"Nobels Ideen wurden von inkompetenten Politikern verraten"

10.10.2010

Der norwegische Autor Fredrik S. Heffermehl über Missbrauch des Friedensnobelpreises, den Willen des Stifters Alfred Nobel und vergessene Konzepte internationaler Sicherheit

Der Norweger Fredrick S. Heffermehl (1938) ist Jurist, Autor und Übersetzer. Nach beruflicher Tätigkeit als Anwalt und Beamter wurde er 1980 erster Generalsekretär der Norwegischen Humanistischen Vereinigung, die derzeit rund 80.000 Mitglieder zählt. In den vergangenen Jahren ist er als Autor tätig und gab 2008 das Buch "Nobels vilje" (neue, erweiterte englische Ausgabe: The Nobel Peace Prize: What Nobel Really Wanted) heraus, in dem er sich kritisch mit der Entwicklung des Norwegischen Friedensnobelpreiskomitees in den vergangenen Jahrzehnten auseinandersetzt. Telepolis sprach mit Heffermehl nach der Bekanntgabe des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo.

Das Norwegische Friedensnobelpreiskomitee hatte ja schon vor der Bekanntgabe des diesjährigen Trägers des Friedensnobelpreises eine kontroverse Entscheidung angekündigt. Um den nun Geehrten, den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo, wird es wohl ähnliche Debatten geben wie nach der Wahl des amtierenden US-Präsidenten Barack Obama als Träger des Friedensnobelpreises im vergangenen Jahr. Sie vertreten seit langem die These, dass der ursprüngliche Wille des Stifters Alfred Nobel bei diesen Entscheidungen nicht beachtet wird. Erklären Sie uns diesen Vorwurf bitte.

Fredrik Heffermehl: Nobel wollte mit seinem Preis die Welt verändern. Aber es ist lange her, dass dieser Friedenspreis einen Beitrag zur Veränderung des internationalen Systems geleistet hat, wie es der Stifter beabsichtigte. Bei dem Friedensnobelpreis ging es ursprünglich um die Frage, wie internationale Sicherheit erreicht werden kann. Nobel wollte mit der von ihm gestifteten Auszeichnung den Teufelskreis aus Misstrauen, Rüstungswettlauf und Machtspielen durchbrechen.

Mit dem Konzept von internationaler Sicherheit, dass er 1895 in seinem Testament beschrieben hat, war er seiner Zeit weit voraus. Die darin beschrieben Ideen scheinen sogar angesichts des heutigen Sicherheitsdiskurses als zukunftsweisend. Die Nationen müssten, so schrieb er, auf Kooperation und Vertrauen setzen, statt sich in enorm kostspielige Rüstungswettläufe zu verstricken. Darunter leide auch die internationale Sicherheit, unser aller Sicherheit.

Diese Idee scheint sich in der Verleihung der letzten beiden Friedensnobelpreise an den US-Präsidenten Barack Obama 2009 und an den chinesischen Systemgegner Liu Xiaobo tatsächlich nicht widerzuspiegeln.

Fredrik Heffermehl: Es geht aber gar nicht darum, eine vergessene Idee wiederzubeleben. Der Gedanke von Alfred Nobel spiegelte sich später vollständig in dem Konzept einer "Gemeinsamen Sicherheit" seines Landsmanns Olof Palme wider. Man findet diese Überlegung auch in der Charta der Vereinten Nationen und dem Konzept einer generellen und kompletten Abrüstung. Beides waren noch vor drei, vier Jahrzehnten bedeutende Aspekte des internationalen diplomatischen Diskurses. In meinem Buch beschreibe ich die Anstrengungen der Zivilgesellschaft, von hunderten namentlich genannten Personen und Organisationen, die harmonisch zusammenarbeiten – über nationale, ethnische, geschlechtsspezifische und religiöse Unterschiede hinweg. Es gibt diese Zusammenarbeit zum Wohle der gesamten Welt.

