Wundermaschinen, die nie funktionierten

30.10.2010

Die seltsamen Erfindungen des John Keely (1827-1898)

Ist es möglich, einen Motor zu bauen, der mit einem Liter Wasser betankt einen Eisenbahnzug über Hunderte von Kilometern befördern kann? Der 1827 geborene US-Amerikaner John Keely gab vor, eine solche Wundermaschine entwickeln zu können. Damit wurde er zu einem der erfolgreichsten Betrüger der Technikgeschichte.

Erstaunlich schnell fand John Keely Investoren, die insgesamt 5 Millionen Dollar bereitstellten, um mit dem scheinbar genialen Erfinder die "Keely Motor Company" zu gründen. Natürlich sahen sie ihre Einlagen nie wieder. Umso erstaunlicher ist es, dass Keelys Betrügereien über 25 Jahre lang nicht aufflogen und erst nach seinem Tod die Wahrheit ans Licht kam. Einige Unverbesserliche sind noch heute von den Erfindungen Keelys überzeugt.

John Keely war einer der größten Betrüger der Technikgeschichte

John Ernst Worrel Keelys Leben wäre sicherlich anders verlaufen, wenn er eine angemessene Schulbildung erfahren hätte. Genau dies blieb ihm jedoch verwehrt. Nachdem seine Eltern früh verstorben waren, wuchs Keely bei seinen Großeltern auf und verließ bereits mit 12 Jahren die Schule, um das Handwerk des Zimmermanns zu lernen. Später verdingte er sich als Eisenbahn-Mechaniker, Maurer, Verkäufer und zeitweise sogar als Musiker. Seine fehlende Bildung kompensierte er mit einer außergewöhnlichen handwerklichen Begabung. Außerdem war er ein begnadeter Selbstdarsteller. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet gelang ihm eine erstaunliche Karriere.

Betrüger mit Ausstrahlung

Ab etwa 1856 experimentierte Keely in seiner Freizeit mit kleinen Motoren. Solche Tüfteleien waren damals nichts Ungewöhnliches, denn es gab bereits erste primitive Antriebsmaschinen, und so mancher Bastler versuchte, die bestehenden Modelle weiterzuentwickeln. So führte Keely bis zu seinem 45. Lebensjahr ein unauffälliges Leben. Um das Jahr 1872 sollte sich dies jedoch entscheidend ändern, als dem Hobbymechaniker vermeintlich eine bedeutende Erfindung glückte. Er nannte sie Kugelmotor. Es handelte sich dabei um einen kleinen aber erstaunlich flinken Motor, der scheinbar nichts weiter als eine hohle Kugel als Antrieb benötigte. Mit diesem Gerät konnte Keely zwei Geschäftsleute beeindrucken, die dem Tüftler Geld für weitere Experimente zur Verfügung stellten.

Der Kugelmotor markierte den Anfang einer langen Reihe von Maschinen, die Keely in den folgenden Jahrzehnten baute. Fast alle davon zeichneten sich dadurch aus, dass sie scheinbar fast ohne Treibstoff eine Antriebskraft entwickelten, die selbst heute noch jeden Hochleistungsmotor in den Schatten stellen würde. Hätte auch nur eines seiner Geräte wirklich funktioniert, dann hätte man damit bis auf den heutigen Tag alle Energieprobleme der Welt lösen können. Der uralte Traum einer nie versiegenden Energiequelle – und damit eines Perpetuum mobile – hätte sich damit erfüllt. Keely sah sich zwar selbst nie als Perpetuum-mobile-Entwickler, doch seine Erfindungen lassen kaum eine andere Einordnung zu.

Mit starken Worten und seiner Fähigkeit zur Selbstdarstellung konnte Keely etwa ein Dutzend Geschäftsleute aus Philadelphia und New York von seinen Plänen überzeugen. 1874 gründete er mit diesen die "Keely Motor Company", um seine Motoren in ein marktfähiges Produkt weiterzuentwickeln. Zunächst zahlten verschiedene Investoren eine Million Dollar ein, später stieg diese Summe sogar auf 5 Millionen. Keely nutzte diesen Geldsegen zu weiteren Experimenten und versäumte es dabei nicht, den weltmännischen und großzügigen Unternehmer zu spielen.

