Die Rache des Langweilers

07.10.2010

Börsengang des Ichs: Wie David Finchers "The Social Network" den Kapitalismus rettet

Das Interessante an diesem Film ist nicht der Film. Der Film ist sowas von konventionell, dass man sich schwer wundern muss, wer ihn alles gut findet. Das Interessante ist das Thema: Der Börsengang des eigenen Ichs, die Reduktion von Gefühlen und zwischenmenschlichen Begegnungen auf "Gefällt mir"-Buttons und das Sammeln der Kontaktzahlen, die Verluderung des Freundschaftsbegriffs durch dessen Quantifizierung, das Sammeln der "Freunde" auf Facebook. Mit alldem hat "The Social Network" überraschend wenig zu tun, und die größte Enttäuschung dieses overhypten Films ist, dass er von David Fincher stammt. "The Social Network" heißt jener Spielfilm, in dem Fincher die Geschichte von Facebook und seinem größenwahnsinnigen sozial gestörten Gründer Mark Zuckerberg erzählt - und auf alles verzichtet, was an dieser Geschichte interessant ist.

Bilder: Sony Pictures

Es ist ja eigentlich nicht wichtig, ob Mark Zuckerberg ein Arschloch ist. Es gibt viele Arschlöcher auf der Welt, und hier in diesem Film gibt es halt Leute, die ihn so nennen, und wiederum andere, die ihn trösten, er sei doch keines, sondern wäre nur gern eines. Meistens sind es Mädchen. Es genügt zu wissen, dass Zuckerberg der Erfinder von Facebook ist, um zuzugeben, dass es für 80 Prozent der Menschheit eine narzisstische Kränkung bedeutet, dass "ausgerechnet so einer" ausgerechnet so was erfindet und damit auch noch Milliardär wird.

Der Film wird letztendlich von keinem antikapitalistischen Impuls getrieben, aber er schlägt - soziales? - Kapital daraus, dass er bei seiner Hauptfigur einen antikapitalistischen Impuls suggeriert. Der Film-Zuckerberg mag die smarten muskulösen elitären Jungs der Ivy-League nicht. Weil sie unverdiente Macht und unverdientes Geld haben, weil sie die Mädchen kriegen. Ok, aber er selbst nutzt seine Macht, wenn er sie dann hat, nicht weniger kalt aus. Was will uns dieser Film also sagen?

Zuckerberg ärgern?

Mag sein. Wer Zuckerberg wirklich ärgern will, der sollte einfach nur immer wieder den Satz wiederholen: Eduardo Savarin ist Mitbegründer von Facebook. Eduardo Savarin ist Mitbegründer von Facebook. Eduardo Savarin ist Mitbegründer von Facebook. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß'. Eduardo Savarin ist Mitbegründer von Facebook. Und er sollte diesen Satz in Facebook posten - solange er noch bei Facebook ist.

Denn was man auch tun sollte, nicht nur, um Zuckerberg zu ärgern, sondern um sich selbst etwas Gutes zu tun, ist seinen Facebook Account zu kündigen. Und sei es nur, weil man Typen, wie diesen hier im Film, keinen einzigen Cent in den Rachen werfen will.

Das Interessante an diesem Film ist, was er im Titel trägt: Das Soziale Netzwerk. Für die einen sind soziale Netzwerke Teufelszeug, für andere die neueste Offenbarung. Auf alle Fälle kann man über sie, vor allem über Facebook, trefflich und mit religiöser Inbrunst streiten. Sie sind die heißeste Errungenschaft des "Web 2.0".

Große kleine Harvard-Jungs und Frauen

Im Kino beginnt all das eher lauwarm, recht bescheiden, fast wie eine jener typischen amerikanischen College-Komödien zum schnellen Vergessen, die sich Menschen über 22 aus guten Gründen nicht ansehen: Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) ist ein ziemlich unansehnlicher, pickeliger und tendenziell kontaktgestörter Informatik-Student in Harvard im Jahr 2003. Er hat leicht autistische Züge und man versteht ganz gut, warum ihn seine Freundin gleich in der ersten Szene verlässt.

Mehr frustriert und gekränkt als ernsthaft unter Liebeskummer leidend, rennt er nach Hause, heult sich in Internet-Chatrooms über "die Schlampe" aus, und kommt dabei zufällig auf seine paar Ideen, die er zunächst selber kaum in ihrer Dimension begreift: Er entwirft eine Seite namens "Facemash", in der große kleine Harvard-Jungs wie er die "heißesten" Studentinnen miteinander vergleichen, und die Frauen online bewerten können.

Über Nacht wurde die Seite ein Erfolg, Harvards Server brachen zusammen, und die Basis für Zuckerbergs Milliarden-Imperium war gelegt. Kurz darauf gründete Zuckerberg die noch auf Harvard beschränkte Vernetzungs-Seite "thefacebook.com" - dieser Vorgang hat schon für viel Kontroversen gesorgt, weil Zuckerberg hier womöglich gewisse Ideen von zwei Mitstudenten "geborgt" hat und offizielle 65 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen musste - für Zuckerberg wie ein Strafzettel fürs Falschparken.

