Mondraketen und Naturlyrik

15.10.2010

Interview mit Ernst Horst über sein Erika-Fuchs-Buch "Nur keine Sentimentalitäten!"

Nicht nur das FAZ-Feuilleton zählt die Werke der langjährigen Donald-Duck-Bearbeiterin Erika Fuchs mittlerweile zu den wichtigsten der deutschen Nachkriegsliteratur: Sie war für Westdeutschland das, was Peter Hacks für die DDR war. Nun hat der Mathematiker Ernst Horst ein neues Buch über die Frau veröffentlicht, die die deutsche Sprache wie keine zweite nach 1945 prägte: "Nur keine Sentimentalitäten!: Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte".

Herr Horst - Sie bezeichnen Ihr Buch über Erika Fuchs selbst als "Hagiographie" - aber im Detail zeigen Sie dann häufig auf, wo sie welche Fehler gemacht hat. Gab das schon Kritik von Fans?

Ernst Horst: Das Buch ist ja gerade erst erschienen. Da sind die Reaktionen noch spärlich. Ich denke aber, dass das Bild, das ich von Erika Fuchs zeichne, glaubwürdiger wird, wenn man auch ein oder zwei Warzen sieht. Gerade an den paar Fehlern kann man ja auch gut demonstrieren, wie sie gearbeitet hat. Meine tief verwurzelte Verehrung für Frau Fuchs ist trotzdem noch so offensichtlich, dass es fast peinlich ist. Kritik erwarte ich eher für meine Meinung zu den Lustigen Taschenbüchern und zu Don Rosa. Aber wenn ich Dagobert zitieren darf: "Hart auf hart, das macht Spaß!"

Trotzdem hat man den Eindruck, dass für Sie die eigentliche Leistung von Erika Fuchs weniger in etwas sprachlich konkret Fassbarem wie den "Erikativen" oder den Klassiker-Zitaten liegt, sondern in der Erzeugung einer Stimmung. Sehe ich das richtig?

Ernst Horst: Ich denke schon. Warum lesen wir Raymond Chandler? Seine Romane und Kurzgeschichten sind ordentlich konstruiert. Aber das konnten tausend andere auch. Wesentlich ist nur die melancholische Atmosphäre. Dass der "grünäugige Eifersuchtsteufel" bei Fuchs ein Shakespeare-Zitat ist, das ist mir letztlich egal. Klassiker zitieren kann jeder, der einen Büchmann besitzt, das ist keine Leistung. Was zählt, ist nur das perfekte Zitat. Fuchs und Chandler haben beide im trivialen Umfeld gearbeitet. Das haben sie aber so gut gemacht, dass sie in eine höhere Liga aufgestiegen sind. Beide mussten erst "entdeckt" werden.

Ein Literaturwissenschaftler würde sich das kaum sagen trauen. Musste man Mathematiker und "geprüfter Sachverständiger für Getränkeausschankanlagen" sein, um diese Wahrheit in einem Druckwerk aussprechen zu können?

Ernst Horst: Günter Fuchs, der Ehemann, hat als Maschinenbauingenieur Heizkessel zusammengeschweißt und später an der TU München Vorlesungen über gutes Design gehalten. Hans von Storch, der Gründervater des deutschen Donaldismus, ist ein renommierter Klimaforscher. Donald Duck kann eine funktionierende Mondrakete konstruieren und gleichzeitig wunderbare Naturlyrik schreiben. Sollen die Literaturwissenschaftler doch in ihrem Elfenbeinturm sitzen und Monographien verfassen. Wir Amateure haben unseren eigenen Elfenbeinturm. Wir haben unsere eigenen Konventionen und sehen die Dinge aus einer anderen Richtung. Entenhausen übt eine besondere Faszination auf uns Naturwissenschaftler aus. Die Welt der Literaturnobelpreisträger ist uns eher fremd.

Ein Problem bei der Beschäftigung mit Erika Fuchs besteht darin, dass die alten Hefte meines Wissens nach von keiner einzigen Bibliothek gesammelt werden. Trifft das tatsächlich zu? Und warum hat zum Beispiel die Landesbibliothek in Stuttgart keine Pflichtexemplare vom Ehapa-Verlag eingefordert?

