Al-Qaida und der Uran-Boom in Afrika

Frankreich jagt Al-Qaida-Mitglieder, die Arbeiter einer ihrer Uran-Minen in Niger entführten

Seit einer Woche bombardiert die mauretanische Luftwaffe in Mali Stellungen von Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Auch Bodentruppen sollen immer wieder in schwere Kämpfe mit den Islamisten verwickelt sein. Hauptsächlich in der Gegend um die Stadt Timbuktu. Bisher sollen 12 AQIM-Mitglieder und 15 mauretanischen Soldaten getötet worden sein.

Der mauretanische Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz leitete aus dem Militärhauptquartier in der Hauptstadt Nouakchott persönlich den Einsatz bei einem fünfstündigen Feuergefecht. Pressemeldungen zufolge kamen bei den Bombardements der Luftwaffe auch Zivilisten ums Leben. l Mit von der Partie bei der Jagd auf Terroristen sind französische Truppen. Mauretanien dementierte zu Anfang, aber Frankreich schickte zwischen 300 und 400 Mann als Unterstützung der mauretanischen Streitkräfte.

Das ist der zweite Einsatz französischer Spezialeinheiten in Afrika innerhalb von nur kurzer Zeit. Erst am 22. Juli waren Elitekommandos in Mali unterwegs, um Michel Germaneau zu befreien, der im April von AQIM in Niger entführt worden war. Die Soldaten stürmten ein Terroristencamp unweit der Grenze Mauretaniens und töteten angeblich sechs Islamisten. Nur die 78-jährige französische Geisel war nirgends zu finden. Eine misslungene Aktion, die sich für Präsident Sarkozy zu einem medialen Desaster ausweitete. Zuerst gab AQIM als Reaktion auf den Befreiungsversuch die Hinrichtung Germaneaus bekannt. Danach bezweifelten Nachrichtenagenturen die offizielle Version der Ereignisse in der Sahara.

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Die sechs toten Terroristen seien in Wirklichkeit Schmuggler gewesen und der Überfall auf deren Lager nur ein Ablenkungsmanöver. Die eigentliche, nicht minder erfolglose Operation habe bei der Stadt Tessalit, Nahe der Grenze zu Algerien, stattgefunden und das unter Mithilfe algerischen Militärs. Obendrein mussten die französischen Behörden eingestehen, dass der schwer herzkranke Michel Germaneau aller Wahrscheinlichkeit nach bereits vor dem Kommandounternehmen tot war .

"Frankreich ist im Krieg mit Al-Qaida", sagte der französische Premierminister Francois Fillon und wirkte fast erzürnt als er versprach, den "Kampf gegen die Terroristen zu intensivieren". In Paris war man verärgert wie selten zuvor. Offensichtlich war man falschen Informationen über Michel Germaneaus Verbleib und der seiner Entführer aufgesessen. Informationen, die nur von Algerien stammen konnten, mit dem Frankreichs Militär und Geheimdienst kooperiert hatte. "Die Franzosen konnten diese Aktion auf fremdem Territorium sicherlich nicht alleine durchführen und waren auf Algerien und seinen Geheimdienst angewiesen", meint Jeremy Keenan, Professor an der Schule für orientalische und afrikanische Studien der Universität London (Im Gewirr von Geheimdiensten und Terrorgruppen). Das Problem dabei ist nur, wie der britische Akademiker und Buchautor anfügt: "Der algerische Geheimdienst ist seit Jahren in die Aktivitäten von AQIM verwickelt, gerade bei Entführungen." Die Anführer der Kidnapper und jeweils ein oder zwei seiner Unterchefs hätten Beziehung zum Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS).

Angesichts dieses Beziehungsgeflechts zog Frankreich offensichtlich Konsequenzen gezogen. Beim aktuellen Militäreinsatz in Mali gibt es keine Zusammenarbeit mit algerischen Behörden. Stattdessen setzt man auf Mauretanien, das zusammen mit Mali und Niger "die Monopolisierung des Anti-Terror-Kampfes durch Algerien" kritisierte.

Parallel zur Terroristenjagd in der malischen Wüste suchen französische Aufklärungsflugzeuge die sieben Mitarbeiter des staatseigenen Energiekonzern Areva und der Baufirma Vinci. Sie waren am vergangenen Donnerstag im Norden Nigers entführt und offenbar nach Mali verschleppt worden. Diese Woche bekannte sich AQIM zum Kidnapping. In einer Audiobotschaft pries der AQIM-Sprecher Salah Abi Mohammed "die heroischen Mujahedin unter dem Kommando von Scheich Abou Zaid, denen es gelungen ist, in die Minenanlage bei Arlit einzudringen". Es ist ausgerechnet wieder Abou Zaid, den die französischen Eliteeinheiten, neben der anderen Figur im Kidnappingbusiness Mokhtar Benmokhtar, vor drei Monaten in Mali vergeblich gesucht hatten.

Frankreichs Atomstrom hängt vom Niger ab

Die neue Entführung der Minenarbeiter trifft die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs für die nicht nur Niger, sondern die gesamte Sahel-Zone mit ihren reichhaltigen Erdöl-, Mineralien- und Uranvorkommen zu "den vier wichtigsten Regionen" zählt. Präsident Nicolas Sarkozy legte dies bereits 2008 in seinem Weißen Buch zu Verteidigung und nationalen Sicherheit fest.

Aus Niger, das zu den fünf größten Uranproduzenten der Welt zählt, bezieht Frankreich ein Viertel der insgesamt 12.400 Tonnen Uranoxids, das die 58 Atomkraftwerke der Republik jährlich verbrauchen. Damit produzieren sie 78 Prozent der gesamten Elektrizität des Landes und einen Überschuss, der Frankreich zum größten Exporteur von Elektrizität macht. Jahresgewinn: über 3 Milliarden Euro.

In Niger fördert Areva Uran seit 40 Jahren. Die staatseigene Firma unterhält bisher zwei Minen. Eine bei Arlit, die andere nicht weit davon entfernt bei Akokan. Etwa 80.000 Menschen leben in beiden Städten. Die Straßen sind ungeteert, die Häuser aus rotem Lehm gebaut. Für 2013 oder 2014 ist eine weitere Mine in Imouraren geplant, die jährlich 5000 Tonnen fördern soll. Dazu sind Investitionen in Höhe von 1,2 Milliarden Euro nötig. Vom steigenden Uranexport, der zwischen 2,4 und 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, bleibt für Niger, das zu ärmsten Ländern der Welt zählt, nicht viel. 2006 erzielte Areva einen Produktionswert von 100.000 Tonnen. Vom Gesamtverkaufserlös in Höhe von 2.300 Milliarden CFA Francs hatte die nigersche Regierung 300 Milliarden erhalten.

Energie aus "schmutzigem" Uran

Auf gesundheitliche Folgen der Uranproduktion für die Bevölkerung Nigers wird kaum Rücksicht genommen, wie Berichte von verschiedenen Umweltorganisationen nahe legen. Luft, Wasser und Böden sind radioaktiv verseucht, es gibt unerklärlich tödliche Krankheiten. Bei einer Untersuchung von Greenpeace wurden in Arlit und Akokanzu 500 Mal zu hohe Strahlenwerte festgestellt. Die französische Umweltorganisation CRIIRAD (Kommission für unabhängige Untersuchung und Information von Radioaktivität) fand verseuchtes Trinkwasser, 20 Millionen Tonnen von karzinogenen radioaktiven Abfällen, die Open Air gelagert war und auf Märkten wurden radioaktive Arbeitsmaterialen und Metalle aus den Minen verkauft.

Die Liste der Länder des afrikanischen Kontinents ist lang, in denen der Areva-Konzern zusätzlich noch im Urangeschäft tätig ist. Entweder wird dort schon gefördert oder man ist auf der Suche nach neuen Minen: Algerien, Zentral Afrikanische Republik, Demokratische Republik Kongo, Gabun, Libyen, Marokko, Mauretanien, Südafrika, Tansania. Einigen dieser Staaten, wie Algerien, Marokko und Südafrika, hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy in den letzten Jahren auch den Bau von Atomkraftwerken angeboten.

Um die Uran-Ressourcen in Afrika und dem Verkauf neuer Atomanlagen gibt es starke Konkurrenz. Russland sucht in Somalia, Nigeria oder Ägypten nach neuen Uranlagern und kooperiert mit China für eine gemeinsame Ausbeutung der Uranvorräte in Afrika. Die chinesische Uran Corporation, die zur größten Atomkraftwerksbaufirma Chinas gehört, hat mit dem China-Afrika-Entwicklungsfond einen langfristigen Vertrag über Investment und Uran-Förderung abgeschlossen. Für Rianne Teule von Greenpeace ist es "eine neue Phase des Kolonialismus. Viele Länder Afrikas öffnen die Tore für Uranförderung, aber es sind keine afrikanischen Firmen, die die Ressourcen ausbeuten, sondern chinesische, kanadische oder französische."

Zurzeit sind 439 Reaktoren weltweit in Betrieb. 142 sind in Planung. 53 davon befinden sich bereits im Bau, wovon alleine 20 in China Elektrizität erzeugen werden. Der Bedarf an Uran steigt. Nächstes Jahr startet der Uranabbau in "The Cigar Lake"-Mine in Saskatchewan, Kanada, mit den größten Vorkommen weltweit. Der "Zigarrensee", der Areva und der kanadischen Cameco gemeinsam gehört, ist eine von insgesamt acht neuen Minen, in denen in den kommenden 12 Monaten mit dem Uran-Abbau begonnen wird.

Mit den Umweltbedenken scheint es offensichtlich vorbei zu sein. Atomenergie ist wieder in und vor allen Dingen profitabel bei billigen Ressourcen in Ländern der Dritten Welt. Wahrscheinlich braucht erst wieder ein neues Tschernobyl, um die Risiken aufzuzeigen. Bis es soweit ist, liegt die Regierung der Bundesrepublik jedoch noch weiterhin voll im Trend mit ihrem Wunsch, die Laufzeit für deutsche Atomkraftwerke zu verlängern.

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