Baublockaden mit Löchern und Losung

23.09.2010

Die Satireseite Feldhamsterverleih.de nimmt den Artenschutz aufs Korn

Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch will, dass die Bundesregierung den Arten- und Naturschutz flexibler gestaltet. Aktueller Hintergrund dafür ist, dass eine Kammolch-Siedlung den Bau der A 44 zwischen Helsa Ost und Hessisch Lichtenau 50 Millionen Euro teurer macht. Jeder einzelne Molch, so rechnet der FDP-Politiker dem Bundeskabinett vor, kostet den deutschen Steuerzahler 10.000 Euro.

Die hessischen Molche sind allerdings bei Weitem nicht der einzige Fall, bei dem der Naturschutz aus dem Ruder gelaufen und jeder Verhältnismäßigkeit entzogen scheint. Auch den Bau der von den Bürgern gewünschten Dresdener Waldschlösschenbrücke verzögerte das Verwaltungsgericht nicht etwa wegen der Unesco, sondern wegen eines Eilantrages mehrerer Naturschutzverbände, die 650 Exemplare der Fledermaus "Kleine Hufeisennase" bedroht sahen. Allerdings kann der Bund diesem Zustand nur bedingt abhelfen: Grundlage für solche Probleme ist nämlich im Regelfall die EU-Richtlinie zu Fauna, Flora und Habitat (FFH). Sie ist ausgesprochen unflexibel und erlaubt praktische keine Abwägungen zwischen Rechtsgütern, wie sie das Grundgesetz eigentlich vorschreibt.

Tatsächlich gibt es mittlerweile so viele Beispiele für bizarre Auswirkungen dieser EU-Richtlinie, dass daraus die Satireseite Feldhamsterverleih.de entstand, die sich als "kompetenter Serviceanbieter in Sachen Blockade durch Naturschutz" gibt. Mit "günstigen Angeboten", so deren Betreiber, könne Feldhamsterverleih.de helfen, "unerwünschte Bauprojekte zu blockieren".

Feldhamster am Wiener Zentralfriedhof. Foto. Katanski. Lizenz: CC-BY-3.0.

Dazu muss man bei den Naturschutzbehörden nämlich nur den Eindruck erwecken, dass sich in dem Baugebiet ein geschütztes Tier oder eine geschützte Pflanze befinden könnte. Das Musterbeispiel dafür ist der Feldhamster (Cricetus cricetus). Er war ursprünglich eigentlich gar nicht hier heimisch, sondern stammt aus weiter östlich gelegenen Steppengebieten. Mit Rodung und Landwirtschaft breitete er sich aber auch in Deutschland aus. Weil er in seinen unterirdischen Bauten mehrere Kilogramm Getreide lagert, erwies sich der Feldhamster während der großen Inflation in den 1920er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg auch als eine Art Nutztier für hungernde Städter: Die machten nämlich die Wintervorräte des Nagers ausfindig und verputzten sie zusammen mit ihm selbst. In weniger kargen Zeiten fing man die nachtaktiven Kannibalen ihrer Pelze wegen, für die noch bis in die 1970er Jahre hinein Prämien bezahlt wurden.

Das Ausbringen eines einzelnen Feldhamsters, die Vorbereitung seines Baus, die Versorgung mit Futter und das Schreiben eines Leserbriefes kostet bei Feldhamster.de 292,50 Euro. Allerdings geht es auch billiger: Eine Feldhamsterbau-Imitation gibt es zusammen mit der wöchentlich aufgefrischten Ausbringung von Nagespuren und Kot für lediglich 99,90 Euro.

Spuren reichen ebenfalls beim Fischotter und bei der Ringelnatter. Für Mausohr, Kammmolch, Rotbauchunke, Fetthennen-Bläuling, Hauben-Azurjungfer, Hornisse, Königsfarn, Sand-Strohblume, Krebsschere und Sumpf-Johanniskraut ist dagegen eine tatsächliche Ausbringung des Tiers oder der Pflanze notwendig. Manche Tiere, wie etwa der 455,10 Euro teure Biber, müssen auch paarweise ausgesetzt werden.

Die Website wirbt auch mit Paketangeboten wie der "Moor-Packung", die einen "kombinierte[n] Einsatz der Produkte Hauben-Azurjungfer, Sumpf-Johanniskraut und Rotbauchunke" verspricht. Für die Mindestdauer von 10 Wochen kostet das Paket pro Woche 2428 beziehungsweise (mit eingeschränktem Einsatzgebiet) 1049 Euro.

An weiteren Serviceleistungen gibt es ein "Zusatz-Pressepaket" bei dem regionale und überregionale Zeitungen, Radios und Fernsehsender informiert und insgesamt 12 Leserbriefe in 3 Monaten geschrieben werden. Außerdem will man im Rahmen dieses für 199,00 beziehungsweise 178,00 Euro angebotenen Pakets die "namhaften Naturschutzverbände" von dem angeblichen Vorkommen unterrichten.

Im 189,00 beziehungsweise 175,00 Euro teuren "Protestpaket" werden "mehrmotivige Protestbanner und Standtafeln" angebracht, sechs "empörte Leserbriefe" in zwei Monaten geschrieben und eine Petition an die Landesbehörden eingebracht. Das 119,30 beziehungsweise 110,50 Euro teure "Zusatz-Protestpaket" beinhaltet die "Verbreitung von 300 Protest-Handzetteln", eine Petition auf Bundesebene sowie die "Unterrichtung europäischer Naturschutzgremien".

Das "Kompetenzzentrum" von Hamsterverleih.de informiert sich über das Gebiet und die geplanten Baumaßnahme und empfiehlt dann Produkte, die infrage kommen. Von einem Einsatz außerhalb der "natürlichen Verbreitungsräume" rät der FHV schon auf der Website ab, "Randgebiete", so der Verleih, "können allerdings problemlos einbezogen werden." Zur Frage der Legalität heißt es in den FAQs, dass man "lediglich bestehende Naturschutz- und Artenschutzgesetze und -vorschriften" ausnutze.

Dank "erfahrener Experten für Biologie und Rechtswissenschaften" wirbt der Dienst mit einer "Erfolgsrate" von über 92,3 Prozent, die bei Autobahn- und Stromtrassenprojekten sogar noch höher liege. Weil die Produkte nicht "der Natur entnommen", sondern gezüchtet würden, so der FHV, sei "sichergestellt, dass unsere Produkte in gleichbleibender Qualität [...] geliefert werden können."

Der satirische Charakter des Angebots wird den meisten Lesern spätestens dann klar, wenn sie lesen, dass alle Säugetiere und Reptilien mit GPS-Chips ausgestattet sind, damit sie "nach Ende der Aktion oder Ablauf der Mietzeit wieder aus dem Einsatzgebiet entfernt" werden können."

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