"Beine breit und los!"

25.09.2010

Uwe Boll - der Humanist mit dem Holzhammer?

Dr. Uwe Boll, der Wermelskirchener Regiegigant von eigenen Gnaden, hat für sein bisheriges Wirken in der Filmbranche viel Spott und Hohn geerntet, obwohl die Produktionen der "Boll KG", laut Selbstauskunft "Weltmarktführer in der Verfilmung von Videospielen", durchaus einträglich für die Investoren gewesen sein müssen, sonst wäre es nicht zu erklären, da Boll immer wieder gut eingeführte Marken wie FarCry oder House Of The Dead zur Verfilmung angetragen werden. Inwieweit dabei der kalkulierte Verlust zu Zwecken der steuerlichen Abschreibung eine Rolle spielt, ist eine andere Geschichte, Boll jedenfalls wurde als der seltsame Deutsche bekannt, der eine Spielverfilmung nach der anderen in die Kinos bringt, die den jeweiligen Fans der Franchise jedoch zuverlässig die Zornesröte ins Gesicht treibt. Viele seiner eigenen Fans lieben eher ihn selbst und dabei vor allem sein ungebremstes Sendungsbewusstsein. Sie sehen seine Filme am liebsten mit den legendären Regiekommentaren, in denen der Meister nicht nur sein neuestes Oeuvre erklärt, sondern auch seinen im Tonstudio selbstverständlich anwesenden Hund zusammenstaucht, wenn er nicht gerade überzeugend und glaubhaft den Popanz gibt und sowieso alles viel besser kann als die ganzen etablierten Hollywood-Nullen.

Sehr beliebt ist auch seine Angewohnheit, die schlimmsten Banausen unter den Filmkritikern in den Boxring zu bitten. So mancher Kollege hielt das Ganze noch für einen Promoscherz, als sich sein bereits bläulich verquollenes Gesicht schon mit rasanter Geschwindigkeit dem Ringboden näherte. Wer hätte auch gedacht, dass Raging Boll nicht nur Doktor und Regisseur ist, sondern auch langjähriger Vereinsboxer.

dr. Uwe Boll. Foto: Jeff Hitchcock. Lizenz: CC-BY-2.0.

Seinen Ruf als "schlechtester Regisseur aller Zeiten" (ein Titel, der auch schon Legenden wie Ed Wood oder Jess Franco nachgetragen wurde und damit nicht zwangsläufig eine Beleidigung darstellt) hatte sich Boll bereits mit seinen ersten, im Horrorgenre angesiedelten Videospielverfilmungen House Of The Dead und Alone In The Dark eingehandelt, die mit seltsam greller Machart und schier unerträglichen Kalauern (Jürgen Prochnow spielt in "HOTD" einen Captain namens Kirk...) die meisten Fans der zugrunde liegenden Games wie des Gruselfilmgenres zutiefst verärgerten.

Andererseits kamen die beiden Werke in Hollywood offensichtlich so gut an, dass in der nun folgenden, aus Dungeon Siege und den BloodRayne-Filmen bestehenden und somit dem Fantasygenre zuzurechnenden Boll'schen Schaffensperiode tatsächliche Filmstars wie Jason Statham oder Ray Liotta in Strumpfhosen oder prunkvollen Brokatgewändern durch die Märchenfilmkulissen stolpern. Einen großen Mimen wie Ben Kingsley und den Trash-Titanen Udo Kier in einem Film (der erste BloodRayne-Teil) zusammenzuspannen, ist selbstverständlich eine beachtliche Leistung des Produzenten Boll - als Regisseur jedoch wurde er auch für diese Werke von den Kritikern vornehmlich hart abgestraft.

Mit seinem 2007 realisierten, nicht auf einem Videospiel beruhendem Film Seed zeigte Boll, dass er auch unangenehm werden kann. Als "brutalster und härtester Film überhaupt" angekündigt, verstörte das Werk schon mit den als Vorspann verwendeten Archivaufnahmen von absolut unerträglichen Tierquälereien den größten Teil des Zielpublikums - die später folgende, minutenlange Sequenz, in der der Kopf einer an einen Stuhl gefesselten Frau in quasidokumentarischen Detailaufnahmen mit einem Hammer zu Klump geschlagen wird, ließ sogar relativ unempfindliche Gemüter wie den für die Effekte zuständigen bayerischen Splatterguru Olaf Ittenbach schwer schlucken. Noch heute grübelt die Fachwelt, ob sich Boll hier einfach an die grassierende Folterhorror-Welle um die Saw- und Hostel-Filme hängen oder am Ende doch einen bösen Kommentar zu eben diesem Trend abgeben wollte, wie er in diversen Interviews immer wieder andeutete.

Eine ähnlich unangenehme Wirkung entfaltete das 2009 entstandene Werk Siegburg, eine kammerspielartige, über weite Strecken improvisierte Annäherung Bolls an den Fall Hermann H., der 2006 von den Mitinsassen seiner Gefängniszelle stundenlang gefoltert, erniedrigt und letzten Endes zu Tode gequält wurde. Der Film gilt als Bolls bislang bestes Werk, was nicht nur an der eindrucksvollen Leistung der ausgezeichneten Besetzung um Edward Furlong festzumachen ist.

Auch Rampage, Boll's unlängst bei Splendid in scharf zensierter Form erschienenes "Actiondrama", das von den bekannten Amokläufen der letzten Jahre zwischen Littleton, Erfurt und Winnenden inspiriert wurde, drückt Bolls Unbehagen angesichts eines reellen gesellschaftlichen Phänomens aus.

