Sachbücher des Monats: September 2010

05.09.2010

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung, jeden Monat neu, präsentiert von Süddeutsche Zeitung / Buchjournal / Börsenblatt / Norddeutscher Rundfunk / Telepolis.

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Claudia Honnegger, Sighard Neckel, Chantal Magnin (Hg.)
Strukturierte Verantwortungslosigkeit
Berichte aus der Bankenwelt
In der verschwiegenen Welt der Banken hat sich eine Art "Finanzaristokratie" herausgebildet, der die neuerdings sogenannte "Realwirtschaft" völlig egal zu sein scheint. Die Autoren sind mit ihren Forschungsteams in diese Welt eingedrungen und haben mit deutschen, österreichischen und schweizerischen "Finanzsoldaten" gesprochen. Die dabei entstandenen soziologischen Porträts bilden den Kern dieses Buchs.

Suhrkamp Verlag, 399 Seiten, EUR 16,00

Jonathan Safran Foer
Tiere essen
In einer Synthese aus Philosophie, Literatur, Wissenschaft und eigenen Undercover-Reportagen bricht Foer in "Tiere essen" eine Lanze für eine bewusste Wahl. Er hinterfragt die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um unser Essverhalten zu rechtfertigen, und die dazu beitragen, dass wir der Wirklichkeit der Massentierhaltung und deren Konsequenzen nicht ins Auge sehen.
Übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 399 Seiten, EUR 19,95

Barbara Ehrenreich
Smile or die
Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt.
"Sei positiv! Optimisten leben länger! Der Erfolg ist in dir!" Seit Jahrzehnten künden Ratgeber und Motivationstrainer von der grenzenlosen Macht positiven Denkens. Glück, Gesundheit, Reichtum und beruflicher Erfolg - so die Botschaft - sind für jeden jederzeit erreichbar, eine lückenlos positive Grundhaltung vorausgesetzt. Doch nirgendwo ist das Ausblenden der Realität stärker verbreitet als in der Wirtschaft: Die Weigerung, negative Entwicklungen überhaupt ins Auge zu fassen, hat - so Ehrenreich - wesentlich zum jüngsten Crash beigetragen.
Übersetzt von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan

Verlag Antje Kunstmann, 288 Seiten, EUR 19,90

Eva Züchner
Der verschwundene Journalist
Eine deutsche Geschichte
Gerhart Weise, Jahrgang 1913, besucht die Reichspresseschule, arbeitet in verschiedenen Redaktionen und steigt bis ins Propagandaministerium auf, wo er, obwohl kein Parteigenosse, Goebbels wohlwollende Aufmerksamkeit findet. Er wird zum Kriegsberichterstatter, ohne jemals an der Front gewesen zu sein, er wird zum Erfinder von Falschmeldungen für das feindliche Ausland, zum Film-Zensor. 1945 wird Weise von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und verschwindet spurlos. Eva Züchner liefert nicht nur das Porträt eines Journalisten, der zum Handlanger der Mächtigen wurde, sondern auch eine bisher unbekannte Innenansicht der Mediengeschichte im Nationalsozialismus.

Berlin Verlag, 288 Seiten, EUR 24,00

Michel de Certeau
Mystische Fabel
16. bis 17. Jahrhundert
In seiner historischen Studie befreit Michel de Certeau die Mystiker der frühen Neuzeit von der Aura einer religiösen Nischenexistenz und rückt sie in die Mitte der geistig-politischen Auseinandersetzungen um die Moderne. Er stellt vor Augen, worum es der frühneuzeitlichen Mystik geht: die Erotik des Gotteskörpers fühlbar zu machen als Spur eines untergehenden, vermißten, wiederzugewinnenden Sinnanspruchs.
Übersetzt von Michael Lauble

Suhrkamp Verlag, 541 Seiten, EUR 32,00

John Kenneth Galbraith
Eine kurze Geschichte der Spekulation
Spekulationswellen enden mit tödlicher Sicherheit im Crash. Das sagt einem der gesunde ökonomische Menschenverstand. Aber warum lassen sich trotzdem zahllose Anleger stets aufs Neue von abenteuerlichen Gewinnversprechen blenden und hinters Licht führen? John Kenneth Galbraith arbeitet die Gemeinsamkeiten der großen spekulativen Perioden in den letzten Jahrhunderten heraus. Er beschreibt die massenpsychologischen Mechanismen, die Euphorien entstehen lassen, und wie man sie erkennt.
Übersetzt von Wolfgang Rhiel

