Höchste Zeit, dass auch wir im Westen über Osama Bin Laden lachen
Die Satire "Tere Bin Laden" spielt in Pakistan und veralbert den Al Qaida-Führer
Es klingt wie eines der Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Eine kleine, mit geringem Etat finanzierte Komödie ist in Indien einer der größten Kinohits des Jahres geworden. Der Grund ist ganz einfach: Seine eigentliche Hauptfigur ist kein anderer als Osama bin Laden! Der Film macht daraus auch kein Hehl. Sein Titel heißt "Tere bin Laden" (übersetzt: "Without you bin Laden"). Offen veralbert er den gefürchtetsten Mann der westlichen Hemisphäre, Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden, aber genauso auch die Terrorbesessenheit und Paranoia der freien Welt. Jetzt startet der Film sogar in den USA; im Nachbarland Pakistan wurde er dagegen erst einmal verboten.
![]() |
|
| Alle Bilder: Walkwater Media |
"Million Dollar Fake" steht groß auf dem Plakat, der Kinotrailer im Internet zeigt weibliche Polizisten in Uniform, die zu Bollywood-Rhythmen tanzen, und einen Osama Bin Laden, der unbeholfen an einer entsicherten Handgranate herumnestelt, bevor er im charakteristisch verwackelten und verpixelten Bild einer VHS-Aufnahme in den "breaking news" der US-amerikanischen Nachrichtensender erscheint.
"Ooooo maaaa gaaawwwdd!! Uber super!!"
Im Film selbst, der seit einigen Wochen in Indien läuft, reiht sich Scherz an Scherz, manchmal plump, manchmal subtil. Es ist nicht ganz einfach, "Tere bin Laden", den Erstlingsfilm von Abhishek Sharma, einem muslimischen Inder, auf den Punkt zu bringen. Es handelt sich bei dem Film um eine Satire über Terrorismus, das Verhältnis zwischen Westen und islamischer Welt und Post-9/11-Paranoia, die in ihrer Machart ein bisschen an den Stil der Monty-Pytons ("Das Leben des Brian") erinnert, notfalls geschmacklos ist, und wenig verschont. Dass darin Bin Laden veralbert wird, heißt nicht, dass seine Feinde deshalb viel besser wegkommen: Genauso sieht man nämlich auch augenrollende böse US-Politiker und dumme amerikanische Nachrichtenjournalisten.
![]() |
Die Kritiken indischer Zeitungen und Online-Medien sind des Lobes voll: In der Times of India lobte Nikhat Kazmi: "Inhaltlich steht der Film weit über anderen Komödien der letzten Zeit ... kluges Drehbuch, kluges Schauspiel." "Ooooo maaaa gaaawwwdd!! Uber super!! I fell off my chair laughing!Kudos to the team and ESP ali zafar! Faab!" ließ sich der indische Filmstar Priyanka Chopra per twitter vernehmen.
|
|
In Indien hat der Film über 2 Millionen Dollar eingespielt, inzwischen ist er auch in einzelnen Kinos in Großbritannien und Ausstralien gezeigt worden, und hat dort weitere etwa 200.000 Euro eingespielt. Vor drei Wochen nun lief er auch in kleiner Kopienstückzahl in den USA an.
"Ein Moslem mit Messer"
Die eigentliche Handlung von "Tere bin Laden" ist leicht erzählt: Der pakistanische Nachrichtenreporter Ali Hassan - gespielt von Ali Zafar, einem der größten pakistanischen Popstars; erstmals spielt damit ein Pakistani die Hauptrolle in einem indischen Film - träumt in seiner Heimatstadt Karatschi seit langer Zeit den Traum von einem besseren Leben in den USA, "dem Land von Coka Cola und Bikinis." Doch sechs Mal in sieben Jahren wurde ihm das Visum verweigert. Als er endlich im Flieger nach Amerika sitzt, fällt der Stewardess aus Versehen ein Messer zu Boden. Hilfsbereit hebt er es auf - doch sie kreischt nur "ein Moslem mit Messer", ruft den Sky-Marschall und nach hartem Verhör ist Alis amerikanischer Traum endgültig geplatzt.
