Nikotinpflaster und NASA-Experten
Die möglicherweise noch bis Weihnachten in ihrem Stollen eingeschlossenen chilenischen Bergleute kämpfen mit physischen und psychischen Problemen
Seit dem 5. August sind 33 Bergleute in einem fast 700 Meter tiefen Stollen im in der chilenischen Atacama-Wüste verschüttet. Da Röhren zum Transport von Nahrung gebohrt werden konnten, stehen ihre Überlebenschancen grundsätzlich nicht schlecht. Die ersten 17 Tage ihrer Gefangenschaft hatten die Arbeiter von eigentlich auf zwei Tage ausgelegten Vorräten gelebt. Schichtleiter Luis Urzúa hatte dafür die in Abständen von 48 Stunden ausgegebenen Rationen auf einen Löffel Dosenfisch, einen halben Keks, ein Stückchen Pfirsich und einen Schluck Milch begrenzt, wodurch die Eingeschlossenen pro Person bis zu zehn Kilogramm Gewicht verloren.
Das Nahrungsproblem ist nun entschärft. Allerdings könnte es bis Weihnachten dauern, bis die Bergleute aus ihrem Gefängnis befreit werden können. In dieser Woche haben zwar die Arbeiten mit einem Spezialbohrer begonnen, doch kann der unter anderem aus Rücksicht auf weitere Erschütterungen nur zwischen 8 und 20 Meter täglich vorankommen. Zudem muss erst ein 33 Zentimeter breites Loch vorgebohrt werden, bevor die doppelt so breite eigentliche Öffnung freigemacht kann, durch welche dann eine Transportkapsel für die Arbeiter in den Schacht geschickt werden soll.
Bislang wissen die eingeschlossenen Arbeiter bloß, dass die Rettung länger als bis zum 18. September dauern wird. Der chilenische Gesundheitsminister Jaime Mañalich meinte dazu, man habe den Eingeschlossenen die tatsächlichen Schätzungen zur Dauer der Rettungsaktion im Hinblick auf ihren psychischen Zustand noch nicht mitgeteilt, obwohl in den Versorgungsröhren Drähte verlegt wurden, durch welche sie mit der Außenwelt kommunizieren.
Auch die Bergleute können durch die Leitung Mitteilungen nach Außen geben: Einer von ihnen machte seiner nur standesamtlich angetrauten Ehefrau einen Antrag für eine zweite Hochzeit, die diesmal in einer Kirche stattfinden soll. Andere baten um Alkohol, worauf hin Zeitungsberichte erschienen, in denen darüber spekuliert wurde, ob sich auch Abhängige unter ihnen befinden. Verwunderlich wäre dies nur bedingt: Hoher Alkoholkonsum hat nicht nur in Stahlwerken, sondern auch in Gruben eine Tradition, die unter anderem das Image des Ruhrgebiets mit prägte.
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Allerdings wies Mañalich solche Spekulationen scharf zurück und erklärte die Tatsache, dass die Bergleute als erstes Bier forderten, mit der Euphorie über das Gelingen der Einrichtung einer Kommunikationsverbindung. Es seien, so der Gesundheitsminister, weder Schwierigkeiten mit dem Entzug von Alkohol noch mit dem anderer Suchtmittel bekannt. Später musste er allerdings eingestehen, dass sich offenbar doch ein Alkoholkranker unter den 33 befindet. Inwieweit sein Körper nach vier Wochen kalten Entzug noch nach dem Suchtmittel verlangt, ist allerdings fraglich. Tatsächliche Probleme bereitete dagegen die Abhängigkeit von dreizehn Rauchern. Neun von ihnen litten unter so starken Entzugserscheinungen, dass man ihnen über die Versorgungsröhren Nikotinpflaster schickte.
Durch Luftfeuchtigkeit und Hitze entstandenen Pilzerkrankungen versuchten die Eingeschlossenen dadurch zu begegnen, dass sie sich in einen 300 Meter tiefer gelegenen Raum zurückzogen, wo das Klima etwas hautfreundlicher ist. Dieser Umzug half allerdings nur bedingt gegen die Angststörungen und Depressionen, an denen mindestens fünf der Arbeiter leiden. Ihre Zahl könnte sich mit der langen Wartezeit bis zur Rettung potenziell noch erhöhen. Bisher fehlt allerdings die Erfahrung mit solchen Situationen. Den Rekord, den drei chinesische Bergleute im letzten Jahr aufstellten, als sie 25 Tage auf ihre Rettung warten mussten, haben die Chilenen nämlich bereits gebrochen.
Mittlerweile stellen vier nach Südamerika gereiste NASA-Fachleute ihr anhand der Betreuung von Astronauten gewonnenes Wissen zur Verfügung, damit die Arbeiter aus der San-José-Mine keinem Grubenkoller zum Opfer fallen. Zur Hoffnungserhaltung sollen auch speziell ausgewählte Filme beitragen, die sich die Eingeschlossenen ansehen können. Und auch die Mitteilung an die Bergleute, dass sie durch Wegräumen der bei den Bohrungen herabfallenden geschätzten 4.000 Tonnen Geröll an ihrer schnellen Befreiung mitwirken können, hat die erwünschte Nebenwirkung, den Eingeschlossenen etwas zu tun zu geben, damit sie die lange Wartezeit besser überstehen.
Mittlerweile forderte das Unglück auch ein erstes politisches Bauernopfer: Raúl Martínez, der die Verantwortung für die Gesundheitspolitik in der Atacama-Region trug und in dieser Funktion am 28. Juli die Wiederinbetriebnahme der nach einem schweren Unglück geschlossenen Mine genehmigte, musste Anfang der Woche seinen Hut nehmen. Zudem versprach die Regierung, dass die Aufsicht über die Minen in die Hände einer neu zu schaffenden Behörde gelegt werde. Inwieweit diese die politische Einflussnahme der für die Wirtschaft des Landes sehr bedeutenden Bergbauunternehmen stärker einschränken können wird als die bisher zuständigen Stellen, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Auf das Betreiben von Angehörigen der verschütteten Bergleute hin ließ ein Gericht in Copiapó mittlerweile Staatszahlungen an die Compañía Minera San Esteban Primeraeinfrieren, die in der eingestürzten Mine San José Kupfer und Gold förderte. Die vom Rechtsanwalt Anwalt Edgardo Reinoso vertretenen 26 Familien befürchten, dass das Unternehmen versuchen könnte, sich Forderungen nach Schadensersatz zu entziehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/33/33237/1.html- Drogen? Ja was denn sonst? (5.9.2010 2:41)
- Vielleicht helfen ja die Mundharmonikas (3.9.2010 14:14)
- Verantwortungsvoll! (war: Verantwortungslos!) (3.9.2010 10:46)
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