Glasnost bei der Vatikanbank?

07.10.2010

Das katholische Skandal-Institut steht nach der sensationellen Enthüllung durch den Journalisten Gianluigi Nuzzi erneut wegen des Verdachts auf Geldwäsche im Focus der Behörden

Die Vatikanbank darf von der Polizei nicht durchsucht, ihre Telefone nicht abgehört und ihre Mitarbeiter nicht verhört werden. Für sie galten bis vor kurzer Zeit weder die Kontrollbestimmungen im Bankenverkehr noch die internationalen Regeln zum Schutz vor Geldwäschepraktiken. Ihre Bilanzen unterliegen striktester Geheimhaltung. Um Informationen über die Geschäfte dieser Bank zu erlangen, muss ein Staatsanwalt ein Rechtshilfeersuchen stellen, das in der Regel nicht gewährt wird. Ihre leitenden Mitarbeiter genießen weitgehend Immunität. Außerdem sind ihre Kapitalerträge von der Steuer befreit.

Aufgrund dieser Privilegien war die Vatikanbank, wie der italienische Journalist Gianlugi Nuzzi in seinem Buch "Die Vatikan AG" darlegt, jahrzehntelang ein Paradies für verdeckte Parteienfinanzierung, Schmiergeldzahlungen und Geldwäsche (zum Teil im Dienste der Mafia). Wie die katholische Kirche bei den Konkordatslehrstühlen hält sich die Vatikanbank bei ihren Geschäften vornehm bedeckt und wie bei den jüngsten Missbrauchsskandalen tut sich die religiöse Organisation trotz recht eigenwilliger interner Aufklärungsarbeit sehr schwer, externe Ermittlungen überhaupt zuzulassen. Es ist allerdings möglich, dass sich die Politik der flächendeckenden Geheimhaltung nun im Zuge neuer Ermittlungen gegen die Vatikanbank ändern könnte.

Geheimarchiv geöffnet

Dieses 1887 gegründete Finanz-Institut, über dessen Gewinne unmittelbar der jeweilig amtierende Papst bestimmt, verfügt spätestens seit 1929, als der Vatikan von der Regierung Benito Mussolinis wegen der Enteignung von Ländereien mit 92 Millionen Dollar entschädigt wurde über nicht unbeträchtliche Finanzen und setzte diese Gelder bis in die jüngste Vergangenheit, wie der Journalist Gianlugi Nuzzi in seinem Buch "Die Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- Und Politskandale der Kirche" umfassend enthüllte, illegal und zu politischen Zwecken ein.

Bereits die Entstehungsgeschichte des Buches besitzt die Zutaten eines Kriminalromans: Ein ranghoher Mitarbeiter der Vatikanbank, Monsignore Renato Dardozzi, der zu einem kleinen Kreis von Auserwählten gehörte, der an den Geheimsitzungen der engsten päpstlichen Mitarbeiter teilnehmen durfte, hatte testamentarisch verfügt, dass an die 4000 Dokumente, die er im Laufe seiner Laufbahn über Geschäftspraktiken des Istituto per le Opere di Religione (IOR) gesammelt und in einem Geheimarchiv verwahrt hatte, nach seinem Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Die Nachlassverwalter, die aus nicht unverständlichen Gründen anonym bleiben wollen haben daraufhin den investigativen Journalisten kontaktiert, der das in einem Keller eines entlegenen Bauernhofs im Tessin gelagerte Material in seinem Besitz nahm. Die Dokumente sind mittlerweile auf der Website www.chiarelettere.it einzusehen.

Kriminelle Geldgeschäfte

Nuzzi konnte anhand der Dokumente den Hintergrund der Skandale um die Vatikanbank, die Italien seit den späten 70er Jahren erschütterte, genau rekonstruieren und zeigen, dass die Bank auch nach der Aufdeckung ihrer kriminellen Machenschaften weiter gesetzwidrig verfolgte, versteckt politisch agierte und mit großen Elan weitere Ermittlungen sabotierte.

