Die Honigfalle - Spione in Spitzenhöschen

05.09.2010

Agenten in geheimer Missionarsstellung

Die Kunst des Verrats und der Verstellung wusste schon der chinesische Stratege Sun Tsu schätzen. Bereits die Bibel schildert, wie aus politischem Kalkül der Geschlechtstrieb des Gegners zunutze gemacht wurde. Im 20.Jahrhundert bedienten sich die Geheimdienste der Methode "Honigfalle", um Zielpersonen zu kompromittieren oder zu manipulieren. Wie oft die Honigfalle wirklich eingesetzt wurde, ist aufgrund branchenüblicher Geheimhaltung schwer zu beurteilen. Manche Autoren argwöhnen gar, sie gehöre zum Repertoire aller Geheimdienste. Den bekannt gewordenen Fällen nach zur urteilen, weisen die Schlapphüte bei dieser Form der Manipulation jedoch eher unterschiedliches Talent auf.

Tänzerinnen auf der Klinge

Als legendärste Spionin gilt die niederländische Schleiertänzerin mit dem Künstlernamen "Mata Hari", die eine Vorliebe für Uniformträger unterschiedlicher Fahne pflegte. Da die Kontakte der reisenden Künstlerin für den Nachrichtendienst interessant waren, wurde sie von den Deutschen angeworben und erhielt eine Schnellausbildung in Chiffriertechnik u.ä. Anzeichen, dass sie erhebliche Arbeit leistete, sind nicht bekannt. Von den Franzosen 1917 hingerichtet und zur Superagentin stilisiert wurde sie trotzdem, was vor allem den französische Geheimdienst aufwertete, der wegen der angeschlagenen Moral dringend einen Erfolg in der Öffentlichkeit benötigte.

Mata Hari 1906

Als ungleich ertragreichere Geheimagentin erwies sich im Zweiten Weltkrieg ihre Kollegin Josephine Baker, die als Bananentänzerin in die Varieté-Geschichte eingegangen war. Die "Schwarze Venus" genannte Tänzerin verfügte ebenfalls auf beiden Seiten der Front über ein beträchtliches Potenzial an amourösen Bekanntschaften, die sie später als verdeckte Kurierin der Résistance nutzte, um die feindlichen Linien unter Lebensgefahr zu passieren. Die populäre Diva überlebte den Krieg und adoptierte anschließend demonstrativ zwölf Waisenkinder möglichst unterschiedlicher Herkunft, um ein Zeichen gegen Rassismus und Provinzialität zu setzen.

"The Spy who doesn't love me"

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Zwar ist die CIA für ihre schmutzigen Tricks berühmt-berüchtigt, doch das Ausnutzen des Sexualtriebs gehört nicht zur Spezialität der US-Geheimdienste. Nicht etwa wegen Skrupeln, sondern mangels Erfolg, wie Ex-CIA-Generalinspekteur Frederick P. Hitz 2008 offen resümierte. Verstöße gegen traditionelle Moralvorstellungen würden in Europa und der Sowjetunion auch großzügiger aufgenommen als in den USA, hätten dort also geringeres Drohpotential. Historiker attestieren den puritanischen Amerikanern insoweit mentalitätsbedingte Hemmungen und mangelnde planerische Begabung. Tatsächlich ist kein spektakulärer Fall bekannt, in welchem der Sex Appeal amerikanischer Schlapphüte eine erhebliche Rolle gespielt hätte. Zwar hatte die CIA Anfang der 60er Jahre von Fidel Castros Beziehung zur Deutschen Marita Lorenz erfahren und dieser angetragen, den kubanischen Staatschef mit in einer Cremedose geschmuggelten Giftpillen zu ermorden - doch während die meisten der damals kalten Krieger längst selbst das Zeitliche gesegnet haben, lebt El Commandante seit einem halben Jahrhundert noch immer. Seinen Frauengeschichten werden jedoch aus guten Gründen als Staatsgeheimnis angesehen.

