Wer sich im Netz nicht auskennt, der wird irgendwann abgehängt

14.09.2010

Die Internet-Enquete richtet Arbeitsgruppe zur Medienkompetenz ein

Die Internet-Enquete des Bundestages hat sich das Thema Medienkompetenz auf die Tagesordnung geschrieben. Doch wer eine fundierte Diskussion über dieses, für eine Wissens- und Informationsgesellschaft so zentrale, Thema erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Die eigentliche Bearbeitung des Themas soll in einer neuen Projektgruppe bearbeitet werden. Damit besteht die Enquete mittlerweile bereits aus vier Projektgruppen, die allesamt nicht öffentlich tagen. Dem Anspruch, die interessierten Bürger "auf möglichst vielen Kanälen und Plattformen" an der Arbeit der Enquete-Kommission zu beteiligen, wird dies freilich nicht gerecht.

Während der kurzen Diskussion zum Thema Medienkompetenz im Vorfeld der Einrichtung der neuen Projektgruppe waren sich die Enquetemitglieder denn auch weitestgehend einig, dass es sich nicht nur um ein Thema handelt, welches Kinder und Jugendliche, sondern vielmehr auch Erwachsene betrifft.

Thomas Jarzombek (CDU) regte an, Medienkompetenz beispielsweise durch Elternabende an Kindergärten und Schulen auch an die Erwachsenen zu vermitteln. Ein eigenständiges Fach "Medienkompetenz" für Schüler hingegen lehnte er ab, stattdessen sollte diese in den bereits bestehenden Schulfächern vermittelt werden. Auch Halina Wawzyniak (Linke) sprach sich für eine frühzeitige Vermittlung von Medienkompetenz aus, die ihrer Ansicht nach schon im Kindergarten beginnen solle.

Zuerst Kompetenz bei den Vermittelnden

In der Schule jedoch sollte diese Vermittlung nicht nebenbei laufen, sondern ein eigenständiges Fach werden. Während sich auch Sebastian Blumenthal (FDP) dafür aussprach, Kinder im Vorschulalter spielerisch an das Thema Medienkompetenz heranzuführen, warnte Nicole Simon vor einer zu starken Fokussierung auf die Kinder. Zunächst müsse die Kompetenz bei den Vermittelnden da sein, nicht bei den Kindern. Zudem sei der Einzelne in der Pflicht, sich mit dem Thema zu befassen. Für Simon hat die Diskussion um Google Streetview gezeigt, dass sich die breite Bevölkerung durchaus für das Thema interessiert – sobald es auf einer verständlichen Ebene stattfindet. Diese Themen auf etwas einfaches herunterzubrechen, sei auch Aufgabe der Politik.

Die Sachverständigen Dr. Wolfgang Schulz und Annette Mühlberg machten darauf aufmerksam, dass zur Medienkompetenz auch die Frage nach den technischen Zugangschancen gehöre. Mühlberg warf die Frage auf, ob an alle Schulen, aber auch in den Seniorenheimen und für die Arbeitslosen der Zugang zum Internet überhaupt möglich sei. Aydan Özo?uz (SPD) ergänzte, dass die Voraussetzung für den Erwerb von Medienkompetenz stark vom Elternhaus und damit auch von der sozialen Schicht abhänge. Hier müsse man "frühzeitig entgegenschreiten", um eine Benachteiligung von Menschen auszuschließen. Wer sich im Netz nicht auskenne, der werde irgendwann abgehängt, so Özo?uz.

Dr. Konstantin von Notz (Grüne) kritisierte die Verwendung des Begriffs Medienkompetenz im Bereich des Internets. Der Begriff treffe die Sache nicht, da Medienkompetenz eher passiven Charakter habe und daher zu kurz greife. Stattdessen solle der Begriff Netzkompetenz verwendet werden. Mit einem entsprechenden Antrag konnte sich von Notz jedoch nicht durchsetzen. Seine Parteikollegin Tabea Rößner mahnte an, dass Medienkompetenz auch in die Journalistenausbildung aufgenommen werden müsse.

Scherze mit dem Internetführerschein

Einen Medienkompetenztest der besonderen Art für Politiker hatte sich der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages einfallen lassen: In seiner Ausarbeitung für die Sitzung heißt es, für das Jahr 2014 sei die Einführung eines Internetführerscheins geplant – und führte als Beleg einen Aprilscherz an. Während im Forum der Enquete der Aprilscherz schnell enttarnt wurde, war er auf der Sitzung jedoch kein Thema.

Von einer regen Beteiligung im Forum allerdings kann bislang noch nicht gesprochen werden. Gerade einmal 1.500 mal sei das Forum im Vorfeld der Enquete-Sitzung abgerufen worden, 15 Nutzer hätten sich an der Diskussion beteiligt, so die Zahlen aus dem Sekretariat der Enquete. Möglicherweise liegt dies auch an der mangelnden Transparenz der Vorgänge in den Arbeitsgruppen, die nicht öffentlich tagen und lediglich Ergebnisprotokolle veröffentlichen sollen. Da hier die wesentlichen Diskussionen stattfinden, fühlt sich so mancher "18. Sachverständige", wie die Enquete die Internetnutzer bezeichnet, ausgeschlossen.

Doch in der Enquete selbst scheint die nichtöffentliche Tagung der Projektgruppen kaum problematisiert zu werden. Lediglich Dr. Jeanette Hofmann sprach sich auf der Sitzung für mehr Öffentlichkeit, auch in den Arbeitsgruppen aus. Zwar diskutiert die Enquete derzeit ein neues "Beteiligungssystem", in dem nicht nur Dokumente durch die Bürger eingebracht, sondern auch von diesen bearbeitet werden können sollen – ohne die Möglichkeit, auch an den Diskussionen teilnehmen zu können, erscheint das aber so manchem Enquete-Interessierten als sinnlos.

Auf den kommenden beiden öffentlichen Sitzungen plant die Enquete Expertenanhörungen, zunächst am 13. September zum Thema Netzneutralität, am 4. Oktober dann zum Thema Urheberrecht.

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