Gesundheit und Profit

22.09.2010

Interview mit Ursel Sieber über die Ablösung von Peter Sawicki und die Willfährigkeit der Politik gegenüber der Pharma-Lobby

Die Journalistin Ursel Sieber hat in ihrem Buch "Gesunder Zweifel" den verloren gegangenen Kampf des Pharmakritikers und Leiters des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki, mit der Arzneimittelindustrie geschildert und einen Blick auf die skandalösen Praktiken im deutschen Gesundheitswesens geworfen. Telepolis sprach mit ihr darüber.

Frau Sieber, bei den Änderungen des Arzneimittelsparpakets durch die Regierungskoalition hat sich herausgestellt, dass mehrere Formulierungen nahezu wortwörtlich aus einer Vorlage der forschenden Arzneimittelhersteller übernommen worden sind. Ist dieser Vorfall symptomatisch für die politische Praxis im Bezug auf die Interessen der Pharma-Industrie? Wie sehen ihrer Meinung generell die Beziehungen zwischen der Politik und den Pharma-Lobbys aus?

Ursel Sieber: Ja, das ist symptomatisch für die enge Beziehung zwischen Pharmaindustrie und Politik - leider. Die Industrie hat einen sehr großen Einfluss. Gerade deshalb hat die Industrie ja bis heute in Deutschland hervorragende Vermarktungsbedingungen: Einen freien Zugang zum Markt, direkt nach der Zulassung und freie Preisbildung für neue Medikamente. Ich zeige in meinem Buch, wie und warum der Lobbyismus so gut funktioniert. Die Firmen und der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller VfA haben über Jahre die Nutzen-Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG kritisiert und behauptet, das Institut würde die falschen Studien zur Bewertung heranziehen, die Wahrheit verbiegen und Sparanforderungen der Krankenkassen durchsetzen. Es war eine regelrechte Kampagne, organisiert von der Abteilung "GO" im VfA - auch "Anti-Sawicki-Abteilung" genannt. Unter Peter Sawicki ist die Industrie aber mit ihrer Forderung, auch schlechtere Studien - also Studien, die nur einen niedrigen oder mittleren Evidenzgrad und keinen wirklichen Beweischarakter haben, zu berücksichtigen, nicht durchgedrungen. Und Sawicki und das Institut konnten sich auf Kriterien berufen, die im Gemeinsamen Bundesausschuss zwischen Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern abstimmt waren. Diese Kriterien sind im Übrigen international anerkannt.

"Studien mit niedrigen Evidenzgrad"

Weil die Industrie mit ihren Versuchen in den letzten Jahren nicht durchdringen konnte, versucht sie es jetzt direkt über die Regierung: per Rechtsverordnung des Bundes sollen die Kriterien für die Nutzenbewertung von Medikamenten und Behandlungen festgeschrieben werden, und zwar "weichere Kriterien", die dazu führen werden, dass auch Studien mit niedrigeren Evidenzgrad einbezogen werden sollen. Das macht die Nutzenbewertung von Medikamenten im Grunde wertlos. Wenn das alles so umgesetzt wird, ist das erneut ein erstaunlicher Erfolg der Industrie.

Das ist nicht nur teuer, weil damit nutzlose Medikamente im Markt bleiben - das ist auch schädlich für Patienten und kann sogar tödlich enden. Ich will das an einem Beispiel erläutern: Jahrelang wurden Frauen in den Wechseljahren Hormonoe verordnet. Der Berufsverband der Frauenärzte und verschiedene Fachgesellschaften behaupteten, die Hormonersatztherapie diene der Vorsorge, der Verhinderung von Schlaganfällen und Herzinfarkten. Doch erst in einer großen unabhängigen, sogenannten "kontrollierten randomisierten" Studie -das ist der Fachbegriff - zeigte sich genau das Gegenteil: Unter der Hormonersatztherapie erkrankten nicht nur mehr Frauen an Brustkrebs, es gab auch mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle.

"Zwischen Wirkung und Nutzen besteht ein grundlegender Unterschied"

Damit war klar: Vielen tausend Frauen, die Hormone eingenommen hatten, war Schaden zugefügt worden, weil die Fachverbände mit ihren Empfehlungen und Leitlinien sich voreilig auf Studien mit niedrigem Evidenzgrad gestützt hatten, die keine zuverlässigen Schlussfolgerungen erlaubten.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass von achtzig Prozent der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen der Nachweis fehlt, dass sie nutzen. Wie kommen Sie auf diesen Befund und was bedeutet das für das Gesundheitssystem?

