Landbesitzer leiten Hochwasser zu den Armen um

06.09.2010

Pakistan: Die Katastrophe zeigt das Ausmaß an Korruption; die Angst vor Radikalen und Unruhen wächst

Kinder, etwa 2 Jahre alt, übersät mit Fliegen, die auf einer Decke, ebenfalls voller Fliegenhaufen, hingestreckt oder zusammengekauert liegen, eine leere Milchflasche am Boden; ein Junge nuckelt an einer leeren Flasche, die letzten Tropfen hat er sich längst mit dem Fliegenschwarm an seinen Lippen teilen müssen – die Katastrophe in Pakistan hat ein Bild, das der Weltöffentlichkeit (endlich) ans Herz gehen soll. Und dazu gab es am Wochenende eine Nachricht, die das gräßliche Gesicht der feudalen Herschaftsverhältnisse im Land vorführt: einflussreiche Politiker, oftmals Landbesitzer, haben dafür gesorgt, dass das Hochwasser in ärmere Regionen umgeleitet wird. Dazu kommen Geschäftemachereien mit Hilfsgütern, die verkauft werden bzw. an politische Freunde weitergegeben.

Die Umverteilung von großen Geldsummen in korrupte Kanäle steht bereits am Anfang der Katastrophe: Vieles sei zu verhindern gewesen, werden Experten zitiert, wenn die Regierungsbehörde Federal Flood Commission (FFC), die 1977 gegründet wurde, ihre Arbeit gemacht hätte. Stattdessen wurden Millionen teure Projekte zur Vorbeugung solcher Katastrophen zu größeren Teilen offenbar nur auf dem Papier durchgeführt.

Drei nationale Flutschutz-Programme, finanziert unter anderem von der Asian Development Bank, der International Development Association-World Bank und der deutschen KFW-Entwicklungsbank wurden "als erfolgreich vorbereitet und ausgeführt" abgesegnet. Doch sollen Prüfer nach Spuren der Verwirklichung dieser Projekte suchen. Ein zuständiger Minister in Punjab entdeckte im Süden des Landes vor allem Spuren des Betrugs. Die Korruptions-Wächterorganisation Transparency International Pakistan wirft dagegen dem Vorsitzenden der Regierungsbehörde FCC vor, dass er 60 bis 70 Prozent (!) des Budgets veruntreut habe.

20 Millionen Menschen, ein Achtel der Bevölkerung, wird von der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen. Vernichtet wurde nicht nur die diesjährige Ernte, auch die Aussaat der nächsten ist nach Stand der Dinge nicht möglich. Nach Angaben der New York Times schätzt man die Zahl der Obdachlosen, die hungern, auf 800. 000. Man befürchtet, dass sich Situation von 10 Millionen Pakistaner, die nicht ausreichend mit Nahrungsmittel versorgt werden, sich in den nächsten Wochen verschlimmern könnte.

Korruption heißt auch der schlimmste Gegner bei derzeitigen Hilfsaktionen, bzw. ihrer Finanzierung. Wie der auch im Westen bekannte Journalist Ahmed Raschid in der Washington Post feststellt, wächst – nicht zuletzt aufgrund der oben geschilderten Maßnahmen der Elite, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen - das Misstrauen gegenüber den Hilfsmaßnahmen der Regierung. Die Spendenbreitschaft für Regierungsprojekte sinkt. Sein Vorschlag, einen Wiederaufbau-Fond zu bilden, der von der Weltbank und anderen internationalen Organisationen geleitet wird, und dessen Verwendung von ihnen beaufsichtigt wird, hat mit Widerständen der politischen Elite zu rechnen, wie übrigens auch Hilfsangebote aus Indien, denen erst nach längerem Zögern zugestimmt wurde.

Während sich die Zentralregierung und die Provinzen über die Verwendung der Hilfsgelder streiten, wird befürchtet, dass es zu Unruhen kommt, insbesonder die Situation in Karatschi gilt als explosiv. Der Führer des dort mächtigen Muttahida Qaumi Movement (MQM), Hauptpartei in blutigen Auseinandersetzungen, die die Stadt seit Jahrzehnten heimsuchen, hat eine "französische Revolution" angekündigt. In deren Verlauf soll das Kriegsrecht ausgerufen und korrupte Politiker sollen gehängt werden.

A revolution similar to the French Revolution is knocking at the door of Pakistan and the MQM will lead that change. All airports will be closed and these corrupt elements will be hanged publicly, so that no one would make an attempt to promote corruption in the country again.

Extremisten und Taliban, die in letzter Zeit wieder mit Anschlägen von sich Reden machten, sind - neben Eliten - die Profiteure der Katastrophe; Korruption war schon immer ein gutes Argument der Taliban,um gegen die herrschenden politischen Kräfte mobil zu machen. An manchen höheren Stellen spekuliertman damit, dass viele Flüchtlinge aus Afghanistan zurückgeschickt werden, um Platz zu machen für pakistanische Flüchtlinge der Flutkatastrophe. Im Nordwesten Pakistans, besonders in Peschawar, gibt es seit vielen Jahren Flüchtlingslager mit Hundertausenden von Afghanen, die ein größeres Rekrutierungspotential für die Taliban darstellen.

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