"Das Ausland sollte Somalia endlich in Ruhe lassen"

Abdi Samatar, Professor für Globale Studien, über den Krieg in Somalia und die Islamisten

In Somalia intensiviert Al Shabab ihre Angriffe auf die letzten Stellungen der Übergangsregierung von Präsident Scheik Sharif Ahmed in Mogadischu. Al Shabab kontrolliert den gesamten Süden Somalias sowie den überwiegenden Teil der Hauptstadt. Mit martialischen Propagandavideos wirbt die islamistische Miliz für Solidarität unter Muslimen und hofft aus Kämpfer aus dem Ausland. "Wir heißen jeden Muslim willkommen, der an unserer Seite kämpft", sagte Al-Shabab-Kommandeur Al Mansour . "Wir teilen mit ihm unsere Tiere, unsere Ernte und er kann unsere Töchter heiraten." Berühmtester Ausländer unter ihnen ist Al Mansour al Amriki, der Amerikaner, der es sogar bis zum Kommandeur gebracht hat.

Aus einem Al-Sahbab-Video

In den von Al Shabab kontrollierten Gebieten wird das islamische Recht der Scharia angewandt. Menschen werden öffentlich bestraft, Musik und Satellitenfernsehen sind verboten. Über die Erfolgsaussichten von Al Shabab und Hintergründe des andauernden Bürgerkriegs in Somalia ein Interview mit Abdi Samatar. Er ist Professor für Geographie und Globale Studien an der Universität von Minnesota und kommt aus Somalia.

: Al Shabab ist eigentlich eine nationale Bewegung, die Teil der Islamischen Gerichte Union (ICU) war, die Somalia 2006 nach 15 Jahren Bürgerkrieg zum ersten Mal Frieden gebracht hatten. Warum setzt Al Shabab nun auf eine internationale Agenda, auf weltweiten Dschihad und auf die Verbindung mit Al-Qaida, die Islamisten aus dem Ausland anziehen soll?

Abdi Samatar: Ich halte das mit Al-Qaida für einen PR-Gag. Sie wollten Aufmerksamkeit und haben sie so bekommen. Angeblich sind in ihren Reihen ausländische Kämpfer als eine Art von Subunternehmern. Ich persönlich habe noch keine Beweise dafür gesehen, aber es gibt wohl Indizien.

Ein ziemlich dummer PR-Gag, mit dem man die gesamte internationale Gemeinschaft gegen sich hat.

Abdi Samatar: Das kann man wohl sagen. Al Shabab glaubt wohl, dies brächte sie weiter, aber in Wirklichkeit graben sie sich nur weiter in ein Loch.

Al-Shabab-Kommandeure sprechen stets von zwei Pflichten: Den Kampf gegen ausländische Okkupation und die Einführung der Scharia, des islamischen Rechtssystems.

Ja, es ist immer das Gleiche, aber mit diesen beiden Punkten kommen sie nicht weit. Für die somalische Bevölkerung ist Al Shabab eine Sackgasse. Die Okkupation durch Äthiopien, von der sie reden, wurde von somalischen Truppen beendet. Al Shabab war nur ein Teil von ihnen. Die Stationierung von Truppen der Afrikanischen Union kann man nicht als Okkupation bezeichnen. Sie kontrollieren nur zwischen 7 und 21 Quadratkilometer des Landes. Und die religiös-ideologische Agenda Al Shababs hat nichts mit der üblichen islamischen Praxis der somalischen Bevölkerung zu tun.

Wie konnte Al Shabab so dominant werden und fast 50 Prozent von ganz Somalia besetzen?

Abdi Samatar: Dafür gibt es zwei Gründe. Die internationale Gemeinschaft hat kein Interesse, dass Somalis vernünftige, legitime Regierungsinstitutionen errichten. Sie schuf die Bedingungen für nur alle denkbar Verrückten, wie Al Shabab. Das Ausland benutzte die Islamistengruppe zwar nicht direkt, aber es war ein entscheidender Faktor bei der Bildung dieser Organisation, wie sie sich heute präsentiert.

Sie spielen damit auf die äthiopische Okkupation Somalias (2006 -2009) an, die mithilfe der USA stattfand. Man beendete die Herrschaft der ICU, kreierte aber in Wirklichkeit eine wesentlich radikalere Gruppierung, nämlich Al Shabab.

Abdi Samatar: So kam man das sagen. Sehen Sie, diejenigen von uns, die die ICU kannten und daran interessiert waren, dass kein Terrorismus um die Welt geht, bestätigten es allen, die es hören wollten, damals auch den USA: Die ICU ist ein breit gefächertes Bündnis, eine Organisation, die man in der Tat ernst nehmen sollte, um den Frieden im Land zu garantieren und nationale politische Institutionen zu kreieren.

