"Der islamische Fundamentalismus hatte in der Türkei praktisch nie eine Basis"

20.09.2010

Pater Richard Nennstiel über die Geschichte der Dominikaner in Istanbul und die Lage der christlichen Minderheit in der Türkei

Pater Richard Nennstiel wohnt zurzeit im Dominikaner-Konvent in Hamburg und leitet dort das Dominikanische Institut für christlich-islamische Geschichte, dass sich mit der Geschichte des christlich-islamischen Dialoges beschäftigt. Er hat sein Pastoralpraktikum in Istanbul gemacht und für einige Zeit in der deutschen Gemeinde in Sisli gearbeitet. Er beschäftigt sich aktuell mit der Geschichte der Dominikaner im Osmanischen Reich und promoviert gegenwärtig an der Universität Bonn im Bereich Kirchengeschichte zur Geschichte der Dominikaner in Istanbul während des Ersten Weltkrieges. Mit ihm unterhielt sich Eren Güvercin für Telepolis über die Geschichte der Dominikaner in Istanbul und die Lage der christlichen Minderheit in der Türkei.

Pater Richard, Sie forschen im Moment über die Geschichte der Dominikaner in Istanbul. Wie weit reicht eigentlich die Geschichte der Dominikaner in Istanbul zurück?

Richard Nennstiel: Die Dominikaner sind ungefähr 1225 während der Zeit des lateinischen Kaiserreiches nach Konstantinopel gekommen und dann nach der Zerschlagung des lateinischen Kaiserreiches nach Galata gegangen. Dort haben sie eine Kirche eröffnet, die St. Paulus-Kirche, die dann später in eine Moschee, die Arab-Camii, umgewandelt wurde. Später sind sie auf das Grundstück der Schwestern gezogen, das unweit der Arab Camii liegt. Seit ungefähr 1460 sind die Dominikaner auf diesem Grundstück. Die Dominikaner sind eben seit 1225 kontinuierlich in Konstantinopel bzw. Istanbul.

In der letzten Zeit wird oft über die Lage der Christen in der Türkei debattiert, insbesondere im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung des Priesterseminars auf Chalki. Wie ist die Lage der Christen heute in der Türkei nach Ihren Wahrnehmungen und Erfahrungen in Istanbul?

Richard Nennstiel: Man muss hier unterscheiden, einmal zwischen den sogenannten autochthonen Christen, also den Christen, die in der Türkei wohnen, dort geboren sind und leben, und den Christen, die vorübergehend in der Türkei sind. Diese haben einen anderen Status. Die türkischen Christen sind natürlich nach wie vor einer gewissen Unterdrückung ausgesetzt. Es gibt in der türkischen Verfassung das Recht auf individuelle Religionsfreiheit. Jeder hat danach das Recht, seine Religion zu praktizieren. Es gibt aber kein Recht, dass sich die Gläubigen zusammenschließen z.B. zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften, und zum Beispiel das betreiben, was Mission heißt. Mission wird hier vom türkischen Staat sehr weit ausgelegt. Es ist eben auch verboten z.B. christliche Zeitschriften oder Broschüren zu verteilen. Es ist nicht gestattet, dass Kirchen neu gebaut werden, und es gibt häufig Schwierigkeiten Kirchen zu restaurieren. Für Christen ist es praktisch unmöglich, innerhalb des Staatsdienstes aufzusteigen, z.B. in der Armee, im Rechtssystem und im universitären Bereich.

Man muss aber sehen, dass die Christen in der Türkei nur noch einen Bevölkerungsanteil von 0,7 Prozent haben. Sie sind also eine verschwindend geringe Minderheit. Die Frage ist, ob die Ausweitung der Minderheitenrechte der Christen wirklich eine Bedrohung für die Türkei darstellen würde. Hier gibt es ein Trauma, das im Zusammenhang mit dem Befreiungskrieg am Ende des Osmanischen Reiches steht. Minderheiten und vor allem christliche Minderheiten werden als eine Art 5. Kolonne gesehen, die diese nationale Einheit bedrohen. Dieser Grundgedanke, diese Grundempfindung aus dem Bürgerkrieg, zieht sich bis heute durch, und ist leider noch in den Schulbüchern zu finden.

Wenn man sich aber die ethnische Zusammensetzung der Türkei anschaut, merkt man relativ schnell, dass die Türkei sehr weit entfernt ist, ein homogener nationaler Staat zu sein. Da das Osmanische Reich eine sehr große Ausdehnung hatte, gibt es eben auch viele Menschen, die z.B. armenische oder tscherkessische Wurzeln haben. De facto ist die Türkei letztendlich ein äußerst heterogener Staat. Aber es gibt eben die Vorstellung oder die Idealvorstellung, aus der Türkei einen homogenen Nationalstaat zu machen, also einen türkischen Staat, in dem der sunnitische Islam hanefitischer Richtung Staatsreligion ist.