Die gescheiterten Attentatsversuche auf Castro waren von CIA-Schattenmann Robert Maheu organisiert worden, der die CIA 1965 mit einer weiteren "Black Op" gegen den indonesischen Präsidenten Sukarno bis auf die Knochen blamierte. So wollte die CIA Sukarno mit einer inszenierten Schmierenkampagne diskreditierten und ließ Maheu hierzu einen Film produzieren, der einen Doppelgänger Sukarnos beim Liebesspiel mit Prostituierten zeigte. Das Kalkül, den Staatschef in der Öffentlichkeit mundtot zu machen, ging gründlich daneben. Tatsächlich war es in Indonesien nämlich allgemein bekannt, dass Sukarno die Wochenenden in den Vergnügungsvierteln verbrachte; im Gegenteil empfand der Sexprotz den Film als Kompliment. Im Ansehen bei den Indonesiern waren keine negativen Effekte festzustellen, was die puritanischen Amerikaner überraschte. Der glücklose Desinfomationsspezialist Maheu wurde später der persönliche Vertraute des umnachteten Milliardärs Howard Hughes, bis er auch dort scheiterte.

Unter den US-Geheimdiensten herrschte stets eine gewisse Paranoia vor Homosexualität, deren Vorliegen bei der Einstellung sogar durch Lügendetektortests ausgeschlossen werden sollte. Dies mag zum einen mit dem Sexualleben von FBI-Chef J. Edgar Hoover zusammenhängen, der von der US-Mafia mit delikaten Fotos erpresst worden sein soll, zum anderen aber auch mit Fällen wie Oberst Redl, den Cambridge Five und manch anderen. Als der spätere CIA-Begründer Allen Dulles im Zweiten Weltkrieg von Bern aus gegen Deutschland spionierte, waren seine ersten Zuträger ausgerechnet ein Ring homosexueller Adliger, die wenig von den Nazis hielten.

Waren die Amerikaner auch mit Romeo-Operationen und dergleichen überfordert, so mischten sie im Spiel mit der Platzierung kompromittierender authentischer Information mit - Alltag des schmutzigen Geheimdienstgeschäfts.

No sex, please - we're British!

Auch die Briten machten insoweit eher eine schlaffe Figur. Eine Variante des Honeypot bestand im Kompromittieren des Opfers zwecks Erpressung. Der seit dem Zweiten Weltkrieg für das MI5 arbeitende Peter Wright berichtete nach seinem Weggang im Zorn in seinem Enthüllungsbuch "Spycatcher" (1985), wie der Geheimdienst seiner Majestät Prostituierte auf Zielpersonen ansetzte und beim Liebesspiel fotografierte. So ging ein Angehöriger der sowjetischen Botschaft, deren Personal außereheliche Affären untersagt waren, in die Falle und sollte dazu gepresst werden, Material zu liefern. Da der Mann sich weigerte, sandten die Briten die intimen Fotos an die Botschaft, welche daraufhin den Russen abzog - Schicksal unbekannt, Nutzen: keiner.

Während die CIA und ihre britischen Partner wenig Glück mit der Honigfalle hatten und sie offenbar auch selten aufstellten war die Methode bei den andern Geheimdiensten fester Bestandteil des Repertoires.

Liebesgrüße aus Moskau

Historisch einer der spektakulärsten Fälle war der des österreichischen Militärgeheimdienstlers Oberst Alfred Redl, der 1913 erschossen aufgefunden wurde. Der homosexuelle Redl hatte dem zaristischen Geheimdienst Informationen zugetragen - wohl gegen finanzielle und sexuelle Zuwendung sowie das Schweigen hierüber. Die Umstände seines Todes blieben unklar. Die Legende will wissen, die tüchtigen österreichischen Behörden seien ihm auf der Spur gewesen, was ihn in den Selbstmord getrieben habe. Mit dieser Version konnte man militärische Niederlagen Redls Verrat zuschreiben und so das Gesicht wahren - ein häufiges Motiv von Geschichtsschreibung im Geheimdienstbereich.