Dieses breite Netzwerk setzt auf einer Ebene unterhalb der offiziellen Regierungsarbeit die "Verbrüderung der Nationen" um, die Alfred Nobel ausdrücklich in seinem Testament erwähnt hat. Diese Gruppen und Organisationen veranstalten verschiedenste "Friedenskongresse" – auch das ist einer der Termini im Testament. Die zuletzt willkürlich vergebenen "Nobelpreise" für Frieden leisten keinen Beitrag zu einer Veränderung des internationalen Systems, wie sie von Alfred Nobel angestrebt wurde.

Fredrik S. Heffermehl

Politische Akteure im Komitee neigen dazu, Kollegen auszuwählen

Wie erklären Sie sich denn diesen Verlust der ursprünglichen Idee des Preisstifters?

Fredrik Heffermehl: Für die Mitglieder des Friedensnobelpreiskomitees war die Nähe zur norwegischen Außenpolitik – bis hin zu den Konzepten militärischer Stärke und einer geradezu blinden Loyalität der NATO gegenüber – wichtiger als die Achtung des Willens von Alfred Nobel. Für die Menschheit ist es geradezu tragisch, dass sie es nicht geschafft haben, Nobels Ideen zu bewahren. Ihr rechtlich verpflichtendes Mandat war es, denjenigen Unterstützung zukommen zu lassen, die sich für die Macht des Rechtes einsetzen, um das Gesetz des Stärkeren in den internationalen Beziehungen zu brechen.

Sprechen wir über das Komitee: Wer sind seine Mitglieder und wie werden sie gewählt?

Fredrik Heffermehl: Die Aufgabe, die fünf Mitglieder des Friedensnobelpreiskomitees auszuwählen, liegt beim norwegischen Parlament. Sie haben die rechtliche Pflicht, Mitglieder zu bestimmen, die fähig sind, die Ziele Nobels zu bewahren. Stattdessen haben sie, die Parteien, die Sitze selbst beansprucht. Diese unglückliche neue Haltung des Parlamentes hat sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges durchgesetzt. Seit 1945 haben die norwegischen Komiteemitglieder nur noch wenig Interesse an der ursprünglichen Idee. Der Friedensnobelpreis erinnert heute nur noch in seinem Namen an den Stifter. Im Grunde ist es ein Friedenspreis des norwegischen Parlamentes.

Ist das die Erklärung für die Verleihung des Preises an US-Präsident Barack Obama?

Fredrik Heffermehl: Politische Akteure im Komitee neigen dazu, Kollegen auszuwählen. Das zeigt sich in der Liste der Preisträger: Ehemalige Staatschefs sind die vorherrschende Gruppe unter ihnen. Und die USA sind wiederum am stärksten vertreten, was der außenpolitischen Bündnispolitik Norwegens entspricht.

In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass Alfred Nobel in seinem Testament den Begriff "Verfechter des Friedens" ("fredsförfäktare") benutzt hat. Weshalb ist Ihnen das wichtig, ist das nicht Wortklauberei?

Fredrik Heffermehl: Als ich den letzten Willen, der ja die juristische Basis für den Preis bildet, genau durchsah, fiel mir in der Tat dieser Begriff auf, den die norwegischen Mitglieder des Friedensnobelpreiskomitees stets übersehen haben. Nobel wollte, dass der Preis den Zielen der Friedensbewegung dient, nicht einem abstrakten Konzept von Frieden. In Entgegnung auf meine Kritik hieß es aus dem Komitee, dass seiner Arbeit immer ein eigenes Konzept von Frieden zugrunde gelegt wurde – als ob das eine Entschuldigung wäre. Ganz im Gegenteil: Diese Aussage bestätigt, dass sie sich einer Umdeutung des Preises schuldig gemacht haben. Sie haben einen eigenen Preis entwickelt und nutzen Nobels Namen dafür. Dabei, ich wiederhole das, läge die Aufgabe darin, den Willen des Gründers so gut wie möglich zu bewahren und umzusetzen.