Bis 1875 baute Keely in seiner Werkstatt in Philadelphia sechs unterschiedliche Maschinen. Diese trugen so schöne Namen wie Kugelmotor, hydraulischer Motor, unabhängiges Flugrad, Umwandlungsmaschine, Multiplikator, automatischer Wasserheber und hydropneumatische pulsierende Vaku-Maschine (teilweise hatte dieselbe Maschine mehrere Namen). Alle Geräte hatten gemeinsam, dass sie sich ohne erkennbaren Antrieb bewegten. Noch wohlklingender waren die Erklärungen, die Keely für seine angeblichen Erfindungen parat hatte. Der Kugelmotor, so sagte er, funktioniere, weil er den "Äther gefangen genommen" habe. Als Äther bezeichnete man im 19. Jahrhundert ein angeblich allgegenwärtiges, unsichtbares Material. Heute weiß man, dass dieses Material nicht existiert.

Keelys hydropneumatische pulsierende Vaku-Maschine beeindruckte durch ihren Namen und ihr Aussehen. Ihren Zweck konnte sie nie erfüllen.

Die meisten von Keelys frühen Maschinen beruhten auf der "Disintegration von Wasser", die von einem Bauteil namens Liberator durchgeführt wurde. Niemand konnte sich darunter etwas vorstellen. Keelys Einfallsreichtum beim Erfinden neuer Fachbegriffe stand seinen handwerklichen Fähigkeiten kaum nach. So schwadronierte er von einer Theorie der sympathischen Schwingungen, von einer vibrierenden Harmonie des Weltganzen, von einer Physik der Liebe, vom Gesetz der harmonischen Vibrationen und vom Gesetz der chemischen Morphologie. Seine Wortungetüme waren derart unverständlich, dass sogar Keelys Anhänger um die Veröffentlichung eines Glossars baten. Diesem Wunsch kam der Erfinder jedoch nie nach.

Für einige seiner Entwicklungen erhielt Keely ein Patent. Über 20 Jahre lang arbeitete er mit dem namhaften Patenanwalt Charles Collier zusammen, der offensichtlich ein großer Unterstützer seiner Ideen war. Trotzdem verhielt sich der Tüftler immer sehr zurückhaltend, wenn es um eine Patentierung ging. In den Augen seiner Anhänger lag dies daran, dass er seine genialen Ideen nicht verraten wollte. In Wirklichkeit wollte er wohl eher verhindern, dass jemand seinen Betrügereien auf die Schliche kam.

Vermutlich war Keely selbst überrascht, wie er mit wolkigen Worten und ein paar Vorführungen so viele Geldgeber um sich scharen konnte. Neben professionellen Investoren stürzten sich auch einfache Leute auf die Aktien der Keely Motor Company. Selbst Witwen, Waisen und Arbeiter opferten ihre Ersparnisse. Ihr Kalkül war offensichtlich: Sollten sich die Vorstellungen des charismatischen Erfinders auch nur annähernd erfüllen, dann war selbst aus einer bescheidenen Einlage ein Vermögen zu erwarten.

Die Aktie der Keely Motor Company erreichte zu Spitzenzeiten das Siebenfache ihres Ausgabewerts.

Berauscht vom ersten Erfolg rührte Jungunternehmer Keely weiter die Werbetrommel und veranstaltete immer wieder furiose Demonstrationen seiner Apparate. Seine Auftritte boten eine perfekt inszenierte Show. Mehrmals pro Jahr präsentierte Keely eine neue Wundermaschine. Insgesamt waren es etwa 120 Geräte, die er im Laufe seines Lebens in seiner Werkstatt zusammenbastelte. Mit der Zeit wurden die zunächst bis zu 22 Tonnen schweren Maschinen kleiner und ließen sich teilweise auf einen Tisch stellen. Unabhängig davon waren seine Geräte stets Meisterwerke der damaligen Feinwerktechnik und sahen beeindruckend aus.

