Die Drogenlüge und der Sündenfall

16.09.2010

Von der Erfindung der Drogensucht und des Süchtigen als Kranken und Kriminellen

Der ersten Lüge über Drogen begegnen wir bei Adam und Eva, denen der Herr des Paradieses droht, dass sie sterben müssten, wenn sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis äßen. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Der Genuss der verbotenen Frucht erweitert ihr Bewusstsein, sie werden sich ihrer selbst und ihrer Körperlichkeit bewusst. Erst mit der Übertretung des Verbots also, mit der Entlarvung der Drogenlüge, werden die Menschen überhaupt zu Menschen. Die jüdisch-christliche Mythologie hat dieses Ereignis seit jeher als "Sündenfall" interpretiert und aus dieser "Erbsünde" zwei große Tabus abgeleitet: das Tabu des Körpers und der Sexualität sowie das Tabu des Bewusstseins und seiner Erweiterung durch "Pflanzen der Götter".

Auch im hinduistischen Mythos ist das Ereignis der Menschwerdung und Bewusstseinserlangung mit einer Droge verbunden. Am Anfang, in den Zeiten des Chaos, so berichtet der indische Mythos Rigveda, wurde der Gott Soma getötet, und aus seinem Blut wuchs eine Pflanze, die den Göttern Weisheit und Unsterblichkeit verlieh. In Gestalt eines Adlers brachte der Herrschergott Varuna die Pflanze zu den Menschen, die auf der Erde noch im Chaos lebten und dank des göttlichen Soma nun lernten, zwischen Gut und Böse zu unter- scheiden. Im Unterschied zum biblischen Mythos wird der Genuss den Menschen hier nicht als Sünde oder Schuld angerechnet, sondern gibt Anlass zu hymnischer Dankbarkeit und Freude.

Die zweite Drogenlüge der jüdisch-christlichen Mythologie erwächst aus der ersten, mit der das Tabu errichtet wird: Drogen werden dem Reich des Bösen, des Teuflischen zugeschlagen. Ihr Licht - der Erkenntnis, des Genusses, der Ekstase - wird unterschlagen zugunsten einer ausschließlichen Betonung des Schattens - der Gefahren, des Wahnsinns, des Tods. Zwar sprach der alte Herr im Garten Eden, nachdem seine Geschöpfe durch den illegalen Kick "wie Gott" geworden waren, keine weiteren Drogenverbote aus - "Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich euch alles gegeben." (1. Mose 9,3). Doch das hinderte seine selbsternannten Stellvertreter auf Erden fortan nicht, Substanzen zu verbieten, die ihre Macht und Autorität bedrohten.

Die Drogenlüge in der Schöpfungsgeschichte und das Verdikt gegen die Treibmittel gnostischer und ekstatischer Rituale bilden das Kraftfeld der Dämonisierung, mit denen die jüdisch-christlich-muslimische Welt fortan alle, die sich mit diesen magischen Pflanzen verbünden, als Heiden, Hexen und Häretiker verfolgt. Mit der Abschaffung des pharmakos als Menschenopfer und der Wandlung des Begriffs zur Pflanzenarznei kommt es so zur Diskriminierung der mit bestimmten pharmakoi befassten Menschen: Hebammen, Heiler, "Zauberer", "Hexen". Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung nimmt diese gewalttätige Ausrottung langsam ein Ende, die Diskriminierung indessen setzt sich fort und findet ein neues Opfer.

Als könne es eine Gesellschaft auch nach Tausenden von Jahren ohne das Reinigungsritual eines öffentlichen Sündenbocks nicht aushalten, wird mit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Ersatz für die mit den magischen Kräutern befassten Hexen geschaffen: der "Drogensüchtige" und sein nunmehr als behandlungsbedürftige Krankheit definiertes Verhalten, die "Drogensucht". Auch wenn es nicht mehr die Autorität einer Priesterkaste ist, die dieses Verdikt ausspricht, sondern die medizinisch-psychiatrische Wissenschaft, unterscheidet es sich wenig von dem archaischen Sündenbock-Ritual und dem Dogmatismus der Heiligen Inquisition. Als Tötung/Ausgrenzung von einigen zur Rettung der vielen scheinen die diskriminierten "Süchtigen" nunmehr dazu zu dienen, die von einem zwanghaftem Wachs- tum und Profitsucht befallenen Industriegesellschaften zu reinigen.

Unterscheidung in gute und böse Substanzen

Dass ein bestimmtes, regelmäßiges Verhalten zu Gewohnheiten und diese wiederum zu Schäden an Leib und Seele führen können, ist seit Menschengedenken bekannt, und alle sozialen Verbände von der Frühzeit bis zu heutigen Staaten versuchen, durch Maßregeln und Normen solche schädlichen Gewohnheiten ihrer Mitglieder einzu- dämmen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts aber wird ein solches gewohnheitsmäßiges Verhalten als Krankheit klassifiziert und taucht als "Drogensucht" in den psychiatrischen Lehrbüchern auf. Noch 1888 hatte Meyers Konservationslexikon den Begriff Sucht - der etymologisch nicht von "suchen" kommt, sondern von "siechen", das heißt krank sein - als veralteten medizinischen Begriff für Krankheit (wie Schwindsucht, Gelbsucht et cetera) aufgeführt.