Ursel Sieber: Medikamente werden von den Zulassungsbehörden nur daraufhin überprüft, ob sie wirken und unbedenklich sind. Das IQWiG prüft den Nutzen von Medikamenten und Behandlungen. Zwischen Wirkung und Nutzen besteht ein grundlegender Unterschied. Ich will das wiederum an einem Beispiel erklären: Seit etwa neun Jahren ist Avandia auf dem Markt - ein Medikament zur Behandlung des Diabetes. Für die Zulassung muss der Hersteller nur nachweisen, dass das Medikament wirkt - also den Blutzucker senkt.

Schadenpotential statt Zusatznutzen

Ob mit der Senkung des Blutzuckers aber auch die Folgeerkrankungen des Diabetes zurückgehen, ob also weniger Amputationen, Herzinfarkte, Schlaganfälle auftreten, das müssen die Hersteller für die Zulassung nicht nachweisen. Und deshalb werden oft Medikamente verordnet, die zwar wirken - also in diesem Fall den Blutzucker senken - ob sie auch besser sind, also den Patienten nutzen, das soll das IQWiG prüfen. Und am Beispiel von Avandia hat das IQWiG festgestellt, dass es keinen Zusatznutzen für die Patienten hat - im Gegenteil, dass mit Avandia sogar ein Schadenspotenzial vorhanden sein könnte, nämlich mehr Herzinfarkte statt weniger Herzinfarkte. In den USA wird übrigens darüber diskutiert, ob Avandia vom Markt genommen werden sollte.

Ganz gravierend ist die Situation bei vielen neuen Behandlungen - Operationsmethoden oder Bestrahlungen, die im Krankenhaus eingeführt werden. Hier gibt es in Deutschland den sogenannten "Verbotsvorbehalt" für die Kliniken - das heißt, Kliniken in Deutschland haben eine Art Freibrief, sie dürfen jedes Gerät anschaffen, dessen technische Funktionsfähigkeit zwar geprüft wurde, von dem man aber nicht weiß, ob es den Patienten nutzt. Auch dafür nenne ich in meinem Buch "Gesunder Zweifel" konkrete Beispiele: - es geht um die Behandlung des lokal begrenzten Prostatakarzinoms, der häufigsten Krebserkrankung des Mannes. Wir haben kein gesichertes Wissen über die Behandlung dieser häufigen Krebserkrankung - ich finde, das ist ein Skandal.

" Wir haben weder ein staatliches noch ein privatisiertes Gesundheitssystem"

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Peter Sawicki, der frühere Leiter des IQWiG aber auch der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem schätzen die Zahl Behandlungen und Therapien, die ohne Nutzenbewertung angewandt werden, auf rund 80% aller Leistungen.

Wie ist in Deutschland im Unterschied zu anderen Ländern in Europa das Gesundheitswesen geregelt?

Ursel Sieber: Wir haben hier in Deutschland das System der Selbstverwaltung - oberstes Gremium ist der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen. Wir haben also weder ein staatliches noch ein privatisiertes Gesundheitssystem. Das System der Selbstverwaltung soll eigentlich die unterschiedlichen Interessen selbst austarieren - die Politik gibt nur die Rahmenbedingungen vor. Doch das System der Selbstverwaltung funktioniert meines Erachtens schlecht und sehr langsam - das liegt derzeit vor allem an der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem Lobbyverband der Krankenhäuser, die ihren Freibrief eisern verteidigt. So werden viele notwendige Entscheidungen über Jahre blockiert.

Allerdings haben wir auch in Deutschland immer mehr Anreize, die auf Menge statt auf Qualität und ärztliche Fachkunde setzen. Wir haben deshalb immer noch die meisten Herzkathederuntersuchungen, die meisten Bandscheibenoperationen, - einfach, weil das Geld bringt. Es gibt immer mehr kommerzielle Anreize - zum Schaden der Patienten.

Welche Praktiken der Pharmaunternehmen haben die Gründung des IQWiG notwendig gemacht?