Begleitet wurden die Vorführungen stets von starken Worten des vermeintlichen Erfinders. 1875 verkündete Keely, er könne einen Zug mit 20 Waggons von Philadelphia nach New York und zurück befördern (dies sind etwa 300 Kilometer). Dazu wollte er einen kleinen Motor verwenden, der lediglich mit etwas Wasserdampf betankt wurde, der aus einer seiner Maschinen stammte. Nebenbei sollte seine Wundermaschine ohne nennenswerten Lärm und ohne lästige Begleiterscheinungen wie Rauch oder Asche arbeiten. Darüber hinaus behauptete Keely, mit einem Motor in der Größe einer Dampfmaschine eine Leistung von 5.000 PS entfachen zu können – wiederum nur mit einer kleinen Menge Wasser als Treibstoff. Auf diese Art sollte es möglich sein, für Kosten von 5 Dollar einen Dampfer von Savannah (Georgia) nach New York zu befördern. Angesichts der allgemeinen Zuversicht stiegen die Aktien der Keely Motor Company immer weiter und erreichten 1876 das Siebenfache ihres Ausgabewerts. Wer nun verkaufte, konnte tatsächlich einen kräftigen Gewinn verbuchen.

Gelbe Ernte

Angesichts der fantastischen Ankündigungen gab es schon von Anfang an Zweifler, die in Keely einen Betrüger sahen. Einige Ungereimtheiten in den Ideen des Erfinders waren ohnehin kaum zu übersehen. So fanden zunächst alle Vorführungen in Keelys Haus statt. Niemand durfte sich die Wundermaschinen genauer ansehen oder gar auseinanderbauen. Keely übernahm alle Vorführungen selbst und weihte niemanden in die Funktionsweise seiner Geräte ein. Fast jede seiner Entwicklungen ließ er verschrotten, sobald es einen Nachfolger gab. Nie gab es mehr als ein Exemplar einer Maschine. Darüber hinaus wirkten Keelys Versprechungen und Erklärungen einfach zu großspurig, um wahr zu sein.

Die heute noch existierende Zeitschrift Scientific American entwickelte sich seinerzeit zum heftigsten Keely-Kritiker und übergoss den vermeintlichen Erfinder immer wieder mit Spott. Schon 1875 bezeichnete das Magazin Keely und seinen Patentanwalt offen als Betrüger, denen es offensichtlich darum ging, "dummen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen." Auch unter Wissenschaftlern und in der Lokalpresse fanden sich Skeptiker, was die Investoren jedoch zunächst nicht beeindruckte.

Andererseits mussten selbst die glühendsten Verehrer Keelys einräumen, dass dieser nie ein vermarktbares Produkt vorweisen konnte. So wurden die Aktionäre der Keely Motor Company im Laufe der Zeit ungeduldig, zumal das Vermögen des Unternehmens immer mehr zur Neige ging. Der Aktienkurs fiel immer weiter, und 1879 stand die Firma erstmals vor dem Bankrott. Keely fühlte sich ohnehin längst von seinen Investoren behindert und entwickelte daher einige Geräte, die seiner Meinung nach kein Firmenbesitz waren, da sie angeblich auf völlig neuen Ideen basierten. Da ohnehin niemand verstand, nach welchen seltsamen Prinzipien die Keely-Maschinen funktionierten, war diese Ansicht schwer zu widerlegen. Dennoch ließen sich die Investoren nicht so einfach übertölpeln, und so musste Keely 1879 einwilligen, zwei seiner angeblich neuen Entwicklungen (eine Kanone ohne Schießpulver und einen automatischen Wasserheber ohne nennenswerten Treibstoffbedarf) der Firma zu überschreiben. Dafür erklärten sich die Investoren dazu bereit, weiteres Kapital nachzuschießen.

Bereits zwei Jahre später war das Geld jedoch erneut aufgebraucht. Keely versuchte nun ein zweites Mal, die Keely Motor Company abzuschütteln, indem er verkündete, eine völlig neue Technik entdeckt zu haben, die mit seinen bisherigen Entwicklungen nichts zu tun hatte. Bis dahin galt der Liberator, der auf der "Disintegration von Wasser" beruhte, als vermeintlicher Energielieferant. Nun wollte Keely eine neue Energiequelle entdeckt haben, die er gewohnt nebulös als "ätherische Kraft" oder "Vibrationskraft" bezeichnete. Diese Kraft stammte angeblich von einer bis dahin unbekannten Flüssigkeit, die sich zwischen den Atomen befand. Die Energiegewinnung hatte laut Keely etwas mit musikalischen Schwingungen zu tun, weshalb er ab nun häufig Musikinstrumente oder Bestandteile davon in seinen Maschinen verarbeitete. Ein vermutlich nicht ganz unerwünschter Nebeneffekt war, dass die ohnehin seltsamen Apparate nun auch seltsame Geräusche von sich gaben. Man sieht, Keely ließ keinen Effekt aus, um sein Publikum zu beeindrucken.