Ernst Horst: Da bin ich nicht wirklich kompetent. Ich glaube aber, früher haben die Bibliothekare das Triviale generell nicht besonders ernst genommen. Man bekommt aber große Teile des Lebenswerks von Erika Fuchs antiquarisch relativ günstig, wenn man sich auf Leseexemplare mit Knicken und Rissen beschränkt. Wie immer ist alles eine Sache von Angebot und Nachfrage. Ebay hat da alles gewaltig durcheinandergewirbelt. Das "N" im Namen des Donaldistenvereins "D.O.N.A.L.D." steht für "nichtkommerziell". Im Gründungsjahr 1977 war es noch äußerst schwierig, die Heftchen zusammenzubekommen, da musste man sich solidarisch unterstützen. Heutzutage ist sowieso jeder komplett. Das sind zwar meistens nur Nachdrucke, aber das reicht ja.

Sie schreiben auch, dass es vieles von dem, was gemeinhin als Worterfindung von Erika Fuchs gilt, schon irgendwo gab - zum Beispiel ungewöhnliche Orts- und Nachnamen. Besteht ihre Leistung - stärker als bisher angenommen - im "Plagiat als schöner Kunst"? (Was keineswegs als Vorwurf gemeint sein soll).

Ernst Horst: Für mich war es überraschend, wie viel sie zitiert hat. Ich glaube, sie hatte den heimlichen Ehrgeiz möglichst authentisch zu sein. Ein Fußboden aus echtem Holz sieht immer besser aus als Laminat, gerade weil er nicht ganz homogen ist. Namen wie "Treuherz" oder "Ehrenspeck" kamen mir früher eindeutig erfunden vor. Desto größer war die Freude darüber, dass sie auch in unserem Universum vorkommen. Das Wort "Leistung" kommt mir in diesem Zusammenhang aber nicht ganz passend vor. Das war mehr eine Art Musikalität. Dass Janis Joplin so gesungen hat wie Janis Joplin, war auch keine Leistung. Erika Fuchs war spontan wie Shakespeare, wenn ich wieder einmal einen meiner unverschämten Vergleiche verwenden darf. Es ist einfach aus ihr herausgeflossen. Vielleicht ist das ja ein falscher Eindruck, aber so wirkt sie auf mich und dafür verehre ich sie.

A propos Zitate: Ihr Buch enthält ja bemerkenswert viele Bilder. Gab es da keine Schwierigkeiten mit den Rechten?

Ernst Horst: Für die Bilder sind Lizenzgebühren fällig. Ich glaube aber, das ist eine lohnende Investition. Man sieht das Medium, von dem ich rede. Als Vorlage habe ich übrigens meistens ganz bewusst relativ alte Veröffentlichungen herangezogen. Die Comics waren ja nie dafür gedacht, auf Hochglanzpapier gedruckt zu werden. Eigentlich hatte ich mir die Abbildungen nostalgisch-vergilbt vorgestellt, aber die heutige Technik ist so ausgefeilt, dass man auch mit flauen Scans perfekte Ergebnisse erzielen kann.

"Nur keine Sentimentalitäten!" liest sich auch recht amüsant, was an kurzen Sätzen und griffigen Formulierungen, aber auch an einer Art argumentativem Krebsgang zu liegen scheint: Erst erklären sie etwas, dann führen Sie die Erklärung weiter aus - und schließlich ironisieren sie sie durch einen letzten Satz. Sind diese stilistischen Merkmale das indirekte Werk von Erika Fuchs?

Ernst Horst: Irgendjemand hat einmal gesagt, das Donalds Neffen so etwas wie der Chor in der antiken Tragödie sind. Donald treibt Narrenpossen und Tick, Trick und Track kommentieren das bissig. "Gib ihm bloß kein Lasso, Onkel Willibald! Davon versteht er noch weniger als vom Reiten." Vielleicht wollte ich ja unbewusst beide Rollen, die des Onkels und die der Neffen, in mir vereinigen.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige

Dagobert Duck wird 60

Der 24. Dezember ist nicht nur ein Tag des Konsums, sondern auch eine Gelegenheit, den berühmtesten Konsumverweigerer zu feiern

Der gefiederte Sisyphus

Donald Duck wird 75

Der "deutsche Disney"

Das Münchner Comicfestival befasst sich mit dem Lebenswerk Rolf Kaukas

50 Jahre Asterix

Eine kleine Rechtsgeschichte

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.