Finanzkrise am Hindukusch

03.09.2010

Die Kabuler Bank-Krise zeigt, wie fragwürdig der Einsatz des Westens für eine Regierung ist, die unauflöslich mit korrupten Netzwerken verwoben ist

In den letzten beiden Tagen wurden bei der Kabul Bank 155 Millionen Dollar abgehoben, 70 Millionen am Donnerstag und 85 Millionen am Mittwoch, meldet NBC mit Berufung auf den Bruder des afghanischen Präsidenten, Mahmud Karzai, der dazu interviewt wurde. Mahmut Karsai spricht von "Anlegern in Panik". Medien berichten von langen Schlangen vor den Filialen der Bank in großen Städten; Regierungsangestellte, Lehrer, Soldaten und Polizisten, die ihre Einlagen zurück haben wollen. Ein Bank-Run, die Bank steht vor der Pleite.

Es kursieren gar Schätzungen, wonach ihr nur mehr 120 Millionen Dollar bleiben, früher belief sich ihr Kapital auf über 1 Milliarde Dollar. Zwar ließ das afghanische Finanzministerium umgehend erklären, dass die Einlagen sicher sind und der Präsident selbst versicherte in einer Pressekonferenz mit US-Verteidigungsminister Gates, dass die Bank sicher sei.

Doch trotz Hamids Beteuerung, man habe mindestens 4,8 Milliarden Dollar als Rückversicherung, rechnet Bruder Mahmud offensichtlich mit dem Schlimmsten. Wenn die US-Regierung nicht helfend eingreife, so sein Appell, dann könnte die Bank zusammenbrechen und mit ihr das "fragile afghanische Finanzsystem":

If this collapses, there will be a meltdown.

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Dass es eine solche Gefahr gebe, hatte der Mann, dessen Villa von der Bankl bezahlt wurde, zuvor noch bestritten: Mahmud Karsai selbst hält größere Anteile an der Bank. Der ehemalige Kellner, dann Restaurantbesitzer in San Franciso, Baltimore und Boston, hat sich in Afghanistan zu einem "Geschäftsmann mit Imperium" gemausert, mit besten Beziehungen zur afghanischen Regierung und zu US-Kreisen. Manches, was über ihn zu lesen ist, zum Beispiel dass er als "Ministermacher" gilt, deutet an, dass ihm die Kabuler Korruptionsnetzwerke nicht unbekannt sein dürften. Die Geschäfte seines Bruders würden ihn in politische Verlegenheit bringen, wird der Präsident von der New York Times zitiert.

So ist es vermutlich kein Zufall, dass Mahmud Karsai, der aus Afghanistan ein zweites Singapur oder Hong Kong machen wollte, auch in den "Kabul Bank"-Skandal verwickelt ist, der den Präsidenten in große Verlegenheit bringen könnte. Wie die Washington Post gestern berichtete, hat die Bank nach Angaben von Gesellschaftern 500 Millionen in flüssigen Werten, an das meiste sei aber nur "mit Problemen" heranzukommen.

Der Bank werden dunkle Geschäfte vorgeworfen, die in Zusammenhang stehen mit den korrupten Verflechtungen in Kabul. So sollen "einflussreiche Insider" (u.a. Warlords) außerhalb und innerhalb der Regierung an sehr günstige größere Kredite gekommen sein. Darüberhinaus ist die Bank an dubiosen Finanztransfers beteiligt, die Milliarden außerhalb des Landes schaffen (siehe Die Regierung Karsai und die Payroll der CIA). Mit dem Geld wurde hasardeurhaft spekuliert.

Und auch der Präsidenten soll ihr außerordentliche Hilfe verdanken - bei seiner "Wahlkampagne". Zur Erinnerung: Es gab zahlreiche Hinweise darauf, dass "Karsais Team" das Ergebnis der Präsidentenwahl manipuliert hat (siehe Wahlmanipulationen am Hindukusch). Die amerikanische Regierung leiß letztendlich Gras über die Sache wachsen, das Thema verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Nun leben die Hinweise auf Kanäle wieder auf, die die Spur weisen, woher das viele Geld für die Einflussnahme auf das Wahlergebnis höchstwahrscheinlich stammt.

Vergegenwärtigt man sich, dass die Bundeswehr und die Nato-Verbündeten, vorneweg die USA, Milliarden für ihren Einsatz in Afghanistan ausgeben und dort Soldaten hinschicken, die ihr Leben riskieren - für die Stabilität Afghanistans und auftragsgemäß zur Unterstützung der Zentralregierung -, so zeigt sich erneut die Fragwürdigkeit des Einsatzes am Hindukusch.

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