Nuzzi zeigt in seinem Buch auf, dass 1968, als die Regierung Giovanni Leone die seinerzeit von Mussolini gewährte Dividendensteuerbefreiung rückgängig machte und Rückstände von ca. einer Milliarde Euro fällig wurden, der damalige Papst Paul VI. die Maßnahme zu unterlaufen gedachte, indem er die Unternehmensbeteiligungen der Bank im Ausland neben einem Geistlichen nun auch einem italienischen Rechtsanwalt und Präsident der Banca Privata Italiana namens Michele Sindona anvertraute (der nicht nur über gute Kontakte in die USA, sondern auch zur Mafia verfügte und später Mitglied der politischen Geheimorganisation Propaganda Due wurde), der mithelfen sollte, die Gelder am Fiskus vorbeizuschleusen. Mit dem damaligen Präsidenten der Vatikanbank, dem antikommunistischen Erzbischof Paul Marcincus und dem Präsidenten der Banco Ambrosiano, Roberto Calvi öffnete Sidona die Vatikanbank für dubiose Geldgeschäften.

Verweigerte Obduktion

1978 gelangten dann nicht nur immer mehr Gerüchte über anrüchige Finanztransaktionen und Verlustgeschäfte des Trios an die Öffentlichkeit, sondern es verstarb auch Papst Paul VI., der diese Geschäftspraktiken billigte und seine schützende Hand darüber hielt. Dessen Nachfolger Papst Johannes Paul I. wollte sogleich die Vatikanbank reformieren und verschiedene dort involvierte hohe geistliche Würdenträger, von denen bekannt wurde, dass sie Mitglieder von P2 waren, auswechseln. Daraufhin verstarb der Papst nach nur 33 Tagen im Amt. Der Vatikan verweigerte eine Obduktion der Leiche.

Aufgehängt unter der Blackfriars Bridge

Am 16. Oktober 1978 wurde nun der polnische Bischof Karol Woityla als Papst Johannes Paul II. (der später die bislang geltende Exkommunikation für Mitglieder von Freimaurerlogen aufheben sollte) auf den Stuhl Petri gewählt. Dieser konnte Geld, zum Beispiel für die Gewerkschaft Solidarnosc (die er mit Finanzspritzen in der Höhe von bis zu 100 Millionen Dollar unterstützte) und die rechtsgerichteten Contras in Nicaragua gut gebrauchen und setzte den Präsidenten seiner Bank nicht ab, sondern sicherte ihm im Gegenteil seine Unterstützung zu. Anfang der 80er stürzte dann Roberto Calvi durch hochriskante Finanzgeschäfte (auch mit Geldern der Cosa Nostra) die Banco Ambrosiano in den Bankrott. Dabei stellte sich heraus, dass das Kreditinstitut an mehreren großen Geldwaschaktionen des Vatikans beteiligt war. Den "Bankier Gottes" fand man daraufhin am 18. Juni 1982 in London von fremder Hand aufgeknüpft unter der Blackfriars Bridge, der Brücke der Schwarzen Mönche, baumeln. Seinen ehemaligen Kompagnon und Rechtsanwalt, Michele Sindona, der in der Zwischenzeit wegen Mordes eine Haftstrafe verbüßen musste (nachdem er vergeblich versucht hatte, mit Hilfe der Mafia und Mitgliedern der Propaganda Due eine Entführung durch Linksterroristen vorzutäuschen) bekam 1986 im Gefängnis einen mit Zyankali gesüßter Espresso serviert. Nur Erzbischof Paul Marcincus war nach dem Bekanntwerden des Skandals ein natürliches Ende vergönnt: Er verstarb 2006 als einfacher Priester eines kleinen Kaffs in Arizona. Sein Nachfolger wurde Angelo Caloia.

Dies war aber nicht der einzige Skandal unter dem der Ruf der Vatikanbank zu leiden hatte - denn wie sich bald herausstellte, hatte die Vatikanbank im Zusammenhang mit der Gründung und Fortführung des Chemie-Riesen Enimont, einem Konglomerat aus privaten und staatlichen Unternehmen, gleichfalls Schmiergelder gezahlt und Gelder gewaschen. Im Zuge dieses Skandals mussten zwei weitere italienische Geschäftsmänner unter mysteriösen Umständen ihr Leben lassen: Den inhaftierten Enimont-Manager Gabriele Cagliari fand man eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf und der ehemalige Großaktionär von Enimont, Raul Gardini erschoss sich in seinem Bett. Er hinterließ einen Abschiedsbrief mit nur einem einzigen Wort: "Grazie".