![]() |
Sein letzter Versuch ist ein falscher Pass. Um den aber überhaupt bezahlen zu können, beschließt er, eine Videobotschaft von Osama Bin Laden an George Bush zu fälschen, und diese einer amerikanischen Nachrichtenstation für viel Geld zu verkaufen. Im Folgenden erzählt der Film vor allem von dem am Ende über Erwarten glückenden Versuch, einen falschen Osama Bin Laden zu kreieren: Noora (Pradhuman Singh), ein harmloser Hühnerbauer, sieht dem saudischen Terrorboss am Ähnlichsten, er muss Arabisch lernen, wird gecoacht, von einer Maskenbildnerin bearbeitet, bekommt einen falschen Bart angeklebt - aus dem "Million Dollar Face" wird ein Million Dollar Fake, der den Machern aus der Hand gleitet.
"Was macht eigentlich Osama Bin Laden zu Osama bin Laden?", ist die subversive Frage, die der Film unter der Oberfläche stellt. Und bis die verwackelte Botschaft endlich auf einer VHS zu sehen ist, gibt es viele, wirklich witzige Slapstick-Momente und eine Menge komische Dialog-Passagen. Wer die Sprachen Urdu, Punjabi und Hindi spricht, hat, so kann man sich sagen lassen, noch einiges mehr zu lachen. Auf Kosten Pakistans gehen alle Witze aber kaum, sondern auf Kosten muslimischer Eiferer und amerikanischer Weltverbesserer. Und genau genommen ist das, entgegen seinem Titel, kein Film über Bin Laden, sondern darüber, wie Furcht und Terrorangst gesellschaftlich konstruiert werden.
Gute-Laune-Kino mit Terrorismus
"Tere bin Laden" ist im Bollywood-Stil mit den üblichen vielen Gesangseinlagen gehalten, ist aber von seinen Produktionsbedingungen her eine Independent-Produktion, die in Indien mit vergleichsweise geringer Kopien-Auflage in etwa 350 Kino startete. Bollywood, die indischen Unterhaltungsfilme aus Bombay, im Prinzip klassisches Gute-Laune-Kino, waren schon immer eine Folie, vor der auch Tieferes und Ernsthafteres, mitunter politisch Brisantes verhandelt wird. Als selbstverständlicher Teil der Alltagskultur in einem Land, in dem der Analphabetismus noch immer weit verbreitet ist, ist Kino auf dem Subkontinent auch als Mittel gesellschaftlicher Selbstverständigung nicht zu unterschätzen.
![]() |
Sogar Terrorismus, in Indien seit der Unabhängigkeit ein nie verschwundenes Thema, stand schon mehrfach im Zentrum von Filmen, am spektakulärsten in Mani Ratnams "Dil Se", einem Blockbuster aus dem Jahr 1998, dem wohl bislang wichtigsten Bollywood-Film überhaupt - und einem der erfolgreichsten, zudem auch Schlüsselfilm für die westliche Rezeption des indischen Kinos. In gewohnter Form ,einer melodramatischen emotionalen Achterbahnfahrt, erzählt der Film von der Liebe zwischen einem gesetzestreuen Journalisten und einer Terroristin, die für die Unabhängigkeit der zwischen Indien und seinem Nachbarland Pakistan umstrittenen Region Kaschmir kämpft. Am Ende fliegt das Liebespaar in enger Umarmung durch eine Körperbombe gemeinsam in die Luft.
Nicht minder brisant ist "Main Hoon Na" von Farah Khan aus dem Jahr 2004. Auch dort dreht sich die Geschichte um eine terroristische Bedrohung - diesmal vor dem Hintergrund der, trotz einiger Verbesserungen in der letzten Dekade nach wie vor sehr angespannten, diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und Pakistan. Im Zentrum steht ein Major der indischen Armee, mit Spezialausbildung zur Terroristenbekämpfung, der mehrere Terroranschläge verhindert und damit die Verhandlungen zwischen beiden Ländern rettet. Zugleich relativiert der Film das in den meisten indischen Filmen glatt polierte Bild des Militärs zumindest ein wenig. Und erzählt in indirekter, aber doch unübersehbarer Form, von Verbrechen auch auf indischer Seite.