Der Islam in der Türkei ist ein Aufgabengebiet des Nationalstaates. Das zeigt sich daran, dass das zuständige Ministerium für die Religion zum Beispiel die Ausbildung der Imame regelt. Der Grundbesitz der Moscheen obliegt staatlicher Kontrolle. Die Religionsbehörde ist mittlerweile eine der größten Behörden in der Türkei. Auch der Islam ist im Prinzip nicht frei, sondern ist im Sinne von Atatürk immer noch eine Sache des Staates und muss staatlich kontrolliert werden, weil auch immer die Gefahr gesehen wird, dass mit einer Re-Islamisierung wieder ein Rückschritt der Türkei stattfinden könnte.

Die türkische Gesellschaft wird von drei Strömungen geprägt

Hat sich in den letzten Jahren für die Christen in der Türkei etwas getan?

Richard Nennstiel: Ich sehe schon einen Wandel. Wenn Sie z.B. in Istanbul auf der Istiklal Caddesi die Auslagen in den Buchläden sehen, so sehen Sie dort alle großen Denker. Focault, Derrida, Levinas. Zahlreiche historische Werke werden übersetzt. Es gibt also im intellektuellen Bereich schon eine deutliche Öffnung. Es findet nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit der osmanischen Geschichte findet statt. Fragen nach religiösen und ethnischen Minderheiten und deren Geschichte werden gestellt.

Andererseits zeigt der Islam innerhalb der Gesellschaft wieder Gesicht. Die Türkei ist natürlich mehrheitlich ein muslimisches Land. Ich glaube nicht, dass das eine Re-Islamisierung ist, sondern der Islam, der schon da war, wird nur sichtbar. Und dann gibt es natürlich eine dritte Strömung, die national-orientierte Strömung, die natürlich gegen einen EU-Beitritt ist und die immer noch für eine nationale Identität im Sinne Atatürks eintritt.

Diese drei Gruppen sind nun jetzt in einem Spannungsverhältnis zueinander. Da muss man sehen, welche Gruppe sich in den nächsten Jahren – wenn man es so will – durchsetzt. Im Fall von Hrant Dink, nach dessen Ermordung es eine große Anteilnahme bei der Bevölkerung gab, hat man gesehen, dass dahinter Gruppen standen, die wahrscheinlich den rechtsextremen Nationalisten nahe stehen und die versuchen, mit diesen Maßnahmen die Türkei im Ausland zu desavouieren und einen EU-Beitritt zu verhindern.

Deshalb muss man bei jedem Ereignis, bei jedem Vorkommnis in der Türkei die wichtige Frage stellen: Für wen ist das vom Vorteil, wer steht dahinter? Und dann kann man das eher einschätzen. Das ist z.B. bei Anschlägen auf Kirchen immer auch die Frage. Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen islamischen Fundamentalisten verantwortlich sind, denn der islamische Fundamentalismus hat in der Türkei oder im Osmanischen Reich praktisch nie eine Basis gehabt.

Die religiösen Minderheiten wurden immer als Bedrohung für die nationale Identität gesehen

Sie hatten eben erwähnt, dass die religiösen Minderheiten oft als Gefahr für die nationale Einheit gesehen werden. Woher kommt diese Angst?

Richard Nennstiel: In der Geschichte des Osmanischen Reiches gab es einen immer stärker werdenden Einfluss europäischer Staaten auf das Osmanische Reich. Es gibt immer wieder Zuordnungen. Das bedeutet, Frankreich war die Schutzmacht der katholischen Kirche, England war die Schutzmacht der anglikanischen Kirche, Russland wurde später Schutzmacht der orthodoxen Kirche, so dass mit dem religiösen immer auch ein nationales Moment verbunden wurde. Das Religiöse und das Nationale spielt in der Geschichte eine immer größere Rolle.

Während der Zeit im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert hatte das Aufkommen des Nationalismus auch Auswirkungen auf das Osmanische Reich, indem sich nämlich die dort befindlichen Christen eben nicht nur dem Religiösen zugehörig fühlten, sondern gleichzeitig etwas entwickeln, was wir nationale Identität nennen würden. Also die Armenier etwa möchten einen armenischen Staat, die Griechen möchten unabhängig werden. Und der Einfluss, den Frankreich ausübt, der wird immer stärker, weil Frankreich sich als Schutzmacht der Katholiken darstellt, obwohl es 1789 die Französische Revolution und auch Anfang des 20. Jahrhunderts die strikte Trennung von Staat und Religion gegeben hat. Trotzdem bleibt Frankreich bis zum Ende des Osmanischen Reiches die Schutzmacht der Katholiken. Als die Osmanen gefragt haben: "Ihr hattet doch die Revolution in Frankreich, die Trennung von Staat und Kirche?" Dann haben die Franzosen gesagt: "Ja, das ist in Frankreich. Hier sind wir im Osmanischen Reich." Also die Schutzherrschaft blieb aufrecht, natürlich auch um weiter politisch Einfluss zu nehmen.