Alfred Nobel hat seinen Friedenspreis für "Verfechter des Friedens" geschaffen, die sich für Abrüstung einsetzen

Ihr Buch basiert in Teilen auf den privaten Tagebüchern von Gunnar Jahn, der über zwei Jahrzehnte den Vorsitz des Komitees in Norwegen innehatte. Was geht aus diesen Aufzeichnungen hervor?

Fredrik Heffermehl: Das Buch veröffentlicht in der Tat zum ersten Mal aussagekräftige Dokumente über die Debatten innerhalb dieses verschwiegenen Komitees. Entgegen der Regeln hat Gunnar Jahn ausführliche Aufzeichnungen gemacht und der Nachwelt hinterlassen. Diese Aufzeichnungen belegen, wie die Mehrheit der Mitglieder des Nobelpreiskomitees 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Ermahnungen der Leitung, die Idee einer aktiven Friedensarbeit zu bewahren, die Nobel zu unterstützen beabsichtigte, immer wieder missachtete.

Was halten Sie also vor diesem ganzen Hintergrund von der Entscheidung, den Friedensnobelpreis an den Chinesen Liu zu vergeben?

Fredrik Heffermehl: Natürlich dient der Einsatz für Menschenrechte dem Frieden, wie es in der heute veröffentlichten Begründung des Komitees heißt. Aber Alfred Nobel hat seinen Friedenspreis für "Verfechter des Friedens" geschaffen, die sich für Abrüstung einsetzen. Mit allem Respekt für Liu Xiaobo: Seine Wahl belegt einmal mehr, dass wir es hier nicht mehr mit dem Nobelpreis für Frieden zu tun haben, sondern mit einem Preis des norwegischen Parlaments. Wenn das Friedensnobelpreiskomitee etwas für Menschenrechte, Demokratie, Armutsbekämpfung und Umweltschutz unternehmen möchte, dann sollte es das Erbe Alfred Nobels ehren, für einen tief greifenden Wandel der internationalen Beziehungen eintreten und die Abschaffung allen Militärs fördern.

Eine recht allgemeine Forderung. Welche konkreten Schritte schlagen Sie vor?

Fredrik Heffermehl: Zunächst sollten sich die Komiteemitglieder über den Sinn dieses Preises klar werden. Sie sollten anerkennen, dass ihre parteipolitische Wahl gegen das Testament Nobels verstößt und damit illegal ist. Sie sollten dem Parlament in Oslo freie Hand geben, ein ehrwürdiges Komitee zu wählen. Es gibt so viele Probleme, die das Ansehen des Preises zu beschädigen drohen. Meiner Ansicht nach wäre es nun, nach 109 Jahren, an der Zeit, dass die Nobel-Stiftung eine generelle Überprüfung der Abläufe vornimmt und den aktuellen Umgang vor allem mit dem Friedensnobelpreis mit den ursprünglichen Ideen des Gründers abgleicht. Ich war in diesem Zusammenhang äußerst überrascht, dass ich mit meinem Buch die erste juristische Analyse des Testaments von Alfred Nobel vorgelegt habe. Immerhin stellt dieses Dokument die rechtskräftige Grundlage des Preises dar.

Es geht um juristische Fragen?

Fredrik Heffermehl: Nein, es geht um den Friedensnobelpreis – eines der größten Geschenke an die Menschheit. Nobels Ideen wurden von inkompetenten Politikern verraten. Dagegen muss man sich wehren. Alfred Nobel war seiner Zeit weit voraus. Seine Ideen sind auch und gerade heute von immenser Bedeutung. Der Friedensnobelpreis ist heute einer der Aspekte, die über Leben oder Tod entscheiden. Er ist eines der wirksamsten friedenspolitischen Instrumente in einer Welt, die bis zur letzten Ecke mit Atomwaffen vollgestopft ist, einer Welt, in der uns ständig der nukleare Holocausts droht. Nobel hat die ultimative Antwort auf unsere heutige gefährliche Lage gegeben, in der militärische Mittel keine Lösung, sondern Teil des Problems sind.

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