Umsonst-Ökonomie gegen den Konsumterror

29.09.2010

Vier Tage lang diskutierten Aktivisten aus der Umsonst-Ökonomie-Bewegung in Bremen über Alternativen zur kapitalistischen Warengesellschaft

"Bringt mit, was Ihr nicht mehr braucht, was aber noch gut erhalten ist und funktioniert, und nehmt dafür, was Ihr braucht oder Euch gefällt." Diese Idee wird in mehr als 50 Umsonstläden in der BRD verwirklicht. Das hört sich einfach an, ist aber mitunter schwierig zu gestalten. Es scheitert an der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, unbezahlte Arbeitszeit einzubringen – und am Geld, z. B. für die Miete der Umsonstläden.

Hinter dem Konzept der Umsonst-Ökonomie steckt indes mehr als eine simple Tauschbörse: Es geht um Kapitalismuskritik – und mehr als das, um die Idee einer Ökonomie ohne zwanghafte Steigerung des Bruttosozialprodukts, Profitmaximierung und damit verbundenen Konsumzwang, sondern ausgerichtet an den Bedürfnissen der Menschen, kurzum: die praktische Entwicklung der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

Zum fünften Mal trafen sich in der vergangenen Woche in Bremen die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich der Umsonst-Ökonomie der gesamten Bundesrepublik und Österreich zum Vernetzungstreffen "Gib und Nimm", um Erfahrungen und Ideen auszutauschen, alternative Wirtschaftsmodelle zu diskutieren, Utopien zu spinnen, zu klönen und zu feiern. Das alles "in ausgesucht angenehmer Atmosphäre", wie Johann Bergmann vom Umsonstladen Bremen gegenüber Telepolis unterstich.

Laut dem französischen Soziaphilosophen André Gorz beruht der Kapitalismus auf ständig wachsendem Konsum. Anders könnten wirtschaftliche Gewinne immer weniger realisiert werden. Immer neue Wachstumsfelder müssten gefunden werden. Werbe- und Marketingexperten sorgten dafür, dass die Nachfrage mittels psychologischer Techniken gesteigert werde. Das Bewusstsein der Konsumenten werde so bearbeitet, dass ständig neue Bedürfnisse und Wünsche geweckt würden.

Anfänge in den "Tauschbörsen" Ende der 60er Jahre

Diesem System versuchen sich die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich der Umsonst-Ökonomie zu entziehen. "Dazu gibt es neben den genannten Umsonstläden eine breite Palette an Möglichkeiten", betont Bergmann. Beispielsweise Food-Coops, deren Mitglieder gemeinsam bei Öko-Großhändlern in größeren Mengen vergünstigt einkaufen, Tauschringe, wo alle ihre Kenntnisse und Fertigkeiten zur Verfügung stellen und die anderer im Tausch dafür in Anspruch nehmen können, z. B. Babysitten gegen PC-Wartung, Nutzergemeinschaften aller Art, wo z.B. Gartengeräte gemeinschaftlich angeschafft und genutzt werden, oder Handwerkszeug, Container, das sind Sammelstellen, an denen nach Ladenschluss die noch brauchbaren Produkte aus dem Abfall von Einzelhandelsgeschäften zusammengetragen und verteilt werden, Kooperationen, in denen die Mitglieder umschichtig für alle Beteiligten Brotaufstriche zubereiten müssen, Obst einkochen, etc., Fahrradselbsthilfe und vielfältige andere Beiträge zur Organisation des täglichen Lebens.

Im Vordergrund steht dabei, dass alle Beteiligten gleichermaßen davon profitieren, dass die Beschaffung und Produktion möglichst kostengünstig und die Ausnutzung von Konsumgütern aller Art möglichst effektiv ist. Dem im März 1999 als ersten in der BRD gegründeten Umsonstladen ist zudem die "Freie Uni Hamburg" angegliedert, in der sich "Menschen in kleinen Lerngruppen anspruchsvolle Bildung gegenseitig ohne Geld geben".

Die Vorläufer der heutigen Tauschbörsen entstanden Ende der 60er Jahre im Zuge der Protestbewegungen in den USA. Ausgehend von ihrer Kritik am Geld und ihrem Ideal einer Geschenkökonomie betrieb die Bewegung der Diggers (eine Guerilla-Straßentheater-Gruppe) von 1966 bis 1968 zwei "Free Stores" in San Francisco und einen in New York. Daneben betrieben sie noch viele andere freie Aktivitäten wie z.B. das "Free Medical Center" und "Free Food". Auch in Australien gab es Anfang der 70er Jahre in Melborune den Collingwood Freestore, der ebenfalls aus der anarchistischen Bewegung und deren Geldkritik hervorging.

Unterdessen gibt es mehr als 50 solcher Läden in der BRD, und in unregelmäßigen Abständen treffen die Aktivistinnen und Aktivisten sich, in diesem Jahr zum 5. Mal. "Umsonstladentreffen" als Bezeichnung für das Vernetzungstreffen "Gib und Nimm" wäre allerdings zu kurz gegriffen. Neben dem Erfahrungsaustausch standen politische Aktivitäten wie ein konsumkritischer Stadtrundgang auf dem Programm. Dieser alternative Einkaufsbummel sollte zur Reflektion über das eigene Konsumverhalten anregen, wobei Passantinnen und Passanten in die Diskussionen mit einbezogen wurden.

