"Wikipedia - ein kritischer Standpunkt"

23.09.2010

Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Christian Pentzold über die Wikipedia-Regeln

Dieses Wochenende treffen sich an der Universität Leipzig Wikipedia-Forscher zu einer Konferenz "Wikipedia - ein kritischer Standpunkt", bei der die Entwicklung des Online-Lexikons diskutiert werden soll. Die Philosophin Petra Gehring und der Historiker Peter Haber raten Ihren Studierenden wegen Qualitätsbedenken vom Gebrauch der Wikipedia ab, der Soziologe Christian Stegbauer registriert Stagnation im Projekt und Abwanderung von Autoren. Sein Kollege Christian Pentzold, Autor des Buches Wikipedia - Diskussionsraum und Informationsspeicher im neuen Netz, setzt sich mit der Entwicklung der Wikipedia-Regeln und deren Effekten auseinander.

Herr Pentzold, Sie haben den Prozess der Regelentwicklung und die Rolle der Admins in der englischsprachigen Wikipedia untersucht. Welche Unterschiede haben Sie zu den Strukturen der deutschsprachigen Wikipedia-Community ausgemacht?

Christian Pentzold:

Wir haben die Entstehung eines Komplexes von Regeln untersucht, der besonders auf die Kontrolle des Zusammenwirkens abzielt, also die Regeln zum Sperren von Artikeln und dem Blockieren bzw. Sperren von IP-Adressen. Im Großen und Ganzen ähneln sich die hier in beiden Sprachversionen getroffenen Regeln und Strukturen, weil beide als vergleichsweise offene Projekte mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Die englische Version dient dabei oft als Stichwortgeber für die deutsche und besitzt ein im Vergleich zur deutschen Version ausgefeilteres Prozedere. So gibt es in ihr etwa die Option einen ‚Bann' auszusprechen, der für einen Artikel, ein Artikelfeld oder auch im Blick auf bestimmte Nutzerseiten gilt.

Vor einem Jahr wurde die deutsche Community von den Nutzern mit der Relevanzdebatte konfrontiert, bei denen Löschtendenz auf Unverständnis stieß und als Bevormundung und Zensur empfunden wurde. Hat sich die Anwendung der entsprechenden Regeln seither geändert?

Christian Pentzold:

Nach den Erkenntnissen, die wir gesammelt haben, hat sich die Regelanwendung insgesamt betrachtet nicht wesentlich geändert. Dies ist auch schwer möglich, weil die Auslegung der Kriterien letztlich Sache jedes einzelnen Autors ist und stets die Möglichkeit besteht, diese Entscheidung anzugreifen. Es ist schwer, eine ‚korrekte' Anwendung der Prinzipien durchzusetzen.

Besonders häufig sind Streitigkeiten in Fällen, in denen die aufgestellten Relevanzkriterien nicht greifen oder unkonkret sind. Der dadurch eröffnete Ermessensspielraum kann Konflikte mit sich bringen. Und das Vorhaben, die Relevanzkriterien deshalb noch ausführlicher zu gestalten, führt dazu, dass sie für den Ottonormal-Autor nicht mehr handhabbar sind.

Daher scheint es, als habe die Wikipedia bisher keine dauerhafte Lösung aus diesem Dilemma gefunden, wie auch das gescheiterte Meinungsbild vom Februar 2010 zeigt: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder/Reform_der_Relevanzpolitik. Und schaut man in die Versionsgeschichte der Seite zu den Relevanzkriterien, dann sieht man, dass an den ihnen immer noch gefeilt wird.

Streitige Sachverhalte

Sie untersuchen insbesondere auch die Darstellung von Sachverhalten, die nicht befriedigend aufgeklärt und daher anfällig für Verschwörungstheorien sind. Hierbei beruft sich jeder Kontrahent auf die Regel des - seiner Ansicht nach(!) - "neutralen Standpunkts". Inwieweit bewährt sich die ideologisch, politisch und wirtschaftlich unabhängige Wikipedia als Alternative zu den konventionellen Medien, die in solchen Fällen überwiegend einer offiziell gebilligten Version huldigen und alternative Deutungen ausgrenzen?

Christian Pentzold:

Wie und ob das funktioniert, scheint mir im Detail sehr verschieden zu sein. Meines Erachtens schafft die Wikipedia es vergleichsweise gut, ihre Inhalte gegenüber einseitigen und ideologisch stark gefärbten Darstellungen auszubalancieren, auch wenn das im Einzelfall sicherlich zu prüfen ist. Dazu wurden auch nützliche Tools entwickelt, wie der WikiSanner oder WikiDashboard. Die Regel des neutralen Standpunktes scheint da eine Hilfestellung zu sein, doch ergibt sich das Problem, dass ihre konkrete Anwendung umstritten ist. Neutraler Standpunkt heißt in den meisten Fällen nicht, eine einzige konsensuelle Version taucht im Artikeltext auf. Vielmehr sollte den verschiedenen Standpunkten Platz eingeräumt werden. Aber hier tauchen kritische Fragen auf: Wie viel Platz sollte jede Position bekommen? Und wann ist eine Meinung nicht mehr lexikontauglich und sollte überhaupt nicht auftauchen? Und ist ein solcher Text dann noch als Lexikoneintrag lesbar?

Der Spin eines Artikels über ein kontroverses Thema wird häufig von etablierten Wikipedia-Aktiven kontrolliert, welche den Besitz der Inhalte beanspruchen und über deren Relevanz befinden. Wie viele Personen gestalten derzeit die deutschsprachige Wikipedia und deren Regeln tatsächlich?

Christian Pentzold:

Ich kann das hier für die englische Version sagen, bei der wir die aktiven Nutzer im Schreibprozess der Regeln zur Kontrolle und Überwachung analysiert haben. Dort haben bis Ende 2008 ca. 1.500 Nutzer an den Regeln mitgeschrieben, davon waren etwa ein Viertel Administratoren. Zum Vergleich: Im Oktober 2008 zählte die Wikipedia insgesamt etwas mehr als 400.000 Nutzer, die mehr als zehn Edits getätigt haben.

Diktatur der Zeitreichen

Der ebenfalls auf der Konferenz sprechende Prof. Haber beklagt, derjenige habe das Sagen, der viel Zeit hat. Hier drängt sich im Umkehrschluss die Frage auf, wer denn eigentlich so viel verfügbare Zeit hat, um diese ohne Honorar oder Autorenruhm auf ein Online-Lexikon zu verwenden. Gibt es diesbezüglich soziologische Untersuchungen?

Christian Pentzold:

In den Untersuchungen zeigt sich die gleiche Tendenz, wie sie auch in entsprechende Studien zur Free/Open Source Software zu beobachten ist. Der durchschnittliche Nutzer ist männlich, um die 30 Jahre alt, mit einem höheren Bildungsabschluss, der sich entweder aus privaten Gründen die Zeit nehmen kann, oder der beruflich noch die Zeit hat, etwa als Student, um an der Wikipedia intensiv mitzuschreiben und die Arbeitsprozesse zu koordinieren. Zugespitzt könnte man in Wikipedia auch von der Herrschaft der ‚Zeitreichen' sprechen.

Welche Änderungen der Wikipedia-Regeln haben Ihrer Ansicht nach Verbesserungen von Produktqualität oder Arbeitsklima bewirkt?

Christian Pentzold:

Ich bin nicht sicher, ob man dies nur durch ein Drehen an ein paar Regelstellschrauben ändern kann. Viel entscheidender halte ich die umfassende Kultur der Wikipedia, oder zumindest das Bild, was von ihr im Projekt und zum Teil auch in der Öffentlichkeit hochgehalten wird. Der US-amerikanische Autor Joseph Reagle nennt es die ‚good faith'-Kultur. In der deutschen Wikipedia findet sich der Gedanke in der Regel: ‚Geh von guten Absichten aus'. Meines Erachtens ist diese Aufforderung zum wohlwollenden Zusammenarbeiten damit verbundene Vorstellungen, etwa die, Wikipedia werde von einer Gemeinschaft kreativer und freundlicher Menschen geschaffen, zentral für den Projektzusammenhalt.

Welche möglichen Regeländerungen halten Sie für sinnvoll?

Christian Pentzold:

Das lässt sich schwer sagen und ist selten am grünen Tisch planbar, weil man die Effekte einer Regeländerung nicht vollständig kontrollieren kann. Trotzt aller Kritik an Wikipedia, auch von ihren Autoren selbst, und der Sorge um ein Schrumpfen der Beteiligtenzahlen, meine ich, dass Projekt läuft im Rahmen des Machbaren gut.

Die Autorität von Regeln steht und fällt mit der fairen und konsequenten Anwendung. Die Auslegung und Handhabung obliegt in der Wikipedia den Admins, also Amateuren, die sich aus der Community rekrutieren und als einzig obligate Qualifikation das Vertrauen der Gruppe bieten. Diese üben u.a. quasi strafrechtliche Kontrolle über die Autoren aus, in dem sie für Fehlverhalten Sperren aussprechen. Wie ist es zu erklären, dass bestimmte Wikipedianer, die nachhaltig pöbeln, unantastbar zu sein scheinen?