Aber in der Zeit des Kriegs gegen den Terror war die Bush-Regierung wenig aufgeschlossen und konnte oder wollte nicht zwischen guten und bösen Islamisten unterscheiden.

Abdi Samatar: Ja, die USA waren damals so tief ideologisch getrieben und haben alle in einen Topf mit Terroristen gesteckt. Man dachte, sie würden dem Friedensprozess helfen, haben jedoch genau das Gegenteil erreicht. Den Somaliern brachten sie den Terror zurück und kreierten eine Gefahr, die nicht nur regional, sondern auch international eine Bedrohung ist.

Mit international meinen sie die Anschläge während des WM-Finales im Nachbarland Uganda, für die Al Shabab die Verantwortung übernahm. Wäre es unter dem neuen US-Präsidenten Barak Obama anders, besser gelaufen?

Abdi Samatar: Ich sehe bisher keine Anzeichen, dass Obamas Außenpolitik in diesem Teil der Welt anders ist als die der Bush-Administration. So gerne ich auch einen Unterschied sehen würde, bisher konnte ich keinen feststellen.

Wer finanziert Al Shabab eigentlich?

Abdi Samatar: Das weiß ich nicht.

Man sagt, Waffen und Geld kommen aus Eritrea, dem regionalen Gegenspieler Äthiopiens, mit dem seit Jahren Grenzstreitigkeiten ausfochten werden.

Abdi Samatar: Das kann ich kaum glauben, dass ein derart armes Land, das über keinerlei Ressourcen verfügt, das Material für einen Krieg liefern kann. Eritrea braucht seine Waffen für die eigene Armee, von der Zehntausende von Soldaten an der Grenze zu Äthiopien stationiert sind.

Das Hauptquartier von Hizbu-Islam, einem Verbündeten von Al Shabab, ist in Asmara, der eritreischen Hauptstadt.

Abdi Samatar: Hizbul-Islam wird offensichtlich unterstützt. Nur wie und in welcher Form, weiß man nicht. Aber ich habe bisher noch keine Fakten gesehen, die beweisen, dass Eritrea und Al Shabab besonders involviert sind.

Warum ist Äthiopien 2006 eigentlich in Somalia einmarschiert?

Abdi Samatar: Zum einen hatte man Angst, dass die ICU die Nationale Befreiungsfront von Ogaden (ONLF) unterstützt, die im Osten Äthiopiens einen unabhängigen Staat errichten will. Außerdem fürchtete man den Einfluss der ICU auf die äthiopischen Muslime, die 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Regierung Äthiopiens ist zuhause nicht sehr beliebt und mit Kriegen im Ausland kann man bekannterweise von eignen Problemen ablenken.

War die äthiopische Invasion nicht eine Proxy-Invasion für die USA?

Abdi Samatar: Die USA haben ein Hauptquartier in Dschibuti und haben den äthiopischen Truppen logistisch bei dem geholfen, was Amerika selbst gerne gemacht hätte.

Haben die USA nicht auch direkt in die Kampfhandlungen eingegriffen?

Abdi Samatar: Nach meiner Einschätzung gab es drei Angriffe, nachdem die Kämpfer der ICU geflohen waren. Man bombardierte an Orten, wo man ihre Verstecke vermutete. Einer der Toten bei den US-Raketenangriffen soll an den Bombenattentaten auf die US-Botschaft in Nairobi 1998 beteiligt gewesen sein. Natürlich haben die USA Äthiopien auch finanziell unterstützt und dem Land zudem diplomatischen Schutz bei der UNO und der Afrikanischen Union gegeben. Nicht zu vergessen die Lieferung von Hardware, von Waffen.

Ein Mann, der die Macht mag

Seit Januar 2009 ist Sheik Sharif Ahmed neuer Präsident Somalias, den die äthiopischen Truppen 2007 als Vorsitzenden der ICU aus dem Land gejagt hatten. Er wurde quasi als Feuerwehrmann geholt, der den Al Shabab-Brand löschen sollte. Man macht einen erklärten Terrorist zum Präsidenten, weil es opportun ist?

Abdi Samatar: Ach, das ist nicht das erste Mal, dass so etwas in der Welt passiert.

Warum hat der neue Präsident so wenig Erfolg bei seinen Verhandlungen mit Al Shabab, deren Chef er ja einmal war?

Abdi Samatar: Das ist die 1-Million-Dollar-Frage. Ich glaube, die Art und Weise wie er an die Macht kam, war betrügerisch und illegitim. Deshalb wird er nicht als Verhandlungspartner akzeptiert. Außerdem hat er einen Posten übernommen, dem ihm die internationale Gemeinschaft angeboten hat. Sheik Ahmed hat sich ebenfalls mit einigen korrupten und inkompetenten Leuten eingelassen, wie etwa dem Sprecher des Parlaments, Sharif Hassan Sheik Aden.

