Mali sein und zwar in den Händen von Abdelhamid Zaid, der bei El Paras Kommando 2003 bereits mit von der Partie gewesen war.

Und für den algerischen Geheimdienst DRS arbeitete?

Jeremy Keenan: Ja, wie El Para vor ihm.

Entführung als Täuschungsmanöver

Warum wurden die beiden Österreicher aber entführt?

Jeremy Keenan: Sehen Sie, Länder wie zum Beispiel Deutschland oder auch die Schweiz sind verpflichtet, Untersuchungen anzustellen, wenn einer ihrer Staatsbürger zum Opfer von Kriminalität im Ausland wird, um gegebenenfalls eine Auslieferung des Täters zu beantragen. Sie haben dafür eine Frist von fünf Jahren. Am 16. Dezember 2007 trat das Rechtshilfeabkommen zwischen Algerien und der Schweiz in Kraft, das bereits im Juni 2006 unterzeichnet worden war. Die Schweiz ermittelte gegen El Para, da er 2003 auch Schweizer Staatsbürger entführt hatte. Man wollte Akteneinsicht und El Para ebenfalls vernehmen, was für Algerien ein Ding der Unmöglichkeit war. Gleichzeitig erfuhr ich im Januar 2007 von einer algerischen Quelle, die auch Beziehungen zur Familie des Präsidenten Bouteflika hat, etwas Außergewöhnliches. Mindestens 20 führende Persönlichkeiten in Algerien, Generäle, Politiker, dachten darüber nach, ihre Karriere zu beenden und sich zur Ruhe zu setzen. Eine Konfrontation mit der Schweizer Regierung kam da sehr ungelegen. Wir wissen das von einer wirklich hervorragenden Quelle in Algerien und die Ruhstandsidee war in der Tat ernsthaft.

In dieser Situation hat man die Entführer-Karte gezogen?

Jeremy Keenan: Da hat man wohl Abdelhamid Zaid angerufen und ihm gesagt, er solle sich einige Touristen greifen. Was er dann offensichtlich ganz unten im Süden von Tunesien getan hat.

Die neuen Geiseln waren aber Österreicher, keine Schweizer.

Jeremy Keenan: Ich glaube, er war in Eile und hat einfach die Erstbesten genommen. Die Nationalität spielte keine große Rolle, Hauptsache Europäer. Die Forderung der Entführer war nämlich, El-Para muss freigelassen werden. Daraufhin meldete sich die algerische Regierung bei den Schweizern: Sehen Sie, wir haben hier eine ernstzunehmende Krise. Das Leben der beiden Europäer hängt von der Freilassung El-Paras ab und deshalb können wir ihn euch nicht ausliefern. Wir sprechen über seinen Fall, wenn alles vorbei ist. Die Algerier wissen natürlich, dass wenige Monate später die fünfjährige Frist abgelaufen ist, innerhalb der die Schweizer Ansprüche anmelden können.

Die Verbindung von GSPC und der Al-Qaida Osma bin Ladens zu "Al-Qaida im islamischen Maghreb" (AQIM) wurde im Januar 2007 offiziell verkündet.

Jeremy Keenan: Ach, das war nur eine PR-Aktion, passiert ist gar nichts. Heiße Luft!

War dies auch vom DRS organisiert?

Jeremy Keenan: Man weiß es nicht genau, aber man kann davon ausgehen.

Aber aus dem Al-Qaida-Hauptquartier gab es nur Lob für diese Verbindung. Ayman al-Sawahiri, die rechte Hand bin Ladens, meldete sich dazu persönlich.

Jeremy Keenan: Ich glaube nicht, dass sie wussten, was da in Algerien passiert ist. Sie hatten bestimmt kaum Infos darüber. In Algerien waren es dieselben Leute, die sich einfach nur einen neuen Namen gaben, der größer und gefährlicher klang.

Es gab einen Moment, da hatten Sie Angst um die Geiseln.

Jeremy Keenan: Ja, als es plötzlich still um sie wurde. Ich sagte den Österreichern, die Situation ist gefährlich, die Geiseln haben ihren Zweck erfüllt, man braucht sie jetzt nicht mehr. Einfach freilassen und sagen, so jetzt haut ab, geht wohl schlecht. Ich dachte, es besteht sehr gut die Möglichkeit, dass man die beiden tötet. Dann sieht die fabrizierte Entführung auch noch echt aus, mit zwei Leichen.

Was haben sie dann gemacht?

Jeremy Keenan: Ich habe zum DRS durchsickern lassen, dass ich alle Informationen über die Entführer und ihre Beziehung zum algerischen Geheimdienst an die österreichische Regierung weiter geben werde.

Wie haben Sie das durchsickern lassen?

Jeremy Keenan: Ich habe meine Dokumente an Leute per Email geschickt, die für den DRS arbeiten. So wusste ich, dass es an die richtige Stelle kam.

Die Geiseln blieben am Leben. Lösegeldverhandlungen begannen im September.

Jeremy Keenan: Der Entführer Abdelhamid Zaid wollte die Geiseln loszuwerden und mit der österreichischen Regierung verhandeln.

Sie wurden als Vermittler engagiert?

Jeremy Keenan: Nein, noch nicht. Zuerst sollten dies die gleichen Leute machen, die seit 2003 bis heute bei allen Entführungen vermitteln. Zwei, drei hochkorrupte Kerle, arabische Malier vom Stamm der Berberisch, mit Beziehungen zum nationalen Sicherheitschef. Sie sind auch im Kokain-Schmuggel involviert und haben eine Beziehung zum DRS. Sie begannen die Verhandlungen zwischen den Entführern und der Malischen Regierung, die Österreich repräsentierte.

Wie kamen Sie dann an den Job?

Jeremy Keenan: Wie aus dem Nichts bekam ich plötzlich eine Nachricht, die nicht auf den üblichen Wegen per Email, SMS oder Telegramm zugestellt wurde. Die Entführer hatten von den normalen Vermittlern die Schnauze voll. Abdelhamid war zu einem Tuareg gegangen, der internationale Kontakte hatte und möglicherweise einen direkten Kontakt zu den Österreichern herstellen konnte. Dieser Tuareg hat mich angerufen, da wir uns schon lange kannten und mich gefragt, ob ich nicht als Mittelsmann fungieren könnte. Nach zwei, drei verrückten Wochen trafen wir die Vereinbarungen übers Lösegeld. Sie forderten 3 Millionen. Ich sagte ihnen, sie bekommen zwei, denn die eine Million hätten die vorherigen Mittelsmänner abgezweigt. Wir besprachen die Details, also wie und wo das Geld übergeben würde. Aber plötzlich wurden aus den zwei wieder drei Millionen, weil die österreichische Regierung die malische Regierung und ihre Vermittler nicht vor den Kopf stoßen wollte. Die Geiseln kamen frei und alle beteiligten Parteien leugneten, ein Lösegeld bezahlt zu haben.

Ist das nicht immer so, dass geleugnet wird?

Jeremy Keenan: Bisher gab es 42 Geiseln und offiziell wurde nie ein Lösegeld bezahlt. Nur in der betroffenen Region taucht immer viel Geld auf.

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