"The Social Network" ist alles egal

"The Social Network" zeigt nun - in den Fakten basierend auf Ben Mezrichs Buch "Milliardär per Zufall" - nicht etwa fortwährend Computer-Nerds auf Tastaturen herumklöppeln und in Bildschirme glotzen, sondern erzählt diese Geschichte knapp und ökonomisch aus dem Rückblick. Das Gegenwartszentrum des Films liegt auf dem Prozess, den die genannten Mitstudenten gegen Zuckerberg führen, und den Vorwürfen seines einst besten Partner, der Zuckerberg vor allem beschuldigt, aus der Idee einer sozialen Verbindung ein Machtinstrument gefertigt zu haben.

Das Interessante an diesem Film ist die Zeitdiagnose. Die nur zum Teil stattfindet. Was fast schon wieder eine Zeitdiagnose ist. Die Nerds haben die Herrschaft übernommen, das wird klar. Es wird klar, was Facebook ist: Ein Zeitdieb, basierend auf planlosem Rumgepose von Leuten, die offenbar irgendetwas daran nötig haben. Man wird "Freund" von Menschen, mit denen man nicht befreundet sein will, die man kaum kennt, oder mit denen man nicht befreundet sein könnte, würde man sie denn kennen. Aber Fincher erzählt nichts, absolut nichts über unseren Umgang mit Gefühlen, mit Sehnsucht, mit Anerkennung und Freundschaft. Ihm fällt nichts ein zu Eitelkeit, zu Einsamkeit, zu Privatheit. Gesellschaft findet in seinem Film nicht statt. Ist das die Message? Auch nicht. "The Social Network" ist alles egal.

Das Uninteressante an diesem Film ist sein Moralismus. Der Film selbst ist überaus konventionell, eine dichte, wortgewaltige, manchmal verquasselte, moralisierende Fabel über das Leben, zugleich ein oft witziges Gesellschaftspanorama, mit antikapitalistischer aber folgenloser Grundhaltung. Filmisch ist das sentimental, basierend auf einem Narrativ, das auch zur Stummfilmzeit schon möglich war: Man soll seine Freunde schätzen.

Den Schneid verloren

Das Uninteressante an diesem Film ist auch David Fincher. Fincher, der vielfach oscarprämierte Meister von so beklemmend zeitgemäßen und großartig einfallsreich inszenierten Thrillern wie "Se7en", "Fight Club" und "Panic Room", war immer schon ein Filmemacher, der in seinen Filmen aktuelle soziale und politische Entwicklungen ins Zentrum stellt. Aber Fincher ist endgültig von der Spur abgekommen. Bei "Panic Room" konnte man noch sagen: Ok, mal ein schwächer Fincher. nicht so stark wie..., aber immer noch besser als...; nicht so stark wie "Se7en", aber immer noch besser als fast jeder Spielberg-Film. Bei "Zodiac" konnte man noch sagen: Langweilig, aber schön, bei "Benjamin Button": Ein schwacher Film ist immer drin. Hier nun ist er nur noch langweilig.

Fincher hat seinen Schneid verloren, sein Sarkasmus, seine Bosheit, die ihn so scharfsichtig machten für Entwicklungen, aber auch für Abgründe unserer Gegenwart. Das ist die eigentliche Enttäuschung dieses Films. Denn solcher Scharfsinn fehlt ja auch im Gegenwartskino. "The Social Network" - zu anderen Zeiten wäre dieser Titel allein zusammen mit dem Regiecredit für Fincher schon ein boshafter Witz gewesen. Aber Fincher spitzt hier nichts mehr zu, er leiert einfach die Fakten runter, richtet sie ein bisschen filmisch zu und das noch nicht einmal besonders originell. Das ist die eigentliche Enttäuschung dieses Films.

Es spricht zwar für Fincher und seinen Autor Aaron Sorkin, dass beide nicht bei Facebook sind, und dass sie, glaubt man Interviews, Facebook blöd finden. Aber warum merkt man das dem Film so wenig an?

So könnte man den Film und seine Hauptfigur auch als eine Nerd-Version des "Großen Gatsby" von F.Scott Fitzgerald bezeichnen. Aber er darf dann auch kein Arschloch sein, noch nicht mal das, sondern muss aus Frauenmund moralisch gerettet werden.

Ein weiterer Wermutstropfen ist Hauptdarsteller Jesse Eisenberg. Der sieht zwar aus wie sein eigener Teddybär und passt daher recht gut zum Thema. Man hätte sich trotzdem einen charismatischeren Darsteller in dieser Rolle gewünscht: Mehr Verführer, mehr Genie, mehr Dämon. Also einen wie Leonardo di Caprio.

So funktioniert das Ganze zwar als eine hochinteressante Kulturgeschichte des Nerds. Auch ist dieser Film ein Lehrstück über Zeitgeist und Lebensgefühl der New Economy und ihre Protagonisten wie den Napster-Gründer Sean Parker (Justin Timberlake). Ob er aber ein Film ist, durch den man in 50 Jahren eine ganze Epoche versteht?

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