Stalins Geheimdienst OGPU, der gegen den im Ausland befindlichen Trotzki intrigierte, misstraute dem im Nahen Osten eingesetzten Geheimdienstmann Jakow Bljumkin. Dieser hatte 1918 befehlswidrig den deutschen Botschafter in Moskau ermordet und war von Trotzki rehabilitiert worden, ihm also verpflichtet. Auf Bljumkin setzte das OGPU 1929 die Julia-Agentin Jelisaweta "Lissa" Gorskaja an, die ihn verführte, um ihn auszuhorchen. Sie lockte ihn zurück nach Russland, wo den Schattenmann ein kaltes Schicksal erwartete.

Das sowjetische Geheimdienst setzte 1957 den von den Deutschen ausgeliehenen Agenten Heinz Sütterlin auf die Sekretärin des Auswärtigen Amtes Leonore Heinz an, die er sogar heiratete. Nachdem dies ein Jahrzehnt später durch einen sowjetischen Überläufer verraten wurde, nahm sich Frau in der Haft das Leben.

1970 wurde die rechtsnational eingestellte BND-Sekretärin Heidrun Hofer, die mit der Organisation des ultrageheimen NATO-Stay-Behind-Netzwerks "Gladio" befasst war, von einem scheinbar in Argentinien abgetauchten adligen Nazi namens "Hans Puschke" umworben. Der schöne "Hans" kümmerte sich um die Geheimnisträgerin, bis 1976 ein Überläufer den in Wirklichkeit aus dem Osten stammenden Agenten verriet, der rechtzeitig abtauchen konnte. Aus Verzweiflung sprang Hofer bei einem Verhör aus dem Fenster, überlebte jedoch schwer verletzt. Während man die Operation lange dem DDR-Geheimdienst zuschrieb, war "Hans" in Wirklichkeit ein perfekt deutsch sprechender Russe, der für Moskau liebte.

Auch, wenn Romane, Kino und Presse Legenden von russischen Sexagentinnen pflegen, so sind die bekannt gewordenen Fälle meistens eher trivial. Der US-Diplomat Felix Bloch, der in seiner Geburtsstadt Wien als Vizebotschafter fungierte, pflegte wöchentlich eine Domina aufzusuchen. Diese Schwäche soll das KGB 1980 ausgenutzt haben, um ihn zur Spionage zu gewinnen. Zwar wurde Bloch nie des Landesverrats für schuldig befunden, doch der Verdacht löste einen Skandal aus und ruinierte seine Existenz. Ebenfalls in Wien verliebte sich der junge Botschaftswächter Clayton J. Lonetree in eine Übersetzerin der russischen Botschaft, die eines Tages ihren "Onkel Sascha" mitbrachte, der Lonetree anwarb.

Die 28jährige Russin Anna Chapman wurde dieses Jahr in den USA wegen des Verdachts auf Spionage verhaftet, bekannte sich schuldig und wurde ausgetauscht. Was ihr tatsächlich zu Last gelegt wurde, blieb ebenso im Dunkeln wie der in der Boulevardpresse diskutierte Körpereinsatz von "Agentin 90-60-90".

Demgegenüber wurde dieses Jahr von zwei junge Russinnen gemeldet, sie hätten reihenweise bekannte Oppositions-Politiker, Journalisten und Publizisten verführt. Der heutige russische Geheimdienst FSB scheint die Honigfalle tatsächlich ausgiebig zu nutzen. So steht der FSB im Verdacht, kompromittierende Sexvideos verdeckt zu filmen oder - CIA-Style - mit Doppelgängern zu fingieren.