Keelys Anhänger sahen in der neuen Methode einen Fortschritt. Hatte der vermeintliche Erfinder bis dahin nur Wasser zu Energie verwandelt, so konnte er nun scheinbar aus jeder Art von Materie riesige Energiemengen erzeugen. Keelys Maschinen kamen nun erst recht einem Perpetuum mobile gleich.

Allerdings verspürten die Teilhaber der Keely Motor Company wenig Lust, Keely in Ruhe zu lassen, nur weil dieser eine neue Energiequelle gefunden zu haben schien. Nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung, die er verlor, musste Keely seine Arbeit weiterhin in den Dienst der Firma stellen. Da er nach wie vor nichts Marktreifes vorweisen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit einer erneuten Vorführung den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. 1881 lud Keely daher einige Geschäftsleute und andere Interessierte zu einer Demonstration in sein Haus ein. Die Besucher mussten ihr Kommen nicht bereuen. Keely hatte einen beindruckenden Motor aus Stahlkugeln, Röhren und Rädern zusammenmontiert, der schon allein durch seine verspiegelte Oberfläche beeindruckte. Zu den Bauteilen gehörte außerdem eine überdimensionale Stimmgabel sowie eine Walze, in deren Mitte eine Klaviersaite gespannt war. Dieses Gerät trieb einen kaum weniger beeigndruckenden Apparat im Nebenraum an, an dem ein deutlich sichtbares Rad angebracht war.

Zu Beginn seiner Demonstration schraubten Keely und einige Assistenten einige Bestandteile ab, zeigten sie dem Publikum und ließen dieses ins Innere der Maschine blicken, um so zu zeigen, dass weder Elektrizität noch ein gewöhnlicher Motor im Spiel war (von Druckluft war nicht die Rede). Anschließend setzte Keely das Gerät in Gang. Durch das Einbringen von etwas Wasser entfachte der Apparat einen Druck, der mit einem seltsamen Geräusch ein 300 Kilogramm schweres Gewicht in die Luft hob. Dieser Druck wurde in den Nebenraum geleitet, um das dortige Gerät anzutreiben. Das Rad dieses Geräts drehte sich mit etwa 60 Umdrehungen pro Minute, wobei das Gerät ebenfalls einen eigenwilligen Ton verbreitete. Durch ein Umschalten von "positiver zu negativer Energie" (was immer das sein mochte) ließ sich die Richtung ändern. Am Rad war eine einfache Bremse angebracht, mit der selbst zwei der schwersten Männer im Raum unter Einsatz ihres Körpergewichts die Bewegung nicht stoppen konnten. Die Drehgeschwindigkeit ließ sich über die Stimmgabel regulieren. Nach einem dreistündigen Spektakel gingen die Teilnehmer tief beeindruckt nach Hause.

Allerdings waren bei der Vorführung auch Redakteure des Scientific American anwesend, die sich durch die zahlreichen Showeffekte nicht blenden ließen. Das Magazin, das für Keely nach wie vor nur hämische Kommentare übrig hatte, vermutete damals schon richtig, dass Druckluft als Maschinenantrieb im Spiel war. Es schrieb von einer "neuen Show" Keelys, die sicherlich eine "gelbe Ernte einfahren werde".

Keine Spur von Perpetuum mobile

Die Prognose einer gelben Ernte erfüllte sich jedoch nicht. Trotz seiner furiosen Demonstration konnte Keely keine neuen Geldgeber anwerben, und so stand die Firma 1881 wieder einmal vor der Pleite. Keely hatte jedoch Glück. Eine Witwe namens Clara Bloomfield-Moore, die von ihrem Mann ein größeres Vermögen geerbt hatte, las von Keely in der Zeitung und beschloss, dem scheinbar verkannten Genie unter die Arme zu greifen. Sie bot Keely eine Finanzspritze von 10.000 Dollar an. Dieser gab sich jedoch großzügig und war mit der Hälfte zufrieden. Darüber hinaus gewährte Bloomfield-Moore Keely eine monatliche Zuwendung, wodurch dessen Betrügereien erst einmal weiterlaufen konnten.