![]() |
In jüngerer Zeit waren zum einen Kabir Khans "Kabul Express" zu sehen, in dem - auch hier wieder - ein indischer Reporter in Afghanistan einen Taliban interviewen will. Der Beginn einer tragikomischen Achterbahnfahrt, die auch einige kulturelle Klischees über Pakistaner aufgreift und korrigiert. In Karan Johars, mit Hollywood-Geld produziertem, "My Name is Khan" (2010) schließlich geht es um einen indischstämmigen US-Bürger, der zum Opfer amerikanischer Islamophobie wird.
"Inder wollen unterhalten werden"
In dieser Tradition der kulturellen Selbstreflexion über Terrorismus und Islamismus, steht auch "Tere bin Laden". "Ich glaube, der Film ist deshalb bei uns so ein Erfolg, weil er von wichtigen Themen in konsumierbarer Form erzählt, ohne diese zu verraten", kommentiert daher Indhu Shrikent, die Direktorin des wichtigsten indischen Filmfestivals von Neu Dehli, die auch als Filmjournalistin arbeitet: "Inder wollen unterhalten werden. Wenn das intelligent und anspielungsreich geschieht, wie hier, um so besser." In diesem Fall spielt, wie bereits erwähnt, auch noch die Besonderheit der indisch-pakistanischen Beziehung in den Film hinein, das macht ihn umso interessanter.
![]() |
Dazu gehört insbesondere der seit über 20 Jahren währende blutige Konflikt um die Provinz Kaschmir. Der Konflikt hat mehr als 50.000 Menschen das Leben gekostet. Provokationen und Straßenschlachten sind zur Gewohnheit geworden. Dabei sind die separatistischen Parteien politisch nicht mehr als eine Minderheit. Bei den Regionalwahlen 2008 war trotz aller Boykottaufrufe eine übergroße Zahl der Kaschmiris an die Wahlurnen gegangen und hatte sich, gegen die Separatisten, für eine demokratische Lösung und Parteien ausgesprochen, die die Einheit mit Indien repräsentieren. Seit Islamabad wegen der Unterstützung der Separatisten in die Kritik geraten ist, fehlen denen Waffen und Geld.
"Die normalen Leute hatten noch nie ein Problem mit Pakistan"
Was heißt es nun, wenn Inder jetzt in großer Zahl diesen Film im Kino sehen? Inwiefern könnte sich ihre Perzeption des Nachbarn ändern, gegen den man schon dreimal Krieg geführt hat und dem man zuletzt die Anschläge in Bombay anlastete? Wenn Inder jetzt in großer Zahl diesen Film sehen, verändere das die Wahrnehmung des Nachbarn nicht wesentlich, so Shrikent. "Die normalen Leute hatten noch nie ein Problem mit Pakistan. Viele haben Verwandte dort, wir waren schließlich einmal eine Nation."
Der Konflikt sei eine Sache der Politiker und einiger Fanatiker. Allerdings haben zuletzt die Terroranschläge in Bombay, für die man eine pakistanische Terrorgruppe verantwortlich macht, die Beziehungen stark belastet. Andererseits hat Indien während der derzeitigen Katastrophe schnell Nothilfe angeboten - was zu einer verklemmten Reaktion der pakistanischen Behörden führte, die sich lange nicht entschließen konnten, das Angebot anzunehmen.
![]() |
Wie Shrikent stellt auch der Filmkritiker Premendra Mazumder aus Kalkutta im Gespräch heraus, dass der Regisseur ein Muslim ist: "Das ist mutig für ihn", meint Mazumder, "zugleich ein Beispiel für jene fanatischen Hindhu-Fundamentalisten, die den Konflikt mit Pakistan schüren." Denn der Film handhabe seinen Humor sehr gleichwertig, verteile die Gags nach allen Seiten. Er sei ein Plädoyer für Toleranz. Das Verbot des Films in Pakistan nimmt Mazumder dagegen nicht allzu ernst: "Es gibt ihn dort trotzdem längst zu kaufen."
Man wisse schließlich, dass bei den fahrenden Händlern auf den Straßen von Karatschi und Islamabad, genau wie in Khandahar, in Bombay und Kalkutta jeder Film zu haben ist, gerade auch ein verbotener - "denn der erzielt bessere Preise." Weil die Piraten-DVD's längst auf der Straße erhältlich sind, verliert die pakistanische Filmindustrie durch das amtliche Verbot vor allem Geld.