Ursel Sieber: Das IQWiG bewertet ja vor allem die Studien der Hersteller - unabhängige Forschung für Arzneimittel gibt es ja kaum. Und es ist leider so, dass die Hersteller oft tricksen und ihr neues Medikament besser darstellen als es in Wirklichkeit ist. Das hat die Gründung des IQWiG notwendig gemacht. Das IQWiG hat versucht, durch unabhängige Nutzenbewertungen die Spreu vom Weizen zu trennen. Das IQWiG fragte die Firmen nach Beweisen, wollte Studien sehen, die zeigen, dass die Patienten Vorteile, also einen Zusatznutzen von den neuen Medikamenten haben. Und da musste das IQWiG oft feststellen, dass die Firmen gar keine Studien durchgeführt hatten, die einen Zusatznutzen zeigen.

Oder wenn doch - dann stellte sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass die Studien der Pharmafirmen eine gewisse Schieflage haben: Sie vergleichen ihr neues Medikament, für das sie etwa 10 Jahre lang ein Patent, also ein exklusives Vermarktungsrecht anstreben, häufig nicht mit dem Therapiestandard, sondern mit einem schlechteren Medikament, mit einer unüblichen Dosierung oder Anwendung. Die Firmen versuchen also beim "Design" ihrer Studien zu täuschen, um sicher zu gehen, dass ihr neues Medikament besser abschneidet. Die Kunstinsuline sind dafür ein gutes Beispiel, aber auch neue Blutdrucksenker oder Mittel gegen Alzheimer.

Können Sie Beispiele für Arzneimittel in Deutschland nennen, von denen negative Studienergebnisse zurückgehalten wurden und die sich dann am freien Markt als lebensbedrohlich für die Patienten erwiesen?

Ursel Sieber: Ja, ein Beispiel ist das Schmerzmittel Vioxx der Firma Merck. Die Firma wusste schon frühzeitig, dass dieses Schmerzmittel das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen würde, hat die Daten zunächst aber nur unvollständig veröffentlicht. Auch Studienergebnisse zu Mitteln gegen Depression wurden unvollständig veröffentlicht - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen war damit ein erhöhtes Risiko für Selbstmord verbunden. Studien, die dieses erhöhte Suizidrisiko zeigten, hielt die Firma Glaxo Smith Kline zurück.

Welche Aufgaben verfolgte das IQWiG unter Peter Sawicki?

Ursel Sieber: Die Aufgaben des IQWiG sind gesetzlich festgelegt. Das IQWiG soll den Nutzen von Medikamenten und Behandlungen bewerten - und sollte auch - das wurde später festgelegt, Kosten-Nutzen-Bewertungen anstellen, also die Kosten ins Verhältnis zu dem Zusatznutzen der Medikamente setzen.

Die Methode dazu war vom Gesetzgeber nicht genau vorgegeben und Peter Sawicki und die Mitarbeiter des IQWiG waren nicht bereit, das britische Modell der Kosten-Nutzen-Berechnung zu übernehmen. In England werden Leistungen nicht mehr bezahlt, wenn das dadurch gewonnene Lebensjahr etwa 30 000 Pfund übersteigt. So etwas wäre für Deutschland unvorstellbar. Die Industrie hat eine regelrechte Kampagne gegen Sawicki und das IQWiG entfacht, weil es das britische Modell nicht übernehmen wollte - dies sei der internationale Standard, behauptete der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller plötzlich.

"Sawicki wollte nicht diplomatisch sein"

Ich weiß aus Dokumenten, dass das vorgeschobene Argumente waren, dass diese Kampagne nur dazu dienen sollte, Sawicki und das IQWiG zu diskreditieren - im Ernst wollte die Industrie das nie. Es ist sehr interessant, nachzuvollziehen, wie eine solche Kampagne beginnt, wer sie steuert und wie Medien, Abgeordnete, Gesundheitsökonomen darauf hereinfallen oder sie mit begleiten.

Was hat die Lobbys an Peter Sawicki so gestört?

Ursel Sieber: Sawicki sagt über sich selbst, er sei "ein Systemunfall" gewesen. Seine Wünsche an die Industrie waren banal - aber sie passten nicht ins System. "Machen Sie patientenorientierte Studien, informieren Sie die Ärzte richtig und veröffentlichen Sie die Daten Ihrer Studien vollständig", sagte er kurz nach seinem Amtsantritt. Selbstverständlichkeiten eigentlich. Sawicki hatte die Gabe, einfache Wahrheiten so auszusprechen, dass sie alle verstehen - damit störte er jedoch das Marketing der Firmen. Hinzu kommt: Er ließ sich nicht "weich klopfen", er wollte auch nicht diplomatisch sein, wohl wissend, dass diplomatische Menschen politisch gelittener sind. Aus Unterlagen weiß ich, wie sehr das die Lobbyisten in der Industrie gestört hat.