Deutsch-deutscher Grenzverkehr

In den 50er Jahren bemühte sich der BND-Vorläufer "Organisation Gehlen" um menschliche Informationsquellen aus dem Osten. Als die DDR-Nachrichtenagentur ADN 1953 die Namen von Mitarbeitern der "Org" herausposaunte, fügte sie auch den von Hilla Naumann an, einer Prostituierten, die für die Org anwarb. Insbesondere in der damaligen Spionagewelthauptstadt Wien sandte die Org entsprechend von ihr mit zweckmäßigen Textilien ausgestattete Lebedamen in Lokale, die von sowjetischen Offizieren aufgesucht wurden. War der Kontakt erst einmal nach den Regeln der femininen Kunst hergestellt, lockten die Frauen die Militärs zu Treffen in ihre Wohnungen, bei denen sie angeblich Armbanduhren etc. zu verkaufen hätten. Auf die geschäftsgeneigten Offiziere warteten jedoch Anbahner der Org, die Informationen kaufen wollten. Zur Recherche setzte die Org auch Zimmermädchen ein, welche die Wohnungen von Sowjets ausspionierten.

Die westdeutsche "Org" war es denn auch, die das "Spiel" mit den Romeo-Agenten auf die Spitze trieb. Bei der Suche nach einer hochkarätigen Quelle machte sich der westdeutsche Agent Karl Laurenz Ende der 40er Jahre an die Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grothewohl, Elli Barczatis, heran, die für ihn die Korrespondenz auf höchster Ebene ausspionierte. Das in Konspiration nicht allzu geschickt handelnde Paar flog auf und wurde 1953 mit dem Fallbeil hingerichtet. Vorfälle wie dieser leisteten dem Misstrauen vor westlicher Subversion Vorschub und sensibilisierten die Sicherheitsorgane der DDR, die ihre Abwehrstrukturen perfektionierten.

Der BND führte 1959 in Ankara einem russischen Diplomaten, dessen Vorliebe für Rubensdamen ihm bekannt war, eine solche zu. Um das Liebesspiel versteckt zu filmen, hatte man eigens die Wand eines Hotelzimmers durchstoßen. Als man ihn hart aus dem Vergnügen riss und zur Kooperation pressen wollte, meldete der Diplomat pflichtgemäß den Anwerbeversuch. Entsprechend der russischen Praxis bei Offenbarung an die Vorgesetzten musste er keine Nachteile befürchten, sondern wurde lediglich wieder in die Sowjetunion beordert - ein Verfahren, das sich über Jahrzehnte bewährte.

Die bedeutendsten Erfolge mit der Honigfalle erzielte die als "Hauptverwaltung Aufklärung (HVA)" firmierende Auslandsabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit seinem eigenen, männlichen Personal: Markus Wolfs legendären Romeo-Agenten. Die Logistik der HVA-Romeo-Operationen ist ohne Beispiel. Sie begann beim Auskundschaften der Interessen der Zielpersonen und machte vor Inszenierungen von falschen Standesbeamten und Beichtvätern nicht halt, denen die getäuschten Frauen Glauben schenkten. Den Romeo-Agenten wurde ihre Aufopferung als Ersatz für den Wehrdienst anerkannt. So gingen die Fremdsprachensekretärinnen Ingrid Garbe und Ursel Lorenzen ihren Romeos in die Honigfalle. Als der Boden zu heiß zu werden drohte, setzten sie sich 1979 rechtzeitig in die DDR ab. Im gleichen Jahr folgten Kurt Biedenkopfs ostdeutsch bemannte Chefsekretärin Christel Broszey, und auch der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Werner Marx, musste nach Verlust seiner Sekretärin Inge Goliath eine Stelle ausschreiben. Allein im "Bonner Sekretärinnensommer" 1985 begaben sich etliche Schreibkräfte in Spitzenpositionen aus dem Rheinland auf einen "ausgedehnten Urlaub" in der DDR. Auch an Schlüsselpositionen in den Medien wie etwa im Axel-Springer-Verlag bewiesen DDR-Agenten ein großes Herz für Sekretärinnen. Ca. 40 Romeo-Opfer wurden insgesamt gezählt, 80 Romeos sollen bei der Tuchfühlung mit dem Feind ihr Glück versucht haben.