Eichborn Verlag, 122 Seiten, EUR 14,95

Maike Albath
Der Geist von Turin
Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943
In Mussolinis Italien begegneten sich in den Dreißiger Jahren in Turin ein paar gebildete junge Leute. Sie gründeten Zeitschriften und Verlage, schrieben kritische Artikel, nahmen Verbannung und Gefängnis auf sich und fühlten sich als Avantgarde. Und das waren sie: Aus dem Kreis um Pavese, Leone und Ginzburg und den Verlag Einaudi kam jener Geist, der nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit in Italien wesentlich geprägt hat. Selten haben Intellektuelle einen so nachhaltigen Einfluss auf die Geschicke eines Landes genommen.

Berenberg Verlag, 182 Seiten, EUR 19,00

Christian Marek
Geschichte Kleinasiens in der Antike
Ein Überblick über 10.000 Jahre Historie eines menschheitsgeschichtlich hochbedeutenden Gebiets, das mit über 750.000 km2 ziemlich genau dem Staatsgebiet der heutigen Türkei entspricht. Hier fand der Zug der Zehntausend statt, hier wurde das Geld erfunden, hier kämpfte Alexander der Große, hier zerfleischten sich die Diadochen, hier schuf Pompeius seine Neuordnung des Ostens, hier blühten Dichtung und Philosophie, hier missionierte der Apostel Paulus, hier verbreiteten sich die Häresien des Christentums.
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

C. H. Beck Verlag, 950 Seiten, EUR 44,00

Arnd Pollmann
Unmoral - Ein philosophisches Handbuch
Von Ausbeutung bis Zwang
Trotz aller Bemühungen der Philosophie, das Wesen der Moral zu ergründen, liegt noch immer weitgehend im Dunkeln, worin genau das Unwesen der Unmoral besteht. In 21 Stichwortartikeln, die jeweils für sich gelesen werden können, geht es um Ausbeutung, Demütigung, Folter, Lüge, Mobbing, Verrat und weitere Untaten. Am Ende zieht Pollmann daraus Folgerungen für eine Theorie der Unmoral, die auf Strafe nicht verzichten kann.

C.H. Beck Verlag, 301 Seiten, EUR 14,95

Josef H. Reichholf
Naturschutz
Krise und Zukunft
Steckt womöglich ein grundsätzlicher Fehler im Konzept des Naturschutzes? Natur ist ihrer Natur nach veränderlich. Das aktive Konservieren eines bestimmten Zustands stellt daher auch einen Eingriff in den Naturhaushalt dar. Städte sind artenreicher als manche Flächen in der freien Natur. Viele Arten breiten sich aus, andere schwinden und verschwinden. Das momentane Vorkommen seltener Arten wird als Waffe gegen Baumaßnahmen benutzt. Der Naturschutz zieht über Ausgleichsmaßnahmen zusätzliche Steuern ein und wirkt mit seinen Vorbehalten oder Einschränkungen als massives Hindernis für die Forschung. Josef H. Reichholf analysiert die gegenwärtige Situation und entwirft einen zukunftsfähigen Naturschutz.

Suhrkamp Verlag, 169 Seiten, EUR 10,00

Besondere Empfehlung des Monats September 2010 von Petra Kammann:

Donata Elschenbroich
Die Dinge

Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens
In den Dingen, den Alltagsgegenständen, steckt das Wissen der Welt. Die Kinder arbeiten sich in die Welt ein, indem sie dieses Wissen von Ding zu Ding erschließen. Donata Elschenbroich beobachtet sie bei ihrem beharrlichen Erkenntnisinteresse und ihrer fantastischen Fähigkeit, ein Mehr in den Dingen zu entdecken. Die Gegenstände des täglichen Lebens sind spannender als viele Spielzeuge. Sie erweitern unsere Möglichkeiten, sind uns unerlässlich, kostbar oder auch lästig, vertraut und fremd zugleich. Was liegt näher, als sie, gemeinsam mit den Kindern, einmal genauer zu befragen.
Verlag Antje Kunstmann, 208 Seiten, EUR 18,90

Die Jury

http://www.heise.de/tp/artikel/33/33240/1.html
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