Sawicki wollte, dass neue Behandlungen, Operationsverfahren, Bestrahlungen, Wundbehandlungen, an ausgewählten zuerst im Rahmen von kontrollierten Studien eingeführt und getestet werden. Dadurch fühlte sich die Lobby der Krankenhäuser in ihren Geschäften gestört - obwohl das für viele Kliniken auch Vorteile gebracht hätte - mit ihnen hätte sich Deutschland als Forschungsstandort profilieren können. Und den Patienten hätte es genutzt - so nehmen sie oft an ungeprüften Experimenten teil, ohne es zu wissen, wenn sie sich zum Beispiel mit einem Operationsroboter operieren lassen.

Wie wurde sein Abgang hintertrieben? Auf welche Weise wurde Sawicki in den Medien angeschwärzt? Was waren die offiziellen Gründe für die unterbliebene Verlängerung seines Arbeitsvertrages?

Ursel Sieber: Wenn man sich die Unterlagen genau ansieht - und das kann jeder tun, denn die Berichte der Wirtschaftsprüfer sind mittlerweile öffentlich im Netz verfügbar - dann stellt man fest, dass die sogenannte "Dienstwagenaffäre" vorgeschoben war. Selbst Informanten aus der Industrie haben darüber den Kopf geschüttelt und sich gefragt, wie der Vorstand der IQWiG-Stiftung Sawicki auf dieser Grundlage absetzen könne. Man hat ja so getan, als hätte Sawicki silberne Löffel gestohlen - dabei hatte er sechs Jahre lang auf einen ihm angebotenen Fahrer verzichtet und damit Versichertengelder gespart. Mir hat bei der Recherche der Chef eines großen Unternehmens gesagt: Wenn man jemand loswerden will, dann durchleuchtet man seine Reisekostenabrechnungen. Genau das ist geschehen.

"Rösler hat die Arbeit des IQWiG als Gefahr für den Standort Deutschland bezeichnet."

Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen hat da leider eine ungute Rolle gespielt. Zum Hintergrund muss man wissen: Sawicki war auch den Krankenkassen zu unberechenbar, zu unabhängig. Er hat Wert auf Distanz auch zu den Krankenkassen gelegt - das wurde ihm mit zum Verhängnis.

Welche Rolle fällt dem aktuellen Gesundheitsminister Phillip Rösler bei der Ablösung Sawickis zu?

Ursel Sieber: Ganz einfach: Das Bundesgesundheitsministerium hätte der Vertragsverlängerung zustimmen müssen und hat es nicht getan. Rösler selbst hat als Wirtschaftsminister von Niedersachsen die Arbeit des IQWiG - in einem Beschluss der Landeswirtschaftsministerkonferenz - als Gefahr für den Standort Deutschland bezeichnet. Diesen Beschluss hat im Übrigen der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller vorformuliert.

Was wird sich mit seinem Weggang ihrer Einschätzung nach ändern?

Ursel Sieber: Sawicki's Nachfolger ist ein Kritiker der gegenwärtigen Praktiken der Pharmaindustrie - der Bundesgesundheitsminister konnte es sich nicht leisten, einen pharmafreundlichen Nachfolger zu berufen, obwohl entsprechende Personen im Gespräch waren. Ändern werden sich wahrscheinlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen: Wenn vom Bundesgesundheitsministerium per Rechtsverordnung die Kriterien für die Nutzenbewertung aufgeweicht werden - das ist momentan so geplant - dann wird das IQWiG in gewisser Weise überflüssig, dann ist es schon fast egal, wer der Leiter ist. Vielleicht hätte sich Sawicki öffentlichkeitswirksamer dagegen gewehrt.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Hochwertiger Kaffee und Espresso aus Costa Rica: Die Telepolis-Edition für unsere Leser

Anzeige
Anzeige

Auf der Suche nach Planet 9

Hinweise auf einen neunten Planeten am Rand des Sonnensystems

SETI Dein Staat gehört Dir! Die Neurogesellschaft
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.