"Deutschland hat weltweit das ungerechteste Schulsystem"

19.01.2011

Interview mit Rolf Jüngermann über die Tücken des deutschen Bildungssystems - Teil 2

Mit den sozialen Biologismen von Thilo Sarrazin werden die katastrophalen Folgen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems erklärt, ohne dessen Krisen und die ihnen vorauseilende neoliberale Politik als entscheidende Faktoren für die aktuellen sozialen Verwerfungen und geistigen Verelendungstendenzen benennen zu müssen. Doch auch Politiker, die als Antwort auf die Demagogie des ehemaligen Berliner Finanzministers die Bildung ins Feld führen, sind sich eines wesentlichen Grunds für die rasante Zunahme von Armut und Reichtum gleichfalls nicht bewusst: den sozialen Selektionsmechanismen des deutschen Schulsystems. Der Platz auf der sozialen Stufenleiter hängt weniger von Intelligenz und Arbeitseifer der Menschen ab als von ihrem Bildungsabschluss - der jedoch wird deutlich durch die soziale Ausgangslage und den Bildungsgrad der Eltern bestimmt. Wahr ist also an Sarrazins Thesen, dass die Plätze an der sozialen Sonne gewissermaßen vererbt werden. Das aber liegt weniger an den Genen als am Bildungssystem, welches grundlegend reformiert werden müsste, um Ansätze von Chancengleichheit zu gewähren.

Zu Teil 1 des Interviews: Geschlossene Gesellschaft

Welche Auswirkung hat der "gymnasiale Habitus" auf Kinder so genannter bildungsferner Schichten?

Rolf Jüngermann: Ich möchte das hier aus Platzgründen nur an einer der zehn Komponenten des gymnasialen Habitus deutlich machen. Von besonderer Bedeutung - gerade in den ersten Klassen - ist das was, man gemeinhin die Sprachbarriere nennt. Die Institution Gymnasium hat die dort tätigen Lehrer tiefer geprägt, als es irgend eine andere Institution mit ihren Beschäftigten vermag, sind diese doch ein über neun Jahre selbst erzogenes, geprüftes und akzeptiertes Produkt gerade jenes Systems, an dem sie nun tätig sind, und sie haben bis auf die Jahre an der Hochschule meist ihr ganzes Leben ab dem zehnten Lebensjahr dort zugebracht. Das hat weitreichende Konsequenzen - darunter die, dass hier geradezu ideale Bedingungen für die ständige unkritische Selbstperpetuierung des Systems vorliegen.

Aber auch ein deutlicher Mangel an kritischer Distanz zum eigenen Sprachgebrauch und Sprachniveau hat hier seinen Ursprung. Das Bewusstsein für das ganze Ausmaß der Verständnisprobleme von Schüler mit "restringiertem Code" und der Wille und die Fähigkeit, damit angemessen umzugehen, sind oft kaum oder gar nicht vorhanden - mit gravierenden negativen Rückwirkungen auf die Unterrichtserfolge bei Kindern aus mehr oder weniger bildungsfernen Elternhäusern, die bekanntlich nicht nur den "elaborierten Code" der Lehrer nicht selbst aktiv benutzen können, sondern auch mit dem passiven Verständnis desselben große Probleme haben bzw. glatt daran scheitern. Für sie erfolgt der Unterricht am Gymnasium, auch wenn er auf Deutsch stattfindet, im Grunde in einer Fremdsprache.

"Leistungs- und Elitedenken beruhen vor allem auf Blindheit gegenüber der sozialen Ungleichheit der Bildungschancen"

Eine chronische pädagogische Beziehungskrise, die sich in wachsender Schulunlust und oft auch in einem weitgehenden Verstummen dieser Kinder im Unterricht manifestiert, ist die Folge der nicht zu bewältigenden Konfrontation mit der fremden, Schrecken einflößenden Welt des Gymnasiums und diese Krise ist mit den zur Verfügung stehenden pädagogischen Mitteln ("Er müsste sich mehr am Unterricht beteiligen") nicht zu lösen.

Inwiefern werden soziale Benachteiligungen in den Gymnasien den Schülern selbst aufgebürdet und damit individualisiert?

Rolf Jüngermann: Die Folgen werden allein dem Kind aufgebürdet. Aus einem Verständigungsproblem wird unter der Hand ein Leistungsproblem, aus einem sozialen und politischen Problem wird ein individuelles gemacht: ein Begabungs-, ein Intelligenz-, ein genetisches Problem - womit wir wieder bei Herrn Sarrazin sind. Vor diesem Hintergrund wird erkennbar, dass Begabungsideologie, Leistungs- und Elitedenken vor allem auf Blindheit gegenüber der sozialen Ungleichheit der Bildungschancen beruhen, dass sie in einem naiven Spontanverständnis wurzeln, das die Institution Gymnasium so versteht, wie sie verstanden werden will.

Positive Selektion

Und zu der negativen Selektion als Entsorgungsverhalten gegenüber Schülern ohne Stallgeruch gesellt sich dann auch noch die positive Selektion. Schüler mit dem "richtigen" sozialen Hintergrund, mit dem "richtigen Auftreten", die jener klammheimlichen Idealfigur eines deutschen Gymnasialschülers - dem "kultivierte(n) Sohn aus gutem Hause, der sein Wissen mühelos erworben hat und, seines Heute und Morgen gewiss, mit distanzierter Eleganz auftreten und das Risiko der Virtuosität eingehen kann" (Bourdieu/Passeron 1993, S.42) - nahe kommen, werden mehr oder weniger offen und bewusst versorgt - mit Zuspruch, verständnisvollem Umgang, Insiderwissen, guten Tipps und guten Noten.

Sind denn diese Selektionsmechanismen Ihrer Einschätzung nach bewusst entwickelt worden, um Kinder sozial benachteiligter Gruppen noch einmal zu benachteiligen? Gibt es also einen Klassenkampf im Klassenzimmer?

Rolf Jüngermann: Der Klassenkampf ist im Schulwesen allgegenwärtig und die Institution Gymnasium ist nach wie vor die schärfste Waffe in dieser Auseinandersetzung. Die schichtenspezifische Wirksamkeit des gymnasialen Habitus liegt auf der Hand. Er trifft zwar nicht ausschließlich, aber doch mit besonderer Härte vor allem jene Schüler, denen er auf Grund ihres sozialen Hintergrundes als etwas völlig Fremdes gegenüber tritt. Mag die eine oder andere Komponente durchaus auch Gymnasialschüler aus anderen Schichten in der vollen Entfaltung ihres Leistungspotenzials behindern, mögen inzwischen bereits auch die eher konservativen Eltern zumindest frustriert sein, dass auch ihre Kinder zunehmend unter einen immensen Druck geraten, so trifft doch die Kumulation mehr oder weniger aller Komponenten des gymnasialen Habitus vor allem die Kinder der sogenannten bildungsfernen Schichten, insbesondere die Kinder der "A-Klasse". Damit wird deutlich, dass es sich hier um ein gewolltes Verfahren zur Durchsetzung von Klasseninteressen handelt.

Es ist sicher zutreffend, dass der gymnasiale Habitus nicht ausschließlich an Gymnasien zu finden ist. Die eine oder andere Komponente - wie z.B. den Frontalunterricht - wird man durchaus auch an anderen Schulen vorfinden. Das Gymnasium jedoch ist der Ort, wo dieses ganze Ensemble schulischer Verhältnisse zum Wesen einer fest gefügten Institution gemacht wurde. Es wurde bewusst und gezielt als strukturelle Gewalt der Funktionsweise einer eigenen Schulform installiert, als Medium sozialer Selektion über viele Generationen weiterentwickelt, den Zeitläufen angepasst und bis heute verbissen verteidigt wird.

Das heißt natürlich keineswegs, dass diese Funktion vom pädagogischen Personal des Gymnasiums auch ganz bewusst und gezielt wahrgenommen und durchgesetzt wird. Im Gegenteil ist festzuhalten, dass nicht wenige Gymnasiallehrer (durchaus unterschiedlicher politischer Couleur) diese Verhältnisse durchschauen und missbilligen. Sie sind bemüht, sich den objektiven Zwängen ein Stück weit zu entziehen, sie wo immer möglich zu unterlaufen und setzen ihren besonderen Ehrgeiz in die Förderung der noch nicht "bereinigten" Aschenputtel, Underdogs und Problemschüler. Und es gibt sicherlich nicht wenige Gymnasien, wo diese Kräfte einen bedeutenden Anteil des Kollegiums ausmachen.

"In Deutschland besteht die stärkste Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft, Kompetenzerwerb und Schulerfolg"

Zwar können die Schulen und die dort tätigen Lehrer auf Dauer nicht gerechter sein, als die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und die daraus erwachsenen rechtlichen Regelungen es erlauben, jedoch macht es einen entscheidenden Unterschied, ob man sich den herrschenden Gewaltverhältnissen widerstandslos fügt, womöglich gar zu deren Apologeten und Ideologen wird, oder aber diese radikal kritisiert und bekämpft, auch wenn man im beruflichen Leben daran gefesselt bleibt.

Im PISA-Bericht aus dem Jahre 2000 schneidet Deutschland in puncto Bildungspolitik bedenklich schlecht ab. Können Sie die Ergebnisse kurz referieren - und was hat sich seitdem geändert?

Rolf Jüngermann: Die Ergebnisse der Studie lösten in Deutschland einen Schock aus, der bis heute nicht wirklich überwunden ist. Es zeigte sich u.a., dass knapp 25% der 15-Jährigen hinsichtlich ihrer Lesekompetenz zu den sog. Risikoschülern zählten, d. h., dass ihre Kompetenzen im Verstehen von Texten so schwach entwickelt waren, dass sie für das erfolgreiche Durchlaufen einer beruflichen Ausbildung vermutlich nicht ausreichen werden. Das war ein im internationalen Vergleich absolut beschämendes Ergebnis.

Mindestens ebenso peinlich und überraschend war die Erkenntnis, dass frühe Selektion und gymnasiale Exklusivität keineswegs zu einer besonders großen Leistungsspitze, sondern nur zu internationalem Durchschnitt führen. In Finnland mit seinem integrierten Schulsystem etwa gibt es mit knapp 16 % prozentual fast doppelt so viele Schülerinnen und Schüler im obersten Kompetenzbereich wie in Deutschland.

Als der deutschen Bourgeoisie bei der Rezeption der PISA-Ergebnisse zum ersten Mal dämmerte, dass das gegliederte Schulwesen eben nicht nur den Kindern aus bildungsfernen Schichten und vor allem den Kindern der A-Klasse nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügt - das war allen Beteiligten sowieso schon immer klar und entsprach ja gerade ihren Absichten -, sondern möglicherweise auch die Entwicklung des eigenen Nachwuchses eher negativ beeinflusst, da machte sich zum ersten Mal wirklich Unsicherheit breit. Es begannen auch viele bis dahin im Glauben feste Gymnasialeltern zum ersten Male besorgt nachzufragen, ob denn nicht vielleicht doch etwas dran sein könnte an der Idee der einen Schule für Alle.

Fürs erste ist es den gymnasialen Hardlinern noch einmal gelungen, die Unruhe in den eigenen Reihen weitgehend aufzufangen und durch eine Flucht nach rückwärts über eine verschärfte Profilierung des Gymnasiums eigenen Reformeifer zu simulieren. (Vermutlich hofft man, durch Homogenisierung der gymnasialen Schülerpopulation und Verbesserung der Begabtenförderung mittelfristig soviel Boden gut machen zu können, dass wenigstens diese Leistungsgruppe bei den nächsten internationalen Tests wieder in Spitzenpositionen vorstößt.)

Das wohl größte Aufsehen hat jedoch der Umstand erregt, dass Deutschland das weltweit ungerechteste Schulsystem hat. In Deutschland besteht von allen an der Studie teilnehmenden Ländern die stärkste Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft, Kompetenzerwerb und Schulerfolg und die größte Leistungsdifferenz zwischen starken und schwachen Schülerinnen und Schülern.

"Fehlanzeige für Chancengleichheit im deutschen Schulsystem"

Schließlich wurde auch klar belegt, dass sich zwischen sog. "statistischen Zwillingen" gleicher Intelligenz, gleicher Kompetenz und gleicher sozialer Herkunft bis zum Alter von 15 Jahren eine erhebliche Leistungsdifferenz auftut, je nachdem welcher Schulform sie nach der Grundschule zugewiesen wurden. Besuchten sie ein Gymnasium, so lag ihre Lesekompetenz um durchschnittlich 49 Punkte über denen der Hauptschüler. Das entspricht einem Lernvorsprung von ca. eineinhalb Schuljahren.

Die große Leistungsstreuung am Ende der Vollschulpflicht wird also mindestens zum Teil überhaupt erst durch die gegliederte Struktur unseres Schulwesens in der Sekundarstufe 1 erzeugt, zumindest aber verstärkt, weil Kinder, die bereits durch ihre soziale Herkunft aus Migranten- oder Arbeiterhaushalten bildungsbenachteiligt sind, ein weiteres Mal durch die Zuweisung zu den lernschwierigen und oft eher anregungsarmen Milieus der Haupt- und Sonder-/Förderschulen benachteiligt werden.

Mit Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse war also klar und wurde mit jeder neuen Studie bestätigt: Fehlanzeige für Chancengleichheit im deutschen Schulsystem. Davon betroffen sind vor allem Kinder aus Arbeiterhaushalten und in hohem Maße die Migrantenbevölkerung bei der sich sogar die Schulleistungen verschlechtern, je länger sie sich in Deutschland aufhält. Eigentlich unglaublich - aber Fakt: Die sogenannte zweite Migrantengeneration, deren Eltern bereits das deutsche Schulsystem durchlaufen haben und die zu großen Anteilen wegen schlechter Deutschkenntnisse die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen besuchen, haben einen größeren Leistungsrückstand gegenüber ihren einheimischen Mitschülern als die sogenannte erste Generation, die als erste Generation in der Familie eine deutsche Schule besucht hat. Diese "zweite Generation" hat im Vergleich zu den einheimischen Mitschülern im Leseverständnis einen durchschnittlichen Leistungsrückstand von über 100 PISA-Punkten. In Lernzeit ausgedrückt sind das ungefähr dreieinhalb Schuljahre.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass im Ergebnis von PISA die jahrzehntelange Gewissheit, die BRD verfüge mit dem gegliederten Schulwesen über ein "leistungsstarkes, begabungsgerechtes Schulsystem", in sich zusammen fiel wie ein Kartenhaus.

Wie gestalten andere Länder in Europa ihr Bildungssystem und welche Ergebnisse wurden damit erzielt?

Rolf Jüngermann: Es ist bekannt, dass alle schulpolitisch erfolgreichen Länder um uns herum schon länger über ein inklusives Schulsystem verfügen. Andere haben diesen Weg gerade erst erfolgreich beschritten. Südtirol hat in einem Zeitraum von zehn Jahren sein Schulsystem vollkommen inklusiv umgestaltet. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Bei der letzten PISA-Studie 2006 hat Südtirol bessere Leistungsergebnisse als Finnland erreicht. Die Orientierung an Chancengleichheit und bestmöglicher Bildung für alle zahlt sich in jedweder Hinsicht aus.

Wir sollten in Deutschland keinesfalls locker lassen. Ende 2010 wird die vierte PISA-Studie mit der Leitdomäne Lesekompetenz veröffentlicht. Dann wird man sehen, ob in Deutschland die vergangenen zehn Jahre gut genutzt oder mit wirkungslosem Aktionismus vergeudet wurden, weil die konservativen Verfechter des traditionellen Schulwesens keine angemessenen Lösungen der Probleme zugelassen haben.

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