Auch der BND kann auf potente Geschichten zurückblicken, wenn auch auf fruchtlose. So wurde an der Spionageschule in Pullach der Fall einer russischen Botschaftsrätin in Madrid gelehrt, die Anfang der 60er Jahre Zärtlichkeiten aus deutscher Hand nicht abgeneigt war. Nachdem gleich mehrere Herren aus Deutschland die Diplomatin mit Pelzen und anderen Annehmlichkeiten beglückten, hielt man die Zeit für reif, sich als BND zu erkennen zu geben und die Frau zur Mitarbeit anzusprechen. Kurz darauf wurde sie in die Heimat versetzt, so dass auch diese Operation unbefriedigend blieb, jedenfalls politisch gesehen.

Nicht eine Agentin aus dem Osten, sondern ironischerweise eine BND-Frau spielte eine bislang kaum bekannte Rolle im Guillaume-Skandal. Die im Geheimdienstmillieu operierende Journalistin Susanne Sievers hatte ursprünglich eine MfS-Anbindung und war nach Offenbarung derselben 1952 nach Ostberlin entführt worden, wo sie zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Nach ihrer Übersiedelung in den Westen wurde sie unter Protektion des BND in Bonn tätig, wo sie einen "Salon" eröffnete, wie sich HVA-Chef Wolf ausdrückte. Sie begann eine Beziehung mit dem nicht als Frauenverächter bekannten Bundeskanzler Willy Brandt, die natürlich dem Vertrauten Guillaume bekannt war. Nach Guillaumes Enttarnung dankte Brandt unter Andeutungen ab, dass auch Enthüllungen über sein Privatleben zu befürchten seien. Die Brandt-gefährliche Frau wurde nun aus Bonn ferngehalten, indem man sie mit der Leitung einer BND-Residentur in Fernost belohnte, wo sie ihr süßes Geheimnis bewahrte.

Einen Super-GAU riskierte der Berliner CDU-Rechtsaußen Heinrich Lummer, der in Ost-Berlin ein Verhältnis mit einer Ostdeutschen pflegte - der auf ihn angesetzten StaSi-Agentin Susanne Rau. Auch eine Klaransprache der DDR-Geheimen hinderte den in der Öffentlichkeit als Kommunistenfresser bekannten Lummer nicht an der Fortsetzung seiner Beziehung zur Ostagentin, die der Politiker jedoch abbrach, als er es 1981 zum Berliner Innensenator brachte. Als ihn die HVA mit einem (ohne Wissen der Agentin) heimlich gedrehten Film über seiner Liebeskünste konfrontierte, widerstand Lummer dem Druck - er hatte sich inzwischen dem Verfassungsschutz und seinem regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker offenbart. Es passierte auch seitens der DDR nichts, was nicht zuletzt an einer Unmutsäußerung aus Moskau lag, wo man wenige Jahre nach dem Guillaume-Skandal von solchen Operationen im unmittelbaren Politikerumfeld offenbar wenig hielt.

Über Seitensprünge westdeutscher Spitzenpolitiker war die DDR stets bestens unterrichtet und hörte noch bis zuletzt das telefonische Turteln höchster Amtsträger selbst im Westen ab. Soweit bekannt, wurden Seitensprünge generell nicht an die Öffentlichkeit durchgestochen. Das Veröffentlichen solcher Schmuddelgeschichten hätte der DDR kaum Nutzen gebracht, die Stillosigkeit wäre jedoch auf sie zurückgefallen. Die westdeutsche Presse hätte solche Kolportagen womöglich auch nicht berichtet, denn den politischen Korrespondenten waren ohnehin allerhand Fremdgänger bekannt, ohne dass je hierüber geschrieben worden wäre. Die Achtung der Privatsphäre von Politikern war nicht nur presserechtlich erforderlich, vielmehr herrschte unter den Politjournalisten Konsens, insoweit die Etikette zu wahren, andernfalls informelle Kontakte weggebrochen wären, auf die politische Journalisten nun einmal angewiesen sind.