Marx, Kropotkin, Gorz

Neben all dem sollte die inhaltliche Auseinadersetzung nicht zu kurz kommen. Diskutiert wurden die unterschiedlichen Theorien der Vordenker der Umsonst-Ökonomie von Karl Marx (1818-1883), dem russischen Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842-1921) oder des französischen Sozialphilosoph André Gorz (1923-2007).

Marx entwickelte die Werttheorie, deren Grundlage die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert bildet. Eine Ware wird dadurch zur einer Ware in dem es beide Eigenschaft hat, also einen Gebrauchs- und einen Tauschwert. Der Gebrauchswert realisiert sich im Nutzen der Ware, indem menschliche Bedürfnisse befriedigt werden, Essen, Trinken, Kleidung, etc. Der Tauschwert besteht darin, dass eine Ware gegen eine andere Ware in einer bestimmten Proportion getauscht werden kann.

Laut Marx wird im Kapitalismus auch die menschliche Arbeitskraft zur Ware, sie hat einen Tauschwert und einen Gebrauchswert. Der Tauschwert besteht für den Menschen, der seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, darin, dass er diese gegen Lohn tauscht. Der Gebrauchswert besteht darin, dass er mehr Waren produzieren kann, als zur Bezahlung seiner Arbeitskraft notwendig sind. D. h., der Unternehmer oder Kapitalist, der die Arbeitskraft kauft, profitiert davon. Marx nannte das die Mehrwertproduktion.

Daraus ergibt sich ein quasi "natürliches" Interesse des Kapitalisten, den Tauschwert der Arbeitskraft so gering wie möglich zu halten, Ressourcen so günstig wie möglich zu erwerben und beständig neue Absatzmärkte zu schaffen, um immer mehr Profite zu machen. Rohstoffe und Absatzmärkte werden auch durch Kriege beschafft, der Irak ist ein beredtes Beispiel dafür.

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin war ein russischer Anarcho-Kommunist, dessen wichtigstes theoretisches Werk "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" als eine Gegenthese zum Sozialdarwinismus zu verstehen ist. Er versuchte zu zeigen, dass die Kooperation die erfolgreichste Strategie in der Evolution ist. Im Gegensatz zu Marx beschäftigte er sich auch mit zwischenmenschlichen Beziehungen und ging davon aus, dass Gewalt- und Herrschaftsverzicht nur auf einem tragfähigen ethischen Fundament möglich ist.

Für André Gorz sinkt der Wert von Waren kontinuierlich. Immer effektivere Automaten produzierten immer größere Warenmengen und bräuchten dazu immer weniger Arbeiter. Der Wert der Arbeit sinke, Löhne und Gehälter schrumpften. Damit die Konsumenten die Produkte noch kaufen könnten, müssten diese immer billiger werden. "Wohin wir gehen, ist eine Umsonst-Ökonomie", so der Sozialphilosoph.

Das heißt nicht, dass wir sie erreichen werden. Denn die Kapitalbesitzer sind auch nicht verrückt. Eines Tages, wenn nicht alles zusammenbricht, was eine Möglichkeit wäre, werden sie sagen: "Die Waren müssen ihre Käufer kaufen." Dass sich der Kapitalismus seine Kunden, seine Käufer kaufen muss, indem es Zahlungsmittel umsonst verteilt.

André Gorz

Gorz' Prognose von 2004 sollte 2009 mit der so genannten Abwrackprämie Wirklichkeit werden. Soweit zu den Theorien, die in verschiedenen Arbeitsgruppen gleichberechtigt nebeneinander diskutiert wurden. "Die Atmosphäre war angenehm entspannt", so Bergmann. Es ist uns gelungen, unserem Anspruch an Herrschaftsfreiheit nicht nur zu formulieren, sondern auch wirklich einzulösen."

Noch schwieriger als eine solidarische Diskussionskultur ist die praktische Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse. Denn: "Der Umsonstladen alleine stellt sicher noch keine Alternative zur Warengesellschaft dar. Schließlich beruht er auf dem Warenüberfluss unserer Warengesellschaft." In der Praxis gilt es zudem einige Schwierigkeiten zu überwinden: der Anspruch, gratis zu geben und zu nehmen, kann nur realisiert werden, wenn sich Bereitwillige finden, die den Laden verwalten, und wenn sich Sponsoren z. B. für die Miete finden.

Doch auch das Konzept hat hier und da noch seine Schwächen: In der Theorie ist Babysitten genau so viel Wert wie das Programmieren von Computern, in der Praxis aber gilt:

Wer etwas kann, was in einem Tauschring viele brauchen, kann schnell viele Zeiteinheiten einsammeln und damit wiederum "Hilfe" einkaufen. Wer keine gefragten Kenntnisse hat, ist auch im Tauschring "arm". Zudem blenden Tauschringe meist aus, dass Menschen unterschiedlich viel Zeit haben, d.h. der Halbtags-Programmierer mit hohem Einkommen ist viel flexibler als die alleinstehende Putzfrau mit vier Kindern.

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Auch beim nächsten Vernetzungstreffen "Gib und Nimm" wird es daher wohl wieder eine Menge zu diskutieren geben.

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Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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