Taliban-Chef Mullah Omar kündigt baldigen Sieg an

Florian Rötzer 09.09.2010

In einer über das Internet verbreiteten Botschaft setzt er auf den baldigen Abzug der ausländischen Truppen, nach dem wieder ein islamischer Gottesstaat aufgebaut werden soll

Mullah Mohammad Omar, der auch weiterhin als Führer der Taliban gilt, ist eine Art Gespenst. Obgleich er zur Zeit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan von 1996 bis 2001 faktisch der oberste Machthaber war und den fundamentalistischen islamischen Gottesstaat durchsetzte, nachdem er durch seinen Kampf gegen die russischen Besatzer und später gegen die Nordallianz und andere Warlords Ansehen vor allem bei den ärmeren Paschtunen erworben hatte, trat Mullah Omar praktisch nie in der Öffentlichkeit auf. Es gibt kaum Bilder, auf den wenigen sieht man ihn nur verschwommen. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes ist er ebenso wie Osama bin Laden, der als sein Freund gilt, untergetaucht. Es gibt nur Spekulationen darüber, wo er sich aufhält. Ebenso wie bei Bin Laden werden nur hin und wieder Botschaften veröffentlicht. Jetzt, am Ende des Ramadan, ließ er wieder einmal von sich hören und kündigte den Sieg der Taliban an.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Eines der wenigen – und alten - Fotos von Mullah Omar

In einem der letzten Interviews, die die BBC im November 2001 über einen Mittelsmann und Satellitentelefone mit ihm führte, kündigte Mullah Omar noch die "Zerstörung Amerikas" an. Der Taliban-Chef weigerte sich auch, Bin Laden an die USA auszuliefern, weil das mit dem Islam nicht vereinbar sei. Ob das allerdings den Krieg verhindert hätte, ist fraglich, denn die US-Regierung sah in dem Terroranschlag einen kriegerischen Akt, auf den hin sie den Krieg gegen den Terror ausrief. Ende September 2001 sagte er dem Guardian, dass die Taliban sich ganz auf Allah verlassen würden. Niemand könne den Taliban schaden, wenn Gott mit ihnen sei. Das Versprechen Gottes sei es auch, dass er sich überall verbergen könne, das von Bush, dass es keinen Ort auf der Welt gebe, wo man nicht gefunden werden kann. Man werde sehen, fügte er an, welches Versprechen erfüllt wird. Im Oktober waren die Taliban bereit, Bin Laden in ein Drittland abzuschieben, wenn die USA Beweise für Bin Ladens Schuld liefern und die Bombardierung einstellen. Zuvor hatten sie angeboten, ihn vor ein islamisches Gericht in Afghanistan zu stellen.

Die USA bieten eine Belohnung von 10 Millionen US-Dollar für Hinweise, die zu seiner Festnahme führen, da Mullah Omar weiterhin eine Bedrohung für Amerika und seine Verbündeten darstelle. Sollte es zu Verhandlungen mit den Taliban kommen, dürfte der Taliban-Chef aber nicht zu umgehen sein. Die Chancen stehen allerdings mittlerweile schlecht für Verhandlungen, da die Taliban angesichts der Abzugspläne der USA ihre Chancen steigen sehen und nur abwarten müssen, bis die Truppen weitgehend abgezogen sind. Noch sind die afghanischen Sicherheitskräfte schwach und korrupt, Teile des Landes werden weiterhin von den Taliban kontrolliert, so dass auch in Teilen einiger Provinzen aus Sicherheitsgründen keine Parlamentswahlen durchgeführt werden können.

Logo der Taliban auf ihrer Website

Ziemlich siegesgewiss ruft Mullah Omar in seiner neuen Botschaft, die auch gleich auf Englisch auf der Taliban-Website publiziert wurde, alle Menschen in Afghanistan dazu auf, sich gegen die "ausländischen Invasoren" zu vereinen und alle Streitereien untereinander zu beenden. Der Dschihad und Widerstand seien gerechtfertigt, sagte der Taliban-Chef, weil der Krieg zur Verteidigung der "Souveränität des islamischen Landes und des Islams" geführt werde. Bald werde die "islamische Souveränität" wieder hergestellt und die ausländischen Truppen vertrieben sein. Alle früheren Mudschaheddin und Regierungsarbeiter sollten sich an dem Kampf um die Unabhängigkeit beteiligen. Nicht nur die Amerikaner, auch alle anderen Länder würden nun hastig nach Möglichkeiten suchen, aus Afghanistan abzuziehen. Wer die afghanische Regierung aber weiterhin unterstütze, müsse mit Bestrafung rechnen.

Mullah Omar ruft in seiner Botschaft auch dazu auf, das Kampfverhalten zu ändern, die Ziele des Dschihad einzuhalten und auf das Wohlergehen der Afghanen zu achten. Alles müsse unternommen werden, um das Leben der Zivilisten, das Eigentum der Menschen und die öffentlichen Einrichtungen zu schützen. Die religiösen Gelehrten, die Intellektuellen und Lehrer seinen die Brücke zwischen dem "Islamischen Emirat" und den Menschen, sie sollen sich bemühen, den Islam und den Krieg gegen die Ausländer verständlich zu machen und für eine "islamische Atmosphäre" zu sorgen.

Mullah Omar macht sich auch bereits Gedanken über das kommende Regierungssystem. Man werde ein "islamisches, unabhängiges, vollkommenes und starkes System" aufbauen, in dem alles von der Wirtschaft über die Ausbildung bis zum Recht auf islamischen Prinzipien beruhe. Ohne Diskriminierung könnten alle gottesfürchtigen Menschen daran teilnehmen. Man werde die "islamischen Rechte aller Menschen des Landes, einschließlich die der Frauen, achten", was für die Frauen nichts Gutes verheißen dürfte. Die Scharia wird eingeführt, um die interne Sicherheit herzustellen und "Amoralität, Ungerechtigkeit, Unsittlichkeit und andere Laster auszumerzen". Sollten die Taliban tatsächlich wieder die Macht erringen, dann geht es wieder zurück in eben jenen fundamentalistischen Gottesstaat, den sie vor 2001 schon einmal mit Angst und Schrecken sowie vielen Verboten durchgesetzt hatten.

Mullah Omar appelliert auch an die Muslime auf der ganzen Welt. Es gehe nicht nur um Afghanistan, auch wenn die Afghanen seit Alexander dem Großen alle Invasoren besiegt und für den Islam große Opfer gebracht hätten. Die Afghanen seien die Verteidiger der islamischen Ummah gegen den Westen, kein Muslim dürfe hier neutral bleiben, da man doch nicht nur den gemeinsamen Glauben, sondern auch gemeinsame Werte und eine gemeinsame Kultur habe.

http://www.heise.de/tp/artikel/33/33287/1.html
Kommentare lesen (116 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS