Weg mit den Fleischfressern!

21.09.2010

Wäre es nicht ethisch besser, wenn man die Karnivoren langsam durch vegetarische Tierarten ersetzen würde?

Diese Philosophen...Während die Welt gestern einen Züchtertrend beschrieb, der es darauf anlegt, Hunde zu entwickeln, die besser in Familien und Wohnungen passen, die weniger kläffen und überhaupt nicht aggressiv sind, so dass aus "Jägern und Hirten lustige Spielhunde, verschmuste Seelentrösterhunde und behäbige Couch-Potatoe-Hunde" werden (siehe Kommt der sofagerechte Hund?), denkt der Ethiker Jeff McMahan, sehr viel weiter in die Zukunft. Bis an die Spitze der Menschheitskarawane, die längst sanft an mit Bachblüten therapierten leise bellenden Hunden vorbeigezogen ist und die Welt evolutionstechnisch völlig neu in den Blick nimmt.

Es geht McMahan, zur Zeit am Center for Human Values in Princeton tätig, dabei nicht sloterdijkisch um neue Regeln für den Menschenpark, sondern um die Neugestaltung des großen Tierparks auf der Erde: Der Spezialist für normative Ethik experimentiert mit dem Gedanken, dass Menschen mit genetischen und anderen Mitteln so in die Fauna eingreifen, dass die Fleischfresser langsam aussterben. Alle Fleischfresser, ausgenommen freilich die Menschen. Auf lange Frist sollen in dieser Utopie nur die Pflanzenfresser überleben, bzw. Raubtiere nur in der Form, dass sie wie die Löwen in der Bibel friedlich "Stroh fressen wie das Rind".

"Wäre das kontrollierte Auslöschen der fleischfressenden Arten eine gute Sache?", ist das Thema seines Blog-Essays mit dem Titel The Meat-Eaters, den die New York Times als Diskussionsanstoß veröffentlichte. Ausgangspunkt und Herz seiner Überlegungen ist das große Leiden all jener Tiere, die den Fleischfressern zum Opfer fallen. Und natürlich kommen auch die fleischfressenden Menschen mit ihren Tierfabriken darin vor. Dass es für Menschen angesichts des Leidens der Tiere unbedingt geboten ist, Vegetarier zu werden, versteht sich in der McMahan-Ethik von selbst.

Doch das reicht nicht. McMahan stellt sich vor, dass wir eines Tages die ökologischen Zusammenhänge richtig gut verstehen und dazu genetische Manipulationsfähigkeiten haben, die ebenso sehr viel weiter als jetzt entwickelt sind. So dass die Menschen dazu imstande wären, die Tierwelt - in aller Behutsamkeit - evolutionstechnisch so zu arrangieren, dass wir die fleischfressenden Arten allmählich durch pflanzenfressende ersetzen.

Moralisch ist Eingreifen angesichts des Leidens geboten

Noch sind wir dazu nicht fähig, uns fehlen die dazu notwendigen Kenntnisse über Machbarkeit und vor allem über die komplexen Folgen - aber möglich, so der theoretische Ausgangspunkt des Philosophen, dass dies eines Tages anders aussieht. Wie aber würden die moralischen Implikationen aussehen, wenn dies zu "kleinen Kosten für uns" machbar wäre? Als unbestrittene Gewissheit, Dreh-und Angelpunkt seiner moralischen Spekulation, nimmt McMahan das Leiden der Tiere, die von den Räubern gejagt, gerissen und getötet werden. Moralisch ist Eingreifen angesichts dieses Leidens geboten, das ist die Grundlage seiner moralischen Überlegungen.

Seine Argumentation: "Wenn das Leiden der Tiere schlecht ist, wenn wir dessen Ursachen sind, dann ist es auch schlecht, wenn es andere Tiere verursachen." Dass Leiden schlecht ist, sei eine Erfahrung. Auch wenn die Menschen moralisch nicht dazu verpflichtet seien, das Leiden unter den Tieren - für das sie nicht verantwortlich sind - zu lindern, so gebe es doch einen moralischen Grund (i.O. "reason"), dies zu verhindern. So wie es einen generellen moralischen Grund dafür gebe, Leiden unter Menschen zu verhindern, der unabhängig von der Ursache des Leidens und unserer Beziehung zu den Opfern ist.

Die Spezies - wichtiger als das individuelle Leiden?

Gegen die Zulässigkeit eines solchen Handelns, das darauf aus ist, Leiden zu lindern, stünde hauptsächlich der Einwand, dass es Folgen in Gang setzen kann, die schlimmer sind als das Leiden, das man zu lindern sucht - das wäre das Hauptargument gegen einen solchen Eingriff in die Natur, wie ihn die herbei geführte Auslöschung von Fleischfressern darstellt. Dass wir dabei Gott spielen würden oder in eine irgendwie "rein" gedachte, "höhere" Natur eingreifen, hat für McMahan keine Relevanz. Beides sind überholte, leere Konzepte. Gegen ein langsames Verschwindenlassen der Fleischfresser durch die Menschen und deren Begünstigung von Pflanzenfressern spricht ethisch der "Wert der Arten". Ob der Verlust nicht größer wäre als der Gewinn, den man daraus zieht.

Von einzelnen Tier-Individuen abgesehen, sei es moralisch nicht verpflichtend, dass die fleischfressenden Arten in alle Zukunft weiterleben, so der Grundgedanke des Philosophen, den er selbst als "häretisch" bezeichnet. Das Verhindern des Leidens der Opfer sei als höherer Wert anzusehen im Konflikt mit dem Fortbestand von Arten. Für ein individuelles Tier müsse die Auslöschung der Spezies nämlich nicht unbedingt mit Leiden ihrer individuellen Mitglieder verknüpft sein, so McMahan. Vorstellbar sei künftig etwa ein Nahrungsmittelzusatz, der zur Unfruchtbarkeit führe, was nicht gleichbedeutend sei mit Leiden oder Tod des einzelnen Tieres. In Frage stehe, ob die Art als Ganzes einen moralisch so bedeutenden, überindividuellen Wert habe, der höher anzusetzen sei als das individuelle Leiden der Beutetiere.

Angesichts der Gewissheit des Leidens sei der Gedanke, dass einzelne Tierarten einen Wert an sich haben, weniger offensichtlich. Arten seien zunächst mal künstliche Kategorien, deren Grenzen sich oft genug verwischen; in der Praxis sei die Fruchtbarkeit untereinander das Hauptkriterium, aber eins, das McMahan nicht zufriedenstellt. Er erkenne keinen Grund für die Annahme, warum Esel als Gruppe einen speziellen generellen - "impersonal" - Wert haben, den die Maultiere nicht hätten. Aber selbst wenn man einen über-individuellen Wert für eine Spezies annehme, so heiße das noch lange nicht, dass sie unersetzbar sei. Die Naturgeschichte habe das ja gezeigt.

Die Behauptung, dass existierende Tierarten heilig und unersetzbar sind, stehe auf dünnem Boden, so McMahan. Sie werde untergraben durch die moralische Irrelevanz der Kriterien für eine einzelne herausgebildete Spezies. Gehe es um moralisch relevante instrumentelle Gründe, weshalb eine Art überleben solle, dann stünden jene Arten, die anderen kein Leid zufügen, moralisch höher.

It would be good to prevent the vast suffering and countless violent deaths caused by predation.  There is therefore one reason to think that it would be instrumentally good if  predatory animal species were to become extinct and be replaced by new herbivorous species, provided that this could occur without ecological upheaval involving more harm than would be prevented by the end of predation.

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