Weiterhin lenkte Keely mit furiosen Vorführungen davon ab, dass er nie etwas Handfestes vorzuweisen hatte. Einen seiner größten Erfolge erzielte er 1884, als er erstmals eine Maschine außerhalb seines Hauses präsentierte. Seine Investoren, die teilweise in New York lebten, hatten ihn zu diesem Schritt gezwungen. So verfrachtete Keely zwei Container per Zug nach Sandy Hook bei New York, wo das Spektakel stattfinden sollte. Dort wurden 300 Zuschauer Zeuge einer erneut perfekten Show. Im Gegensatz zu Keelys früheren Vorführungen stand dieses Mal nicht ein Motor, sondern eine "Dampfkanone" im Mittelpunkt, die wieder einmal ohne nennenswerte Energiequelle zu arbeiten schien. In einem theatralischen Auftritt feuerte Keely mit seinem Gerät Kugeln ab, die einen Durchmesser von etwa einem Inch (2,5 Zentimeter) hatten. 19 Schüsse gelangen ihm, wobei die Kugeln jeweils über 150 Meter durch die Luft flogen. Wie üblich, garnierte Keely seine Demonstration mit unverständlichen Worten, wobei er von "negativiertem Dampf" und "ätherischen Kräften" redete.

Keelys Auftritt in Sandy Hook kam bei den Investoren gut an. Im Nachhinein ist das schwer zu verstehen, denn nach dem damaligen Stand der Technik war es längst nichts Besonderes mehr, Kugeln auf diese Weise zu verschießen. Offensichtlich wunderte sich auch kaum jemand darüber, dass Keely seine bis dahin verwendeten Maschinen zuhause gelassen hatte, um stattdessen eine vergleichsweise unspektakuläre Kanone zu präsentieren. Erneut zeigte allerdings der Scientific American erstaunlich viel Durchblick. Er schrieb, die Dampfkanone sei "nicht mehr als ein plumpes Luftgewehr".

Geldgeberin Clara Bloomfield-Moore vertraute Keely trotz allem weiterhin. Erst im Laufe der Jahre entwickelte sie ein gewisses Misstrauen, doch ihre Versuche, Keely auf den Zahn zu fühlen, blieben halbherzig. So lud sie einige namhafte Physiker dazu ein, die Erfindungen ihres Schützlings zu begutachten, doch nicht allzu viele davon kamen. Die wenigen Gelehrten, die sich in Philadelphia blicken ließen, konnte Keely zwar offensichtlich nicht überzeugen, doch keiner von ihnen schlug Alarm. Vielleicht wollten sie die großzügige alte Dame nicht enttäuschen.

Erst 1895 wurde es für Keely eng, als Clara Bloomfield-Moore die Wissenschaftler Addison Burk und Alexander Scott nach Philadelphia schickte. Diese ließen sich von den seltsamen Apparaturen nicht täuschen. Sie gaben dies jedoch nicht zu erkennen und erschlichen sich so nach und nach Keelys Vertrauen. Auch wenn dieser sie nicht ungestört an seine Geräte ließ, hatten sie die Gelegenheit, mehr zu sehen als die Öffentlichkeit. Bei seinem ersten Besuch sah Scott ein Experiment, bei dem Keely scheinbar von Geisterhand Gewichte in der Luft schweben ließ. Angeblich war es eine aus Musik gewonnene Energie, die dies ermöglichte. Scott erkannte jedoch, dass es wohl eher gewöhnliche Druckluft war, die hinter diesem Phänomen steckte. Bei weiteren Besuchen sahen die beiden weitere Experimente und waren sich schnell darüber im Klaren, dass Keely ein Betrüger war. Insbesondere fiel ihnen auf, dass viele der Geräte von Keely mit einem vermeintlichen Draht versehen waren, der sich aber bei näherem Hinsehen als Schlauch entpuppte. Durch diesen wurde den Maschinen die Druckluft zugeführt.