So kommt es zur unsäglichen Verbindung vom Religiösem und Nationalem. Am Ende des Osmanischen Reiches versuchen natürlich diese religiösen Bevölkerungsgruppen selbständig zu werden. Den Christen in der Türkei wurde von den Alliierten, also von den Franzosen, Italienern und Engländern gesagt: Wenn ihr für unsere Sache kämpft, setzen wir uns später für eure Autonomie ein. In diesem Zusammenhang entsteht die Vorstellung, dass die religiösen Minderheiten eben immer eine fünfte Kolonne des Auslands sind, dass sie weniger die Interessen des Osmanischen Reiches bzw. der Türkei vertreten, sondern immer eher die Interessen der Nationalstaaten, mit denen sie religiös verbunden sind. Und ich glaube, das ist ein Kerntrauma zu Ende des Osmanischen Reiches und der beginnenden Republik. Diese Minderheiten wurden immer als Gefahr für die nationale Einheit gesehen. Dieser Gedanke zieht sich vom Beginn der Gründung der Republik Türkei bis zum heutigen Tag in den Regierungsdokumenten auch durch.

Wie war denn der Umgang mit den verschiedenen religiösen Minderheiten im Osmanischen Reich vor diesem Trauma?

Richard Nennstiel: In diesem Zusammenhang muss man erwähnen, dass die Christen in der Türkei damals in verschiedenste Gruppierungen gespalten waren und heute immer noch sind. Es gab ganz erhebliche Konflikte etwa zwischen der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche.

Als die Griechen ihre Invasion in Smyrna, dem heutigen Izmir, durchgeführt haben und Izmir erobert hatten, war einer der ersten Handlungen der griechisch-orthodoxen Truppen, die katholischen Kirchen zu schänden. Von dieser Zeit gibt es einen Brief des katholischen Bischofs von Izmir an den Sultan, in dem er schreibt: "Kaiserliche Hoheit, bitte errichten Sie wieder Ihre huldvolle Herrschaft über Izmir und befreien Sie uns von den Häretikern und Ketzern."

Also auch die christlichen Minderheiten in der Türkei haben immer gegeneinander gearbeitet, und die Sultan-Regierung, also die Hohe Pforte, hat natürlich diese Zerstrittenheit innerhalb der Christen auch immer wieder ausgenutzt, um für sich selbst Vorteile herauszuschlagen oder um zu verhindern, dass die Christen zusammengearbeitet haben.

Die Idee des Nationalstaats und der ethnisch einheitlichen Bevölkerung wurde aus dem Westen importiert

Wie wurde der Minderheitenstatus nach dem Ende des Osmanischen Reiches geregelt?

Richard Nennstiel: Am Beginn des Ersten Weltkrieges gab es ja schon die Vertreibung der Armenier. Das hing auch mit kriegstaktischen Gründen zusammen. Man glaubte, dass sich die Armenier, die auf anatolischem Boden sind, mit den Armeniern in Russland vereinigen und damit den osmanischen Truppen in den Rücken fallen könnten.

Nach der Gründung der Republik Türkei findet ein Bevölkerungstausch zwischen der Türkei und Griechenland statt. In dieser Zeit verlässt ein Großteil der Griechen – man muss ja sagen der griechischstämmigen Bewohner, die mittlerweile aber Türken waren – das Land und ist nach Griechenland gegangen. Und so genannte türkischstämmige Griechen, die häufig sogar gar kein Türkisch gesprochen haben, sondern Griechisch, wurden in die Türkei umgesiedelt.

Die einzige größere Gruppe der Griechen blieb in Smyrna/Izmir und in Istanbul. Das große Problem sind der in dieser Zeit herrschende Nationalstaatsgedanke und der Nationalismus. Das ist natürlich kein Phänomen, das ausschließlich im Osmanischen Reich und der Türkei zu finden ist, sondern man findet diese Nationalbewegungen ja auch im Westen. Der Nationalstaatsgedanke und der Gedanke einer ethnisch homogenen Bevölkerung haben die Jungtürken, die vor allem in der Schweiz gelebt haben, aus dem Westen übernommen, denn das Osmanische Reich ist nie ein Nationalstaat gewesen, sondern ein Staat, der ausschließlich am Herrscherhaus der Osmanen gehangen hat.

Zur Zeit der Osmanen war der Begriff Türk eher ein pejorativer Begriff. Die Osmanen haben sich nie selbst als Türken bezeichnet, sondern als eine Herrscherfamilie, die über diesen nationalen und ethnischen Gruppen stand und deren Aufgabe es war, dieses Land zu regieren und den Islam zu bewahren und zu schützen.

Der Autor Eren Güvercin betreibt ein Blog namens Grenzgängerbeatz.

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