Christian Pentzold:

Manche Autoren schaffen es, sich durch ihre Edits, die zur Entwicklung des Lexikons beitragen, eine Reputation zu erarbeiten, auch wenn ihr Umgang mit anderen Autoren dabei auf Kritik stößt. Hier reiben sich dann zwei Ebenen von Wikipedia, die bei anderen Enzyklopädien nicht so deutlich vor Augen stehen: die Ebene des Lexikons und seiner Inhalte und die soziale Ebene der Autoren. Und da beginnt dann ein Abwegen. Andrerseits kann es auch sein, dass ein Autor im Laufe der Zeit und eventuell sogar durch Treffen in der Realwelt bei manchen Autoren ein hohes Ansehen hat, sodass sie im Konfliktfall zunächst auf seiner Seite stehen und ihn gegen Kritik verteidigen.

We kontrolliert die Kontrolleure?

Ihr Kollege Stegbauer wies nach, dass bei Konflikten in der Wikipedia häufig Sachargumente geringer wiegen als die soziale Position des Kontrahenten innerhalb der Wikipedia-Community - "Köln" im Netz. Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Christian Pentzold:

Im Grunde nur wieder andere Kontrolleure, die in verschachtelten Hierarchien sitzen. Wikipedia ist geradezu ein Musterbeispiel für ein sich selbst verwaltendes Projekt ohne externe Anrufungsinstanz.

Derzeit kann sich ein Admin in einem Konfliktfall beliebig für zuständig erklären, etwa für den Streit seines besten Freundes, und dann wie Judge Dredd auch sofort vollstrecken. Wäre es für das Arbeitsklima sinnvoll, vor dem Ausspruch etwa einer Sperre ein geordnetes Verfahren einzuführen, z.B. das Formulieren einer nachvollziehbaren "Anklage", das Gewähren einer vorherigen Anhörung des Delinquenten und eine Entscheidung durch mindestens drei unbefangene Admins, die möglichst nach dem Zufallsprinzip zuständig werden, sowie die zwingende Rechtshilfebelehrung, wo man sich über eine als ungerecht empfundene Sperre beschweren kann?

Christian Pentzold:

Dies klingt im Entwurf sicherlich vernünftig und würde zur weiteren Verregelung der Verfahren beitragen. Doch bezweifle ich, dass dies praktisch machbar ist, schon weil die Autoren meist unter Handlungs- und Zeitdruck stehen - man denke an die Anträge zur Schnelllöschung. Zudem würde ein solches Verfahren noch mehr der knappen Ressourcen Zeit und Aufmerksamkeit binden.

Man könnte den strukturellen Interessenkonflikt der häufig befangenen Admins vermeiden, in dem man die Administration bei spannungsgeladenen Konfliktfeldern wie Personalangelegenheiten an von der Wikipedia-Community unabhängige Personen abgibt, die professionell als Mediatoren, Pädagogen oder Juristen in der sachlichen Beurteilung und Behandlungen von Konflikten trainiert sind. Wäre ein solcher Vorschlag sinnvoll und realistisch?

Christian Pentzold:

Sinnvoll vielleicht, realistisch nein, schon weil fraglich ist, wie ein bislang im Großen und Ganzen non-kommerzielles Projekt diese Dienstleitungen finanzieren sollte. Zwar verfügen der Wikimedia Verein Deutschland und sein US-amerikanische Pendant, die Wikimedia Foundation, über finanzielle Mittel und haben eine wachsende Zahl von bezahlten Mitarbeitern, doch bin ich skeptisch, ob diese Mittel für den hier zu erwartenden Aufwand ausreichend wären.

Wikipedia-Schiedsgericht

Die Wikipedia-Community hat in den letzten Jahren versucht, ein Wikipedia-Schiedsgericht aufzubauen, das eine chaotische Startphase hatte, der Klüngelei verdächtigt wurde und zeitweise sogar aufgelöst werden musste. Hat sich diese Einrichtung zur Wikipediaregel-Rechtspflege inzwischen etabliert?

Christian Pentzold:

Im Blick auf die Anfangszeit haben sich - verfahrenstechnisch gesprochen - die Wogen wohl etwas geglättet. Die Zusammensetzung scheint geregelt, es werden Wahlen abgehalten und das Gremium wird in Entscheidungsfällen hinzugezogen, d.h. es wird nicht ignoriert. Wenn man dann hinter die Kulissen schaut, trübt sich das Bild aber etwas, wie auch die jüngste Debatte um eine Namensänderung - Schiedskommission, Schiedscommunity, Schiedsgremium und Ähnliches waren im Gespräch - gezeigt hat. In dieser Diskussion ging es dann eben nicht mehr nur um den treffendsten Namen, sondern manche stellten die grundsätzliche Berechtigung des Schiedsgerichts wieder einmal in Frage.

Vielen für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Veranstaltung!


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