Clara Bloomfield-Moore ließ sich von den beiden Experten zunächst nicht überzeugen. Sie holte stattdessen zusätzlich den Rat eines britischen Physikers ein. Überraschenderweise ließ sich dieser von Keely blenden, wonach Aussage gegen Aussage stand. Erst als der Physiker auf Bitte von Burk und Scott noch einmal genau hinsah, musste er schließlich seinen Irrtum eingestehen. Clara Bloomfield-Moore reagierte nun endlich – wenn auch nicht ausreichend – und kürzte die Zuwendungen für Keely auf 250 Dollar monatlich. Mit diesem Geld konnte Keely noch einmal über zwei Jahre lang an seinen Maschinen basteln. Eine Pleite blieb dem Tüftler dadurch weiterhin erspart. Von einer öffentlichen Demontage und einer zweifellos fälligen Gefängnisstrafe war Keely ohnehin nie ernsthaft bedroht.

John Keely starb am 18. November 1898 an einer Lungenentzündung. Er wurde 71 Jahre alt. Nach seinem Tod ließ die Keely Motor Company sämtliche Geräte in Keelys Haus abtransportieren, um sie von einem Experten überprüfen zu lassen. Dieser schaffte es nicht, auch nur eine Maschine in Gang zu bringen. Dafür wurde diesem schnell klar, dass Keely betrogen hatte, denn einige der Geräte enthielten einen Federantrieb. Noch mehr Erfolg hatten Burk und Scott, die nicht die Maschinen, sondern das nun leer stehende Haus Keelys untersuchten. Zwei Stockwerke unterhalb des Vorführraums fanden sie eine Maschine, die Druckluft produzierte und diese über einen Schlauch nach oben abgab. Darüber hinaus entdeckten die beiden Magnete in den Wänden. Keelys Maschinenpark erwies sich somit als Sammlung von feder-, druckluft- und magnetbetriebenen Apparaten – von einem Energiewunder keine Spur.

Clara Bloomfield-Moore starb wenige Monate nach Keely. Im Januar 1899 verkündete der Anwalt von Keelys Witwe, dass die gesamten Erfindungen von Keely Schwindel gewesen waren. Er wollte die Witwe damit offensichtlich schützen. Einige Teilhaber der Keely Motor Company versuchten allen Enthüllungen zum Trotz, in Keelys Erbe noch etwas Verwertbares zu finden. Sie gaben jedoch bald auf. Einer der größten Betrugsfälle der Technikgeschichte hatte damit nach 27 Jahren sein Ende gefunden.

Zu den Menschen, die Keely auch nach dessen Tod die Treue hielten, gehörte der Philosoph und Pädagoge Rudolf Steiner. Dieser ist vor allem als Erfinder der Waldorf-Schulen bekannt. 1906, als der gesamte Schwindel längst aufgedeckt war, sagte Steiner: "Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass Keely einen Motor konstruiert hat, der nur ging, wenn er dabei war. Er hat damit den Leuten nichts vorgemacht, denn er hatte in sich selbst jene treibende Kraft, die aus dem Seelischen hervorgeht und Mechanisches in Bewegung setzen kann."

Erstaunlicherweise hat John Keely auch heute noch einige Anhänger. Es handelt sich dabei vor allem um Personen, die sich mit dem Thema freie Energie beschäftigen und an unerschöpfliche Energiequellen glauben. So gibt es die Organisation KeelyNet, die nach wie vor an die Ideen ihres Namensgebers glaubt und sich die Unterstützung von wissenschaftlichen Außenseitern auf die Fahnen geschrieben hat. Ihrer Ansicht nach ist es nicht bewiesen, dass Keelys ein Betrüger war. Die nach seinem Tod gefundenen Beweise halten sie für Fälschungen, die von Keelys Gegnern angefertigt wurden. Eines müssen die Keely-Enthusiasten jedoch eingestehen: Auch sie konnten nie eine Maschine bauen, die die Versprechungen ihres Idols auch nur annähernd erfüllte. Es ist kaum anzunehmen, dass ihnen dies jemals gelingen wird.

Der Text erschien in ähnlicher Form erstmals in der Zeitschrift Skeptiker (3-2010).

Klaus Schmeh ist Informatiker, nebenberuflicher Journalist und Mitglied der esoterikkritischen "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP). Zudem schreibt häufig über Verschlüsselung. In der Telepolis-Buchreihe von ihm erschienen: "Versteckte Botschaften. Die faszinierende Geschichte der Steganografie".
Seine persönliche Homepage: www.schmeh.org

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