Warum hat das Sheik Sharif Ahmed gemacht oder mit sich machen lassen? Als Vorsitzender der ICU galt er doch als integer.

Abdi Samatar: Ich nehme an, er gehört zu den Leuten, die die Macht mögen.

Oder auch das Geld, das damit verbunden ist?

Abdi Samatar: Das kann gut möglich sein. Man gab ihm sogar freie Hand, weitere 200 Parlamentsabgeordnete, zu den bereits 257 bestehenden, zu ernennen.

Das wurde doch allgemein als eine demokratische Reform gepriesen.

Abdi Samatar: Nur Törichte bezeichnen dies als demokratische Reform. Das war nur ein Weg, ein Mittel, um Präsident zu werden und eine Mehrheit zu bekommen.

Angeblich hat Sheik Sharif Ahmed einige militante Gruppen überredet, den Kampf gegen seine Regierung aufzugeben.

Abdi Samatar: Dann würde sie mehr Gebiete kontrollieren, außer ihren 7 bis 21 Quadratkilometern, inklusive Flughafen und Seehafen.

Die Afrikanische Union hat Ende August mit der Stationierung zusätzlicher Truppen begonnen. Wird das etwas verändern?

Abdi Samatar: Es sind nur rund 2000 Soldaten, das macht keinen großen Unterschied. Bei Al Shabab wird das nur die harte Linie verstärken, gegen die Okkupation zu kämpfen.

In einem Interview sagte Abu Mansour , einer der führenden Al-Shabab-Kommandeure, die AU-Truppen müssten für ihre Grausamkeiten gegen die somalische Zivilbevölkerung bestraft werden. Töten oder verwunden AU-Soldaten somalische Zivilisten, die sie ihrem Auftrag gemäß, eigentlich schützen sollten?

Abdi Samatar: Sehen Sie, wenn die AU-Truppen angegriffen werden, dann feuern sie einfach in die Richtung zurück, woher sie meinen, dass die Schüsse kamen. Während der äthiopischen Invasion gaben ugandische Truppen deren Hubschraubern logistische Hilfe, die vom Flughafen Mogadischus starteten und Stadtviertel beschossen, in denen in erster Linie nur Zivilisten waren. Das ist dokumentiert. Ob bei den Bombenattentaten in Uganda oder bei den Kämpfen in Somalia, ob AU-Truppen oder Al-Shabab, die Zivilbevölkerung bezahlt den Preis.

Die Zukunft des Landes stirbt im Krieg

Die Bomben in Uganda während des WM-Finales töteten 74 Menschen. Mit politischer Strategie hat das nichts zu tun. Provoziert Al-Shabab mit deisen Aktionen nicht ihr eigenes Ende.

Abdi Samatar: Man hatte gedacht, die Drohungen von Al Mansour und anderen Leuten von Al-Shabab seien nur Rhetorik gewesen. Niemand dachte, dass sie die Fähigkeiten dazu besitzen, im Ausland einen Anschlag durchzuführen. Ja, ein Attentat, das sie noch weiter in die internationale Isolation trieb.

Stimmt es, dass Al-Shabab Kinder als Soldaten requiriert, wie einst die gefürchteten Warlords Somalias?

Abdi Samatar: Ja, das sind junge Kerle im Alter zwischen acht und 15 Jahren. Sie sehen keine andere Möglichkeit des Überlebens. Das ist eine Tragik. Die Zukunft des Landes stirbt im Krieg.

Die Region Puntland im Norden Somalias war bisher stabil. Nun soll es dort ebenfalls islamistische Gruppen geben, die sich zu Al-Shabab bekennen. Weitet sich der Konflikt auf ganz Somalia aus, womöglich auch noch nach Somaliland, ganz oben im Norden?

Abdi Samatar: Nein, das glaube ich nicht. Al-Shabab könnte zwar das ganze Gebiet mit Gewalt übernehmen, aber das würde ihr schlecht bekommen. Die Bevölkerung wartet nicht auf eine Befreiung von Al-Shabab, weder in Puntland, noch in Somaliland. Im Gegenteil, die Menschen dort wollen mit dieser Sorte von Islamisten nichts zu tun haben. Deren brutale Herrschaft würden sie sich auf Dauer niemand gefallen lassen.

In der letzten Woche spitzte sich der Konflikt durch neue Al-Shabab-Angriffe in Mogadischu zu. Präsident Sheik Sharif Ahmed bat um Hilfe aus dem Ausland.

Abdi Samatar: Das Ausland sollte Somalia endlich in Ruhe lassen. Das Beste wäre, die internationale Gemeinschaft erkennt endlich Somalialand als eigenständigen Staat an, mit Hargeisa als Hauptstadt. Als ein friedliches und demokratisches Beispiel Somalias. Sollte das geschehen, ist Al-Shabab bald erledigt. Ausländische Eingriffe treiben dagegen den Konflikt immer nur weiter und weiter.

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