Die HVA pflegte auch eine weitaus unschuldigere Variante der Honigfalle. So berichtet der BND-Mann Norbert Juretzko, dass im Haus gegenüber eines BND-Objekts für BND-Azubis jeden Tag eine wohlbestückte Dame mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon zur gleichen Zeit ihre Morgengymnastik zu absolvieren pflegte. Die beglückte BND-Belegschaft verbrachte zur entsprechend eingelegten Frühstückspause täglich an den Fenstern, wo sie sich fröhlich in die Linsen der versteckten Kameras der DDR-Aufklärer lehnten, die auf diese Weise stets an aktuelle Brustbilder neuer BND-Kollegen kam.

Galt Markus Wolf als erfolgreichster Stratege auf dem Gebiet der Honigfalle, so stolperte ausgerechnet der Meisterspion mindestens zweimal über den eigenen Geschlechtstrieb.

Hatte der Westen ein Vierteljahrhundert nicht einmal ein Bild des sagenumwobenen Spionagechefs besessen, so wurde Wolf 1979 von einem Überläufer auf einem Foto identifiziert, das ihn in Schweden beim Verlassen eines Sexshops zeigte.

Ein ungleich delikaterer Fall widerfuhr Wolf während einer Ehekrise, nachdem er sich mit der besten Freundin seiner Frau eingelassen hatte. Die Gehörnte suchte einen anderen Arm zum Ausweinen, den ihr ein westdeutschen Urlauber bot, mit dem sie eine Romanze begann. Der Mann wandte sich schließlich an den BND, mit dem er die Geheimnisträgerin ausschleusen wollte. Die naive Hoffnung, die gründlich arbeitende DDR-Abwehr würde eine Korrespondenz nicht bemerken, erwies sich als trügerisch. Frau Wolf, die sich inzwischen in Scheidung befand, wurde nun lückenlos nachrichtendienstlich überwacht. In Mielkes Ministerium für Staatssicherheit herrschten strenge Moralvorstellungen in Eheangelegenheiten von Mitarbeitern vor, untreue StaSi-Offiziere wurden als unzuverlässig angesehen und aus dem Dienst entfernt. Tatsächlich hatte sich der hochkarätigste HVA-Überläufer Werner Stiller auch insoweit als unstet erwiesen. Aus dem nun ausgerechnet dem ideologischen Gegner bekannten Moral-Problem war eine hinter den Kulissen schwelende Staatsaffäre geworden, die nicht wenigen als die eigentliche Ursache für Wolfs ansonsten unverständlichen vorzeitigen Rückzug vom Geheimdienst gilt.

Einen speziellen Stellenwert nimmt der Fall des Bundeswehrgenerals Günter Kießling ein, der sich wegen seiner Eigensinnigkeit insbesondere bei den Amerikanern der Reagan-Ära unbeliebt gemacht hatte. So griffen interessierte Kreise das haltlose Gerücht auf, Kießling sei homosexuell, stelle daher ein Sicherheitsrisiko dar und müsse entfernt werden. Der MAD lieferte seinen Beitrag mit irreführenden Material über einen dem General ähnlich sehenden Bundeswehrangehörigen, der tatsächlich in Schwulenkneipen auflief. Die HVA-Geheimen, die den aus einfachsten Verhältnissen stammenden Viersternegeneral und dessen Gradlinigkeit respektierten, wollten den gemäßigten Kießling nicht gegen einen Hardliner ausgetauscht sehen und bekämpften nun Feuer mit Feuer. Man lancierte fiktive Soldatenschriften, die sich mit Kießling solidarisch erklärten und auf die Parallele zum Fall des nazi-kritischen General Fritsch hinwiesen, der von Göring mit der unwahren Kolportage angeblicher Homosexualität weggemobbt worden war. Die "schwarze PR" verfehlte in Bundeswehrkreisen ihre Wirkung nicht und trug zur allgemeinen Empörung bei. Als der General schließlich rehabilitiert werden musste, war die Peinlichkeit für Kießlings Feind, den konservativen Verteidigungsminister Wörner, kaum zu überbieten.

Naher Osten: Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht

Zu den bekanntesten Opfern der Honigfalle zählt der israelische Atomphysiker Mordechai Vanunu, der in der geheimen unterirdischen Nuklearanlage in Dimona an der offiziell nicht existierenden israelischen Atombombe mitgebaut hatte. Der Anlagenkomplex war aufwändig vor den internationalen Behörden versteckt worden. In London hatte sich Vanunu an die Zeitung Sun gewendet, die dem Verleger Robert Maxwell gehörte. Maxwell, der eigentlich Ján Ludvík Hoch hieß, war jedoch ein Perspektivagent des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad gewesen, für den Maxwell diskrete Geschäfte abwickelte und in seinen Blättern PR lancierte. Der nun von Maxwell gewarnte Mossad setzte sofort die attraktive Agentin Cindy Hanin Bentov auf Vanunu an, die den Verliebten nach Italien an einen Strand lockte. Dort tauchten Froschmänner auf und verschleppten ihn auf dem Seeweg nach Israel, wo ihm der Geheimprozess gemacht wurde.

Einer modernen Variante der Honigfalle gingen ca. 200 israelische Soldaten auf den Leim. Eine attraktive "Reut Zukerman" fläzte sich auf via Facebook auf einem Ledersofa und flirtete vorwiegend mit Angehörigen von Eliteeinheiten. Für die Nöte der jungen Männer hatte "Reut" nicht nur ein großes Herz, sondern auch andere Körperteile - etwa Augen und Ohren. Hinter der Scharade wird der libanesische Geheimdienst vermutet, der sich auf diese Weise allerhand Vertrauliches erzählen ließ, insbesondere auswertbare Verkehrsdaten sammeln konnte.

Eine ähnliche Methode wenden heute pfiffige russische Gerichtsvollzieher an, die mit entsprechend gefälschten Motiven säumige Russen zum Protzen über ihren Besitz bewegen und zu Dates locken, die dann weitaus weniger harmonischer als gewünscht verlaufen. Diese Taktik erinnert an die Briefe einer gewissen "Tanja Nolte-Berndel", die Anfang der 90er Jahre mit netten Jungs Computerspiele und vielleicht noch etwas mehr tauschen wollte. Wer anbiss, erhielt dann Post von Tanjas "Vater", einem einschlägig bekannten Münchner Anwalt, der für die Softwareindustrie abmahnte.

Ferner Osten

Japanische Geheimnisträger werden derzeit häufig von "Südkoreanerinnen" umgarnt. Tatsächlich handelt es sich bei den liebesbedürftigen Frauen um Nordkoreanerinnen, die im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes flirten, dessen eigenes Personal zu auffällig wäre.

Die partielle Zusammenarbeit mit dem indischen Research and Analysis Wing hat den chinesischen Auslandsnachrichtendienst Guoanbu auch nicht gehindert, seine traditionelle Gegenspionage gegen Neu Delhis Geheimdienst fortzusetzen. Der Leiter der RAW-Residentur in Peking, Uma Mishra, wurde im Juni 2008 aus der chinesischen Hauptstadt abgezogen, weil seiner Aufmerksamkeit entgangen war, dass einer seiner Mitarbeiter eine Liebesaffäre mit seiner Sprachlehrerin eingegangen war, die zugleich Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit war. Im November 2007 war der Stationschef des RAW in Sri Lanka aus einem ähnlichen Grund zurückgerufen worden. Ravi Nair war in eine Honigfalle des Pekinger Dienstes getappt, als er eine Liaison mit einer Frau aus Hongkong eingegangen war

Make war, not love

Bisweilen scheiterte die Honigfalle schlicht am Desinteresse der Zielperson. Diverse Geheimdienste versuchten etwa vergeblich, den berüchtigten CIA-General Vernon Walters in die Honigfalle zu locken. Man sandte ihm Mädchen, man sandte ihm Jungs - doch die Braut des eiskalten Kriegers war allein das Gewehr.

Der Autor bedankt sich für Hinweise beim Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenboom vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim

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