Mit den "Drogensüchtigen" wird nun wenige Jahrzehnte später eine neue Klasse von Patienten geschaffen - parallel zu der auf juristischer Seite mit dem Reichsopiumgesetz von 1929 entstehenden neuen Klasse von Kriminellen, die allein aufgrund ihres gewohnheitsmäßigen Verhaltens, des Konsums bestimmter Substanzen, als krank beziehungsweise kriminell angesehen werden und auch gegen ihren Willen einer Behandlung und/oder einer Freiheitsstrafe unterworfen werden können. Im Dritten Reich wird für Drogen wie Opium oder Haschisch der bis dahin gebräuchliche Terminus Genussgifte (unter den auch Alkohol, Tabak, Tee und Kaffee fielen) durch den Begriff Rauschgift ersetzt und der "Rauschgiftsüchtige", auch wenn er niemanden als sich selbst schädigt, als Asozialer kriminalisiert.

Landgerichtsrat Dr. Fraeb konstatiert 1937 in einem Papier für die "Reicharbeitsgemeinschaft für Rauschgiftbekämpfung":

Durch das Rauschgift verschwindet das Persönlichkeitsbewusstsein des Süchtigen, und dadurch wird die Daseinsordnung der Volksgemeinschaft, die ja allein auf jenem Einzelpersönlichkeitsbewusstsein beruht und aufgebaut werden kann, gefährdet.

Sein Kollege Dr. Günter Hecht vom "Rassenpolitischen Amt der NSDAP" ergänzt:

Seit Jahrzehnten war unserem Volk von marxistisch-jüdischer Seite eingeredet worden: "Dein Körper gehört Dir" ... Gegen diese marxistisch-jüdische Auffassung steht unvereinbar die germanisch-deutsche, dass wir Träger des ewigen Erbguts der Ahnen sind und demnach unser Körper der Sippe und dem Volk gehört.

Dem derart seiner persönlichen Zurechnungsfähigkeit und körperlichen Autonomie entledigten "Süchtigen" hilft es nicht, wenn er sich ansonsten gesetzeskonform verhält, allein sein Verlangen nach einer bestimmten Substanz macht ihn zu Verbrecher. Und da es sich um ein regelmäßiges Verhalten handelt, macht es ihn sogar zum besonders gefährlichen "Gewohnheitsverbrecher". Mit der Erfindung der "Rauschgiftsucht" als Krankheit - im Unterschied zum gewohnheitsmäßigen Genuss anderer Stoffe - und des "Süchtigen" als Kriminellen wird eine neue Klasse von Sündenböcken geschaffen, mit deren Verfolgung und Ermordung (in vielen Ländern steht auf Drogenvergehen bis heute die Todesstrafe) die modernen Konsumgesellschaften ihr Ausstoßungsritual betreiben. Und so willkürlich einst im archaischen Griechenland die Gemeinde einen Menschen zum Pharmakos verurteilte - wobei missachtete oder missgestaltete Gemeindemitglieder dafür ebenso prädestiniert waren wie mit dem Beginn des modernen Drogenkriegs missliebige Minderheiten -, so willkürlich wird heute zwischen legalen und ille- galen Drogen unterschieden.

Mit dem Verbot bestimmter Drogen zu Anfang des 20. Jahrhunderts und der Klassifizierung des Drogengebrauchs als Krankheit und Verbrechen tritt die biblische und mittelalterliche Diskriminierung bewusstseinsverändernder Substanzen und ihres Gebrauchs in eine neue Phase. Das sakrale Motiv der "heidnischen" Subversion durch pflanzengebundene Rituale spielt in der Tiefe nach wie vor seine Rolle - ebenso wie das Nüchternheitsideal der protestantische Ethik -, und diese Tiefenströme erleichtern die globale Etablierung der Prohibition erheblich. Doch im Wesentlichen geht es um den Zugriff staatlicher Autorität auf die Freiheit des Individuums, über seinen Bewusstseinszustand selbst zu entscheiden. Was vordem die Heilige Inquisition prüfte, obliegt fortan einer pseudowissenschaftlichen Pharmakratie, die zwischen moralischen und unmoralischen Molekülen unterscheidet.

Da nun aber die Chemie etwa von Opiumderivaten (Morphin, Heroin, Methadon etc.) kaum größere Unterschiede aufweist als die Chemie von Kaffee, Espresso und Cappuccino, ist eine Unterscheidung in gute und böse Substanzen schlicht Willkür. Dieser Einzug der Moral in die Arzneimittelkunde sorgte in der Folge dafür, dass gegen das zum Dämon erklärte Morphin dann Heroin als Vertreter des Guten zu einem Bestseller wurde. Sie verbietet den chinesischen Bahnarbeitern das mildere Rauchopium und verleitet sie zum stärkeren Heroin, um nach dessen Fall nun Methadon zur moralischen Instanz gegen den neuen Teufel Heroin zu erklären.