Nachdem diesem Skandal wandte sich die Vatikanbank auch unter dem Marcinus-Nachfolger Angelo Caloia und dem Prälaten der Vatikanbank Donato de Bonis entgegen den öffentlichen Verlautbarungen nicht lauteren Geschäftspraktiken zu, sondern errichtete in den 90er Jahren ein Netz von Geheimkonten, mit dem getarnt als Wohltätigkeitsaktionen abermals Schmiergeld gezahlt und Geldwäsche betrieben wurde: Nach dem Zusammenbruch der Democrazia Christiana, der hiesigen konservativen Partei, die wie das gesamte italienische Parteiensystem durch einen gigantischen Schmiergeldskandal zum Fall gebracht wurde, sollte mit Hilfe von Mafiageldern eine neue "Große Partei der Mitte" still und heimlich finanziert werden.

Verhinderung von Geldwäsche

Seit Veröffentlichung seines Buches, das in Italien trotz eines Boykotts der öffentlichen Medien zu einem Bestseller wurde und für einen weiteren Riesen-Skandal sorgte, hat sich in der Vatikanbank einiges getan: Ihr oberster Bankier Angelo Caloia musste nach zwanzigjähriger Tätigkeit, kurz vor seiner Pensionierung seinen Hut nehmen und wurde durch Ettore Gotti Tedeschi ersetzt. Das Amt des Prälaten, welcher als Vermittler zwischen den weltlichen Mitgliedern des Aufsichtsrats und der Kardinalskommission zur Kontrolle der Vatikanbank fungierte, wurde gestrichen und der bisherige Amtsinhaber zum Apostolischen Nuntius in Kamerun und Guinea-Bissau benannt. Desgleichen hat das Finanzinstitut, dessen Geschäftsberichte auch weiterhin nicht publiziert werden müssen, eine Untersuchungskommission eingesetzt und eine Währungsvereinbarung mit der EU unterzeichnet. Das Institut ist somit verpflichtet, die geltenden Gesetze zur Verhinderung von Geldwäschepraktiken einzuhalten.

Allerdings ist nun mit Ettore Gotti Tedeschi erneut ein Chef der Vatikanbank wegen des Verdachts auf Geldwäsche in die Fänge der Ermittlungsbehörden geraten, die als "Vorsichtsmaßnahme" 23 Millionen Euro beschlagnahmt haben. Dem ehemaligen McKinsey-Berater und dem Generaldirektor der Vatikanbank, Paolo Cipriani, wird vorgeworfen die Behörden nicht zureichend über zwei Geldtransaktionen in der Höhe von 20 Millionen und 3 Millionen Euro an die J.P. Morgan Bank in Frankfurt und an die römische Banca del Fucino informiert zu haben. Der Banken-Chef, dem auch eine Mitgliedschaft im katholischen Geheimdienst Opus Dei nachgesagt wird, hat die Vorwürfe empört zurückgewiesen und auch der Vatikan sein "Erstaunen" über die Aktion bekundet.

Nach Tedeschi werde "ein Verfahrensfehler dafür ausgenutzt, um seinen Präsidenten, das Institut und den Vatikan insgesamt zu attackieren." Für Gianluigi Nuzzi ist hingegen der Tatbestand, dass die Bank von Italien, welche die Geschäfte der Vatikanbank kontrollieren soll, bei auftretenden Unregelmäßigkeiten umstandslos und entschlossen reagiert ein gutes Zeichen: "Die Bank von Italien spielt heutzutage eine zentrale Rolle, während sie früher eine subalterne Rolle spielte."

Als nun bekannt wurde, dass Deutschlands älteste Kirchenbank, die katholische Pax-Bank nur in Rüstungsgüter und Verhütungsmittel investiert, nahm dies die deutsche Öffentlichkeit unter diesen Umständen mit Erleichterung und Freude zur Kenntnis.

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