Angesichts der Kritik, die Boll allein auf der formalen Ebene für sein bisheriges Gesamtwerk entgegenschlug, kommt man nicht daran vorbei, mit einem gewissen Staunen festzustellen, dass Rampage wiederum mit einer gestalterischen Souveränität umgesetzt wurde, die man dem umstrittenem Regisseur kaum zugetraut hätte. Siegburg war also keine aus Versehen entstandene Ausnahmeleistung, sondern der erste Beweis, dass Boll neben trashigem Actionradau auch ernsthaftes Kino drehen kann.

Wir beobachten also den von Brendan Fletcher gekonnt als mittelmäßig unsympathischen Typen gespielten Bill, der mit 23 noch bei seinen Eltern wohnt, in der Tankstelle jobbt und ab und an mit seinem Grunge-Kumpel in den naheliegenden Wäldern dem Paintball-Spiel nachgeht. In eindrucksvollen Bildern von rasenden Gewaltausbrüchen am Boxsack wird uns vor Augen geführt, dass der junge Mann ein ungeheures Aggressionspotenzial aufbaut. Auch bei Wartung und Pflege eines imposanten Waffenarsenals, mit dem ein ambitioniertes Putschistenkommando in der durchschnittlichen Bananenrepublik wahrscheinlich einen Regierungswechsel herbeiführen könnte, und beim Basteln einer kugelsicheren Rüstung, die wie eine Mischung aus Black-Ops-Sturmmaskendress und Blechsamurai aussieht, dürfen wir ihn beobachten.

Boll begeht im stilistisch eher an Autorenfilme gemahnenden, das spätere Debakel zielstrebig vorbereitenden ersten Drittel nicht den Fehler, uns Bill in Situationen zu zeigen, die sein späteres Agieren als Massenmörder halbwegs nachvollziehbar erklären würden - ihm widerfahren eigentlich nur die ganz alltäglichen Nervereien und Lieblosigkeiten von geizigen Vorgesetzten, mies gelaunten Bedienungen oder distanziert oberflächlichen Eltern.

Als nun der Zeitpunkt für Bills Amoklauf gekommen ist, schaltet Boll mit erstaunlicher Kaltschnäuzigkeit auf eine zeittypische Actioninszenierung um, während sein Protagonist beginnt, durch die Straßen der Kleinstadt zu marschieren und unterschiedslos alles niederzumachen, was ihm vor den Gewehrlauf kommt. Gut vorbereitet jagt Bill zunächst einmal die Polizeiwache in die Luft, um im weiteren Verlauf auf möglichst wenig kompetenten Widerstand zu stoßen.

Was nun folgt, ist für Viele ähnlich unerträglich wie die berüchtigte Szene aus Seed. Die nächste Dreiviertelstunde besteht mehr oder weniger aus einem einzigen, gigantischen Massenmord - Boll inszeniert das Geschehen einwandfrei, aber, und das verleiht dem Film eine ganz eigene abscheuliche Note, er inszeniert das Gemetzel, als würde er gerade eine Hommage an John Woo in dessen Zeiten als Heroic-Bloodshed-König drehen.

Auch wenn man davon ausgehen kann, dass Boll nicht so menschenverachtend ist, dass er die diversen Amokläufe der letzten Jahre als Thema für einen exzessiven und äußerst gewalttätigen, aber letztendlich banalen Actionreißer sieht, ist diese filmische Aufbereitung der zugrunde liegenden Irrsinnstaten sehr riskant; auch weil das Geschehen immer mehr einem ziemlich obskuren Twist zustrebt, der zwar überrascht, jedoch auf eine Weise, die das Gefühl vermittelt, dass Boll zum Finale mit dem Hintern das einreißt, was er vorher mit den Händen, in diesem Falle einer Kombination aus gekonnter Inszenierung und unerbittlicher Härte, als Möglichkeit der Interpretation aufgebaut hatte. Schon während des Abspanns beschleicht einen das Gefühl, dass eines Tages, bei der Durchsuchung vom Kinderzimmer des neuesten Amokläufers, dieser Film neben dem obligatorischen Exemplar von Counter-Strike liegen wird. Ein Eindruck, der von Foreneinträgen wie "Rampage!, Godlike!, Wicked Sick!, Unstoppable! M-M-M-Monster Kill! Kill! Kill!... " verstärkt wird.

Ende Oktober erscheint Bolls nächstes Werk. Wie schon angesichts des Titels Darfur zu befürchten war, will der Meister seiner neuen Linie treu bleiben - der Film verspricht, die Massenmorde der Darfurkrise "so drastisch und explizit, wie man es auf der Leinwand in dieser Form und Intensität zuvor noch nicht gesehen hat" darzustellen. Wie man hört, sollen "echte Vergewaltigungopfer" die schlimmsten Momente ihres Lebens für den Film nachgestellt haben. Gut, dass ein sensibler Mensch wie Uwe Boll die Kontrolle über das Geschehen hatte:

Da kann man nicht emotional werden, sondern muss als Regisseur neutral bleiben. Die Frau, die im Film vergewaltigt wird, die war nach dieser Szene völlig fertig. Deshalb kann ich als Regisseur aber nicht einfach sagen 'Das drehen wir anders, weil das so zu schlimm ist'. Da heißt die Anweisung ganz klar: 'Beine breit und los'.

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»So, Freunde, hier ist jetzt alles egal«

Stefan Höltgen 23.09.2007

Uwe Boll versucht mit seinem neuen Film "Postal" eine Satire auf alles

Die Filme von Uwe Boll sind oft von einer hartnäckigen Impertinenz ihres Regisseurs geprägt, die in jeder Einstellung ein "Ist mir doch egal, was ihr denkt" transportiert. Mit "Postal" geht Boll nun zurück zu seinen "komödiantischen" Wurzeln und versucht die "Schere im Kopf" seiner Zuschauer zu beseitigen. Sein Ziel: jedes Tabu brechen aber impertinent bleiben.

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