So wird auch Cannabis "wissenschaftlich" zuerst zum aggressiv machenden Mörderkraut erklärt, um dann als Auslöser des "demotivationalen Syndroms" - ("Hasch macht lasch") - mit dem Gegenteil Karriere zu machen. Und so sorgen pseudowissenschaftliche, der Subvention von Pharmakonzernen und Politik unterworfene Lehr- und Expertenmeinungen bis heute dafür, dass bei der Einstufung der Gefährlichkeit von Drogen - wie das erwähnte aktuelle Beispiel des entlassenen britischen Drogenbeauftragten, Professor Nutt (Tabu der Drogenpolitik), gezeigt hat - an einem pharmakratischen Dogma festgehalten wird, das mit Wissenschaft so wenig zu tun hat wie mit vernunftgemäßer Politik.

Die Ideologie einer drogenfreien Gesellschaft

Diese gebündelten Drogenlügen münden mit der Politik der Prohibition in dem Versprechen, dass die Kriminalisierung bestimmter Drogen das Suchtproblem der Gesellschaft insgesamt lösen oder zumindest zu einer Lösung beitragen kann - dass also Sündenbockrituale nach wie vor irgendwie wirksam sind. Der Konsum von Drogen hat jedoch in einem Jahrhundert Prohibition nicht nachgelassen, sondern nahm und nimmt beständig zu, obwohl ihr immer offensichtlicheres Scheitern die Drogenkrieger zu immer drakonischeren Maßnahmen greifen ließ.

So haben sich die USA, das einstige "land of the free", nicht nur zum Land mit den prozentual zur Bevölkerung meisten Gefängnisinsassen weltweit entwickelt, sondern auch zum "land of the pee", in dem man den Job als Tellerwäscher im Hamburgerladen ohne Urinprobe nicht mehr bekommt. Sie stellen trotz dieser Tyrannei weltweit auch nach wie vor die Bevölkerung mit dem höchsten Drogenkonsum pro Kopf. Eine erschütternde Bilanz nach hundert Jahren an vorderster Prohibitionsfront, die von den Drogenkriegern nur durch die alljährliche Beschwörung des großen Ritualversprechens getilgt werden kann: dass bei Bereitstellung der notwendigen Mittel der Teufel nun aber wirklich radikal verfolgt und endgültig ausgerottet würde.

Dass dieser Hokuspokus Jahr für Jahr geglaubt wird und den in Angst vor der "Drogengefahr" gehaltenen Steuerzahlern Milliarden für die "Drogenbekämpfung" aus dem Säckel gezogen werden; dass auch aufgeklärte, überparteiliche Medien und Journalisten sich von diesem faulen Zauber blenden lassen und den Drogenkrieg propagandistisch mittragen; dass jeder Hinweis auf die Zahlen, Daten und Fakten des definitiven Scheiterns dieses Kriegs als "verharmlosend" und "unverantwortlich" denunziert wird - dies alles liegt an der Kombination von Desinformation, Denunziation und Panikmache, dank der sich die Prohibition weiter als einziger und alternativloser Weg in die "drogenfreie" Gesellschaft stilisiert.

Da es eine solche Gesellschaft nie gegeben hat und niemals geben wird, halten sich die Drogenkrieger mit diesem Begriff mittlerweile zwar etwas zurück, um sich nicht völlig der Lächerlichkeit preiszugeben. Als erstrebenswertes Fernziel nistet er aber nach wie vor in den Köpfen, wovon martialische "Präventions"-Parolen wie "Zero Tolerance" oder "Keine Macht den Drogen" immer wieder zeugen.

Wie das Verdikt gegen bewusstseinsverändernde Pflanzen entstammt auch die wahnwitzige Utopie einer "drogenfreien" Gesellschaft dem sakral-religiösen Bereich, dem Askese und Zölibat als erstrebenswerte Tugenden gelten. Obwohl über 99 Prozent der Menschen hienieden niemals zu derart bedürfnislosen und enthaltsamen Heiligen werden, verbietet zum Beispiel die katholische Kirche Kondome und nimmt lieber massenweise Aids-Infizierte in Kauf, als von ihrem sexfeindlichen Dogma abzuweichen. Nicht anders aber verhalten sich die säkularen Staaten, die lieber massenweise Drogentote, Millionen Gefängnisinsassen und gigantische Profite für Kriminelle und Terroristen in Kauf nehmen, als die Ideologie einer drogenfreien Gesellschaft aufzugeben.

Der Text stammt aus dem neuen Buch von Mathias Bröckers: Die Drogenlüge - Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden. Piper-Verlag/Westend, 208 Seiten, 15,95 €

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