Hat Humor Geschmacksgrenzen?
Laut Wikipedia hatte die pakistanische Regierung den Verleih des Films verboten, weil Extremisten ihn sonst zum Anlass für Angriffe nehmen könnten - eine ziemlich krude Begründung. Spätestens wenn "Tere bin Laden" vermutlich irgendwann im Laufe des kommenden Jahres auch in die deutschen Kinos kommen wird - oder zumindest auf DVD erhältlich ist -, wird man sich noch mit einem anderen, die westliche Gesellschaft direkt betreffenden Aspekt des Themas auseinandersetzen müssen: die offene Art und Weise, wie sich Sharmas Werk nämlich mit Terror und Antiterror, mit der Paranoia aller Seiten auseinandersetzt, die gelassene Leichtigkeit von Satire und Ironie, die er der Härte und Schwere allen Fundamentalismus' entgegensetzt. Das wirft nämlich auch die Frage auf, ob es eigentlich geschmackliche Grenzen des Humors gibt, und wo sie liegen?
![]() |
Bollywood-Filme wollen das Publikum zum Lachen und Weinen verführen, am besten beides zu gleicher Zeit. Ohne Frage ist "Tere bin Laden" auf seine Art dreiste Exploitation, und wagt damit etwas, was sich im Westen, von einigen Trash-Filmern abgesehen, noch niemand getraut hat: Nämlich die Terroranschläge vom "11. September" und ihre Folgen zum Gegenstand eines Unterhaltungsfilms zu machen, der auf all den Bierernst staatstragenden Pathos' verzichtet, den man in solchen Fällen dann in Hollywood an den Tag legt - und trotzdem auf merkwürdige Weise angemessen mit dem pikanten Sujet umzugehen.
"Leben mit den Ungläubigen"
Auch im Westen gibt es schon lange entsprechende Pläne. Getraut sie umzusetzen, hat sich bislang aber noch niemand: "The Cell" hieß ein Sitcom-Konzept, an dem NBC bereits Anfang 2005 arbeitete. Es drehte sich um eine Terror-Zelle aus vier jungen Männern, die in Chicago in einer Wohngemeinschaft leben und einen Anschlag vorbereiten.
Allerdings lassen sie sich schnell vom american-way-of-life anstecken, geben das Geld der Organisation für Konsumgüter aus, und während sie ihr Boss übers Telefon wieder auf Linie bringen will, erlebt einer der vier gar sein schwules Coming-Out, ein anderer verliebt sich in eine Jüdin. Doch die Idee mit den vier Bombenlegern schien den Studios wohl am Ende selbst zu explosiv.
![]() |
Auch eine dänische TV-Station, die es zunächst aufgreifen wollte, scheute am Ende zurück. Ein Erfolg ist hingegen "Living with the Infidel" ("Leben mit den Ungläubigen"), eine fünfteilige Serie auf YouTube, die gleichfalls von einer Terrorgruppe handelt, die vom westlichen Lebensstil angesteckt wird, und zum Beispiel eine absurde kunsttheoretische Diskussion beim Verfertigen eines Anschlag-Bekenntnisvideos führt - in Großbritannien führte das zu heftigen Protesten unter den Angehörigen der Opfer der 7/7-Bombenanschläge.
Satire muss vor gar nichts halt machen. Das bewies schon der geniale deutsch-jüdische Komödienregisseur Ernst Lubitsch, als er im US-Exil 1941 die bisher unübertroffene Nazi-Satire "Sein oder Nichtsein" drehte. Bestimmt gab es auch da vereinzelt Menschen, die so etwas angesichts von Millionen Ermordeten geschmacklos fanden. Aber bis heute entlarvt der Film die Täter besser als jedes ernsthafte Traktat, indem er sie der Lächerlichkeit preisgibt. Höchste Zeit, dass auch wir im Westen über Osama Bin Laden lachen, anstatt uns von ihm gefangen nehmen zu lassen.
http://www.heise.de/tp/artikel/33/33239/1.html- Living with the Infidels (23.12.2010 11:43)
- Re: SSarrazin veralbern?! (23.12.2010 10:45)
- Re: Hab den Film gerade gesehen (13.9.2010 22:22)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.









